Durchhalten lohnt

Offenbarung 2, 1 – 7

 1 Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe:

             In der Reihe der sieben Sendschreiben steht Ephesus an erster Stelle. Das mag vielerlei Gründe haben, die jedoch alle nicht genannt werden. Es ist eine Hafenstadt mit einer bevorzugten Lage, ein Ort, der ins Umfeld ausstrahlt. Es ist der Ort de riesigen Artemis-Tempels, der zu den sieben Weltwundern der Antike zählt.  Und es ist – im Zusammenhang des Christentums wichtiger, ein Hauptort der paulinischen Mission.

Alle Sendschreiben beginnen formal gleich mit der Aufforderung: Dem Engel der Gemeinde in … schreibe. So kommt es zur stereotypen Wiederholung der Schreib-Befehle, die sich einprägen. Das entspricht insgesamt der strengen Form dieser sieben Briefe. Sie haben alle den gleichen Aufbau. Die Bezeichnung Engel meint keinen himmlischen Adressaten. Es sind ja Briefe an irdische, konkret verortete Gemeinden. Darum gilt es auch für alle im Folgenden angeschriebenen Engel: „Der Engel von Ephesus etc. mag der jeweiligen Gemeinde wie ein überirdischer Engel begegnen, tätig ist er in der Gemeinde und nicht über ihr.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 283) Es geht um Wegweisung an die Gemeinde im Hier und Jetzt. Im Himmel braucht es keine Hirtenbriefe mehr.

 Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern:

             Das Wort hat der Herr, der die Gemeinde hält, trägt, in dessen Namen und Gegenwart sie zusammen sind.  Es ist Trost gleich am Anfang: der die sieben Sterne in seiner Rechten hält. Nicht nur eine Gemeinde, sondern sieben – die Gesamtzahl, die darauf deutet: alle Gemeinden.Sie sind in einer feindlichen Umwelt bei ihm, Christus, gut aufgehoben und er ist unter ihnen unterwegs. Er ist vor Ort. Gegenwärtig.  Im Evangelium klingt das, aus den Mund des Auferstandenen so: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. .. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“(Matthäus 28, 18.20) Es ist kein machtloser Christus, der sich hier an seine Gemeinde wendet.

 2 Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden 3 und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden.

             Der erste Satz ist eine positive Würdigung. Die Gemeinde hat sich bewährt in ihrem Handeln, in ihrem Durchhalten. Es ist ein durch und durch positiver Blick. Die Werke sind das Verhalten, in dem sich das Wesen der Gemeinde und ihrer Glieder im Lebensvollzug darstellt.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 36) Der Brief erspart sich eine Aufzählung einzelner Werke –  die sind andernorts hinlänglich aufgeführt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.” (Galater 5,22-23) Oder in Handlungen umgesetzt: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. (Matthäus 25, 35-36)An solchem Tun hat es in Ephesus nicht gefehlt.

Auch nicht an der Klarheit in Auseinandersetzungen um den richtigen Weg des Evangeliums. In Ephesus haben falsche Apostel keine Chance gehabt. Sie sind abgewiesen worden. Wir erfahren hier, aber auch später nicht, worin sich das zeigt, dass sie Lügner sind, Pseudo-Apostel. die so tun, als wären sie gesandt. Aber sie sind nur auf eigene Rechnung unterwegs.  Es ist in den Anfänger der Christenheit eines der größten Problem: wer ist autorisiert als Apostel und wer nicht. Es gibt ja kein institutionelles „Kirchenamt“, keine „Amtskirche“(auf die wir heutzutage gerne spöttisch zeigen) die Klärungen herbeiführen könnte, wer dazu gehört und wer nicht. Keiner kann eine Urkunde vorweisen: Ich bin ordentlich ordiniert. Immerhin: Die Gemeinde in Ephesus hat Klarheit geschaffen. Sie hat die Urteilskraft besessen, wahre und falsche Verkündigung zu unterscheiden   

 4 Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. 5 Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke!

 Wie ein guter Pädagoge hat der erhöhte Christus erst gelobt, bevor er Schwachstellen benennt. Weil er weiß, dass Lob hörbereit macht auch für die nachfolgende Kritik. Denn dem Lob folgt jetzt ja eine bittere Rüge: Du hast deine erste Liebe verlassen. Die einst überschwängliche Liebe zu Gott und den Menschen lässt nach.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. S. 293) Sie sind nicht mehr so unterwegs wie am Anfang. Was das im Einzelnen heißt, bleibt unklar. Gemeint ist: ihr seid auf einem Weg der Verlustgeschichten.  Alles droht irgendwie in Routine zu ersticken. Da ist kein frischer Wind des Anfangs mehr zu spüren.

Darum: Tue Buße! μετανησον. Kehrt um. Schlagt einen neuen Weg ein. Das hat nichts mit zerknirschten Gesichtern, Gemütern und Aschekreuzen zu tun. Es geht um massiver Verhaltens-Erneuerung. Sofort steht die Frage im Raum: Kann man zur ersten Liebe zurückkehren? Kann man wirklich noch einmal in der gleichen Intensität empfinden wie damals? Am Anfang des Glaubens?

Es ist ein Stück Lebenserfahrung: Der große Anfang lässt sich nicht durchhalten. Wenn man wohlwollend formuliert, sagt man, dass die Anfangs-Euphorie einer Normalität weicht, einer hoffentlich alltagstauglichen Routine. Die Schmetterlinge im Bauch fliegen nicht ewig. Oder anders: der junge Christ brennt, der gealterte Christ glüht, manchmal auch das nur verborgen unter viel Asche. Die großen Träume, die überschwängliche Begeisterung bleiben beim Marathonlauf des Lebens bei km 35 – 37 auf der Strecke.  Ist das so schlimm? Vom Marathonlauf weiß man: da, wo es wehtut, wo nichts mehr leicht ist, entscheidet sich, ob man das Ziel erreicht.

Ich bin nach über fünfundzwanzig Jahren einen Weg von „damals“ gegangen, erneut vom Fischleinstal in Sexten hoch zu den Drei Zinnen. Diesen Weg noch einmal zu gehen, die Strapazen noch einmal auf sich zu nehmen und zu schaffen, das hat mich schon sehr beschäftigt. Ein bisschen stolz bin ich, dass ich den Weg geschafft habe. Aber es ist doch nicht das Gleiche wie damals vor fünfundzwanzig Jahren.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Ich kann das Äußere wiederholen. Ich kann den Ort der ersten Liebe wieder aufsuchen. Indem suche ich auch die Erneuerung der ersten Liebe, nicht ihre Wiederholung. Heute bin ich nüchterner als früher, vielleicht auch ernüchtert und weiß: Es wird nicht mehr wie damals sein, aber die Liebe kann erneuert werden. Sie kann neue Gestalt gewinnen in der durchgehaltenen Treue. Das ist der Weg über die Gefühle hinaus, der gangbar ist.

  Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust. 6 Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaïten hassest, die auch ich hasse.

Jetzt wird es bedrohlich und zugleich doch auch wieder tröstlich. Wenn der Brief nicht fruchtet, wenn es keine Umkehr gibt, dann wird es mit der Gemeinde zu Ende gehen. Ohne Umkehr gilt: „Die Richtung ihres Weges neigt sich ins Abseits, die Möglichkeit des Endes der Gemeinde ist nicht auszuschließen, obwohl das eine eigentlich unmögliche Möglichkeit ist.“ (T. Holtz, aaO. S. 37) Was hier wie ein aktives Handeln des Herrn der Gemeinde wirkt, ist in Wahrheit die Konsequenz verweigerter Umkehr. Ausgebliebener Buße. Es ist erschreckend: Gemeinden können sterben. Damals. Heute.

Was immer doch noch für die Gemeinde spricht: sie haben eine klare Position in der Ablehnung der Nikolaïten. Wir wissen nicht, was das für Leute waren, nichts von ihren Inhalten, nichts von ihrem Verhalten. Nur, dass der Autor der Offenbarung gegen sie steht.

 7 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.

             Das wird sich durch die Sendschreiben hindurch wiederholen: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Die Verlesung des Briefes braucht Hörer*innen, die bereit werden, diesen Worten zu folgen. Sie zu tun. Auffällig – und doch leicht zu überlesen. Es ist der Geist, der die Gemeinden anspricht. „Christus begegnet der Kirche in der Gestalt des Geistes.“ (T. Holtz, aaO.  S. 34) Gemeindeleitung nach der Offenbarung ist Leitung durch den Geist.

 Stärker als die Warnung ist die Verheißung. Durchhalten lohnt. Überwinden wird seine Antwort finden: essen von dem Baum des Lebens. Der Weg ins Paradies, zum ewigen Leben ist frei.  Die Fluchgeschichte der Menschheit ist aufgehoben für die, die überwinden.

 

Herr Jesus Christus, Du bleibst nicht zurückgezogen im Himmel. Du lässt Deine Gemeinde nicht ohne Dein Wort, ohne Ermutigung und Kritik. Dein Geist spricht uns zu Herzen.

Du rufst zurück in die erste Liebe. Du gestehst uns zu, dass wir neu Anfänger sind, ein Leben lang auch Anfänger bleiben.

Danke, dass ich die Orte aufsuchen darf, in denen mein Glaube angefangen hat, mich an die Weggefährten erinnern, die mich ermutigt haben, mir die Worte ins Gedächtnis rufen darf, die mir am Anfang Richtung gegeben haben, mich hineingerufen haben in das Vertrauen zu Dir.

Danke, dass Du uns das große Ziel vor Augen stellst, das schöne Paradies bei Dir. Amen