Der Menschensohngleiche

Offenbarung 1, 9 – 20

9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.

        Der Autor stellt sich vor: Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus. Indem er sich so vorstellt, auf das gemeinsame Geschick verweist – Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis – schließt er sich mit denen zusammen, die seine Worte lesen, seine Bilder sehen werden.

Es ist die gemeinsame Situation des Glaubens in der Bedrängnis, die ihn auf der Insel Patmos mit denen verbindet, für die er schreibt. „Patmos gehörte zu den Inseln unter den Sporaden, die von den Römern als Haftaufenthalt benutzt wurden.“ (H. Lilje, aaO. S. 55) Das legt die Vermutung nahe, Johannes ist hier in Haft, in der Verbannung. Darauf deutet der Ausdruck Bedrängnis. Ausdrücklich gesagt wird das von ihm nicht.

Warum Patmos? Die Insel als solche spielt im ersten Christentum keine Rolle. Sie wird auch außer der Ortsangabe hier nirgend erwähnt. Das könnte Patmos aber auch in eine Reihe mit anderen Orten stellen – solchen, die nicht zählen. Dem Stein bei der Flucht Jakobs, dem brennenden Dornbusch des Mose, dem Nest Bethlehem. Inseln sind nicht das normale Siedlungsgebiet Israels. Sie „gelten als „Orte der Völker. An einem Ort der Völker also, fern von aller bisherigen Gesichte Israels  erfährt Johannes seine Vision…  Gott würdigt einen Ort der Völker und einen geringen Ort, in der gerade dort die Offenbarung mitteilt.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 245)

Es ist häufig so, dass die Schreiber biblischer Schriften hinter ihren Worten verschwinden. Es geht um die Botschaft, nicht um die Person. Johannes dagegen nennt sich selbst betont als Autor. Die Offenbarung Jesu Christi (1,1) wird von ihm in Worte gefasst. Es ist seine gedankliche und theologische Arbeit, die wir vor Augen haben. Er ist nicht nur „göttliche Schreibmaschine“, sondern wirklich Autor. „Die Hervorhebung des Johannes als Autor in der Niederschrift der Offenbarung erlaubt dagegen auch Kritik: Gotteswort begegnet in der Offenbarung nicht minder als sonst in der Bibel im Menschenwort. Über die Stärken und Schwächen eines empfangenden Menschen übereignet uns Christus seine Offenbarung.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994. S. 18) Das nimmt seinen Worten jedoch nicht ihre Autorität.

  Nach dem so hymnischen Anfang kommt jetzt die Erde in den Blick. Die Wirklichkeit der Christen ist Bedrängnis und fordert ihnen Geduld ab. Es sind Worte, die durch das ganze Buch der Offenbarung wie Leitmotive wirken. Θλίψις, Bedrängnis, und ὑπομονή, die Fähigkeit zum Drunter-Bleiben, Durchhalten „Bedrängnis drückt den Raum Gottes beiseite und zerreibt alle Kraft. Zu entkommen ist daraus nicht; die Gemeinde muss darunter bleiben.“(M. Karrer, aaO. S. 246) Sie ist zum Zeugnis gerufen, wohl wissend, dass dieses Zeugnis „kosten“ wird, Bedrängnis in sich trägt. „Gerade weil seine Welt aus den Fugen geraten ist, findet Johannes Trost, wenn er auf Christus schaut, und in seinem Angesicht das Wesen Gottes erblickt, der sich treu bleibt in seiner Fürsorge.“ (T. Knittel, Neukirchener Kalender, 11.10.2018) Nichts als einen Trostbrief will Johannes schreiben.

10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11 die sprach:

                Keine Jahreszahl, aber eine tief  bedeutsame Zeitangabe: Am Tag des Herrn. Damit kann der Sonntag gemeint sein – dann wäre es ein Signal der Ablösung von der jüdischen Wochenzählung, die am Sabbat orientiert ist. Damit kann jedoch auch Ostern gemeint sein. Beidemal ist das ja Tag des Herrn – im Gegenüber zu den Tagen, die der römische Kaiser Domitian als seine Tage reklamiert. So ist schon diese Zeitangabe ein Signal: Hier nimmt der Herr der Welt das Wort. Nicht irgendein römischer Herrscher.

Auch das scheint bedeutsam: Johannes hört und sieht nicht einfach, sondern er wird vom Geist ergriffen. Es ist der Gottesgeist, der auf den Menschengeist einwirkt, ihm die Augen öffnet, die Worte leiht, die Bilder zeigt. Es geht um „einen Zustand der Entrückung, der den Zugang zur überirdischen Welt eröffnet.(T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 27)Was Johannes hier aufschreibt, widerfährt ihm, auch wenn er es dann mit seinen Fähigkeiten in seinen Worten gestaltet.

Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

             Das ist sein Auftrag: Hören – Sehen – Schreiben. Die Posaunenstimme ist das Signal dieser Beauftragung.  φωνὴ μεγάλη – Eine große Stimme. Die gleiche Wendung wird bei Markus (15,36) und Matthäus (27,50) gebraucht, wenn vom Todesschrei Jesu erzählt wird.  Das lässt mich fragen: Meldet sich demnach in der Stimme nicht nur ein Engel, nicht nur eine himmlische Posaune, sondern Jesus Christus selbst zu Wort?

Der Auftrag des Johannes: Schreiben. „In Israel sind überweltliche Schreibefehle selten belegt und wenn, dann zunächst, um einen Text für die Zukunft zu sichern, nicht, um ihn unmittelbar zu versenden.“(M. Karrer, aaO. S. 255) Hier ist es noch einmal anders. Es geht nicht um private Erbauung. Johannes soll einen Brief  schreiben – daraus wird das ganze Buch. Und er soll Briefe schreiben, damit die sieben Gemeinden, deren Namen aufgezählt werden, gestärkt werden. Johannes sucht sich seine Adressaten nicht selbst aus. Ich gehe kaum zu weit, wenn ich sage: Die sieben Gemeinde stehen für die ganze Christenheit, aller Zeiten.

12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15 und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

             Aus dem Hören wird ein Sehen. Der Seher auf Patmos muss sich umdrehen, um zu sehen. Wegdrehen von seiner bisherigen Sichtweise. Und wird überwältigt von der Schönheit und Größe, der Majestät und Herrlichkeit. „Als müsste sich der Blick erst an die Gestalt herantasten, werden zunächst die umgebenden sieben Leuchter wahrgenommen.“(T. Holtz, aaO. S. 28) Dann erschließt sich ein prachtvolles Bild, wie es die Zeitgenossen des Johannes kennen, wenn sich der römische Kaiser in Szene setzt. Hier aber tritt nicht der Kaiser ins Blickfeld, sondern einer, der war einem Menschensohn gleich. μοιος υἱὸς νθρπου der „Menschensohngleiche“. Das ist eine grammatisch gewaltsame Bildung; sie erinnert den bibelkundigen Leser: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.“(Daniel 7,13)

Schaut man sich die Beschreibung des „Menschensohnes“ an, so wird deutlich: der, den Johannes sieht, trägt Züge Gottes, Gottesmerkmale. Er trägt auch die Zeichen eines Priesters – das Gewand, den Gürtel-  und die Insignien eines Richters, das Schwert. Kein Zweifel: Es ist eine Christus-Vision voller Hoheit, die hier beschrieben wird. „Christus ist nicht identisch mit Gott, ihm aber näher als alle Engel.“(T. Holtz, aaO. S. 29) Diese Sicht auf Christus hält das ganze Buch der Offenbarung durch.

  17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

                Gegenüber der göttlichen Herrlichkeit muss der Mensch vergehen. Darum fällt Johannes zu seinen Füßen wie tot. Das erinnert an das Buch Daniel. Und Gabriel trat nahe zu mir. Ich erschrak aber, als er kam, und fiel auf mein Angesicht. Er aber sprach zu mir: Merk auf, du Menschenkind! Denn dies Gesicht geht auf die Zeit des Endes. Und als er mit mir redete, sank ich in Ohnmacht zur Erde auf mein Angesicht. Er aber rührte mich an und richtete mich auf, sodass ich wieder stand.“ (Daniel 8, 17-18) Es braucht auch hier die freundliche Anrede, es braucht das zarte Berühren, damit der, so wie tot ist, auf die Beine kommt.

        Der, der durch den Tod gegangen ist, hat die Macht. „Tod und Totenherrscher haben, da sie die Schlüssel abgeben mussten,… alle eigene Macht verloren.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994. S. 22) Aber er wendet sie nicht gegen Johannes. Das unterstreicht nun auch das Wort, das an Johannes gerichtet wird. Was für ein Trost für Leute, die sich um ihres Glaubens willen auch mit dem Tod konfrontiert sehen. Darum auch: Fürchte dich nicht! Darum die Berührung mit der Hand. Der Johannes anrührt ist der, der der Lebendige ist. Seine Berührung gibt Leben. Auch ihm, der wie tot war. Es ist der erhöhte Christus, der ihn anrührt. „Der Erhöhte wird nun aber mit lauter Namen genannt, die bis dahin nur Gott selbst vorbehalten waren.“ (H. Lilje, Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 62)

Im Gegenüber zu der Majestät des erhöhten Christus ist alle seitherige Sicherheit dahin. Es ist von daher auch nicht wirklich verwunderlich, dass Johannes keine originellen, eigenen Worte findet, um sein Sehen zu beschreiben. Er muss auf Worte zurückgreifen, die er aus den Schriften Israels kennt. Er findet in ihnen gewissermaßen das Geländer, die Sprachhilfe, die das Unsagbare doch noch irgendwie sagen lässt. Wenn die eigenen Worte fehlen, weil es einem die Sprache verschlägt, dann muss man sich die Worte anderer, ältere Worte leihen.

Manchmal ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, ob es nicht angemessener wäre, von Gott nur noch zu schweigen. Weil es offen zu Tage tritt, dass alle Worte nicht hinreichen, dass sie nur an der Oberfläche kratzen und so nur oberflächlich von Gott reden können. Wenn Gott, wenn Christus auch nur für einen Augenblick den Schleier vor unseren Augen lüftet, dann fehlen uns die Worte und verschlägt es uns die Sprache.

 19 Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach. 20 Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und der sieben goldenen Leuchter ist dies: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.

 Umso eindringlicher noch einmal: Schreibe! „Von der großen Schau der Offenbarung soll nichts verloren gehen.“(E. Schnepel, Das Buch mit sieben Siegeln, Liebenzell, 1970, S. 29) Zum zweiten Mal wird der Schreib-Befehl ausdrücklich genannt. So wichtig ist es, dass diese Schau mitgeteilt werden kann, weiter gegeben wird durch die Zeiten hin, nicht einfach nur ein Bild in Herz und Geist des Johannes bleibt.

Und, auch das schwingt in diesem Bild schon mit: Die sieben Gemeinden werden gesehen von ihrer himmlischen Wirklichkeit her, nicht nur in ihrer irdischen Armut. Sie haben schon Anteil am Goldglanz der Ewigkeit. Dafür stehen die sieben Sterne, ihre Engel – und niemand kann sie aus der rechten Hand dessen reißen, der sie hält. Dafür steht auch, dass sie selbst goldene Leuchter sind. Leuchter, die ausstrahlen in eine dunkle Welt hinein. Was für ein Bild: Gemeinden aus Christinnen und Christen als Leuchttürme, Leuchtfeuer für die Welt! Wie viel innere Freiheit auch in äußerer Bedrängnis können Gemeinden gewinnen, die das für sich glauben.

 

Du, Menschensohn, bist der Anker der Geschichte, die Mitte der Zeit, ihr Grund und ihr Ziel. Du, durch den wir leben, der uns zart berührt, uns sagt: Fürchte Dich nicht.

Du bist es, der unser Leben in Händen trägt, Anfang und Ende, und sich hinein schenkt in unsere Tage in unfassbarer Barmherzigkeit. Amen