Ein Buch zur Bewahrung

Offenbarung 1, 1 – 8

1 Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan, 2 der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat.

             „Die ersten drei Verse sind dem Gesamtwerk in hervorgehobener Weise vorgeordnet. Sie sind eine Summe des ganzen Buches, mit der der Leser/Hörer sogleich konfrontiert wird.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 15) Offenbar wird Jesus Christus. Und durch ihn wird sichtbar, was in Kürze geschehen soll. Aber der Ton liegt darauf, dass er offenbar wird. Erkennbar als der Herr. Und ich denke, dass das bedeutet: Wir als Leserinnen und Leser sollen auf ihn schauen lernen, mehr als auf die Ereignisse, die kommen. Mehr als auf die Mächte, die drohen und sich aufspielen.

Ich werde erinnert an die Erzählung aus dem Evangelium: „Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!“ (Matthäus 14,28-30) In allen Schrecken der Zeit Jesus nicht aus den Augen verlieren – das ist es, was die Eingangsworte nahelegen.

Der Schreiber des Buches, Johannes, bezeichnet sich selbst als Knecht und schließt sich zusammen mit seinen anderen Knechten, die gleichfalls Offenbarungen empfangen. Seine Autorität begründet sich ausschließlich in dem, dass er ein Empfangender ist. Gott hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan. Es ist wichtig, festzuhalten: Johannes ist nicht der selbstständige Autor dieser Offenbarung, er ist „nur“ ihr Empfänger, der sie aufschreibt. Offenbarung –  ποκλυψιςApokalypse steht da, einmalig nur hier im ganzen Buch. „Die Offenbarung übersteigt vorfindliche irdische Kenntnis und vorfindliches irdisches Leben.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 176) Vielleicht darf man sagen; sie zieht für einen Augenblick den Schleier der das Geheimnis der Welt verhüllt, zur Seite und macht so die Welt durchsichtig auf das Wesen hin, das ihr innewohnt und auf den Weg Gottes mit ihr zu seinem Ziel.

Es liegt an der Wirkungsgeschichte vor allem durch die Weitergabe in der westlichen Kirche, dass das Wort Apokalypse beim heutigen Leser sofort wilde Phantasien auslöst, nicht zuletzt durch die Illustrationen, unter denen Albrecht Dürer besonders hervorragt. „Er hat den ersten apokalyptischen Reiter nicht mehr als Heilsgestalt wiedergegeben, wie das die Alte Kirche und das Mittelalter mit wenigen Ausnahmen getan hatte, sondern aus allen apokalyptischen Reitern ein Unheilsbild gemacht.“ (M. Karrer, aaO. S. 149)Kein Wunder also, dass das Wort Offenbarung bis heute zumeist Schreckensbilder auslöst. Aber es geht zuerst schlicht um Enthüllung, Sichtbar-werden.

Der so diese Enthüllung, Offenbarung empfängt, hat sich zuvor bewährt als einer, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat. Der sich treu erwiesen hat in seinem Reden, in seinem Einstehen für Christus. „Er bringt nicht eigene Verkündigung, sondern das, was Gott ihm aufgetragen hat. Dadurch allein ist seine Prophetie legitimiert.“ (H. Lilje, Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 46)

 3 Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.

             Das ist die erste von insgesamt sieben Seligpreisungen, die dieses Buch durchziehen. Eine, die wie ein gottesdienstlich gesprochenes Wort klingt, an den Satz nach der Schriftlesung erinnert: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Zugleich ein erster, kleiner Hinweis: Unser Gottesdienst heute ist liturgisch vielfach geprägt durch Worte der Offenbarung.

Diese Seligpreisung gilt den Leser*innen der folgenden Worte. Sie zu hören, und zu behalten hilft, den Weg des Lebens nicht unter den Füßen zu verlieren. Es ist eine Eigentümlichkeit, die so nur dieses letzte Buch der Bibel aufweist, dass dem geschriebenen und gelesenen Wort eine so hohe Bedeutung für das Heil zugemessen wird. Die Worte dieser Schrift werden gewissermaßen zu Heilsworten, man könnte auch sagen, zu Gottesworten. Dieses Unterstreichen der absoluten Bedeutung dieser Worte wird am Ende des Buches wieder aufgenommen werden: „Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: Wenn ihnen jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht. (22,18-19)

In der Siebenzahl zeigt sich Gewissheit: die Welt folgt einer Ordnung, die sie nicht selbst geschaffen hat. Die in Gott ihren Grund und ihr Ziel hat. Diese Worte helfen zur Seligkeit. Zur Festigkeit im Glauben, zur Beständigkeit. Sie machen widerstandsfähig. Das ist vielleicht sogar der tiefst Zweck der Offenbarung: „Sie will ein Buch der Bewahrung sein, der Bewahrung der Glaubenden durch die Krisen der Endzeit mittels der Bindung an Gott und sein Wort.“ (T. Holtz, aaO. S. 17)

4 Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, 5 und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut 6 und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Ein Neueinsatz, der sich liest wie ein Briefanfang. Es ist wohl auch genau so gemeint: alles, was folgen wird, nicht nur die Sendschreiben, ist Brief. Brief an historisch-konkrete Gemeinden. Aber über die hinaus an die Gemeinschaft aller Christ*innen. Es folgen Selbstvorstellung, Segensworte, Nennung der Adressaten, Dankgebet. Elemente, die zu einem Brief damals dazu gehören, die wir in den Briefen des Paulus so auch wiederfinden.

Wobei schon auffällt: Johannes, der hier schreibt, stellt sich nicht weiter vor. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass er bekannt ist, eine Persönlichkeit, die darauf verzichten kann, sich durch Zusätze zu identifizieren und zu legitimieren. Es reicht, dass er zuvor von sich gesagt hat:  Knecht, δολος ich ergänze: Jesu Christi. So stellt sich ja auch Paulus immer wieder vor: δολος Χριστο ησο(Römer 1,1).

Schon dieser Auftakt zeigt die Grundüberzeugung des ganzen Buches: Hier meldet sich durch die Worte des Johannes hindurch der zu Wort, in dem Frieden ist, der da ist und der da war und der da kommt. Das knüpft an jüdische Formulierungen an, die in der Scheu vor dem Aussprechen des Gottesnamens ganz ähnlich reden.

Und wird Gott so dreifach beschrieben, geht es auch bei Jesus in einer dreifachen Beschreibung weiter: der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden. Das sind nicht nur Aussagen über Jesus, sondern gleichzeitig Hoffnungsinhalte für die Christen, an die das Buch gerichtet ist: Sie sollen treue Zeugen sein, sie dürfen sich halten an den, der als Erster die Schar der Auferstehung anführt und sie gehören zu dem, der der Herr aller ist. Keine Macht der Erde wird ihm standhalten können. „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28, 18) sagt der Auferstandene.

Diese Macht zeigt sich darin, dass er uns liebt und erlöst, zeigt sich in seiner Hingabe am Kreuz. Es ist ein Reden, das von Anfang an deutlich macht: Hier wird nicht nur Himmel verhandelt. Sondern in allem Reden über Gott, über Jesus, wird davon geredet, wer, was wir als Christen sind. Es gibt für die Offenbarung kein Zeugnis über die himmlische und göttliche Wirklichkeit, das nicht zugleich auch in Blick nimmt, was das für die Christen als Lebenswirklichkeit, als Existenz bedeutet.

Diese Beschreibungen haben ihren Zielpunkt darin, dass sie zum Lobpreis überführen. Die der Schreiber anredet, sollen mit ihm einstimmen in das Lob. Dazu sind sie berufen. Sie, die Jesus  zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater. Sagt der Seher von denen, deren Lebenswirklichkeit er doch kennt: Sie werden gejagt, unterdrückt, angefeindet. Aber das ist „nur“ die eine Seite der Wirklichkeit. Die Andere, vor Gott: Könige und Priester.

Man wird sagen dürfen: Mehr Würde geht nicht. Weltliche und geistliche Würde sind hier eins. Du die Herausforderung, die in diesen Worten liegt, ist klar: sich im Reden, handeln, Leben dieser Würde würdig zu erweisen. Das ist schon Lobpreis ethische Wegweisung: lebt, wie es Ihm entspricht. Lebt, wie es dem Sein entspricht, das Er euch zugeeignet hat.

7 Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.        

        Er – das ist Jesus. Der kommt, ist kein unverwundbarer, unverletzlicher Hero. Sondern er ist der, der die Wunden seines Weges auf der Erde trägt und nicht verhüllt. Der wiederkommende Herr der Welt wird an seinen Wunden erkannt – so weiß es auch schon das Evangelium. Thomas: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich’s nicht glauben. … Jesus zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!“(Johannes 20, 25. 27-28) So wie er „in der Wolke hinweggenommen worden ist“ (Apostelgeschichte 1,)) so kommt er mit den Wolken. Alle werden ihn sehen. Es ist typisch für diesen Seher, dass er hier  Worte aus Sacharja (12, 10.14) zitiert. Er schöpft in so vielen Wendungen aus den Schriften des Alten Testamentes.

  8 Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.

Es ist wie eine rechtsgültige Unterschrift, wie ein Siegelabdruck, wie Gott hier spricht. „Seit den Tagen der Propheten war nie mehr eine „Raunung Jahves“ neu formuliert; nun ist wieder ein Prophet des Herren da, darum kann es aufs Neue heißen: So spricht der Herr.“ (H. Lilje  aaO. S. 51)Vielleicht darf man so sagen: Damit wird ein Neuanfang der Prophetie gesetzt nach dem langen Schweigen Gottes. So ähnlich finden wir es auch andernorts: „ Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat.“(Hebräer 1, 1-2)  

Ein Ich-bin-Wort Gottes. Es erinnert zuallererst an  das Ich bin vom Dornbusch, zu Mose gesprochen:  Dann genauso an die Ich-bin-Worte des Johannes-Evangeliums. Hier hat der das Wort, der im Himmel ist, sich aus dem Himmel zu Wort meldet. Der die Zeit in Händen hat, ihr Ursprung ist, ihr Ziel. Fast wie von selbst gerate ich beim Nachsprechen in eine Sprache, die nicht mehr erklärt, sondern staunt, sich dem Beten nähert.

Das letzte Wort: Der Allmächtige. παντοκρτωρ. Pantokrator. Die biblischen Schriften gehen sparsam mit diesem Wort um. Paulus verwendet es ein einziges Mal. In der Offenbarung wird es neunmal gebraucht. Es eignet sich nicht als abstraktes Gottes-Prädikat. Es ist ein Wort voller Staunen, voller Hoffnung auch: Diese Welt, in der es so viel Schmerz gibt, so viel Leid, so viel Unrecht, so viel Dunkel ist doch die Welt, die er umspannt, der Alpha und Omega ist, Anfang und Ende.

Das lässt hoffen.

„Die Hände, die das Weltall tragen,  sie tragen dich, o Menschenkind,                       wie solltest du im Staub verzagen,  wo Staub und All durch ihn nur sind?“                                      H. Hümmer, Mein Herz dichtet ein feines Lied, Selbitz 1980, S. 65

 

Du Herr der Welt, in Deinen Händen sind wir geborgen, aufgehoben. Du sprichst zu uns aus der Höhe des Himmels, zeigst Dich als der, in dessen Händen die Welt ist, aufgehoben in ihren tausend Ängsten.

Du willst uns leiten, den Weg weisen, helfen, dass wir in unserer Zeit Glauben leben, dass Vertrauen auf Dich uns trägt. Amen