Lasten tragen lernen

Galater 6, 1 – 10

1 Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.

             Wie sieht geistliches Leben aus? Auf diese Frage antwortet Paulus – verneinend mit dem Lasterkatalog – positiv mit dem Hinweis auf die Früchte des Geistes. Und hier mit dem Hinweis: Richtet auf, die gefallen sind. Keine Überheblichkeit. Kein Aburteilen und erst recht kein Verurteilen für alle Zeit. VEs gibt es immer wieder in der Gemeinde, dass Menschen mit den Schritten ihres Glaubens ins Straucheln geraten, scheitern.  Verfehlungπαράπτωμα -sagt Paulus. Er wählt das Wort, das „das mildeste Wort für Sünde“(A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979 S. 187) ist. Das kommt in der Gemeinde vor – Christen sind nicht vor Fehltritten und Fehlurteilen sicher. Sie sind nicht durch den Glauben entrückt in ein reich der Sündlosigkeit.

Weil das so ist, rechnet Paulus nüchtern damit: das kommt vor. Er mahnt, wohl nicht, um zu verharmlosen,  sondern um anzuspornen zur Milde, zur Vergebung. Christen sind keine Verurteilungsgemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft im Aufrichten, Ermutigen, Zurechtbringen. „Das griechische Wort für zurechtbringen kann im medizinischen Bereich auch einrenken bedeuten. Darum geht es Paulus: Verletzte Beziehungen sollen wieder eingerenkt und verwundete Herzen geheilt werden.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 180) Auch daran zeigt sich ihr geistlicher Reifegrad. „Die Liebe deckt auch der Sünden Menge.“ (Sprüche 10,12).

 Nicht zuletzt: es gilt, den Blick auf sich selbst zu üben, damit man nicht anderen gegenüber gnadenlos und unbarmherzig wird, sich nicht als unfehlbar aufspielt, als Sittenwächter, der keine Versuchungen kennt. Paulus könnte Jesus zitieren: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“(Matthäus 7,3) Wenn er darauf verzichtet, dann, weil es reicht zu erinnern: Achte auf dich selbst. Du wirst bei dem anderen wohl nur sehen, was dich selbst erschüttern kann.   

 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

             Lasten tragen – βάρος. „Schwere, Last, Druck, ‚Kummer, Bürde.“ (Gemoll, aaO. S. 158) Das was schwer auf anderen liegt, was sie in die Knie zwingen will, ihnen den Mut rauben will. die ganze Bandbreite der Lebenslasten schwingt in diesem griechischen Wort mit. Das ist gemeint: Geschwisterliche Solidarität. Beieinander bleiben. Bei dem, der am Leben verzagt. Bei dem, der vom Leben zerbrochen ist. „ Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. ..Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.“ (Römer 12, 13.15-16) Das ist das Gesetz Christi. Hier steht νμος – doch wohl in bewusster Parallele zu dem Gesetz, dem Nomos, gegen den Paulus so polemisiert hat. Bei Johannes stünde da ντολ. Das Wort, mit dem er das neue Gebot Christi (Johannes 13,34) bezeichnet. „Bei der Ermahnung und Ermunterung, deren offensichtlich auch die freien Söhne Gottes noch bedürfen, handelt es um einen Gebrauch des Evangeliums.(H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 127) Nicht um Rückfall unter das Gesetz.

„Lasten gibt es genug. Jeder trägt sein Paket                                                                  von den Sorgen und Ängsten der Zeit.                                                                                  Es gibt Arbeit, die über die Kräfte geht,                                                                                 es gibt Schuld, Hass und Lieblosigkeit.                                                                                      Ein jeder trage die Last des andern, so wie es Jesus geboten hat.                              Ein jeder trage die Last des andern, so wie es Jesus für jeden tat.“                            M. Siebald, LP Womit hab ich das verdient, o. J.

  3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. 4 Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. 5 Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.

             Das wechselseitige Tragen der Lasten befreit zuallererst von dem missgünstigen Blick, weil es den Blick nach unten richtet, zu denen, denen es schlechter geht. Es befreit so auch vom Vergleichen. Das ist ja die Quelle vieler Streitereien in der Gemeinde. Nein: Sieh auf dich selbst. Und versuche nicht, dich an anderen groß zu machen. Unterliege auch nicht der Gefahr, dich im Vergleichen mit anderen klein zu machen. „Nicht, was man im Vergleich zu anderen, sondern was man in sich selber ist, ist maßgebend.“ (A. Oepke, aaO. S. 189) Und immer bleiben wir, wir mögen uns beurteilen, wie wir wollen,  auf die Gnade angewiesen.

 6 Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.

             Man könnte denken: Jetzt wird es trivial. Oder muss man sagen: Konkret? Es geht ja schon vorher um Gemeinschaft. Hier geht es um „Finanzgemeinschaft“, um Kostenübernahme. In einem der Bücher von Adrian Plass gibt es den schönen Satz: „Lasst uns Benzingemeinschaft haben.“ Die Gemeinde soll für die sorgen, die sie  im Wort unterrichten. Das ist urgemeindliche Praxis. Es gibt ja keine Hauptamtlichen, die bei der Zentralkirche angestellt sind. Es gibt nur Boten, Wanderprediger. Missionare, die unterwegs sind, ohne festen Wohnsitz und festes Gehalt. Es gibt Leute, die viel Zeit und Kraft aufwenden, andere in die Praxis des Lebens im Glauben einzuführen. Sie sind angewiesene Leute. Bitten um Unterkunft und Verpflegung und bieten dafür Seelsorge und Predigt. Sie brauchen Fürsorge, die Paulus hier einfordert. Wohl nicht für sich selbst, sondern für andere.

 7 Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. 8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.

             Ich denke: Paulus wechselt das Thema. Es geht nicht mehr um armseliges Geben. Sondern er greift noch einmal auf, was er lange verhandelt hat: Worauf bauen wir – auf das Fleisch oder auf den Geist? Auf das Gesetz oder auf das Evangelium? Es ist die Überzeugung des Paulus: worauf wir uns in Wahrheit verlassen, das ist auch in Wahrheit für uns der Weg Gottes. Er trägt seine Folgen in sich selbst. Es ist so etwas wie eine Grundüberzeugung, schon der Hebräischen Bibel: In der Tat liegt schon, was sie mit sich bringt.

Es ist eine harte Wahrheit, wer auf das Fleisch setzt, nur ichbezogen lebt, der wird am Ende seines Weges ein einsames Ich sein. Wer den Rückzug auf das eigene Wohlergehen zur Lebensmaxime gemacht hat, wer die Gleichgültigkeit gegen fremdes Leiden praktiziert hat, wird ernten, was er gesät hat. Es ist die Existenz des reichen Kornbauern, die hier mit im Blick ist: „Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“(Lukas 12. 16 – 21) Reich umgeben von toten Dingen,  am Ende allein.

Wer auf das Fleisch setzt, der wird nur  Fleisch ernten. Wer auf das Gesetz setzt, der muss es ganz erfüllen. Was aber ist dem gegenüber: auf den Geist säen? Sich vom Geist leiten lassen, sich den selbstvergessenen Weg zeigen lassen, hin zu denen, die auf Hilfe angewiesen sind. Sich der Fürsorge Gottes überlassen, der doch weiß, was wir bedürfen. Wer sich der Gnade anvertraut, wird von ihr mit Gaben überschüttet. Das ewige Leben ernten. „Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“ (Matthäus 19,29) Gott knausert nicht.

9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. 10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Daraus folgt diese schlichte Aufforderung: Lasst uns aber Gutes tun. Paulus weiß: Es gibt nichts Schöneres. Einem anderen Gutes tun tut selbst gut. Die Zeit so zu handeln, ist jetzt. Es ist dem guten nicht zuträglich, wenn es auf die lange Bank geschoben wird. Oft genug gerät es darüber in Vergessenheit. Es mag ein Stück Realismus sein, keine Beschränkung: Fangt mit dem Gutes-Tun vor der eigenen Haustür an, in der eigenen Gemeinde. Das bewahrt vor Überforderung und Enttäuschung. Paulus selbst hatte ja ein wunderbares Projekt für das Gutes-Tun: Die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem.

 

Herr Jesus, lehre mich den barherzigen Blick, wenn es um die anderen geht. Lehre mich Geduld zu bewahren, alles zum Guten zu kehren, danach zu suchen, auch seltsame Wege zu verstehen. Lehre mich die Barmherzigkeit, die um die anderen ringt, die dazu helfen will, dass angeschlagene Menschen auf die Beine kommen, angeschlagene Beziehungen eine neue Chance erhalten.

Lehre mich aber auch die große Nüchternheit, die davor bewahrt, alles gut zu heißen, auch wenn es nicht gut ist.

Lehre Du mich, den Schmerz am Leben zu tragen als die Last, die mir Dein Zutrauen zu mir zeigt. Amen