Die Frucht des Geistes

Galater 5, 16 – 26

16 Ich sage aber: Lebt im Geist, so werdet ihr die Begierden des Fleisches nicht vollbringen.

      Wie ein Wechsel kommt mir das vor. Nicht mehr die Auseinandersetzung mit den Irrlehrern bestimmt jetzt das Denken des Paulus, sondern die Für-Sorge für die Gemeinde. Um die geht es dem Apostel zwar auch in den Auseinandersetzungen. Aber nun sind die Galater einfach in ihrer Existenz als Christen im Blick. Lebt im Geist. Öffnet euch dem Einfluss Gottes. Und ihr werdet dadurch zugleich immun werden gegen die Begierden des Fleisches. Das ist kein Automatismus, aber eine Folge.  Und es ist die Weiterführung des Satzes kurz zuvor: Durch die Liebe diene einer dem andern.

17 Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, sodass ihr nicht tut, was ihr wollt. 18 Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz.

      Geist und Fleisch stehen im Gegensatz. Fast könnte man sagen: Im Krieg. Jedenfalls schließt das eine das andere aus. Entweder lebt man gemäß dem Fleisch oder im Geist. Da gibt es keine friedliche Ko-Existenz. Vielleicht kann ich es auch so sagen: Nach dem Fleisch leben ist ein Leben, das nur auf sich vertraut. Das kennt kein Geschenk der Gnade, nur die eigene, erarbeitete Leistung. Es ist versklavtes Leben. „Nicht tun können was man will ist gemäß dem griechischen Sprachgebrauch eine Umschreibung von Unfreiheit und Sklaverei.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 116)

Der Geist ist Gnadengabe. Geschenk. Und befähigt, aus diesem Geschenk zu leben. Er eröffnet Freiheit. 

19 Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, 20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, 21 Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.

              Das ist ein ausgesprochen traditioneller Lasterkatalog, wie er auch im Judentum gängige Sicht ist. Bei Paulus nicht selten und in der Umwelt gleichfalls weit verbreitet. An dieser Stelle legt Paulus keinen Wert auf Originalität, er schöpft aus seiner jüdischen Tradition. Er benennt als Laster, als Werke des Fleisches lauter Verhaltensweisen, die nicht geeignet sind, ein gutes Miteinander zu fördern. Verhaltensweisen, denen Maßlosigkeit eignet und die oft sehr ich-bezogen sind.  „Geschlechtliche, kultische Verirrungen, Sünden der Unverträglichkeit und endlich grobsinnliche Ausschreitungen“ (A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979,  S. 177)

             Das allein genügt aber wohl kaum. Und Paulus ist auch nicht einfach moralisch entrüstet. Bezogen auf Fressen und Saufen sagt ein Kommentar: „ Es handelt sich hier doch wohl eher um gemeines Fressen und Saufen, Dinge, die leider gelegentlich auch in einer christlichen Gemeinde vorkommen, die aber für ein besonderes Charakteristikum der galatischen Gemeinde zu halten wenig liebenswürdig wäre.“(A. Oepke, aaO.; S. 179)

Aber: Hinter diesem Verhalten steht der Unglaube. Weil man nicht glaubt, dass Gott sorgt, für einen sorgt, darum nimmt man das Leben selbst in die Hand – und wird darüber zügellos und maßlos. Das erst macht aus einem ethischen Chaos eine Beschreibung geistlicher Verirrung und der Sünde. Hinter dem einzelnen Laster steht immer das fehlende Gottvertrauen. Bis heute.

22 Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, 23 Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht.

             Dem stellt Paulus die Frucht des Geistes gegenüber. Und diesmal sind es alles Verhaltensweisen, die sozial verträglich sind. Das Miteinander fördern. Dem Leben dienen. Aber: Es sind alles Gaben. „Es ist mitnichten des Christen Verdienst, wenn er sich liebend zum Nächsten verhält.“ (J. Becker, Der Brief an die Galater, in: Die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher und Philemon, NTD 8; Göttingen 1976, S. 73) Der Geist treibt die Christen zu solchem Verhalten. Er bringt es in ihnen hervor. Nicht gegen ihren Willen. Nicht ohne ihren Willen. Sondern in ihrem sich Öffnen für den Einfluss Gottes.

Das alles ist nicht aus dem Gesetz. Aber auch nicht gegen das Gesetz. Das Leben aus dem Geist ist keine Anstrengung um Gesetzeserfüllung. Es ist freie Antwort der menschlichen Liebe auf das Geschenk der göttlichen Liebe. Es ist die Konsequenz des Evangeliums.

 24 Die aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden. 25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. 26 Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.

Darum kann Paulus sagen: Wer mit Jesus Christus zusammen gehört, der hat gesiegt, überwunden. Folgt nicht mehr dem alten Schema. Muss nicht mehr darum kämpfen, nur ja nicht zu kurz zu kommen. Er lebt ja in der Spur dessen, der sich selbst losgelassen hat, hingegeben an den Willen Gottes, hingegeben für uns.

Noch einmal: Es geht hier nicht um den Kampf gegen die natürlichen Lebenstriebe. Es geht nicht um Sublimierung, die der Geistigkeit die Natürlichkeit opfert. Sondern aus der Freiheit in Christus wird das ganze natürliche Leben an seinen Ort gebracht: Es ist Gabe, die dankbar empfangen wird. Es muss nicht mit Gewalt an sich gerissen werden.

Wenn wir denn den Geist haben, in ihm leben, so könnte ich Paulus verstehen, dann lasst ihn doch auch die Führung in unserem Leben übernehmen. Lebt, was ihr seid: Kinder Gottes. Das ist ja eine immer wieder kehrende Figur bei Paulus. Wir „haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“ Römer 12,6-8) Christsein ist ein Leben, das den Gaben Gottes im eigenen Leben Raum gibt.

Und darin sein Glück, seine Freude, seine Ehre findet. Wechselseitige Hochachtung. Gegenseitige Wertschätzung: Wie gut, dass es dich gibt! Wo das gelebt wird, erfährt jede und jeder die Anerkennung, auf die er/sie angewiesen ist.

 

Herr Jesus, sich Dir lassen mit allem Gelingen und allem Misslingen,  allem Genügen und Ungenügen, allem Leiden an sich selbst, aller Freude an sich selbst – das übe ich – lange schon.

Manchmal gelingt es mir und ich vergesse mich selbst. Manchmal aber auch verzage ich, weil ich so festhänge an mir, an dem, was mir gefällt, genauso wie an dem, worunter ich leide.

Ich brauche Dich, Deinen Geist, um frei zu werden und die Freiheit zu bewähren, in die Du mich gestellt hast und in der Du mich führen willst. Amen