Zur Freiheit befreit

Galater 5, 1 – 15

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

             Ein wenig atme ich auf. Paulus verlässt die kleinteilige Argumentation, die Wort-Klauberei, diese angestrengten Schriftbeweise. Überzeugend sind die für mich als heutigen Leser ohnehin nicht mehr. Ich lese mit anderen Voraussetzungen, die mir zwar noch erlauben zu verstehen, wie Paulus argumentiert, mir aber die Argumente zugleich nicht mehr so einleuchten lassen.

Hier dagegen verstehe ich Paulus. In Christus  sind wir frei. Keine Furcht mehr vor Gott. Keine Bedingungen mehr, die wir erfüllen müssten, um ihm zu gefallen. Er hat von sich aus alles weggeräumt, was uns von Gott fernhalten könnte. Und mit dem Weg zu Gott, der frei ist, sind wir frei.

Es gehört zu meiner Biographie. Das ist der Trauspruch der Eltern aus dem Jahr 1941, ihrer Kriegshochzeit mit dem täglich möglichen Tod  vor Augen. Gerade auch in der Verwendung als Trauspruch wird sichtbar – es geht dabei um „Freiheit als Lebensordnung“(J. Becker, Der Brief an die Galater, in: Die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher und Philemon, NTD 8; Göttingen 1976 S. 59). Nicht im luftleeren Raum. Vielmehr: In den vielen konkreten Schritten des Lebens zeigt sich diese Freiheit.

Freiheit aber, so weiß der Apostel, ist kein unangefochtener Besitz. „Freiheit will gelebt und bewahrt werden. (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 149) Sie soll nicht verspielt werden, nicht preisgegeben. Sie kann und darf nicht in ein Regelwerk der Freiheiten gefasst werden, so verführerisch so etwas auch sein mag.  Wer anfangen wollte, sich wieder dem Gesetz zu unterwerfen – du darfst nicht…; du sollst nicht… – der begibt sich erneut unter das Joch der Knechtschaft.

 2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.

             Es ist nicht so ganz einfach, die Spur der Polemik, der Auseinandersetzung zu verlassen. Paulus möchte den Konflikt hinter sich lassen. Aber auch dann bleibt es dabei: Es gibt für Paulus nur Entweder-Oder. Das ist betont – Siehe, ich, Paulus, sage euch  – seine Sicht der Dinge, die er anderen Sichtweisen entgegen stellt. „Evangelium und Gesetz lassen sich nicht vermischen.“(J. Becker, aaO. S. 60) Ein bisschen Beschneidung – gewissermaßen als Ergänzung oder als Sicherheitsnetz für den Drahtseilakt des Glaubens geht nicht. Wer sich beschneiden lässt, der ist ganz dem Gesetz verpflichtet. Allen 613 Geboten und Verboten der Tora.

Und die Kehrseite: Damit ist Christus  verloren. Sein Heil vertan. Seine Gnade unwirksam. „Wenn sie die Gerechtigkeit vom Gesetz erwarten, dann missachten sie in der Tat die in Christus offenbarte Gnade Gottes und lassen Christus ohne Grund gestorben sein.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 113)

Darum benennt Paulus noch einmal eindringlich die Alternative: Entweder ganz dem Gesetz verpflichtet oder ganz in der Gnade geborgen. Wer es anders will, hinkt auf beiden Seiten (1. Könige 18,21). In diesen wenigen Worten wird noch einmal spürbar, warum Paulus so kämpft. Es geht um die Geltung des Evangeliums – und das gilt entweder ganz oder gar nicht.

 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

             Wir – so schließt sich Paulus zusammen mit allen, die im wahren Glauben stehen: wir warten. Das heißt zugleich: Wir haben jetzt nichts in der Hand. Das ist ja der Vorzug der Orientierung am Gesetz: „Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?“ (Matthäus 19,20) Ich kann sehen, was ich getan habe. Demgegenüber ist der Glaube ganz angewiesen aufs Warten, auf die Gerechtigkeit, die ihm zugesprochen wird. Er hat nichts in der Hand, um damit gute Argumente vorführen zu können. Aber, was der Christ, die Christin hat ist der Glaube. Gegenwärtig. Empfangen. Schon jetzt. Was er/sie hat ist die Zusage der Gerechtigkeit. δικαιοσνη. Schon jetzt. Er ist verbunden mit Christus, der uns heute wissen lässt: Du bist mir recht. Und er/sie geht dem entgegen, dass er/sie am Ende hören wird: Du bist mir immer lieb und recht gewesen.

Bis dahin zählt in Christus nur eines: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Nicht, dass er das letzte, ultimative Werk wäre, das wir Menschen zu leisten hätten.  Auch das ist wohl nicht gemeint: Es gibt untätigen Glauben. Von ihm weiß ja der Jakobusbrief einiges zu schreiben (Jakobus 2,14-17) und verurteilt ihn als Irrweg. Für Paulus gibt es Glauben nur in dieser Weise, dass er in der Liebe tätig ist. als „die Beziehung, die sich in Liebe entfaltet.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, ebda.)Diese Überzeugung teilt er mit der Christenheit. Er zitiert sozusagen eine Konsens-Formel der jungen Gemeinden. Und erinnert so die Galater an ihre Grundlagen. Sie leben ganz aus dem Geschenk der Gnade und sie können dieses Geschenk nur so bewahren, dass sie es teilen.

 7 Ihr lieft so gut. Wer hat euch aufgehalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen? 8 Solches Überreden kommt nicht von dem, der euch berufen hat. 9 Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.

             Das war doch ihr Weg. Damit haben sie die ersten Schritte im Glauben getan. Was hat sie daran irre gemacht, so dass sie der Wahrheit nicht mehr gehorchen? Diesen Weg verlassen. Kompromisse machen. Es ist nicht Unwissenheit, sondern Unverständnis, das Paulus so fragen lässt. Wir würden sagen: Was ist denn da in euch gefahren?

Paulus jedenfalls hat sie nicht auf diesen Weg gebracht. Er hat keine neue Version des Glaubens aufgelegt. Glauben 2.0 oder so ähnlich. Weil er weiß: Schon winzige Beigaben verändern alles. Das gilt für den ganzen Teig. Das gilt für die Speisen. Das gilt für den Glauben. Hier hat das Reinheitsgebot seinen Platz: Keine Vermischung mit fremden Zugaben. Sie verderben mehr als den Geschmack. Sie verderben alles.

Glauben ist ja nicht Geschmackssache. Aber so wie der Teig anders schmeckt, ein anderer Teig wird, wenn Sauerteig dazu gemischt wird, so ist es auch mit dem Glauben. Die fremden Zutaten machen den Glauben zu einem anderen Glauben. Verändern ihn von seinem Ursprung weg. Wobei man sagen muss: Es geht Paulus nicht um Traditions-Treue. Es geht ihm um die Bewahrung der Mitte des Glaubens, um die Gnade, die Christus gebracht hat, um das Geschenk der Freiheit, in der wir leben dürfen, um den bedingungslosen Zugang zum Vater, den er uns eröffnet hat.

 10 Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn, ihr werdet nicht anders gesinnt sein. Wer euch aber irremacht, der wird sein Urteil tragen, er sei, wer er wolle. 11 Ich aber, liebe Brüder, wenn ich die Beschneidung noch predige, warum leide ich dann Verfolgung? Dann wäre das Ärgernis des Kreuzes aufgehoben. 12 Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen, die euch aufhetzen!

             In diesen wenigen Worten haben wir den „ganzen“ Paulus vor Augen. Den werbenden Paulus: Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn. Er will sich nicht von der Angst leiten lassen. Er will festhalten an dem Vertrauen, „dass die galatischen Gemeinden auf der Seite seines Evangeliums bleiben werden.“ (W. Klaiber, aaO. S. 157)Wir sehen Paulus, der klarstellt: Ich könnte es doch einfacher haben, wenn ich mich anpasse an die, die euch umwerben. Ist es nicht eine Art Wahrheitserweis, dass ich das Kreuz predige und dafür alle möglichen Misshelligkeiten in Kauf nehme? Es geht hier eben auch um Paulus als Person, als Apostel. Wer seine Botschaft bestreitet, relativiert, greift ihn selbst an.

Schließlich wird auch der maßlose Polemiker sichtbar, der Paulus auch ist:  Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen. Wenn es so ist, dass man durch Leistungen das Himmelreich ererbt, wie wäre es denn mit der Kastration?

Sofort frage ich mich ob Paulus dieses Jesus-Wort kennt: „Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht; und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen.“ (Matthäus 19,12) Ist es womöglich eine Praxis, mit der Paulus auch konfrontiert wird? Oder nimmt er es einfach, um den Leistungsgedanken auf die Spitze und damit ad absurdum zu treiben? Das wäre ja dann die Spitze der Unfreiheit: Sich selbst der Lebensmöglichkeiten berauben, weil es ein Gesetz gibt, dass das verlangt! Wie nahe ist das dran am heutigen Gerede vom Freitod!

 13 Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.

Noch einmal: Das ist nicht euer Weg, ihr Brüder und Schwestern in Galatien. Euer Weg ist ein Weg der Freiheit. Und sofort bestimmt er die Freiheit wieder: Sie wird gelebt in der Liebe, in der einer dem andern dient.

             Wieder ist es frappierend, wie nahe der Apostel doch anderen ist und sein will, der so auf seiner inhaltlichen Unabhängigkeit besteht. Daran hängt er ja – mein Evangelium ist nicht nur Weitergabe von Traditionen, es ist „nicht von menschlicher Art“ (1,11) es fußt auf „einer Offenbarung Jesu Christi“ (1,13) –  das ist ihm ganz wichtig: Nichts von dem, was ich sage predige, ist nur angelernt, nur Übernahme. Und doch ist da diese große Nähe zu anderen Schriften der jungen Christenheit: – „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ (1. Johannes 4,11-12) In der Liebe zueinander, die in der Gemeinde gelebt wird, bewahrheitet sich der Glauben. Vielleicht aber hat ja der doch deutlich spätere Autor der Johannesbriefe von den früheren Briefen des Paulus nicht nur gehört, sondern auch gelernt?

Die Liebe, die den anderen dient gewinnt noch einmal an Anschaulichkeit, wenn man das Wort dienen auf Griechisch liest. δουλεετε λλλοις – einander als Sklaven, als Knechte dienen. Das ist ganz nahe an dem Sklavendienst, den Jesus in der Fußwaschung auf sich nimmt. Und nahe an dem neuen Gebot: „Liebt einander.“ (Johannes 13,34) Denn die Liebe zeigt sich im Dienen. Damit ist das Missverständnis ausgeschlossen, das Paulus wohl vorgehalten worden ist, dass er der Willkür freie Bahn macht, dass er Schrankenlosigkeit erlaubt. Die Freiheit, von der Paulus spricht, zeigt sich nicht darin, dass alles erlaubt wäre – sie zeigt sich in der Liebe, die den Nächsten dient.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Wittenberg 1520) Frei im Glauben, dienstbar in der Liebe.

14 Denn das ganze Gesetz ist in “einem” Wort erfüllt, in dem (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

             Später, nach Rom, wird Paulus es anders formuliert schreiben. „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“(Römer 13,10) Nicht, dass Paulus hier im Brief nach Rom auf einmal doch wieder das Gesetz aufrichten würde. Es ist vielmehr ans Ende gekommen in der Liebe Christi. Es spielt keine Rolle mehr. Es ist kein Wegweiser mehr. Denn im Glauben weist die Liebe den Weg – hin zu den anderen. Hin zu denen, die es nötig haben. Hin zu denen, die gestrauchelt sind und nicht mehr allein auf die Füße kommen. Hin zu denen, die sich in der Widersprüchlichkeit des eigenen Lebens verfranzt haben. Mir scheint, Augustinus hat Paulus gelesen – und verstanden – wenn er ausgesprochen kühn sagen kann: dilige et quod vis fac – „Liebe und tu, was du willst.“(395 n. Chr. Auslegung des Galaterbriefes!)

 15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

Es könnte durchaus sein, dass Paulus das konkrete Miteinander in Galatien vor Augen hat. Das ist dann aus der einen Gemeinde geworden: Gezänk, Rechthaberei, Misstrauen untereinander, kratzen und beißen. Wo der Weg des Glaubens verlassen wird, steht der Weg der Liebe in Gefahr und ist es nicht weit bis zu einem Gegeneinander, in dem es am Ende nur noch Opfer gibt. Die Kirchengeschichte bietet reichlich Anschauungsmaterial für solche Kämpfe und ihre Folgen. Und fast jede Gemeinde kann ein Lied davon singen, wie der Gemeindestreit Verletzte auf allen Seiten hervor bringt.

 

Jesus Christus, Du hast mich gerufen zum Leben mit Dir, aus Dir, zu Dir hin. Es ist ein langer Weg, bis ich es gelernt habe: Das gilt, auch wenn da versäumte Liebe ist, schuldig gebliebene Hilfe anklagt, falsche Entscheidungen nicht mehr zu ändern sind.

Ich kenne die Angst rückfällig zu werden, in alte Verhaltensmuster zu fallen, mich neu knechten zu lassen vom „Du müsstest“, „Du solltest“, „Das reicht doch nicht“, von Erwartungen und Ansprüchen – fremden, eigenen, durchschaubaren und scheinbar ewig gültigen.

Ich will mich festhalten an Dir, Deinen Worten trauen, Dein Bild anschauen, hinein finden in Deine Liebe, dem Leben aus Dir Raum geben. Ich habe nichts in den Händen, nichts, wie ich vor Gott bestehen könnte.

Ich habe nichts außer Dir und dem Vertrauen, dass ich Dir recht bin und dass das reicht vor Gottes Angesicht. Amen