Knechtschaft oder Freiheit?

Galater 4, 21 – 31

 21 Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt: Hört ihr das Gesetz nicht?

             Noch ein neuer, zweiter Anlauf, nicht mehr so persönlich gefärbt. Wisst ihr eigentlich, worauf ihr euch einlasst? Lest ihr auch genau? Es geht doch nicht nur darum, sich beschneiden zu lassen, ein paar das Leben verkomplizierende Speisevorschriften beachten zu lernen. Es geht um viel Grundsätzlicheres, nämlich: „Leben und Identität vom Gesetz bestimmen zu lassen.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 140) Ganz und gar. Nicht nur ein bisschen.

Man wird schon so fragen dürfen: „Erwartet das Gesetz überhaupt eine Unterordnung der Gemeinde unter seine Gebote?“(J. Becker, Der Brief an die Galater, in: Die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher und Philemon, NTD 8; Göttingen 1976, S. 56) Angetreten sind sie in Galatien ja nicht unter dem Anruf des Gesetzes, sondern unter der Botschaft des Evangeliums. Darum kann auch mit Recht anders gefragt werden: Seid ihr überhaupt seine Adressaten?

Hinter dem ganzen Geschehen aber steht eine Neigung, die bis heute nicht auszurotten ist: Die Neigung, die Freiheit durch Regelwerke besser handhabbar zu machen. Die Freiheit lässt sich so schwer regeln. Und alle Regeln werden in der Regel mit dem Schutz der Freiheit begründet. Damit wir uns nicht verlieren, achten wir auf… Damit wir nicht versehentlich die Freiheit missbrauchen…. So haben die Pharisäer zur Zeit Jesu ihre Regelwerke rund um das Gesetz begründet, so ist es auch bis heute noch gang und gäbe. Weil die Freiheit anstrengend ist.

Es liegt wohl in der Eigenart unseres Wesens begründet: Plötzlich sind diese Regeln wichtiger als die Freiheit. Sie ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Sie gewinnen eine Macht, die ihnen nicht zusteht. Sie werden zur Mitte des Denkens und Handelns, gewissermaßen zum heilsversprechen. Es ist, als würde sich das Szenario im Garten Eden wiederholen. Da ist die große Freiheit – ihr dürft von allem essen und alles genießen – nur dieser eine Baum, der ist außen vor. Das wirkt – nicht mehr das Verfügungsrecht über alles ist im Blick, sondern das Verbot fesselt und bindet den Blick. Paulus kämpft darum, dass die Freiheit nicht hinter den vermeintlichen Schutzmauern der Freiheit verloren geht.

Auf diese Erfahrung, dass die Freiheit anstrengend ist, greift der Großinquisitor in seiner Rede an den gefangenen Christus zurück: „Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, dem Geheimnis und der Autorität aufgebaut. Und die Menschen freuten sich, dass sie wieder wie eine Herde geführt wurden, und dass von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare Geschenk, das ihnen so viel Qual gebracht hatte, genommen wurde.“(F. Dostojewski, Die Brüder Karamasov) Erschreckend.

22 Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den andern von der Freien. 23 Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der von der Freien aber kraft der Verheißung. 24 Diese Worte haben tiefere Bedeutung. Denn die beiden Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse: einen vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; 25 denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt.

Ist das Paulus-Kritik? „Beispiele sollen helfen, etwas besser zu verstehen. Freilich, wenn die Beispiele fast 2000 Jahre alt sind, dann sind sie oft ziemlich unverständlich und wollen als Beispiel nicht mehr so recht taugen.” (A. Noack, Neukirchener Kalender 5. 10. 2018) Jedenfalls ist es das Signal: So einfach wird es mit den nachfolgenden Sätzen nicht werden.

             Jetzt macht Paulus, was er gelernt hat: Bibelarbeit. Wobei man sagen kann: Es ist bittere Polemik fast bösartig. Unfair. Geboren aus der Situation, dass Paulus die Angst spürt, die Leute zu verlieren, die er doch für das Evangelium gewonnen glaubte. Für sein Evangelium der Freiheit in Christus. Paulus macht Bibelarbeit – sie ist geprägt von dieser Auseinandersetzung. Nicht neutral, Nicht nur dem Wort verpflichtet. Die Konflikt-Situation spricht kräftig mit.

Der Stammvater Abraham hat nicht nur einen Sohn. Es sind zwei. Ismael von Hagar, Isaak von Sarah. Der eine gezeugt wie Kinder gezeugt werden. Der andere, Isaak, auch gezeugt, aber ein Geschenk. Kind der Verheißung. Nach dem Geist  gezeugt, wird er später (4,29) sagen. Eine Geschichte, die jeder Jude kennt. Und sich darauf beruft: Wir sind die Kinder der Verheißung. Aber genau dagegen stößt jetzt Paulus vor. Er sieht einen Zusammenhang: Hagar  – Sinai – Jerusalem – Knechtschaft. So stößt er seine jüdischen Geschwister vor den Kopf! Aus ihrer Heilsgeschichte macht er die Geschichte einer Knechtschaft – unter das Gesetz. Wir heute können das nicht mehr wirklich nachvollziehen. Deshalb wirkt es auch polemisch, wie Paulus hier schreibt.

26 Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; das ist unsre Mutter. 27 Denn es steht geschrieben (Jesaja 54,1): »Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst! Brich in Jubel aus und jauchze, die du nicht schwanger bist. Denn die Einsame hat viel mehr Kinder, als die den Mann hat.«

             Dieser irdischen Wirklichkeit stellt er eine himmlische, geistliche Wirklichkeit gegenüber: Sarah – das himmlische Jerusalem – Stamm-Mutter der Freien. Und „begründet“ das mit einem prophetischen Jubelruf, der ironischerweise doch am Ursprungsort (Jesaja 54,1) wieder dem irdischen Jerusalem und dem Volk Israel, wenn auch noch im Exil, in den Mund gelegt war. „Das obere Jerusalem repräsentiert eine Gemeinschaft mit Gott, die durch die Erfüllung von Gottes Verheißungen getragen und deshalb durch Freiheit gekennzeichnet ist.“ (W. Klaiber, aaO. S. 144)   

So mit der Schrift umzugehen, sind wir heute nicht mehr gewöhnt. Assoziative Anschlüsse, über Gleichklänge von Worten Zusammenhänge herzustellen – das kommt uns abenteuerlich vor. So wie „Qualität kommt von Qual.“ Paulus aber ist mit seiner Art der Exegese ein Kind seiner Zeit, auch wenn viele das heute für ein wenig „biblizistisch“  halten dürften. Seine Leser*innen damals werden seine Argumentation als einigermaßen schlüssig gesehen haben. Deshalb ist sie nicht weniger aufregend.

Denn er stellt ja die Dinge auch für die Leser*innen seiner Zeit auf den Kopf: Weil Israel unter dem Gesetz lebt, ist es ein Kind der Unfreien. Weil die Heidenchristen jenseits des Gesetzes leben, sind sie Kinder der Verheißung. Aus der Lebenspraxis, genauer der Praxis im Umgang mit dem Gesetz erschließt er die „fleischliche“ beziehungsweise „geistliche“ Herkunft. Wer es fassen kann, der fasse es.

Man wird schon sagen dürfen, bei allem Verständnis für Paulus: In diesem Kampf um die Bewahrung der Freiheit in Christus ist Paulus nicht immer fair, wird er seinem Volk nicht immer gerecht. Nur, auch darin ist Paulus wie wir Menschen so häufig sind. Die härteste Kritik trifft oftmals die, die mir innerlich am nächsten sind, die meine eigenen, früheren Positionen vertreten, aus denen ich ausgewandert in, Es ist der Kampf mit den Schatten der eigenen Vergangenheit, der den früheren Pharisäer so maßlos sein lässt in der Auseinandersetzung mit den „Judaisten“.

28 Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid wie Isaak Kinder der Verheißung. 29 Aber wie zu jener Zeit der, der nach dem Fleisch gezeugt war, den verfolgte, der nach dem Geist gezeugt war, so geht es auch jetzt. 30 Doch was spricht die Schrift? »Stoß die Magd hinaus mit ihrem Sohn; denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien« (1.Mose 21,10). 31 So sind wir nun nicht Kinder der Magd, sondern der Freien.

             Jetzt folgt erst einmal ein überaus freundlicher Satz: Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid wie Isaak Kinder der Verheißung. Man kann es spüren: er möchte die Leser*innen auf seine Seite ziehen, sie für seine Auslegung gewinnen.

Danach allerdings wird es vollends hart. Der Familienstreit im Hause Abraham wird zum Bild für das Gegeneinander von gesetzestreuen Juden, die an den Messias Jesus glauben  und gesetzesfreien Heiden-Christen in Galatien. Die Heidenchristen um Paulus erleben nur den Mutwillen des Ismael (1. Mose 21,8), der schon Isaak getroffen hatte. So wird aus der gegnerischen Position eine, die die Schrift gegen sich hat. Und aus den Erben des Reiches, wie sich die Juden in der Gemeinde doch auch unter Berufung auf Jesusworte immer noch sehen durften – „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“(Matthäus 25,34) –  werden Enterbte.

Mir geht es so, dass ich Paulus gern fragen möchte: Vergisst du auch nicht, was Du nach Rom geschrieben hast? „Die Israeliten sind es, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.“ (Römer 9, 4-5) Es hat unselige Folgen gehabt, dass die Christenheit geglaubt hat, sie dürfe so einen Schriftbeweis zur Handlungsanweisung für sich selbst machen – und „die Magd mit ihrem Sohn hinausstoßen“ und ihr das Erbe wegnehmen.

 

Mein Gott, immer ist das Leben mit Dir uns voraus, übersteigt die Wirklichkeit der Welt, bindet mich an den Himmel, verheißt mir Zukunft. Und doch bleibe ich angewiesen auf die Erde, auf die Zusammenhänge des Lebens, auf das, was ich empfangen habe von denen, die vor mir unterwegs waren im Glauben mit Dir.

Hilf mir, dass ich die Erfahrungen des Lebens deuten kann, sie zusammen bringe mit dem Zeugnis der Schrift und so gewiss werde, dass die Zukunft schon gewonnen ist, der Himmel offen. Und Du wirst uns zu Erben machen Deines Reiches, zusammen mit den Vielen aus allen Völkern. Amen