Zur Kindschaft gerufen

Galater 4, 1 – 7

1 Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, ist zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied, obwohl er Herr ist über alle Güter; 2 sondern er untersteht Vormündern und Pflegern bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat. 3 So auch wir: Als wir unmündig waren, waren wir in der Knechtschaft der Mächte der Welt.

            Paulus sucht die Verständigung mit seinen Lesern. Darum greift er erneut auf Alltags-Erfahrung zurück, die ihnen geläufig ist aus dem bürgerlichen Rechtsleben. So wie er ja auch schon mit der Testaments-Praxis (3,15) argumentiert hatte, greift er jetzt auf das Erbrecht zurück. Da ist es üblich, dass Väter für den Fall ihres vorzeitigen Ablebens ihre unmündigen Söhnen, die Erben sein werden, bis zur Volljährigkeit einen Vormund bestimmen. Das führt dazu, dass der Vormund in allen Dingen für den zukünftigen Erben entscheiden kann. „Mag der Sohn also Erbe sein: Unter Vormundschaft gleicht er den Sklaven. Er hat keine Verfügungsgewalt über das Erbe und unterliegt der Gehorsamspflicht.“(J. Becker, Der Brief an die Galater, in: Die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher und Philemon, NTD 8; Göttingen 1976, S. 47)

So, genauso steht es um uns Menschen- sagt Paulus. Wir sind zu Erben bestellt. Aber noch nicht frei. Sondern unmündig und den Vormündern und Verwaltern untertan – in unserem Fall: den Mächten der Welt. Das ist für die Antike ein vertrauter Gedanke. στοιχεα το κσμου, Mächte der Welt sind erst einmal die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft, Erde. Sie sind nicht nur Grundelemente als Materie, sondern gleichzeitig auch geistige Mächte, die Macht ausüben, denen die Menschen unterworfen sind.

So also sieht Paulus seine Leser: Leute, die von den „Grundelementen“ bestimmt werden,  die durch diese Vormünder noch unfrei sind. Das trifft auf die früheren Heiden zu, aber genauso auf die früheren Juden, die dem Gesetz als Vormund unterworfen waren. Ob es fair und sachlich richtig ist, das Gesetz Israels, immerhin die Gebote vom Sinai, mit der Unterwerfung unter die Herrschaft der Grundelemente in Eins zu setzen, mag dahin stehen. „Was beide Größen verbindet, ist die Tatsache, dass sie die Existenz der von Sünde gezeichneten Schöpfung vor dem kommen des Glaubens geprägt haben und dass sie die Instanzen sind, bei denen Menschen vergeblich ihr Heil suchen.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 89) Für Paulus stehen beide, die Mächte und das Gesetz zusammen unter der Bezeichnung „Knechtschaft“. Es gibt eine Zeit, die von Gott gesetzt ist, in der ist das so.

4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.

Diese Gegensätze liebt Paulus. Als aber. Nun aber.  Die alte Zeit hat sich erfüllt. Ihr Maß erreicht. τ πλρωμα το χρνου sagt Paulus und deutet damit an: sie ist abgelaufen. Er greift nicht auf das Zeitwort des Predigers zurück – καιρς,  das Wort für den besonderen Augenblick. Sondern er wendet sich mit seinem Satz an Leute, die in Zeitmaßen zu denken gewohnt sind .Für sie ist die abgelaufene, erfüllte Zeit eine vertraute Denkstruktur. Ein Zeitalter löst das andere ab. Es ist eine neue Zeit angebrochen. Und sie kann genau bestimmt  werden in ihrem Anfang. Sie ist von Gott festgesetzt worden. Durch sein Tun.

Das Alte ist vergangen. Neues hat begonnen. Man könnte auch sagen: Mit Jesus kommt die neue Zeit Dieser Neubeginn wird gekennzeichnet dadurch, dass Gott seinen Sohn sandte, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.  der Gesandte Gottes verändert die Wirklichkeit der Welt.: „Ein biologischer Unterschied zu anderen Menschen ist nicht im Blick.“(W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 124) Wahrer Mensch.  Und daneben, wie eine Ergänzung: „Er ist als Jude geboren und hat unter der Macht des Gesetzes gelebt.“(ebda.) Daran liegt Paulus und diese gedankliche Spannung mutet er den Leser*innen zu: Ja, er kommt aus dem Himmel und wird Mensch, ganz Mensch und ist in seiner irdischen Existenz einer, der unter das Gesetz getan ist. Der Leiblichkeit und der Herkunft. Er ist biologisch und geschichtlich-sozial eingebettet und kein Himmelswesen auf Besuchs-Reise.

Kein Zweifel: „Paulus glaubt an die himmlische Präexistenz Christi.“(A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979. S. 132) Aber hier geht es ihm darum: Dieser Gott-Gesandte ist unter das Gesetz getan. Keine Existenz jenseits des Gesetzes. Was Paulus hier andeutet, wird von Lukas erzählt: Jesus wird beschnitten. Er wird im Tempel dargestellt. „Nach dem Gesetz“ (Lukas 2, 23) An ihm wird „alles vollendet nach dem Gesetz des Herrn“ (Lukas 2,39).

Und wer fragt: Warum? erhält die Antwort: damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste. Unter dem Gesetz – das ist noch nicht die Freiheit, die Gott seinen Kindern zugedacht hatte. Diese Freiheit wird realisiert in der neuen Zeit, der Christus-Zeit. Unter der Hand wird seine Argumentation zur Zusage, und das ganze Handeln Gottes wird auf die Gemeinde bezogen: damit wir die Kindschaft empfingen. Es geht um uns! Angenommen an Sohnes Statt. So kann man das griechische Wort υοθεσα auch übersetzen. Diese Kindschaft kommt zustande durch Loskauf wie bei Sklaven. Bei ihnen geht der Loskauf der möglichen Adoption voraus. So auch hier. Damit unterstreicht Paulus: „Gotteskindschaft ist nicht einfach naturgegeben, sondern reines Geschenk.“ (W. Klaiber, aaO. S. 126)

6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Sofort geht Paulus den einen, entscheidenden Schritt weiter: Vom wir zum Ihr. Es geht in dieser Sendung um Euch! Und dass ihr gemeint seid und euch dies gefallen lasst, zeigt sich in eurem Beten. „Die Praxis des Gebetes zu Gott als unserem Vater – mit den Worten oder auch nur im Sinn des Vaterunsers – ist also Vollzug der Gotteskindschaft.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 60)  Wer von Herzen, aus den Tiefen seiner Seele und seines Lebens ruft: Abba, lieber Vater! gibt dem Geist Gottes im eigenen Leben Raum. So wird das Kindesrecht, die Sohnschaft, wahrgenommen und in Kraft gesetzt. Wer dieses Recht betend für sich beansprucht, bekommt es auch wirklich zugeeignet.

Das alles ist Gottes Gabe. Denn keiner kann sich selbst zum Erben machen. Als Erbe wird man eingesetzt. So ist es – sagt Paulus: Wir sind Erben – durch Gott. Durch seinen Willen.

 

Heiliger Gott, Du hast uns geschaffen. Du hast uns in eine Welt gesetzt, deren Bedingungen wir zu folgen haben. Es gibt Lebensgesetze, die uns leiten und denen wir untertan sind.

Aber Du hast uns auch gerufen, Deine Kinder zu sein. Jenseits von allen Lebensbedingungen und durch sie hindurch wendest Du uns Deine Liebe zu.

So sind wir beides zugleich – unter dem Gesetz und doch frei. Ich danke Dir für die Freiheit in Dir, in Deiner Liebe, die uns nichts und niemand nehmen kann. Amen