Die neue Existenz: eins in Christus

Galater 3, 19 – 29

19 Was soll dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt um der Übertretungen willen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt; verordnet wurde es von Engeln durch die Hand eines Mittlers.  20 Ein Mittler aber ist nicht Mittler eines Einzigen, Gott aber ist Einer.

             Mit seinen bisherigen Worten hat Paulus das Gesetz relativiert, in die zweite Reihe geschoben. Und muss sich und seinen Lesern jetzt Rechenschaft geben: Was soll dann das Gesetz? Wenn es kein Heilsweg ist, was ist es denn dann? Antwort: Es ist eine Reaktion auf die Übertretungen. παραβσις  meint Vergehen,  Übertretung, immer die konkrete Tat. „Von Übertretungen kann man deshalb sprechen, nur sprechen, wo ein Gesetz bestimmte Dinge verbietet oder gebietet.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 111)  Dann deckt es auf, was geschieht, es macht sichtbar, was nicht in Ordnung ist. Wo aber kein Gesetz ist, gibt es auch keine Üertretung.  Es ist nicht ursprünglich, nicht von Anfang an. Von Anfang an, von der Schöpfung her, so lese ich,  ist der Heilswillen Gottes, wie er sich in den Verheißungen zeigt.

Mit diesen Worten wird der Gegensatz zum jüdischen Denken eklatant: „Sieben Dinge sind erschaffen worden, bevor die Welt erschaffen wurde, nämlich die Tora, die Buße, das Paradies, die Hölle, der Thron der Herrlichkeit, das himmlische Heiligtum und der Name des Messias.“ (Strack-Billerbeck; München 1922ff; Bd IV, S. 435) Paulus sieht das anders, weil er einen anderen Blick auf die Heilsgeschichte hat.

Dass das Gesetz nicht ursprünglich ist, zeigt sich schon darin, dass es von Engeln verordnet ist durch die Hand eines Mittlers. Der Mittler kann nur Mose sein. Er empfängt für das Volk das Gesetz und gibt es weiter. Während die Verheißungen von Gott selbst kommen, haben Engel das Gesetz verordnet und durch den Vermittler Mose weitergegeben. „Die Engel sind nicht Urheber, sondern Helfer bei der Ausfertigung des Gesetzes. (W. Klaiber, aaO. S. 112) Darauf  läuft die ganze Argumentation hinaus: Das Gesetz ist später und hat auch eine geringere Würde als die Verheißung.  

 21 Wie? Ist dann das Gesetz gegen Gottes Verheißungen? Das sei ferne! Denn nur, wenn ein Gesetz gegeben worden wäre, das lebendig machen könnte, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz. 22 Aber die Schrift hat alles eingeschlossen unter die Sünde, damit die Verheißung durch den Glauben an Jesus Christus gegeben würde denen, die glauben.

  Darum ist das Gesetz auch weder eine Konkurrenz für die Verheißungen noch steht es gegen sie. Es ist nicht gleichwertig. Das wäre es ja nur, wenn es ein Weg zum Leben wäre. Das aber sieht Paulus gerade nicht. Es ist ein Instrument um der Sünde willen. Es macht die Sünde offenbar. Sichtbar. Und wird so zum unausweichlichen Ausweis für die Notwendigkeit des Glaubens an Jesus Christus als den Heilsweg. „Das Gesetz deckt Sünde auf und warnt vor ihren Folgen, kann sie aber nicht überwinden.“  (K. Haacker, Aus der Freiheit leben, aaO. S. 51) Man könnte also durchaus auf die Idee kommen, dass Paulus hier nur versucht, die Galater davor zu bewahren, dass sie einer falschen Sicht auf das Gesetz folgen, die sie verleitet, „die Funktion des Gesetze zu verkennen.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 83) Es ist Anklage-Instrument und nicht Heilsweg.

  23 Ehe aber der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen, bis der Glaube offenbart werden sollte. 24 So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden.

             „Tu debes habere Christum et spiritum eius.“ – „Du brauchst Christus und seinen Geist“.(M. Luther, Vorlesung über den Römerbrief 1515-1516, in Luther Deutsch 1, Göttingen 1983, S. 189) Darauf läuft es für Paulus hinaus. Das ist die Lektion, die der  Zuchtmeister – hier steht im Griechischen παιδαγωγς, Lehrer, Pädagoge – uns nahe bringt. Wir sind auf Christus angewiesen, auf den Glauben, durch den wir gerecht werden, Gott Recht geben und Gott recht werden.

 25 Da nun der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister. 26 Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. 27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.

  Man könnte also sagen: Das Gesetz war der Pädagogik Gottes geschuldet. Aber diese Pädagogik ist durch die Gnade Gottes überholt. Die Zeit des Zuchtmeisters ist vorbei. Und im Glauben sagen Christen Ja zu diesem Geschenk. Und gehören zu dem, der sie so beschenkt. Im Geschenk des Glaubens wird ein neues Sein sichtbar: Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Der Sohn macht uns zu seinen Brüdern und Schwestern und darin zu Söhnen Gottes. υο  θεο steht da im Griechischen und das meint tatsächliche: Söhne Gottes! Hier ist die Luther-Übersetzung zaghafter, als sie es sein müsste. „Ihr alle seid also Söhne und Töchter Gottes, weil ihr an Jesus Christus glaubt und mit ihm verbunden seid.“ So übersetzt ein wenig mutiger die „Neue Genfer Übersetzung“ (NGÜ).

Paulus greift auf Wendungen aus der Tauf-Terminologie zurück. Wie das weiße Taufgewand für die Taufe, so haben die Christen in der Taufe Christus angezogen. Aber der äußere Akt steht für ein inneres Geschehen. „In der Antike ist ein neues Gewand ein wichtiges Symbol für eine grundsätzliche Wesensveränderung.“(W. Klaiber, aaO. S 118) Das neue weiße Kleid ist Zeichen einer neuen Existenz:Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen.“(Offenbarung 7, 13-15) Früher schon hat Paulus das in seinem Brief auf den Punkt gebracht: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (2,20) Die Taufe versetzt, so Paulus, in ein neues Sein. Sie schafft neues Leben, eine neue Existenz.

28 Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

        Und dann zieht Paulus die Schlussfolgerung: Mit dieser neuen Existenz sind die alten sozialen, rassischen, religiösen Unterschiede gegenstandslos geworden. Sie sind nicht weg. Aber sie sind aufgehoben: Ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Das ist das Bild das Paulus von der Gemeinde hat: Es gibt keine trennenden Schranken mehr, sondern nur das Miteinander-verbunden-Sein in Christus.

     Wie nahe ist Paulus hier dem Evangelisten Johannes: „Ich bete darum, dass sie alle eins sind – sie in uns, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 17,21) Und es ist ja wohl wahr: Wenn wir diesen Umgang miteinander in der Gemeinde leben, praktizieren, uns nicht mehr separieren in unterschiedliche Lager, uns nicht mehr festlegen auf Geschlechter-Rollen und sozialen Status – wie würde die Umwelt staunen und etwas vom Reich Gottes, in der Wirklichkeit der Gemeinde vorweg genommen, entdecken.

Das zu schreiben, diese Worte des Paulus zu lesen, schmerzt aber auch. Denn wie weit sind wir von diesem Satz entfernt. Die Wirklichkeit unserer Kirchen ist so nicht – hier nicht und weltweit auch nicht. Da sind so unglaublich viele Trennungen – und sie werden bis heute gerechtfertigt: Rassische Trennungen. Nationalkirchen führen ihr Eigenleben. Lesben und Schwule werden aus normalen Gemeinden ausgeschlossen und bilden ihre eigenen Gemeinden. Hochkirchler wollen nichts mit Charismatikern zu tun haben. Politisch engagierte Christinnen und Christen stehen denen verständnislos gegenüber, die konservativ sind, die das Ringen um das Heil der Seele immer noch für wichtig halten. Meditations-Leute gelten als nur innerlich und die die Kirche verwalten werden von allen schief und ein wenig von oben herab angesehen: Die halten die Amtskirche aufrecht. Aber das ist ja nicht die wahre Kirche, sondern nur Warenkirche.

Ich zitiere aus einer aktuellen Erklärung amerikanischer Christ*innen: „In Christus gibt es keine Benachteiligung, die sich auf Rasse, Geschlecht, Identität oder Klasse bezieht. Der Leib Christi ist ein Vorbild für den Rest der Gesellschaft, weil in ihm diese großen Trennungen zwischen den Menschen überwunden werden. Wenn es uns nicht gelingt, diese Diskriminierungen zu überwinden, haben wir unsere Berufung für die Welt verfehlt…. Darum verwerfen wir Frauenverachtung, Misshandlung, Gewalt, sexuelle Belästigung und jede Form von Übergriffen auf Frauen, die in unserer Gesellschaft und Politik bekannt geworden sind, selbst in unseren Kirchen; darüber hinaus auch jegliche Benachteiligung eines jeden anderen Kindes Gottes…. Wir verwerfen die Sprache und Politik aller politisch Verantwortlichen, die die schwächsten Kinder Gottes erniedrigen und im Stich lassen. Wir bedauern auf Äußerste die zunehmenden Angriffe auf Einwanderer und Geflüchtete, die als ein gesellschaftliches Ziel missbraucht werden.“(Reclaiming Jesus – ein aktuelles Bekenntnis besorgter Christen und Christinnen in den USA, u. a. Richard Rohr, Jim Wallis, Ron Sider, 20. 5. 2018) Es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, zu erkennen, gegen wen sich diese Worte richten, allerdings auch, dass sie auf viele Argumentationsmuster bei uns in Deutschland genauso zutreffen.

Und immer finden sich gute theologische Argumente für die eigene Position und Haltung. Und der Satz des Paulus bleibt ein schöner Satz für Sonntagsreden, für Predigten, für „Wünsch’ dir was!“. Die Realität aber darf er nicht verändern.

 29 Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.

Damit hat Paulus einen Zielpunkt seiner Argumentation erreicht: die vorher an getrennten Tischen gesessen und gegessen haben, dürfen es glauben: Wir gehören zusammen. Wir sind, woher wir auch kommen mögen durch Christus Abrahams Kinder. „Wer sein eigen ist, hat Teil am Erbe, das der Nachkomme Abrahams verheißen bekam.“(H. Brandenburg, Der Brief des Paulus an die Galater, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S. 83) Christen, auch Heidenchristen, sind keine Erbschleicher. In Christus sind sie zu Erben eingesetzt.

 

Herr Jesus, eins in Dir, so verschieden wie wir sind nach Herkunft und Stand, Geschlecht und Charakter, Volk und Prägung. Ist das nur eine schöne Utopie, nur der Zielpunkt, auf den wir zuleben? Oder ist das der Boden, auf dem Du Deine Gemeinde baust, die Wirklichkeit, die Du uns eröffnest?

Dann bleiben wir nur zurück hinter dem, was Du uns längst zugedacht hast. Und wenn wir unsere Angst überwinden, werden wir erfahren, wie wunderbar reich Deine Gemeinde ist in der Vielfalt, die Du in Dir vereinst. Amen