Das Gesetz – zweitrangig

Galater 3, 15 – 18

 15 Liebe Brüder, ich will nach menschlicher Weise reden: Man hebt doch das Testament eines Menschen nicht auf, wenn es bestätigt ist, und setzt auch nichts dazu. 16 Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als gälte es vielen, sondern es gilt einem: »und deinem Nachkommen« (1. Mose 22,18), welcher ist Christus.

             Paulus sucht die Verständigung mit seinen Lesern, darum die Anrede Brüder und Schwestern. Im Griechischen nur Ἀδελφοί. Wir lesen die nicht genannten Schwestern heute einfach mit. Erst hat er sie an ihre eigenen Erfahrungen erinnert, dann an Abraham. Und jetzt greift er zu einem Vergleich. Menschlich gesprochen – oder: was sagt der gesunde Menschenverstand? Oder: Ich wähle ein Beispiel aus dem Leben, wie ihr es auch in eurer Umwelt kennt. Testament. διαθκη. Das gibt es schon damals im Rechtsverkehr. Und es gibt eine Praxis: Ein Testament, ein Vermächtnis, das in Kraft gesetzt worden ist, bleibt gültig. Keiner kommt auf die Idee, es aufzuheben. Das ist ein allgemein geltender Grundsatz. „In Papyri findet sich häufig die Wendung: διαθκη κυρία „das Testament ist gültig.“(A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979. S. 111)

             Was die Übersetzung überspringt und was Paulus nur wie nebenbei wohl anklingen lässt: Das Wort für Testament kann auch mit Bund wiedergegeben werden. Dann hören seine Leser*innen in Galatien, soweit sie jüdischen Denken bewandert sind: Hier ist auch „der Bund bezeichnet, den Gott mit Abraham und dem Volk schließt. Dieser Bund ist kein Bündnis zwischen gleichberechtigten Partnern, sondern eine einseitige Verfügung Gottes zugunsten derer, mit denen er den Bund schließt.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 107) Den könnte also nur Gott aufheben oder verändern oder erweitern. Keiner sonst. 

             Also noch einmal: Mit Testamenten  kennen die Galater sich aus. An einem gültigen Testament wird nichts mehr herum geändert, auch nichts mehr zugesetzt: Auch an einer Verfügung, einer Schenkung – mattanah – ist nicht mehr zu rütteln. Und damit kommt es zu dem Vergleich, auf den es Paulus ankommt: Die  Verheißung Abrahams ist ihm zugesagt. Sie ist wie ein Testament gültig. Wie eine Schenkung, die vollzogen ist, notariell beglaubigt und unwiderruflich in Kraft gesetzt ist. Für Abraham und seinen Nachkommen. Singular, nicht Plural. Den Plural lehnt Paulus ausdrücklich ab!

Und dann liest der ein wenig überraschte Bibelleser jetzt nicht als Namen des Nachkommens Isaak, den Sohn der Verheißung, sondern Christus! Er ist der eigentliche Nachkomme, auf den hin Verheißung und Segen angelegt sind. Dem Wortlaut und dem Erzählstil des ursprünglichen Textes im Alten Testament entspricht das sicher nicht. Bei den Verheißungen, der Schenkung an Abraham war Christus nicht im Blick. Das gibt kein Text  her.

Ist es also eine unzulässige Leseweise? Trickst Paulus hier? Liest er in die alten Texte hinein, was er aus ihnen heraus lesen will? Paulus bewegt sich mit seiner Auslegung innerhalb dessen, was gebräuchliche „rabbinische Auslegungsmethode“ (J. Becker, Der Brief an die Galater, in: Die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher und Philemon, NTD 8; Göttingen 1976, S. 39)ist. Er stützt sich dabei auf eine Beobachtung am Text: „Im griechischen, aber auch im hebräischen Text entsprechender Stellen (Gen. 13,15; 17,7; 22,18) steht nicht der Plural deinen Samen bzw. deinen Nachkommen, sondern der Singular deinem Samen (vgl. die Übersetzung von M. Buber)“(W. Klaiber, aaO. S. 108) Wenn man so will: Er bedient sich der Denkformen und Argumentationsweisen seiner Gegner, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Er schlägt sie mit den eigenen Waffen. Das ist, bei Paulus und auch bei seinen Kontrahenten nicht unsere heutige Weise, mit Texten und Text-Zitaten umzugehen. Paulus als Kind seiner Zeit jedoch darf das.

17 Ich meine aber dies: Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt worden ist, wird nicht aufgehoben durch das Gesetz, das vierhundertdreißig Jahre danach gegeben worden ist, sodass die Verheißung zunichte würde.

             Das Argument wird weiter geführt, mit Hilfe der biblischen Geschichtsschreibung und ihrer Zeitangaben. „Die Zeit aber, die die Israeliten in Ägypten gewohnt haben, ist vierhundertunddreißig Jahre.“(2. Mose 12,40) Weil das Gesetz am Sinai ja erst beim Auszug gegeben wird, gibt es eine gesetzesfreie Zeit, in der nur die Verheißung gilt. Das Gesetz kommt also erst nachträglich zur Verheißung dazu und hebt sie darum nicht auf. Es ist nicht mehr als eine Lebensordnung innerhalb des Rahmens der Verheißung. Die Verheißung aber ist das eigentliche Geschenk. Sie ist das Leben.

 18 Denn wenn das Erbe durch das Gesetz erworben würde, so würde es nicht durch Verheißung gegeben; Gott aber hat es Abraham durch Verheißung frei geschenkt.

Also fasst Paulus zusammen: Das Erbe, der Segen, die Abrahams-Kindschaft kommen aus der Verheißung und nicht aus dem Gesetz. Sie sind geschenkt und werden nicht erworben. Sie sind Gabe und nicht Ergebnis der eigenen Gesetzestreue. „Faktisch hat Gott durch die Verheißung allein seinen Segen mit dauernder Gültigkeit und Wirkung zugeeignet.“(H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 74)Darauf ruht der Glaube.

Mir scheint, daran liegt Paulus vor allem, dass er Gottes Freiheit wahrt. Gottes Gabe der Verheißung – παγγελα  (im griechischen Wort steckt der „Engel“ (άγγελος) als  Bote mit drin) – wird nicht bedingt durch den Gehorsam des Abraham. Sie wird nicht ermöglicht durch das Verhalten, auf das Gott dann freundlich antwortet. die Verheißung, ist das freie Geschenk, auf das der Glaube dann auch wirklich antwortet. Es kommt alles daauf an, dass die Reihenfolge gewahrt bleibt: erst die Verheißung, dann die Antwort des Glaubens. Es git ein Drängen auf den Gehorsam des Glaubens, das in der Gefahr steht, diese fundamentale Reihenfolge in den Hintergrund zu drücken: Da droht die Gefahr der Gesetzlichkeit. Gesetzlich ist nicht nur, Nebensächlichkeiten zu Hauptsachen aufzublasen. Gesetzlich ist vor allem, die Gnade vom Gehorsam abhängig zu machen und damit den grundsätzlichen Vorrang  der Gnade vor unserem Tun in Frage zu ziehen. Wir glauben mit Paulus an den zuvorkommenden Gott, der unserem Tun in Christus immer zuvorkommt. Gott sei Dank!

 

 

Mein Gott. Dein Gebot – nur für eine bestimmte Zeit. Keine Satzung für immer. Dann könnten wir ja ändern, wie wir wollen, uns herausnehmen, was passt und wegtun, was nicht mehr passt, uns nicht passt.

Mein Gott, Dein Gebot ist mir lieb. Ich lebe damit, weil es mir Richtlinien gibt, mich vor zu viel Freiheit bewahrt. Aber ich weiß – der Weg zum Leben öffnet sich für mich anders. Durch Dein Geschenk, Deine Gnade. Deinen Sohn Jesus Christus. Amen