Kündigt Gott der Erde seine Treue?

Offenbarung 8, 6 – 13

 6 Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen rüsteten sich zu blasen. 7 Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und wurde auf die Erde geschleudert; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte.

             Man kann es regelrecht sehen: Die Engel nehmen die Posaunen, setzen sie an den Mund und schicken sich an zu blasen. Der erste Ton löst Geschehen aus – so wie alle folgenden Posaunentöne Geschehen auslösen werden. Es sind Signal-Töne, Schreckenssignale.

Eine Beobachtung, die über den unmittelbaren Zusammenhang hinaus greift: „Jedenfalls stehen die Plagen, die mit den Posaunenstößen verbunden sind, ebenso wie die folgenden Schalenvisionen in einer Tradition, deren Nähe zur Schilderung der ägyptischen Plagen unübersehbar ist.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 75)

 Hagel, Feuer, Blut – ein Inferno, das den Lebensraum regelrecht vernichtet. „Der Zusammenhang weist auf einen vulkanischen Auswurf, der Lavateile, also „glühenden Hagel“ ausschüttet.“ (A. Pohl, Die Offenbarung des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, 2. Teil; Wuppertal 1988, S. 28) Ohne alles erklären zu wollen – das sind Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis der Zeit – der Ausbruch des Vesuvs ist so lange nicht her. Entscheidend aber ist: dieses Inferno wird ausgelöst durch den Posaunenton des Engels, der ja nicht aus eigenen Antrieb bläst, sondern „im Auftrag“.  „Kündigt Gott der Erde seine Treue?“ weiterlesen

Was ist mit unserem Beten?

Offenbarung 8, 1 – 5

1 Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang.

 Das siebte Siegel. Im Himmel ist eine Atempause. Es geschieht nichts, Es ist einfach nur still. Unvorstellbar? In der Welt, in den Schaltzentralen der Macht ist das unvorstellbar. Hier geschieht immer etwas. Die Nachrichten jagen um die Welt. Die Verkehrsströme fließen. Kontakte werden gehalten. Undenkbar, dass im Kanzleramt eine halbe Stunde Stille ist.

Gott aber kann sich das leisten. „Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.“(Markus 4,39) So heißt es in der Erzählung von der Sturmstillung. Die Stille im himmlischen Thronsaal unterbricht den Ablauf des Geschehens. Der Himmel ist nicht eilig. Seine  Welt unterliegt  keinem Ablauf ohne Pause, keinem unaufhaltsamen Prozess. Es ist, als entstünde in dieser Stille ein neuer Weg. Bei uns ist das oft so: Damit es zu neuen Wegen, zu neuen Schritten kommen kann, braucht es eine Klärung. Es ist merkwürdig: „Was nun tatsächlich geschieht, ist in Wahrheit ein Nicht-Geschehen, eine Stille im Himmel. … Die Stille währt nur einem Moment, sie wirkt wie ein Punkt.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 73) „Was ist mit unserem Beten?“ weiterlesen

Einmal wird der Himmel singen

Offenbarung 7, 9 – 17

 9 Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, 10 und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm!

 „Im Himmel soll es besser werden, wenn ich bei deinen Engeln bin.“ Ein weltweites Fest wie Weihnachten. Wie schön  – volle Kirchen und kräftigen Gesang. Selbst Menschen, die nicht viel mit „Kirche“ im Sinn haben, kennen doch die Weihnachtsgeschichte und finden sie irgendwie anrüh­rend und lassen sich von ihr zum Träumen verführen: Was wäre, wenn das alles so wahr wäre….  Weihnachten ist „nur“ ein Anfang. Es ist nicht das Ziel. Der armselige Stall von Bethlehem ist nicht das Ziel – er stößt eine Geschichte an, in die Gott alle Welt hineinziehen will.

Der Seher auf Patmos sieht das größere Ziel: Die Anbetung aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Das ist weltweit, Zeiten und Regionen überspannend und führt über die 144000 hinaus. Genauso wie es über den Anfang des Erdenweges hinaus führt. Nicht mehr ein paar Hirten und Weise vor der Krippe. Alle vor dem Thron und dem Lamm. Es ist die umfassend-völlige Überbietung der Geschichte des Einzugs in Jerusalem. Nicht mehr ein Eselsreiter, nicht mehr ein enthusiastischer Jüngerhaufen – jetzt beten ihn alle an – in den Kleidern der Sieger, der Überwinder. Hinter denen, die da rufen, ist alle Vergangenheit versunken. Sie sehen nur den Thron und das Lamm. Es ist der niemals endende Lobgesang im Himmel, der hier angestimmt wird.

„Wir sind mehr.“ Unübersehbar viele. Ein Bild, das ins Herz fällt, erst recht bei denen, die es oft anders erleben. die sich manchmal vorkommen wie die letzten Treuen, die den Weg zur Kirche nehmen. Erfahren, dass sie ein wenig belächelt werden als die fußkranken der Zeit, die nicht so richtig mitkommen und sich deshalb an diesen Gott aus der Vergangenheit und den Glauben an ihn klammern.  Hier lesen wir: Wir sind nicht der armselige, verlorene Haufen, als den wir uns manchmal empfinden mögen – immer weniger, immer mehr graue Köpfe.

Ich denken ja, dass dieser „Brief der Offenbarung“ an Leute gerichtet ist, die in der Minderheit sind, ein winziges Häufchen im großen Römischen Reich. Oft bedrängt, auch verfolgt, oft ins die Ecke, ins Abseits gestellt. Lebensbedrohlich ist ihr Glaube, nicht für die Anderen, für sie selbst, weil sie – nicht alle, aber manche – mit der Hingabe ihres Lebens einstehen werden für ihren Glauben, für das Lamm. Und sie hören: Am Ende der Zeit steht nicht das große Aus für unser kleines Häufchen – am Ende steht die unüberschaubare Menge derer, die in der Anbetung auf dem Platz vor dem Thron versammelt sind.

Es fällt auf: hier wird nichts darüber gesagt, was die durchgemacht haben, die jetzt zu singen anheben: ob es Märtyrer sind, ob sie froh sind, alles hinter sich zu haben. Nur das stimmt schon: Man hat als Lesender das Gefühl, hier versinkt die ganze Geschichte in diesem Bild, in diesem Jubel. „Der Blick des Glaubens überfliegt die schwere Spanne der Geschichte, die ihn noch vom Ende trennt und sieht vorweg den Triumph Christi, der auch der Triumph der Seinen sein wird.“(H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 129) „Einmal wird der Himmel singen“ weiterlesen

Versiegelt

Offenbarung 7, 1 – 8

 1 Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum.

 Da Wald steht stüh, ka Vogl fliagt am Himmel                                                              und unter ana Bruckn zwa Kinder, die si duckn                                                              und eng und enger ruckn                                                                                                        Da Wind kummt auf, der erste Blitz zuckt nieder                                                           und unten in die Häueser werdn die Gebete leiser                                                           der Hass wachst auf’n Kaiser                                                                                                 Des Volk schaut nimme länger zua, die Ruhelosen woin a Ruah                                 es läut’ die Glockn aufn Turm. Des is die Ruhe vor dem Sturm. 

Der Sturm bricht los, es riacht nach Pech und Schwefel                                                die Weiber in der Kammer, die packt der grosse Jammer                                           Der Tischler schwingt sein’ Hammer                                                                                  Der Tod geht um, die Felder liegn voller Leichen                                                                die Scheiterhaufen brennen, ma sicht di Menschen rennen                                         es regnet Bluat und Tränen.  

Der Aufstand is im Keim erstickt,                                                                                             der Pfarrer auf der Kanzel nickt                                                                                                 er läut’ die Glockn aufn Turm –                                                                                            doch auch die Ruhe nach dem Sturm                                                                                    is nur die Ruhe vor dem Sturm                    G. Danzer, LP Ruhe vor dem Sturm 1981

           Für mich ist kein Zweifel – die Worte des Liedermachers unserer Zeit sind auch von diesen Worten der Offenbarung beeinflusst.

 Die Engel halten die Winde noch fest. Sie halten die Enden der Erde und damit die ganze Welt. Sie beherrschen die Macht des Sturmes, der Land und Meer in Aufruhr versetzen kann. Das alles bezeugt: Was immer es an Macht gibt, sie ist nur gegeben. Sie ist begrenzt durch Gottes Macht, der alles in seinen Händen hält. Das ist die untergründige Botschaft der Offenbarung: Auch das Wüten der Welt kommt aus den Händen Gottes.

Und das soll Trost sein? So fragen wir heute. Wir sind Menschen der Windstille. Wir sind Menschen, die nicht aus der großen Bedrängnis kommen. Wir sind Leute, die in relativer Beschaulichkeit ihr Leben führen können – ohne Nachstellungen, ohne Beschuldigungen, ohne Angst vor nächtlichen Verhören oder Folter. „Versiegelt“ weiterlesen

Zuflucht hinter dem Chaos

Offenbarung 6, 9 – 17

9 Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. 10 Und sie schrien mit großer Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?

             Das fünfte Siegel. Es geht nicht einfach weiter so, Reiter folgt auf Reiter. Sondern es  ist ein scharfer Schnitt, ein völliger Szenenwechsel – weg von denen, die Gewalt bringen hin zu denen, die Gewalt erleiden und erlitten haben. Zu den Opfern.  „In den Blick treten die Märtyrer, die für die Sache Gottes ihr Leben gaben und ihr Geschick.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 65) Es sind die, die den Mund aufgemacht haben für Gott, für Christus. Ihr Zeugnis μαρτυρία – hat sie zu Märtyrern werden lassen, Zeugen, die mit ihrem Leben einstehen für ihren Glauben. Das Wort σφαγιάζω heißt: „Opfer schlachten.“(Gemoll ,Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 722) Das also ist geschehen. Menschen, Christ*innen sind hingeschlachtet worden. Ihre Seelen, ψυχς – wir können Psyche mithören, aber auch ihre Leben – finden sich unter dem Altar, dort wo das Blut der Opfertiere aufgefangen wird. Das ist die Botschaft, die hier versteckt ist: Kein Blut der Opfer geht verloren. Es wird aufgefangen. Darf man so weit gehen: es wird geheiligt, indem es so gesammelt wird?

Ohne Kommentar: „In unserer Welt gibt es keine Anzeichen dass wir sie zu einem Paradiesgarten religiöser Toleranz verwandeln. Zu deutlich klingen mit die Worte eines indischen Muslims im Ohr, als er vor ein paar Jahren bei einer interreligiösen Tagung gefragt wurde, ob nicht auch in Indien Muslime zum Christentum übertreten würden. In selbstverständlichem Ton erklärte er seinen Zuhörern, dass dies überhaupt kein Problem bedeute, denn solche, die zum christlichen Glauben überträten und die man deshalb vom Islam her als Abtrünnige bezeichne, würden einfach getötet. Auf Übertritt zum christlichen Glauben steht auch heute noch im Islam die Todesstrafe.“ (H. Schwarz, Das Geheimnis der sieben Sterne, Stuttgart 1993, S. 65)  

Sie werden laut. Sie rufen mit großer Stimmeφων μεγλ. Es ist wie eine Wiederholung des Todesschreies Jesu – da stehen genau die gleichen griechischen Worte – Matthäus 27,50. Zufall? Das denke ich nicht. Es ist eine verhaltene Andeutung der Schicksalsgemeinschaft mit Jesus, die den Tod mit einschließt, aber eben auch nicht im Tod endet.  „Zuflucht hinter dem Chaos“ weiterlesen