Kündigt Gott der Erde seine Treue?

Offenbarung 8, 6 – 13

 6 Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen rüsteten sich zu blasen. 7 Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und wurde auf die Erde geschleudert; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte.

             Man kann es regelrecht sehen: Die Engel nehmen die Posaunen, setzen sie an den Mund und schicken sich an zu blasen. Der erste Ton löst Geschehen aus – so wie alle folgenden Posaunentöne Geschehen auslösen werden. Es sind Signal-Töne, Schreckenssignale.

Eine Beobachtung, die über den unmittelbaren Zusammenhang hinaus greift: „Jedenfalls stehen die Plagen, die mit den Posaunenstößen verbunden sind, ebenso wie die folgenden Schalenvisionen in einer Tradition, deren Nähe zur Schilderung der ägyptischen Plagen unübersehbar ist.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 75)

 Hagel, Feuer, Blut – ein Inferno, das den Lebensraum regelrecht vernichtet. „Der Zusammenhang weist auf einen vulkanischen Auswurf, der Lavateile, also „glühenden Hagel“ ausschüttet.“ (A. Pohl, Die Offenbarung des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, 2. Teil; Wuppertal 1988, S. 28) Ohne alles erklären zu wollen – das sind Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis der Zeit – der Ausbruch des Vesuvs ist so lange nicht her. Entscheidend aber ist: dieses Inferno wird ausgelöst durch den Posaunenton des Engels, der ja nicht aus eigenen Antrieb bläst, sondern „im Auftrag“.  „Kündigt Gott der Erde seine Treue?“ weiterlesen

Was ist mit unserem Beten?

Offenbarung 8, 1 – 5

1 Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang.

 Das siebte Siegel. Im Himmel ist eine Atempause. Es geschieht nichts, Es ist einfach nur still. Unvorstellbar? In der Welt, in den Schaltzentralen der Macht ist das unvorstellbar. Hier geschieht immer etwas. Die Nachrichten jagen um die Welt. Die Verkehrsströme fließen. Kontakte werden gehalten. Undenkbar, dass im Kanzleramt eine halbe Stunde Stille ist.

Gott aber kann sich das leisten. „Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.“(Markus 4,39) So heißt es in der Erzählung von der Sturmstillung. Die Stille im himmlischen Thronsaal unterbricht den Ablauf des Geschehens. Der Himmel ist nicht eilig. Seine  Welt unterliegt  keinem Ablauf ohne Pause, keinem unaufhaltsamen Prozess. Es ist, als entstünde in dieser Stille ein neuer Weg. Bei uns ist das oft so: Damit es zu neuen Wegen, zu neuen Schritten kommen kann, braucht es eine Klärung. Es ist merkwürdig: „Was nun tatsächlich geschieht, ist in Wahrheit ein Nicht-Geschehen, eine Stille im Himmel. … Die Stille währt nur einem Moment, sie wirkt wie ein Punkt.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 73) „Was ist mit unserem Beten?“ weiterlesen

Einmal wird der Himmel singen

Offenbarung 7, 9 – 17

 9 Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, 10 und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm!

 „Im Himmel soll es besser werden, wenn ich bei deinen Engeln bin.“ Ein weltweites Fest wie Weihnachten. Wie schön  – volle Kirchen und kräftigen Gesang. Selbst Menschen, die nicht viel mit „Kirche“ im Sinn haben, kennen doch die Weihnachtsgeschichte und finden sie irgendwie anrüh­rend und lassen sich von ihr zum Träumen verführen: Was wäre, wenn das alles so wahr wäre….  Weihnachten ist „nur“ ein Anfang. Es ist nicht das Ziel. Der armselige Stall von Bethlehem ist nicht das Ziel – er stößt eine Geschichte an, in die Gott alle Welt hineinziehen will.

Der Seher auf Patmos sieht das größere Ziel: Die Anbetung aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Das ist weltweit, Zeiten und Regionen überspannend und führt über die 144000 hinaus. Genauso wie es über den Anfang des Erdenweges hinaus führt. Nicht mehr ein paar Hirten und Weise vor der Krippe. Alle vor dem Thron und dem Lamm. Es ist die umfassend-völlige Überbietung der Geschichte des Einzugs in Jerusalem. Nicht mehr ein Eselsreiter, nicht mehr ein enthusiastischer Jüngerhaufen – jetzt beten ihn alle an – in den Kleidern der Sieger, der Überwinder. Hinter denen, die da rufen, ist alle Vergangenheit versunken. Sie sehen nur den Thron und das Lamm. Es ist der niemals endende Lobgesang im Himmel, der hier angestimmt wird.

„Wir sind mehr.“ Unübersehbar viele. Ein Bild, das ins Herz fällt, erst recht bei denen, die es oft anders erleben. die sich manchmal vorkommen wie die letzten Treuen, die den Weg zur Kirche nehmen. Erfahren, dass sie ein wenig belächelt werden als die fußkranken der Zeit, die nicht so richtig mitkommen und sich deshalb an diesen Gott aus der Vergangenheit und den Glauben an ihn klammern.  Hier lesen wir: Wir sind nicht der armselige, verlorene Haufen, als den wir uns manchmal empfinden mögen – immer weniger, immer mehr graue Köpfe.

Ich denken ja, dass dieser „Brief der Offenbarung“ an Leute gerichtet ist, die in der Minderheit sind, ein winziges Häufchen im großen Römischen Reich. Oft bedrängt, auch verfolgt, oft ins die Ecke, ins Abseits gestellt. Lebensbedrohlich ist ihr Glaube, nicht für die Anderen, für sie selbst, weil sie – nicht alle, aber manche – mit der Hingabe ihres Lebens einstehen werden für ihren Glauben, für das Lamm. Und sie hören: Am Ende der Zeit steht nicht das große Aus für unser kleines Häufchen – am Ende steht die unüberschaubare Menge derer, die in der Anbetung auf dem Platz vor dem Thron versammelt sind.

Es fällt auf: hier wird nichts darüber gesagt, was die durchgemacht haben, die jetzt zu singen anheben: ob es Märtyrer sind, ob sie froh sind, alles hinter sich zu haben. Nur das stimmt schon: Man hat als Lesender das Gefühl, hier versinkt die ganze Geschichte in diesem Bild, in diesem Jubel. „Der Blick des Glaubens überfliegt die schwere Spanne der Geschichte, die ihn noch vom Ende trennt und sieht vorweg den Triumph Christi, der auch der Triumph der Seinen sein wird.“(H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 129) „Einmal wird der Himmel singen“ weiterlesen

Versiegelt

Offenbarung 7, 1 – 8

 1 Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum.

 Da Wald steht stüh, ka Vogl fliagt am Himmel                                                              und unter ana Bruckn zwa Kinder, die si duckn                                                              und eng und enger ruckn                                                                                                        Da Wind kummt auf, der erste Blitz zuckt nieder                                                           und unten in die Häueser werdn die Gebete leiser                                                           der Hass wachst auf’n Kaiser                                                                                                 Des Volk schaut nimme länger zua, die Ruhelosen woin a Ruah                                 es läut‘ die Glockn aufn Turm. Des is die Ruhe vor dem Sturm. 

Der Sturm bricht los, es riacht nach Pech und Schwefel                                                die Weiber in der Kammer, die packt der grosse Jammer                                           Der Tischler schwingt sein‘ Hammer                                                                                  Der Tod geht um, die Felder liegn voller Leichen                                                                die Scheiterhaufen brennen, ma sicht di Menschen rennen                                         es regnet Bluat und Tränen.  

Der Aufstand is im Keim erstickt,                                                                                             der Pfarrer auf der Kanzel nickt                                                                                                 er läut‘ die Glockn aufn Turm –                                                                                            doch auch die Ruhe nach dem Sturm                                                                                    is nur die Ruhe vor dem Sturm                    G. Danzer, LP Ruhe vor dem Sturm 1981

           Für mich ist kein Zweifel – die Worte des Liedermachers unserer Zeit sind auch von diesen Worten der Offenbarung beeinflusst.

 Die Engel halten die Winde noch fest. Sie halten die Enden der Erde und damit die ganze Welt. Sie beherrschen die Macht des Sturmes, der Land und Meer in Aufruhr versetzen kann. Das alles bezeugt: Was immer es an Macht gibt, sie ist nur gegeben. Sie ist begrenzt durch Gottes Macht, der alles in seinen Händen hält. Das ist die untergründige Botschaft der Offenbarung: Auch das Wüten der Welt kommt aus den Händen Gottes.

Und das soll Trost sein? So fragen wir heute. Wir sind Menschen der Windstille. Wir sind Menschen, die nicht aus der großen Bedrängnis kommen. Wir sind Leute, die in relativer Beschaulichkeit ihr Leben führen können – ohne Nachstellungen, ohne Beschuldigungen, ohne Angst vor nächtlichen Verhören oder Folter. „Versiegelt“ weiterlesen

Zuflucht hinter dem Chaos

Offenbarung 6, 9 – 17

9 Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. 10 Und sie schrien mit großer Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?

             Das fünfte Siegel. Es geht nicht einfach weiter so, Reiter folgt auf Reiter. Sondern es  ist ein scharfer Schnitt, ein völliger Szenenwechsel – weg von denen, die Gewalt bringen hin zu denen, die Gewalt erleiden und erlitten haben. Zu den Opfern.  „In den Blick treten die Märtyrer, die für die Sache Gottes ihr Leben gaben und ihr Geschick.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 65) Es sind die, die den Mund aufgemacht haben für Gott, für Christus. Ihr Zeugnis μαρτυρία – hat sie zu Märtyrern werden lassen, Zeugen, die mit ihrem Leben einstehen für ihren Glauben. Das Wort σφαγιάζω heißt: „Opfer schlachten.“(Gemoll ,Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 722) Das also ist geschehen. Menschen, Christ*innen sind hingeschlachtet worden. Ihre Seelen, ψυχς – wir können Psyche mithören, aber auch ihre Leben – finden sich unter dem Altar, dort wo das Blut der Opfertiere aufgefangen wird. Das ist die Botschaft, die hier versteckt ist: Kein Blut der Opfer geht verloren. Es wird aufgefangen. Darf man so weit gehen: es wird geheiligt, indem es so gesammelt wird?

Ohne Kommentar: „In unserer Welt gibt es keine Anzeichen dass wir sie zu einem Paradiesgarten religiöser Toleranz verwandeln. Zu deutlich klingen mit die Worte eines indischen Muslims im Ohr, als er vor ein paar Jahren bei einer interreligiösen Tagung gefragt wurde, ob nicht auch in Indien Muslime zum Christentum übertreten würden. In selbstverständlichem Ton erklärte er seinen Zuhörern, dass dies überhaupt kein Problem bedeute, denn solche, die zum christlichen Glauben überträten und die man deshalb vom Islam her als Abtrünnige bezeichne, würden einfach getötet. Auf Übertritt zum christlichen Glauben steht auch heute noch im Islam die Todesstrafe.“ (H. Schwarz, Das Geheimnis der sieben Sterne, Stuttgart 1993, S. 65)  

Sie werden laut. Sie rufen mit großer Stimmeφων μεγλ. Es ist wie eine Wiederholung des Todesschreies Jesu – da stehen genau die gleichen griechischen Worte – Matthäus 27,50. Zufall? Das denke ich nicht. Es ist eine verhaltene Andeutung der Schicksalsgemeinschaft mit Jesus, die den Tod mit einschließt, aber eben auch nicht im Tod endet.  „Zuflucht hinter dem Chaos“ weiterlesen

Apokalyptische Reiter

 Offenbarung 6, 1 – 8

1 Und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat, und ich hörte eines der vier Wesen sagen wie mit einer Donnerstimme: Komm!

 Es liest sich leicht so, als ob das Lamm mit dem Aufbrechen der Siegel eine Art Verlesen des Inhaltes der Buchrolle freisetzen würde. „Doch nach keiner Angabe der Offenbarung wird der Inhalt des Buchs verlesen.“(M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994, S. 34) Wir lesen also etwas, was gar nicht da steht, wenn wir so tun, als würde jetzt der Inhalt des Buches vorgeführt. „Nicht der Inhalt des Buches wird stückweise enthüllt, sondern der Seher erfährt, was der Besitz und die Verfügung über das Buch (=die Macht über die Geschichte) bedeutet bzw. bewirkt.“ (T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes, NTD 11, Göttinger 2008, S. 63) Auch die Offenbarung hält durch, was der irdische Jesus gesagt hat: „Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“(Markus 13,32) 

            Wir müssen uns also bescheiden. Das erste der sieben Siegel wird erbrochen und eines der Wesen ruft: Komm! Wem gilt dieses Komm? Dem Seher, der zum Sehen gefordert wird? Oder gilt es dem Pferd, das dann gleich erscheint? Dann wären die „Auftritte“ der Pferde und Reiter von dem Wesen in Gang gesetzt und nicht von dem Lamm. Das Lamm hätte „nur“ das Buch übernommen und das Aufbrechen der Siegel van der Schriftrolle. Ich gestehe, dass mich das nicht wirklich überzeugt. Es ist wohl doch das Lamm, das die Siegel aufbricht. Was diesem Aufbrechen folgt, ist allerdings nicht bloßer Buch-Inhalt, nicht ein Verlesen des Inhalts der Schriftrolle!  Der Gang der Weltgeschichte wird freigesetzt.

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All deiner Kinder hoher Lobgesang

Offenbarung 5, 6 – 14

 6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. 7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.

Es ist, als würde der Seher noch einmal hinschauen, genauer als zuvor. Jetzt fällt es ihm ins Auge: mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm.  Das hatte er zuvor nicht gesehen, weil er nur Augen für den Thronenden hatte, für die Wesen und die Ältesten. Jetzt sieht er das Lamm. ἀρνίον. Unsere gewohnte Übersetzung Lamm ist nicht ganz zutreffend. „Das griechische Wort benennt genauer den „kleinen Widder“. Das Bild verbindet die Schwachheit des Lammes und die Stärke des Widders.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, Texte zur Bibel 10, Neukirchen 1994, S. 32) Dieses Lamm ist kein nettes Schäfchen, irgendwie zum Kuscheln.

Dem stehen auch die Beschreibungen im Weg – wie geschlachtet,  sieben Hörner und sieben Augen. Es ist ein starkes Tier – darauf deutet die Siebenzahl hin. Und doch: wie geschlachtet. Es liegt nahe, hier den Bezug zur Passion zu sehen, auch den Bezug zu dem Wort des Täufers, das das Evangelium zitiert: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt trägt.“(Johannes 1, 29) Selbst wenn da im Griechischen für Lamm das Wort μνς steht.   

 Und weit zurückgreifend in die Geschichte Israels den Bezug herzustellen zur Passah-Erzählung, zur Nacht des Auszugs: „Während dieser Nacht wurde den Juden aufgetragen, das Passahfest zu feiern. Jede Familie nahm ein Lamm, ein fehlerloses männliches Tier, schlachtete  es und bestrich mit seinem Blut die Pfosten und die obere Schwelle der Haustür, Sie brieten und aßen das Fleisch des Lammes und bereiteten sich auf den eiligen Aufbruch vor.“ (H. Frische, Visionen, die aufblicken lassen, Neuendettelsau 2008, S. 132) Auch das wird mitschwingen aus dem Gottesknecht-Lied: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“(Jesaja 53, 7)Es ist eine eigentümliche und ungewöhnliche Sicht, die unser Denken auf Äußerste herausfordert: Hier steht in der Mitte nicht ein strahlender, unverletzlicher Sieger, sondern einer, der gezeichnet ist vom Schmerz, von den Tränen, vom Lied, der zu Tode geschunden ist. „Hier ist von einem Menschen die Rede, dessen Leidensbereitschaft mit einem Lamm verglichen wird, das man zum Schlächter führt und dessen Schweigen angesichts all des Unrechts, das man ihm antut, dem Verstummen eines Schafes vor seinem Scherer ähnlich ist.“(H. Frische, Die Botschaft von Patmos, Neukirchen 2002, S. 44)  Würdig ist der, der gelitten hat, zu Tod verletzt worden ist, nicht der Unberührte, Unbewegte, allem Leid Entzogene.  

                   Es ist gut, sich klar zu machen im Blick auf das wie geschlachtet: „Was Johannes sieht, lässt sich nur annähernd, „gleichsam wie“ beschreiben. Es überfordert die Ausdruckskraft der menschlichen Sprache, in der es mitgeteilt werden muss. Für die Lesenden hat das eine wichtige Folge: Die Bilder der Offenbarung sollen auch bei ihnen ein vielschichtiges „Gleichsam wie“ hervorrufen.“ (M. Karrer, Unfassbares entdecken, ebda.) Das ist eine Leseanweisung, die für das ganze Buch gilt. Wir sehen Bilder, die uns berühren sollen und wollen, unsere Seele wecken und keine Echtzeitreportage. Keine Dokumentation.      „All deiner Kinder hoher Lobgesang“ weiterlesen

Das Buch mit sieben Siegeln

Offenbarung 5, 1 – 5

 1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.

             Eine Buchrolle in der Hand dessen auf dem Thron. So umschreibt der Seher ehrfürchtig Gott. Genauer noch: er sieht dieses Buch in der rechten Hand des Thronenden. Hat er zuvor vermieden, irgendwie zu menschlicher Beschreibung zu greifen – jetzt tut er es. Es ist die Hand, die für die Macht steht.

Die Schriftrolle enthält nicht nur eine Urkunde, sie ist selbst eine Urkunde. „Die Schriftrolle ist eine Herrschaftsurkunde oder ein längerer Text, der zweiseitig Aussagen zur Herrschaft Gottes und Christi enthält und um der rechtlichen Geltung willen versiegelt wurde.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 443) Nicht einfach, sondern siebenfach.  Das gibt dieser Schriftrolle eine höchste Bedeutung.

Manchmal ist es so, dass Redewendungen sich verselbständigen. Aus der Schriftrolle, versiegelt mit sieben Siegeln, ist das Buch mit sieben Siegeln geworden. Etwas, das keiner versteht. Vielleicht auch, so eine geläufige Unterstellung, weil es einfach unverständliches Zeug ist. Diese Redewendung hat sich an die Offenbarung geheftet und ihr das Vorurteil eingetragen: Geheimnis, unbegreiflich – „am Ende musste das Allgemeinbewusstsein den Eindruck einer schier unendlichen Deutungsvielfalt oder umgekehrt einer Chiffre vom unverständlichen Buch der Zukunft gewinnen.“ (M. Karrer, Johannesoffenbarung, aaO. s. 448)Weil die Offenbarung Zukunft beschreibt und Zukunft eben für uns alle – den Futurologen zum Trotz – ein Buch mit sieben Siegeln  ist, hat es den Anschein: Jeder kann in dieses Buch hineinlesen, wie es ihm gefällt. Sehr zu ihrem eigenen Schaden haben die Kirchen, ob evangelisch oder katholisch, das Lesen dieses Buches zu oft Sonderlingen und Außenseitern überlassen.    „Das Buch mit sieben Siegeln“ weiterlesen

Im Himmelsthron-Saal

Offenbarung 4, 1 -11

 1 Danach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel, und die erste Stimme, die ich mit mir hatte reden hören wie eine Posaune, die sprach: Steig herauf, ich will dir zeigen, was nach diesem geschehen soll. 2 Alsbald wurde ich vom Geist ergriffen.

             Die sieben Briefe sind geschrieben. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. „Die eigentliche Vision beginnt; der Seher wird nun auf den himmlischen Schauplatz gerufen.“ (H. Lilje Das letzte Buch der Bibel, Die urchristliche Botschaft 23; Hamburg 1958, S. 103) Aber im strengen Sinn geht es hier dennoch nicht um eine Himmelsreise. Das Thema ist nicht die Entrückung des Sehers, sondern das, was er sehen wird. Ihm soll enthüllt werden, was nach diesem geschehen soll. Der ihn ruft, dessen Stimme er schon einmal wie eine Posaune (1,10) gehört hatte, der will ihm zeigen, was werden wird.  „Es spricht also  eine den Leserinnen und Lesern vertraute Stimme.“(M. Karrer, Johannesoffenbarung, EKK XXIV/1, Off. 1,1 – 5,14, Neukirchen 2017, S. 403) Vor allem aber eine dem Seher bekannte Stimme. Kein Zweifel, es ist die Stimme Jesu Christi, des Menschengleichen.

Für mich liegt es auf der Hand, dass hier Parallelen zu der Berufung des Hesekiel anklingen.  „Wie der Regenbogen steht in den Wolken, wenn es geregnet hat, so glänzte es ringsumher. So war die Herrlichkeit des HERRN anzusehen. Und als ich sie gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht und hörte einen reden. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.(Hesekiel 1, 28 – 2,2) Hier wie dort eine überwältigende Erfahrung, eine Thronschau, ein Wirken und Ergreifen des Geistes.

Es ist wohl so: erst in dem Augenblick, wo sich uns die Wirklichkeit Gottes enthüllt, wird aus Gott mehr als ein Wort. Das deutet der so karge Satz an. Alsbald wurde ich vom Geist ergriffen. Johannes ist ein  Ergriffener, ein Berührter. Was er im Nachfolgenden sehen wird, ist nicht mehr das Sehen der normalen Existenz. Es ist ein Wahrnehmungs-Raum, Seh-Raum, Erfahrungsraum, den der Geist eröffnet. Ohne dieses Ergriffensein würde Johannes nicht sehen, nichts hören.

Es ist ein Kennzeichen der Gottesblindheit unserer Zeit, dass sie von Gott redet wie  von einem Erkenntnisgegenstand unserer Weltbetrachtung. Gott ist nur ein Wort. Nicht einmal eines, das besondere Ehrfurcht wachruft. Erst in dem Moment, in dem der Geist uns die Augen öffnet, werden wir der Majestät Gottes angesichtig und es ändert sich alles.

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Laodicea ist um die Ecke

Offenbarung 3, 14 – 22

14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe:

 Zu guter Letzt das Schreiben nach Laodicea. In Jahr 60 n. Chr. war dieses Stadt durch ein Erdbeben zerstört worden und die Bürger hatten sie neu aufgebaut. Sie hatten dabei Hilfsangebote in Vertrauen auf die eigen Leistungskraft abgelehnt: Wir brauchen nichts, das schaffen wir alleine! Das bringt Anerkennung ein: Im Jahr 60/61 „half sich eine von Asiens bedeutenden Städten, Laodizea, das durch eine Erderschütterung zusammen gestürzt war, ohne Hilfe von unserer Seite, durch eigene Mittel wieder auf.“ (Tacitus, Annalen 14,27)  

Durch ihre verkehrsgünstige Lage blühte die Stadt rasch wieder auf. Sie war eine reiche Stadt, in der Handel, Banken und Wissenschaft florierten. Das Bankgeschäft hatte so guten Ruf, dass sogar Cicero die laodiceischen Banken schon empfohlen hatte. Dazu kam eine starke Leinen‑ und Wollindustrie und eine medizinische Akademie, dir einer großen Ruf hatte. Kein Wunder, dass man sagte: wir sind wer.

In diesem Ort gibt es eine große, leistungsstarke, reiche jüdische Gemeinde mit etwa 10.000 Angehörigen. Genauso  gibt es eine christliche Gemeinde, wie wir aus dem Brief nach Kolossä wissen: „Ich will euch nämlich wissen lassen, welchen Kampf ich für euch und für die in Laodizea und für alle führe.“(Kolosser 2,1) Der Apostel, der wohl dort Pionierarbeit geleistet hat, schreibt auch davon, dass er einen Brief nach Laodicea gesandt hat: „Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so sorgt dafür, dass er auch in der Gemeinde von Laodizea gelesen wird und dass ihr auch den von Laodizea lest.“(Kolosser 4,16) Worum es in dem Brief ging, wissen wir nicht.

Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:

             Der Amen. Alles ist gesagt und er, der jetzt das Wort hat, hat das letzte Wort. Mehr noch : Er ist das letzte Wort. „Christus ist vor Gott Zeuge.“ Sein Zeugnis trägt durch. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man hier den ganz großen Bogen gespannt sieht – vom Ende der Zeit zum  Anfang der Schöpfung Gottes, ρχ τς κτσεως το θεο, zum Anfang der Welt. Wieder legt sich ein Bezug zum Brief nach Kolossä nahe: Jesus Christus ist „der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.“(Kolosser 1, 16-17) Es scheint, als knüpfte die Selbstvorstellung hier sehr bewusst an diese Worte an. Das Signal, das so gegeben wird, ist deutlich: hier ist die ganze Majestät des Christus auf dem Plan. „Laodicea ist um die Ecke“ weiterlesen