Allein durch den Glauben

Galater 3, 1 – 14

1 O ihr unverständigen Galater!

       Paulus macht sich Luft. Muss sich Luft machen. Weil es ihm sonst die Luft nimmt. Allein daran ist schon zu merken, wie nahe ihm die Angelegenheit geht. Er ist betroffen, auch deshalb, weil ihm an seinen Brief-Empfänger liegt. Sie sind ihm wert – und deshalb ist er so aufgeregt und betroffen. Auch und gerade, weil sie  unverständig sind. νητος – da klingt unvernünftig, töricht mit. „Verpeilt“ übersetzt die Volxbibel. Es ist keine Schmeichelei, aber auch keine Drohung. Ich höre hier eher tiefe Sorge.

 Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? 2 Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?

             Er erinnert sie: Euch war doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte. Das ist der Anfang ihres Glaubens. Wie kann es sein, dass sie ihn aus den Augen verloren haben?  Bezaubert lese ich nicht als den Hinweis, dass Paulus mit finsteren Mächten und magischen Praktiken rechnet. Aber: „Menschliches Überreden allein kann solche Verwirrung nicht angerichtet haben.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 61) Sie sind wie bezaubert, berauscht vielleicht, und müssen schleunigst wieder nüchtern werden, erwachen.

Es ist eine große Verlockung, etwas tun zu können für das eigene Heil – bis heute. Übungen auf sich zu nehmen, praktisch zu werden, um so einen Weg gehen zu können, der das Heil garantiert. Das ist ja wohl die Verlockung: Wenn ihr das Gesetz haltet, zusätzlich zum Glauben an Jesus, dann…

Dem stellt Paulus seine Frage entgegen: Sie „müsste schon, wenn sie verständig und ehrlich beantwortet würde, alles entscheiden: Woher der Geist?“ (A. Oepke, , Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979, S. 100) Die Antwort ist klar: Durch die Predigt des Gekreuzigten, durch die Predigt des Evangeliums.

Beispiel: „Und wir sind Zeugen für alles, was er (Jesus) getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten. Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen. Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten.“ (Apostelgeschichte 10, 39-44) Das ist eine Verbindung, die im Neuen Testament geradezu zwingend gesehen wird: Wo Christus gepredigt wird, wird der Geist wirksam. Das Wirken des Geistes gehört mit dem Verkündigen des Heils und der Vergebung der Sünden unlöslich zusammen. Es ist also die eigene Erfahrung der Galater, an die Paulus sie mit seiner Frage erinnern will.

3 Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr’s denn nun im Fleisch vollenden? 4 Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war! 5 Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut er’s durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?

          Wiederνητοι. Unverständig.  Diesmal nicht als Stoßseufzer, sondern als Frage an sie. Wollt ihr wirklich so denken? Eurem Glauben so den Boden entziehen, auf dem er gewachsen ist? Paulus bleibt nicht bei der Erinnerung stehen. Das ist auch heute so: Alle Erfahrungen des Geistes, die sie machen, kommen doch aus der Predigt vom Glauben. Sie würden also rückfällig werden, wenn sie sich jetzt dem Gesetz unterwerfen. Nicht mehr dem Geist vertrauen, sondern den eigenen Möglichkeiten, dem Fleisch. Wenn das so wäre, dann wäre die ganze Glaubensgeschichte der Galater zuvor umsonst. Vergeblich. Sine causa übersetzt die Vulgata. Ohne Grund. Ohne Fundament müsste man wohl sagen. Leeres Gerede.

Mit diesem umsonst und vergeblich setzt sich Paulus auch sonst auseinander. „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“(1. Korinther 15, 14) Auch da geht es um Alles. Der Glaube ist keine halbherzige Angelegenheit. Und er muss das aushalten, dass er sich mit dem auseinandersetzt, dass er umsonst und vergeblich, leer sein könnte.

             Es ist wirklich ein schroffer Gegensatz, der nur ein Entweder-Oder zulässt. „Verstehen die paulinischen Gegner ihren gesetzlichen Weg als christliche Vollendung, so Paulus als Abfall vom Christentum.“ (J. Becker, Der Brief an die Galater, in: Die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher und Philemon, NTD 8; Göttingen 1976, S. 33) Man kann nicht, so sieht es Paulus, das Evangelium durch das Gesetz ergänzen und in Kraft setzen. Das erklärt ein wenig die Schärfe des Paulus. Für ihn steht hier alles auf dem Spiel – nicht sein „Missions-Erfolg“, sondern das Evangelium als die Botschaft vom Heil, allein aus der Güte und Gnade Gottes.

Sie stehen sich hart gegenüber – die eigenen, vorweisbaren, aufzählbaren Werke des Gesetzes – ργα νμου – und das Hören des Glaubens – κοή πστεως – „das Gerücht, die Kunde, die Erzählung.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 25) Hier die faktische Sichtbarkeit, dort das scheinbar nur flüchtige Wort. Nach Korinth wird Paulus fast zeitgleich schreiben: „Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“(2. Korinther 4, 17-18) Das ist die Frage, die bis heute steht: Auf was setzt Du dein  Vertrauen – auf die Fakten, die du schaffst oder auf das Wort, dem du Glauben schenkst, dich anvertraust?

 6 So war es mit Abraham: »Er hat Gott geglaubt und es ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden« (1. Mose 15,6). 7 Erkennt also: die aus dem Glauben sind, das sind Abrahams Kinder. 8 Die Schrift aber hat es vorausgesehen, dass Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündigte sie dem Abraham (1. Mose 12,3): »In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.« 9 So werden nun die, die aus dem Glauben sind, gesegnet mit dem gläubigen Abraham.

             Neben die Erfahrung der Galater stellt Paulus den Schriftbeweis. Darum greift er auf Abraham zurück. Auf den Erzvater, weil er in ihm den Vater des Glaubens sieht.  Dabei macht er seine Argumentation an dem einen Satz fest: »Er hat Gott geglaubt und es ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden« (1. Mose 15,6).Es geht um das Vertrauen Abrahams angesichts der Verheißung eines Sohnes. Ihm, dem Kinderlosen wird ein Nachkomme versprochen. Und nicht nur einer: „Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“ (1. Mose 15,5) Und wieder argumentiert Paulus mit der Schrift, mit dem Abrahams-Segen:   »In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.«( 1. Mose 12,3)

      Darum geht es Paulus in seinem Schriftbeweis. Die Erfahrung der Galater deckt sich mit der Erfahrung des Erzvaters. Es ist eine Argumentation, wie sie auch jüdischen Lesern einleuchten könnte, wenn sie denn unbefangen lesen. Bei ihnen ist es wie bei Abraham: „Es ist der Glaube, der sich an Gottes Verheißung hält und sich ganz seinem Wort und seinem Handeln anvertraut. Das gilt auch für die, die zur Nachkommenschaft des Abraham gehören wollen… Wer glaubt, wird in die Gemeinschaft Gottes mit Abraham aufgenommen.(W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 94)Es geht Paulus um die Lebensausrichtung, die sich in diesem Vertrauen auf das Wort zeigt. Wer so wie Abraham vertraut auf die Zusagen Gottes, der gehört zu Abrahams Kindern.

            Kein Wort von den Taten Abrahams. Kein Wort von seinem Gehorsam. Den haben die jüdischen Zeitgenossen des Paulus betont. Weil Abraham Gottes Weisungen gleich wie Geboten gehorchte, ist er gerecht. Paulus hält sich an das wortwörtliche Wort. Hier ist er – in unserem Denken – ein „Biblizist“. Er argumentiert mit dem Wortlaut.

        Damit Hand in Hand geht, wenn der Glaube zu Abrahams Kindern macht  – so muss man das wohl sagen -, die Auflösung der Dominanz einer naturgegeben Zugehörigkeit zum Gottesvolk. Die Position der jüdisch-christlichen Gegner des Paulus war klar: „Den leiblichen Nachfahren Abrahams galten Bund und Verheißung. Übertritt zum Judentum mit Beschneidung kann ausnahmsweise diese Bedingung, die den Heiden fehlt, ersetzen.“ (J. Becker, aaO. S. 35) Dem tritt Paulus entgegen. An die Stelle des Fleisches, der natürlichen Abstammung, tritt der Glauben. Nur: Paulus hat das nicht gegen Israel gewendet gesagt, sondern um die Zugehörigkeit zum Gottesvolk für die zu öffnen und zu begründen, die nach der Herkunft Heiden sind.

 10 Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben (5.Mose 27,26): »Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, dass er’s tue!« 11 Dass aber durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn »der Gerechte wird aus Glauben leben« (Habakuk 2,4). 12 Das Gesetz aber ist nicht »aus Glauben«, sondern: »der Mensch, der es tut, wird dadurch leben« (3.Mose 18,5).

             Abraham steht im Glauben und – so muss man wohl ergänzen – nicht unter dem Gesetz. Sein Handeln wird vom Glauben geführt und nicht durch die Forderung der Gesetzeserfüllung bestimmt. Das berührt sich mit der anderen Überzeugung des Paulus: Niemand kann das Gesetz erfüllen. Es ist utopisch zu glauben, dass einer das ganze Gesetz hält.

Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben;                                             da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht „einer.“        Psalm 14,3

Solche Sätze hat der schriftkundige Pharisäer Paulus sicher gelernt und im Gedächtnis. Wer durch das Gesetz leben will, der müsste es ganz erfüllen, auch das kleinste Tüpfelchen (Matthäus 5,18)

 Aber genau deshalb sieht er im Weg des Gesetzes nicht den Weg zum Leben. So wird das Gesetz zum Fluch. Durch seine Unerfüllbarkeit. Es wird zur Anklagebehörde schlechthin gegen jeden: Du bist schuldig. Du hast nicht alles gehalten. Diesem Fluch, dieser so harten Anklage begegnet Paulus, indem er seine Star-Stelle, eines seiner Lieblingsworte zitiert: Der Gerechte wird aus Glauben leben« (Habakuk 2,4).

 Man wird es sich eingestehen müssen: solche Sätze müssen die andere Partei, die Christen aus den Juden, die neben das Evangelium auch die Achtung des Gesetzes verlangen, bis aufs Blut provoziert haben. Denn ihnen wird ja unterstellt, dass sie nach wie vor den Heilsweg da suchen, wo Gott nur noch Fluch lässt. Ja, dass sie, die mit dem Gesetz leben,  aus den Werken des Gesetzes leben, unter dem Fluch sind. Schärfer kann Abstand kaum formuliert werden. Der gleiche Paulus, der den Rückzug des Petrus beklagt, der zieht sich in diesen Worten von allen zurück, die mit dem Gesetz als ihrem Wegweiser leben wollen. Auch wenn sie es nicht für den Heilsweg halten. Paulus hat – das ist hier eine Schwäche seiner Argumentation – kein Ohr, kein Verständnis für einen Umgang mit dem Gesetz, der davon ausgeht: Es ist eine gute Wegweisung Gottes, um das Miteinander zu organisieren.

 13 Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben (5.Mose 21,23): »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«, 14 damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme in Christus Jesus und wir den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben.

             Durch den Tod Jesu ist das Gesetz gegenstandslos geworden. Kein Weg mehr für uns. Kein Heilsweg mehr, weil das Heil in Jesus ist. Jesus wurde zum Fluch wurde für uns. Was für ein erschreckendes Wort. Κατρα, Fluch– das ist Gottesferne. Verworfen. Allein gelassen. Nicht mehr unter den Augen Gottes. Paulus zitiert das nie – aber hat er vielleicht doch diesen Aufschrei Christi gekannt, der in den Evangelien überliefert wird: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“(Markus 15,34) Der sein ganzes Leben in Gott gelebt hat, stirbt jetzt in die Hölle der Gottesferne hinein. Mehr Fluch geht nicht. Das Zitat aus dem Alten Testament trifft so nur die Außenseite. »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.« (5. Mose 21,23)

             Für uns. πρ μν. Das ist eine Formel, die jeder Christ und jede Christin kennt. Gegeben für uns. Vertraut aus der Feier des Abendmahles als Zusage: „Für euch“. Vertraut auch aus dem Bekenntnis des Glaubens: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen…. Er wurde für uns gekreuzigt.“(EG 805 Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel)

             Diese Aussage wird nicht wirklich begründet. Paulus setzt sie. Er setzt sie, weil er in dem Tod Jesu eine neue Heils-Setzung Gottes glaubt. Es ist ein Tun Gottes, das einen neuen Weg in Kraft setzt. Und neues Geschehen auslöst. Der Segen Abrahams kommt zu den Heiden  und die Christen empfangen den Geist Gottes. Darf ich das als sich gegenseitig auslegende Formeln lesen?

Heute mag es vielleicht besonders wichtig sein: „Das betont nachgestellte „durch den Glauben“ zeigt an, dass Fluchbefreiung und Segensausteilung keine kosmische General-Amnestie sind, sondern es möglich machen, dass der Glaubende in den Genuss der Befreiung kommt.“ (J. Becker, aaO. S. 38) Keine Segens-Gießkanne!

 

 

Herr Jesus, als der Weg meines Glaubens begonnen hat, war alles einfach und klar: Nur Du. Sonst nichts und niemand.

Aber auf dem Weg ist so vieles dazu gekommen. Ich habe gelernt. Mein Bild des Glaubens ist reicher geworden, tiefer, vielfältiger. Aber am Ende wird wieder nur eines zählen: Nur Du. Christus vor meinen Augen. Ich in den Augen Christi. Gib mir, dass ich daran festhalte in allem Lernen: Jesus Christus allein. Amen

2 Gedanken zu „Allein durch den Glauben“

  1. Zu Vers 12: Ist uns das Gesetz nicht doch Hilfe zum „geordneten Miteinander“?
    Oder ist da unter Gesetz etwas anderes gemeint als die zehn Gebote? Jesus sagte doch auch, dass vom Gesetzt nichts verloren gehen soll.

    1. Vielleicht lesen wir Paulus zu radikal. Seine Argumentation richtet sich allein gegen das Gesetz als Heilsweg. Dieses Verständnis des Gesetzes hält er für eine Sackgasse. Das Gesetz als gute Regel für das Miteinander (Luthers 3. Usus des Gesetzes) ist bei ihm hier nicht im Blick. Ich glaube auch deshalb, weil er auf die Ordnung, die Weisung Gottes als Spielregel des Lebens gewissermaßen von Anfang an erzogen ist. Das es nicht ohne Regeln im Miteinander geht, ist damals unstreitig. So zu denken, ist uns heute vorbehalten – Siehe D. Trump&Co.

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