Klärungen. Klären sie wirklich?

Galater 2, 11 – 21

11 Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. 12 Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. 13 Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.

             Scheint mit dem Apostelkonvent alles geklärt, so ergeben sich doch auch in der Folgezeit neue Konflikte. Paulus war zurückgekehrt nach Antiochia – und Petrus kam dorthin. Warum, wird nicht erklärt. Ein Kontroll-Besuch? Ein Missionsbesuch ist schwer vorstellbar, war doch die Gemeinde in Antiochia überwiegend heidenchristlich geprägt und Petrus sah seinen Auftrag in der Verkündigung den Juden gegenüber.

Mir fällt auf: Wenn es um die Vereinbarung in Jerusalem geht, redet Paulus von Petrus. Hier, in Antiochia sagt er Kephas. Steckt dahinter, dass er in „seiner“ Gemeinde  Augenhöhe beansprucht und keinen Führungsanspruch des Petrus akzeptieren will – und deshalb auch den Namen Petrus vermeidet? Jedenfalls schreibt Paulus sofort davon, wie er Auge in Auge frontal mit Kephas zusammenstößt – weil es Grund zur Klage gegen ihn gibt.

             Die Ursache des Zusammenstoßes wird nachfolgend erklärt. Anfänglich fügt Petrus sich in die Gemeinde in Antiochia ein. Es gibt kein Problem, auch nicht mit dem Essen an einem Tisch – Juden-Christen und Heiden-Christen sind im gemeinsamen Mahl beieinander, nicht einmalig, sondern wiederholt. Das hatte Petrus ja gelernt als Lektion Gottes:  „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“(Apostelgeschichte 10,34-35) Und in dieser Erkenntnis war er bei den Heiden um den Hauptmann Cornelius geblieben. Sicherlich nicht fastend. Aus dieser Erfahrung heraus geht er in Antiochia auf die Geschwister zu, auch in seinem Verhalten.

Als aber Jakobus-Leute kommen, auch hier wird nicht begründet, warum, macht Kephas einen Rückzieher. Er „separiert sich von den Heidenchristen“ (H. Brandenburg, Der Brief des Paulus an die Galater, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S. 49) Aus Furcht – sagt Paulus. Feige findet er das. Heuchlerisch. Sich selbst belügend. Diese Feigheit des Kephas steckt an. Nicht nur die anderen Juden in der Gemeinde. Sogar Barnabas, der Weggefährte des Paulus über viele Jahre hin, macht plötzlich einen auf „gesetzestreu“.

“Der Abbruch der Mahlgemeinschaft bedeutet faktisch die Preisgabe der Einheit der Gemeinde des einen Herrn Jesus Christus.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S .44) Es ist kaum zu ermessen, was das für eine Gemeinde bedeutet, wenn auf einmal mitten durch sie hindurch ein Riss geht, wenn es Rückzug der einen von den anderen gibt. Wenn es auf einmal Regeln geben soll, an die die einen sich halten und die den andern die Luft zum Atmen nehmen. Alles, was bis dahin die Gemeinde verbunden hat, wird so fundamental in Frage gestellt.

Es gilt Petrus und Barnabas gegenüber, sich nicht aufs hohe Moral-Ross zu setzen. Es ist eine große Versuchung, sich der vermeintlichen Mehrheit anzupassen. Freier zu agieren als man innerlich ist, wenn liberale Leute den Ton angeben. Enger zu sein als man ist bei denen, die das Gesetz hochhalten. Sich ja nach Bedarf auf die progressive oder konservative Seite zu schlagen. Willkommenskultur zu pflegen, wenn die Mehrheit sie will und Abgrenzung zu fordern, wenn die Mehrheit gewechselt hat. So wird man zum Fähnchen im Wind. Heuchelt. Und jedes Mal belügt und betrügt man vor allem sich selbst und verspielt die Freiheit, einfach „ich“ zu sein. Zu sagen: „Hier bin ich.- hineni Ich stehe für das ein, was ich bin und lebe und tue. Heucheln ist Freiheit-Verlust gepaart mit Identitätsverlust. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

 14 Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben? 15 Wir sind von Geburt Juden und nicht Sünder aus den Heiden.

       Deshalb stellt Paulus Kephas zur Rede. Öffentlich. Nicht unter vier Augen. Es gibt Situationen, da ist sogar diese Regel Jesu zu brechen. „Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.“(Matthäus 18,15) Aber Kephas hat ja nicht an Paulus gesündigt. Er hat die Gemeinschaft der Gemeinde aufgekündigt, indem er sich abgesondert hat. Darum bleibt nur dieser Weg der öffentlichen Klarstellung.

Die Erzählung wird zur theologischen Grundsatz-Klärung. Und wohl auch nur deshalb von Paulus im Brief erzählt. Es ist im Mund des Paulus kein Vorwurf an Kephas: Du, ein Jude, lebst heidnisch. Das ist doch die Freiheit des Evangeliums, die Kephas hier in Anspruch nimmt, die Paulus predigt. Aber genau diese Freiheit verdirbt Kephas, wenn er die Heiden zwingt, jüdisch zu leben. Wenn er ihnen Beschneidung und Speisevorschriften und Sabbat-Heiligung, und, und, und vorschreibt. Wenn er die Verabredungen des Apostel-Konventes verletzt.

Vielleicht steckt noch mehr dahinter. „Paulus spürt: In dem Rückzug des Petrus und der andere Judenchristen von den gemeinsamen Mahlzeiten mit der Feier des Herrenmahls wird  den Heidenchristen signalisiert, dass sie Christen zweiter Klasse sind.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013) Paulus spitzt zu: Sünder aus den Heiden. Und stellt damit eine Falle für die jüdischen Brüder auf durch die unausgesprochene Frage: Ist das euer Überlegenheitsgefühl?

16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.

Dabei ist es doch so – jetzt kommt Paulus mit seiner Glaubensüberzeugung: Wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus. Darin ist kein Unterschied zwischen Juden und Heiden. Das ist das Fundament seiner Theologie. Das ist der Inhalt seiner Predigt. Das hat er unermüdlich in Antiochia und Galatien, in Griechenland und Zilizien gepredigt. Der Weg zum Heil geht nicht durch das Gesetz, sondern durch den Glauben. Und damit ihn ja alle verstehen, schiebt er nach: Durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.

Und heute? Bei uns? Wir haben ja das Gesetz nicht mehr als die Leitschnur des Handelns. Hat uns der Paulus des Galater-Briefes an dieser Stelle demnach nichts mehr zu sagen? Es ist ein harter Weg zu lernen: Mein Tun steht mir manchmal im Weg. Mein Tun, meine Pflicht, beherrscht mich so sehr, dass ich darüber die Freude verliere. Ich tue nur noch. Aber da ist kein Leben mehr.

So lese ich Paulus: „Wenn Du nur noch Dein Tun bist, nur noch Deine Arbeit kennst, dann unterwirfst Du dich wieder dem Gesetz:  Ich bin, was ich aus mir mache.“ Darum habe ich in der Seelsorge jemand gesagt: „Schaffe dir einen inneren, einen heiligen Raum, in dem du nichts tust. Einfach der Leere Raum lässt.“ Weil da diese unglaubliche Neigung ist, immer zu tun, zu ackern, zu handeln. Dem Gesetz der eigenen Persönlichkeit zu folgen.

Ich habe mich ein bisschen über mich selbst verwundert mit meinem Rat. Und fühle mich doch bestätigt durch das Prophetenwort: „Es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.“ (Jesaja 35,6) Das ist die Verheißung der Leere: Gott kann und will sie füllen. Und es ist eine Einladung, sich der Gnade Gottes (2,21) anzuvertrauen.

 17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! 18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.

             Es scheint, als wehre sich Paulus gegen den Vorwurf: Du produzierst mit deiner gesetzesfreien Predigt Sünder. Ihr nehmt die Herausforderung des Lebens nach dem Willen Gottes nicht ernst. „Die Frage, die gestellt werden soll, ist wirklich diese, ob die christliche Rechtfertigungslehre den Ernst des geistig-sittlichen Gottesverhältnisses kürzt.“ (A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979, S. 93)Dagegen wehrt sich Paulus und benennt jetzt den Grund seines Widerstandes: Wer das Gesetz aufrichtet, auch als zweiten Weg neben Jesus, der zerstört das Werk Jesu. Der unterwirft sich wieder der Forderung des Gesetzes. Der muss es halten – von A – Z.

Daneben steht das andere: „Es geht um die Selbsteinschätzung, als Juden nicht Sünder wie die Heiden zu sein, sondern auf Grund des Lebens im Gesetzesgehorsam sich vor Gott als gerecht erweisen zu können.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, aaO. S. 48) Das genau glaubt Paulus nicht. Dagegen argumentiert er. Es gibt verschiedene „Spielarten“, wie Menschen Sünder sind, aber das sind nur Farbunterschiede. In der Sache bleibt Paulus hart: Alle sind Sünder und werden nicht anders gerecht, nicht anders aus der Gottesferne gelöst, als durch die Zugehörigkeit zu Christus.

 19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. 20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. 21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Von der Mitte des Glaubens her, vom Kreuz her, argumentiert Paulus. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Es ist der Tod Jesu, herbeigeführt durch das Gesetz, durch Anklagen, die sich auf das Gesetz beziehen, von dem aus Paulus denkt. Mit dem Tod Jesu – und mit seiner Auferstehung – ist das Gesetz als Heilsweg zerbrochen. Es ist der Glaube, dass Jesus sich selbst für mich dahingegeben hat, mich geliebt hat – Johannes würde ergänzen: Bis zum Äußersten – der Paulus frei macht von allen Forderungen des Gesetzes.

Und – das mag man die Mystik des Paulus nennen: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Die Existenz des Paulus ist durch den Glauben so mit Christus verbunden, dass es eine Wesenseinheit ist, ein Einverleibt-werden in Christus, so dass Paulus zwar noch äußerlich ein eigener Mensch ist, aber innerlich längst einer, der nur in Christus und durch Christus und zu Christus hin lebt. „Also gilt, dass der Glaubende als seine Identifikation nur noch den rechtfertigenden Christus kennt.“ (J. Becker, aaO. S. 31) Es ist in der Logik des Gedankenganges konsequent, dass Paulus der Gefahr des Heuchelns die eigene Identitäts-Klärung entgegenstellt. Das macht ihn aus und macht ihn frei: Christus lebt in mir. Ich bin in Christus eingesenkt, verwurzelt, untrennbar eins mit ihm.

Daran liegt Paulus: Der Glaube an Christus ist unzureichend begriffen, wenn er nur ein paar dogmatische Formeln beinhaltet, auch nur ein paar ethische Verhaltensweisen. Er ist eine unlösliche Lebensverbindung. Er macht „eins mit ihm.“ „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein.“ (Johannes 17,21)

 

Herr Jesus, Du willst unsere Freiheit, unser Vertrauen, Großzügigkeit unseres Herzens. Wir aber bleiben oft dahinter zurück. Wir werden eng, weil wir uns fürchten vor dem, was andere über uns sagen könnten. Wir weichen zurück in gewohntes Verhalten, weil wir den Fragen ausweichen wollen: Ist Dir jetzt nichts mehr heilig?

Gib es mir doch, dass ich so tief verwurzelt bin in Dir, einverleibt in Dich, dass ich die Menschenfurcht besiegen kann und Deine Freiheit leben. Amen