Leben unter Auftrag

Galater 1, 11 – 24

 11 Denn ich tue euch kund, Brüder und Schwestern, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. 12 Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.

             Jetzt erst Brüder und Schwestern. Nicht nur die bei Paulus sind das, sondern auch die, an die er schreibt. Es wirkt ein bisschen, als habe der Apostel erst nach seinen Ssrengen, harten, schnellen Sätzen gemerkt: ich habe ganz vergessen, eine Brücke zu meinen Leuten zu suchen. immerhin also: „Er schließt sich dadurch mit den Christen in Galatien zusammen. Sie sind alle Angehörige der Familie Gottes.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 31)

 Daran ändern auch die Spannungen nichts, die von der ersten Zeile an zu spüren sind.

             Es geht nicht nur um die Widerstandskraft oder den Widerspruchsgeist des Paulus. Es geht auch darum, dass das Evangelium nicht einfach Menschenmachwerk ist. Es ist ja nicht von Menschen erdacht und erfunden. Es ist anderer Art und anderer Herkunft. Es kommt aus einer Offenbarung Jesu Christi. Das kann doppelt gehört werden: Christus hat sich dem Paulus offenbart – dann geht es um die Begegnung mit dem Auferstandenen und damit wäre auf sein Damaskus-Erlebnis angespielt. Oder: Der Inhalt dessen, was Paulus predigt, geht auf eine Offenbarung zurück. Dann hat er seine Lehre „aus dem Mund Christi“ empfangen. Das Wort Offenbarung, ποκαλψις (Apokalypsis) könnte für beides stehen. Christus ist Urheber und Inhalt des Evangeliums – und beides ist er durch diese Offenbarung.

Diese Zurückweisung, dass er doch nur weitersagt, was er gelernt hat, ist deshalb erstaunlich, weil Paulus sonst genau darauf abheben kann. „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.“ (1. Korinther 15,3)  mit seiner Osterbotschaft steht er in einer Traditionskette und beruft sich ausdrücklich auf sie. Hier aber, wo ihm Lehrabhängigkeit vorgehalten wird, verweist er auf seine unmittelbare und unvermittelte Christus-Begegnung und Christus-Beziehung.

 13 Denn ihr habt ja gehört von meinem Leben früher im Judentum, wie ich über die Maßen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte 14 und übertraf im Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Volk weit und eiferte über die Maßen für die Satzungen der Väter.

             Um das zu begründen, kommt Paulus jetzt auf seinen Weg zu sprechen. Er war Jude – und hätte wohl lange gesagt: das ist auch gut so. Er hat versucht, die Existenz eines streng-gläubigen Juden zu führen. „Jüdisch zu leben“ umfasst die gesamte jüdische Lebensführung in konsequenter Toraobservanz, die gegenüber der Umwelt vor allem in der Beschneidung und dem Beachten der Speisegebote ihren offensichtlichen Ausdruck fand.“(H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 26) Leben nach dem Gesetz. Eifern für das Gesetz. Darin war er konsequenter als die meisten seiner Alters- und Volksgenossen. Sozusagen ein 100%-Jude. Ein Vorzeige-Jude. Womöglich darf man zwischen den Zeilen lesen: Was ihr nur sein wollt, das war ich!

15 Als es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, 16 dass er seinen Sohn offenbarte in mir, damit ich ihn durchs Evangelium verkündigen sollte unter den Heiden, da besprach ich mich nicht erst mit Fleisch und Blut, 17 ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte wieder zurück nach Damaskus.

             Aber dann geschieht, was von langer Hand vorbereitet war – von Gott her. Er bedient sich der Sprache der Berufungserfahrung von Propheten. „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest.“ (Jeremia 1,5) Damit ist schon klar: Dieser Ruf ist unbedingt. Unbegründet – oder allein  begründet im Willen Gottes. Hier gibt es nur gehorchen. Man kann sich der Berufung Gottes nicht entziehen.

Aber es hat lange gedauert, bis Paulus diesen Ruf vor aller Zeit in seiner Lebenszeit erfahren hat. Dazu kam es erst, als Gott seinen Sohn offenbarte in mir. „Am Tag von Damaskus aber zog Gott die Decke ab.“ (A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979, S. 60) Er enthüllte Christus vor dem Verfolger und er gab ihm seinen Auftrag. Es ist der Auftrag zur Heidenmission. Damit ich ihn durchs Evangelium verkündigen sollte unter den Heiden. Und es ist keine Frage, dass er das „kann“, der Jude aus Tarsus: „Die Kompetenz des Berufenen besteht in der ihm geschenkten Erkenntnis Christi.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 24)

             Das ist der stärkste denkbare Einspruch gegen alle Widerstände gegen die Heidenmission. Sie ist ausdrücklicher Auftrag Gottes in der Stunde der Offenbarung Christi. Vor Damaskus empfängt Paulus nicht nur seine Christus-Beziehung, sondern auch seinen Auftrag.

Eine Annäherung an diese Klarheit findet sich erst in der 3. Version der Erzählung von der Bekehrung des Paulus in der Apostelgeschichte. Da sagt der Auferstandene zu Paulus: „Ich bin Jesus, den du verfolgst; steh nun auf und stell dich auf deine Füße. Denn dazu bin ich dir erschienen, um dich zu erwählen zum Diener und zum Zeugen für das, was du von mir gesehen hast und was ich dir noch zeigen will. Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, dass sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott. So werden sie Vergebung der Sünden empfangen und das Erbteil samt denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich.“ (Apostelgeschichte 26, 15-18)  Auch hier also kommt es zur Verknüpfung von Christus-Begegnung und Beauftragung zur Verkündigung des Evangeliums unter den Heiden.

 18 Danach, drei Jahre später, kam ich hinauf nach Jerusalem, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. 19 Von den andern Aposteln aber sah ich keinen außer Jakobus, des Herrn Bruder. 20 Was ich euch aber schreibe – siehe, Gott weiß, ich lüge nicht! 21 Danach kam ich in die Länder Syrien und Zilizien.

             Erst erheblich danach, drei Jahre später, erhält Paulus den Kontakt zu den leitenden Kreisen der ersten Gemeinde-, namentlich Kephas und Jakobus, den Herrenbruder. Er ist als von seiner Verkündigung her nicht einfach ihr Lehrling. Er hat sie kennen gelernt, aber nicht das Evangelium von ihnen gelernt. Es ist nicht  von Fleisch und Blut empfangen.  Wer sollte hier nicht sofort  Jesu Worte an Petrus mithören? „Simon Petrus sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ (Matthäus 16,16-17) So wenig Petrus sein Bekenntnis von Fleisch und Blut hat, so wenig hat Paulus seine Lehre von Fleisch und Blut. Paulus braucht „keine Approbation oder apostolische Sukzession.“ (A. Oepke, aaO. S. 61)

             Schon die Stationen seiner Lebensreise nach Damaskus erweisen ihn als unabhängig von Menschen und von ihren Lehren. Arabien, Damaskus, Kurz-Aufenthalt, 15 Tage, in Jerusalem, Syrien und Zilizien. Und in Judäa kannte ihn niemand.  Daran liegt Paulus, „dass es hinsichtlich seiner eigenen biographischen Entwicklung keine mit anderen christlichen Autoritäten erklärbaren Anknüpfungspunkte und keine menschlich plausible Vorbereitung gegeben hat.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, aaO. s. 27) Alles hängt an Christus.

 22 Ich war aber unbekannt von Angesicht den christlichen Gemeinden in Judäa. 23 Sie hatten nur gehört: Der uns früher verfolgte, der predigt jetzt den Glauben, den er früher zu zerstören suchte, 24 und priesen Gott über mir.

         Er ist der große Unbekannte in den christlichen Gemeinden in Judäa. Das Einzige, was sie wissen mussten: Da hat Umkehr stattgefunden. Lebenswende. Aus dem Verfolger ist ein Prediger geworden. Aus dem Feind ein Bruder. Aus dem Zerstörer ein Aufbauer. Man mag kaum abschätzen, wie viel Entlastung für bedrängte Leute diese Botschaft ausgelöst hat in Judäa. Das zu wissen, da ist einer auf unsere Seite getreten, einer von den Bedrängern, einer mit weit reichender Macht, reichte in den Gemeinden, um Gott zu loben.

Vielleicht wird hier ein Defizit in unseren Gemeinden sichtbar: Wie steht es um die Freude, wenn einer neu „zur Gemeinde stößt“? Womöglich einer, der sich früher nichts aus dem Glauben gemacht hat, der anderweitig unterwegs war. Es muss ja nicht gleich einer sein, der durch Attacken auf die „Frommen“, die Kirchenleute auffällig gewesen ist. Kann es sin, dass wir in unseren Gemeinden gar nicht wirklich bemerken: da ist es bei einem Menschen zu Verhaltensveränderungen gekommen! Da versucht einer, aus dem Glauben an Jesus zu leben. und die Gemeinde lobt und preist Gott über diesem Lebenswandel! So geht es bei uns zu?!

 

Herr Jesus, Wir können es ja nicht lassen, von Dir zu reden, zu Dir zu rufen, das Evangelium zu sagen.

Du hast mich gerufen an einem Punkt meines Lebens, damit ich mit Dir lebe, von Dir rede, Dir diene mit meinen Gaben und meinen Fähigkeiten, meinen Schwächen und meinen Fehlern.

Du willst mich, um in meiner Um-Welt Dein Zeuge zu sein. Gib mir, Tag um Tag,  Begegnung um Begegnung, die richtigen Worte und ein offenes Herz für Deine Worte und für die Menschen, zu denen Du mich sendest. Amen