Klare Kante

Galater 1, 6 – 10

 6 Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, 7 obwohl es doch kein andres gibt. Es gibt nur  einige, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.

             Es kommt sofort und hart, was sein Anliegen ist. Was ist los? Warum wendet ihr euch ab? Von mir, der ich euch das Evangelium gebracht habe. Von dem Evangelium, das ich euch gesagt habe? Das scheint sich abzuzeichnen, dass sie sich abwenden – die Seiten wechseln. Paulus schreit im Präsens –  nicht in der Vergangenheitsform – kleines Hoffnungszeichen: „Der Abfall ist noch nicht vollzogen, Aber nach dem, was er weiß, ist der Prozess, der dazu führten kann, schon im Gange.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 24)

Der Apostel besteht darauf: Es gibt kein anderes Evangelium! Es gibt nur dieses eine Evangelium von Jesus Christus,  der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette. Wer mehr will, wer anderes will, der verlässt das Evangelium. „Paulus kämpft gegen eine verhängnisvolle Erweiterung  der Verkündigung, die er in ihrer Wirkung als Aufhebung des Evangeliums sieht. Es geht um die Versuchung, das Werk Christi, auf das der Glaube sich verlassen darf, in irgendeiner Weise ergänzen, abrunden, absichern zu wollen.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 11) 

Aber da sind andere, die anderes sagen – und nach dem Urteil des Paulus  – die Galater verwirren und das Evangelium Christi verkehren.  Mit seinen Worten euch so bald abwenden lasst stellt Paulus fest: „Die Abwendung der Gemeinde vom paulinischen Evangelium ist kein aus ihr selbst geborener Entschluss, sondern Fremdeinwirkung.“(J. Becker, Der Brief an die Galater, in: NTD 8; Göttingen 1976; S. 11) Es sind Fremde, die sie verwirren und das Evangelium Christi verkehren. Das sind in der Substanz harte Vorwürfe. Aber wenn es um den Kern des Glaubens geht, hilft nicht Weichspülen und Schönreden, sondern nur Klarheit. Es gibt, davon ist Paulus überzeugt, Situationen, in denen Konsens nicht mehr möglich ist, sondern nur das klare Nein. 

 8 Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. 9 Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.

             Ob man es denn so hart sagen muss? „Die Schärfe, mit der Paulus seine Einsichten vertrat, konnte damals manchen abstoßen, und sein Vorgehen im Einzelnen ist nicht über alle Kritik erhaben.“(K. Haacker, Aus der Freiheit leben, aaO.  S. 11)  Aber sie hat ihren Ort darin, dass es um den Kern des Glaubens geht. Und man muss wohl auch sagen: Es ist aus Sicht des Paulus nicht leichtfertig, νθεμα, anathema, der sei verflucht, zu sagen. „Eine solche Verurteilung durch eine förmlich ausgesprochene Verfluchung kennt Israel für das schlimmste Vergehen: die Abgötterei – den Abfall von Gott und die Hinwendung zu anderen Göttern.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 25)

Es steht also für Paulus mehr auf dem Spiel als nur eine andere Sichtweise des Evangeliums – es geht um alles, die letzte Wahrheit. Es ist wahr: „Toleranz im landläufigen Sinn hat der Mann, der diese Worte schreib, zweifellos nicht geübt.“ (A. Oepke, aaO. S. 52) Aber so hat er die Lage eingeschätzt: Es geht um Leben und Tod. Um ewiges Leben und ewigen Tod. Kein unverbindlicher Plausch am Kaminfeuer. Man wird es Paulus kaum nachsagen können, dass er sich bei Menschen einschmeicheln will, ihnen zu gefallen sucht und deshalb ihnen nach dem Mund redet.

Die Härte des Paulus findet ihren kirchengeschichtlichen Widerhall unter anderem in Formulierungen der Theologischen Erklärung von Barmen. „Wir verwerfen die falsche Lehre.“ heißt da in jedem einzelnen Artikel gegenüber dem, was die Umwelt, die Deutschen Christen und andere, die die Nähe des christlichen Glaubens zur NS-Doktrin suchen, als Botschaft des Evangeliums behaupten. Das klingt ein wenig sanfter, ist aber in der Sache genauso hart. Es gibt Stunden, in denen Klartext gefordert ist, ein Stehen ohne Wenn und Aber. Diese Stunde, den Kairos zu bestimmen, ist immer ein geistliches Risiko. Das auf sich zu nehmen aber nicht erspart bleibt.

Wir heute scheuen solche Härte. Zumal gegen andere. vielleicht aber darf und muss man solche Passagen auch heute anders lesen: als Aufforderung, sich über sich selbst klar zu werden. Wenn plötzlich neben die grundlose Gnade anderes tritt, dann verliere ich das Evangelium. Wenn ich nicht mehr mit leeren Händen vor Gott stehen will, sondern mit meinem bürgerlich und kirchlich untadeligen Leben vor ihm argumentieren will, verliere ich das Evangelium. Das Evangelium kann nur mit leeren Händen und demütigem Herzen empfangen werden. Die vollen Hände des autonomen Menschen kann Gott nicht füllen. sie sind ja schon voll. Der „Kampf“ um das Evangelium ist allzumal zuerst ein Kampf mit dem eigenen Ich, das sich selbst stolz behaupten will, und nicht ein Kampf gegen andere.

10 Will ich denn jetzt Menschen oder Gott überzeugen? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.

Hinter den Worten des Paulus steht eine Kritik an anderen und ihrer Sichtweise des Evangeliums. Es sind Leute aus den Juden, aber doch wohl Juden, die auch Jesus als den Messias glauben, die Galater verwirren, die reden, was die Leute hören wollen. Ihr Reden, ihre Verkündigung ist gefällig. Im Kern reden sie davon, dass der Mensch das Gesetz erfüllen muss, um vor Gott gut dazu stehen. Dabei ist Jesus ein göttlicher Helfer. Nicht mehr und nicht weniger. So lassen sie Menschen darauf hoffen, dass sie doch nicht ganz und gar auf die Gnade angewiesen sind. sie können selbst noch etwas eisteuern. Das tut dem menschlichen Ich in seinem Stolz gut.

Ausgerechnet sie werfen aber umgekehrt Paulus vor, dass er den Heiden nach dem Mund redet! Er macht den Zugang zu Gott billig. Er verrät das Judentum. „Eine Verbrüderung von Juden und Heiden, wie sie in den Gemeinden des paulinischen Missionsgebietes praktiziert wurde, war in ihren Augen Verrat an der Erwählung Israels. Die gesetzesfreie Heidenmission muss die Urkirche in diesen Jahren einem wachsenden Druck von Seiten des jüdischen Widerstandes ausgesetzt haben.“ (K. Haacker, aaO. S. 10)  Für Paulus ist an dieser Stelle Nachgeben sich zum Knecht von Menschen machen und nicht mehr Christi Knecht  sein. Das aber ist doch geradezu sein Ehrentitel!

 

Herr Jesus, schenke Du mir klare Worte, wo es nötig ist, die Wahrheit auf dem Spiel steht, das Evangelium verdreht wird, der Weg zum Heil verstellt wird.

Schenke Du mir verbindende Worte, wo Menschen Zuspruch brauchen, auf Trost angewiesen sind, sie um die eigene Sicht ringen.

Und schenke es uns, dass die Liebe zur Wahrheit nie im Gegensatz stehen muss, zur Liebe zu den Menschen. Amen