Heute leben

Prediger 11, 1 – 10

 1 Lass dein Brot über das Wasser fahren; denn du wirst es finden nach langer Zeit. 2 Teile aus unter sieben und unter acht; denn du weißt nicht, was für Unglück auf Erden kommen wird.

Einem Bild folgt das nächste Bild. „Die Mahnungen Kohelets sind unter lauter Bildern verhüllt.“(W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 240) Das ist ihr Vorzug: Bilder laden ein, sich selbst ein Urteil zu finden. Sie öffnen Denkräume und lassen Fragen zu. Sie sind nicht immer schon fertig und abgeschlossen wie Begriffe und Definitionen. Zielt die Mahnung Lass dein Brot über das Wasser fahren auf vernünftigen landwirtschaftliches Verhalten – säen in Feuchtgebiete? Die Samen anscheinend preisgeben, damit später Ernte daraus wird. Oder geht es um Handelsfragen? Darum, dass Schiffe, die weithin geschickt werden später mit reicher Fracht zurückkehren.

Auch das könnte gemeint sein – und frühere Ausleger, zumal auch jüdische, haben „die Mahnung gerne als moralische Weisung zu unbekümmerter Wohltätigkeit verstanden.“(W. Zimmerli, ebda.) Damit könnte man eine Traditionslinie sehen – über einen Propheten wie Jesaja hin zu dem Lehrer der jungen Leute in Jerusalem. „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.“(Jesaja 58,7-8)Was wäre das für eine schöne Wegweisung an junge Leute, die nach oben wollen. Wenn du wirklich hoch hinaus willst, lerne Erbarmen zu üben.

„Trag die Last, die den andern beugt,                                                 weil allein Liebe überzeugt.                                                                     Wahre Größe zeigt, wer auch dienen kann.                                         Im Namen Jesu, fang damit an!  

Weine mit, dort wo jemand weint.                                                       Freu dich mit, wo das Glück hell scheint.                                       Wahre Größe zeigt, wer ganz nah sein kann.                                        Im Namen Jesu, fang damit an!

 Teile gern, fordre nichts zurück.                                                              Bist beschenkt, Gott will ja dein Glück.                                                 Wahre Größe zeigt, wer gern geben kann.                                           Im Namen Jesu, fang damit an!

 Brich das Brot,  das uns Leben gibt.                                                  Trink den Wein, weil uns Jesus liebt.                                               Wahre Größe zeigt, wer empfangen kann.                                            Im Namen Jesu, fang damit an!“                                                                      P. Simojoki dt. G. Vorländer, CD Geh den Weg nicht allein

             Was für eine erstaunliche Nähe zu den Gedanken des Predigers.

 3 Wenn die Wolken voll sind, so geben sie Regen auf die Erde, und wenn der Baum fällt – er falle nach Süden oder Norden zu –, wohin er fällt, da bleibt er liegen. 4 Wer auf den Wind achtet, der sät nicht, und wer auf die Wolken sieht, der erntet nicht. 5 Gleichwie du nicht weißt, welchen Weg der Wind nimmt und wie die Gebeine im Mutterleibe bereitet werden, so kannst du auch Gottes Tun nicht wissen, der alles wirkt.

 Wetterbeobachtung ist gut. Aber wer nur noch das Wetter beobachtet, vergisst womöglich das alltägliche Tun. An diesem Tun des Alltags aber liegt dem Prediger. Er weiß: Es kommt, wie es kommt. Davon redet auch die kleine Geschichte unter der Frage: Warum der Schäfer jedes Wetter liebt.

 Ein Wanderer: „Wie wird das Wetter heute?” Der Schäfer: “So, wie ich es gerne habe.” “Woher wisst Ihr, dass das Wetter so sein wird, wie Ihr es liebt?” “Ich habe die Erfahrung gemacht, mein Freund, dass ich nicht immer das bekommen kann, was ich gerne möchte. Also habe ich gelernt, immer das zu mögen, was ich bekomme. Deshalb bin ich ganz sicher: das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.”(A. de Mello, Warum der Schäfer jedes Wetter liebt – Weisheitsgeschichten. Freiburg 2002, S. 187)

Das ist eine der Haupt-Botschaften des Predigers: Sich nicht abhängig machen von dem, was man sowieso nicht im Griff hat. Stattdessen: Tun, was möglich ist. Wie Gott handeln wird, lässt sich voraussagen. Obwohl: es ist kein Willkür-Gott, von dem der Prediger so denkt. sondern es ist der Gott, der uns Zeit eröffnet, Gaben schenkt, eine Welt gegeben hast, in der wir leben dürfen. Das freilich gilt es zu lernen: Gott lässt sich nicht zwingen. Er ist in seinem Geben und Nehmen frei. Er gibt nach seinem Maß. So lehrt auch Jesus, der, so denke ich, viel vom Prediger gelernt haben dürfte: „Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“(Matthäus 6,27) Vielleicht gewinnen wir ja in der Freiheit von der Sorge Anteil an der Freiheit Gottes!

 6 Am Morgen säe deinen Samen, und lass deine Hand bis zum Abend nicht ruhen; denn du weißt nicht, was geraten wird, ob dies oder das oder ob beides miteinander gut gerät.

             Konkret: „Es kann für den Menschen nur darum gehen, die gebotenen Gelegenheiten zu nützen, am Morgen zu säen und auch am Abend nicht untätig zu bleiben, ohne sich mit Erfolgsberechnungen den Kopf zu zerbrechen.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 241)Der Prediger ist kein Freund von Prognosen und Vorhersagen, die nur gängeln.

7 Es ist das Licht süß, und den Augen lieblich, die Sonne zu sehen. 8 Denn wenn ein Mensch viele Jahre lebt, so sei er fröhlich in ihnen allen und denke an die finstern Tage, dass es viele sein werden; denn alles, was kommt, ist eitel.

             So schreibt niemand, der das Leben nicht liebt. So schreibt niemand, der vom Nihilismus angekränkelt ist. Sondern so schreibt dieser Liebhaber des Lebens, der nüchtern damit rechnet, dass es auch finstere Tage gibt. Aber solange es hell ist und die Tage gut sind, muss man nicht in Schockstarre versinken vor dem, was kommen könnte. Die Freude fassen und das schwere tragen – alles zu seiner Zeit. Es ist ein starker Gedanke: „Das Leben ist schön und der Tod ist dunkel – also freue dich der Gegenwart.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, s. 204) Unermüdlich mahnt der Prediger: Lebe jetzt.

   9 So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird. 10 Lass Unmut fern sein von deinem Herzen und halte das Übel fern von deinem Leibe; denn Jugend und dunkles Haar sind eitel.

Das wirkt wie eine direkte Anrede an seine Schüler: Sie sollen sehen, was ist. Sie sollen sich von ihrem Herzen leiten lassen. Augustinus hat hier vielleicht mitgehört, wenn er sagt: „Liebe und tu, was du willst.“ Das Leben genießen. Sich am Guten freuen. Mit gutem Verstand und dankbarem Herzen. Der Prediger scheint keine Furcht davor zu haben, dass sich einer das eigentlich erbärmliche Leben, die paar Jahre, schön feiert. Sich durch Genuss betäubt und so alle trüben und alle ernüchternden Gedanken vertreibt.

Es wirkt wie ein Bremsversuch vor allzu großer Freiheit und allzu viel Genuss: wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird. Es gibt Ausleger, die diesen Satz für eine spätere Zufügung halten, weil es einem Textbearbeiter zu weit ging. Es gibt im jüdischen auch einen spannenden Auslegungsversuch: „Der Mensch wird Rechenschaft anlegen müssen über alles, was er sah und nicht genoss.“ (Th. Krüger, zit. R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21, Neukirchen 2005, S. 69)

             Die Sorglosigkeit und die Freiheit, die der Prediger hier ausdrückt, lebt davon, dass er damit rechnet, dass die Gottesfurcht einen Menschen wie von selbst nicht maßlos werden lassen wird.  Und sie nährt sich auch aus dem Wissen: Verkrampft nach dem zu suchen, dass man alles richtig macht, immer auf der Suche zu sein, nur ja nichts falsch zu machen und nichts Falsches zu machen, lässt das Leben versäumen. Man darf sich Gutes gönnen. Man darf unbeschwert sein, immer auch in dem Wissen, dass man diese guten Zeiten nicht festhalten kann.

Unser Leben währet siebzig Jahre,                                                        und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre,                             und was daran köstlich scheint,                                                               ist doch nur vergebliche Mühe;                                                           denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.      Psalm 90, 10

 Daran allerdings liegt dem Prediger auch: Trübsinn ist kein Ausweis besonderer Frömmigkeit. Schon gar nicht in den Zeiten der Jugend und des dunklen Haares. Das ist die Zeit, in der es gilt, sich der guten Gaben Gottes zu freuen, fernab voll aller Skrupelhaftigkeit, die schon das bloße Genießen deshalb für fragwürdig hält, weil es nicht für immer so sein wird.  Es ist wie ein Satz aus dem Lehrbuch der Lebensangst: „Nur die Freude, die um ihre Grenze weiß, sie respektiert und akzeptiert, kann dauerhaft sein.“ In solchen Denken ist kein Raum für Ektase, für überschäumendes Glück, für ein Sich-verlieren an einen Augenblick ohne Reue.

 

Heiliger Gott, Du hast uns diesen Tag heute gegeben, damit wir an ihm leben, unsere Arbeit tun, unser Glück genießen, unsere Sorge und unseren Schmerz tragen.. Alles heute.

Du willst nicht, dass wir uns in die Sorge vor morgen verrennen. Du willst auch nicht, dass wir den verpassten Gelegenheiten von gestern nachtrauern. Du willst uns hier und jetzt.

Löse Du mich aus der Versuchung, das Leben meistern zu lernen. Lehre mich die Demut, die sich damit begnügen kann zu tun, was jetzt getan werden kann, auch wenn es mir viel abverlangt. Amen