Demut lernen

Prediger 7, 1 – 14

 1 Ein guter Ruf ist besser als gute Salbe und der Tag des Todes besser als der Tag der Geburt. 2 Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als in ein Haus, wo man feiert; denn da zeigt sich das Ende aller Menschen, und der Lebende nehme es zu Herzen! 3 Trauern ist besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert. 4 Das Herz der Weisen ist dort, wo man trauert, aber das Herz der Toren dort, wo man sich freut.

             Es gibt einen formalen Zusammenhang zwischen den einzelnen Sätzen: Es ist besser – das macht aus den Versen „eine Aufreihung von sechs tob-Sprüchen.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 201)Es ist ein Denken in Komparativen, ein Denken, das Lebens-Situationen einander gegenüber stellt.

Wer wollte es ernsthaft bestreiten: Ein guter Ruf ist mehr und wertvoller als eine gute Kosmetik. Höher einzuschätzen als die schönen Duftmarken, die heutzutage auch von Männer genützt werden. Hinter dem Satz steht ein Wortspiel: Ruf, Name – šēm  und Öl – šěměn – klingen im Hebräischen eng aneinander. So mancher legt mehr Wert darauf, dass er gut riecht als darauf, dass er einen guten Ruf hat. Wer so denkt, ist in des Predigers Augen töricht und ziemlich oberflächlich, ein Mensch ohne Tiefgang.

Nach diesem lockeren Auftakt wird es ernst. Der Tag des Todes ist gegenüber dem Tag der Geburt der bessere Tag. Das Trauerhaus ist der bessere Aufenthaltsort. Und Trauern ist besser als Lachen. Solche Gedanken bringen den Prediger in Verruf – er sei ein Miesmacher, ein Verächter des Lebens, ein Nihilist mit einer morbiden Lebenseinstellung.  Aber damit wird man ihm nicht gerecht.

Einmal mehr mag es helfen zu verstehen: Der Prediger bereitet junge Leute, die alles haben, auf das Leben vor. Salopp gesprochen sagt er: Das Leben ist kein Ponyhof und es ist gefährlich ür die eigene Seele, wenn eine Party die andere jagt. Seriös formuliert: „Ein Gang ins Trauerhaus ist eine Konfrontation mit dem Ernst des Lebens und darum für die Lebenden das Richtige.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 146) Mir unvergesslich ist die Aussage eines jungen Mannes im Oktober 1971 in Marburg, der zur Begleitung von Schülerinnen und Schülern beauftragt wurde: „Ich will sie lehren, wie Sterben geht, damit sie leben lernen.“ Die Zuhörer*innen damals waren geschockt. Mir hat sich dieser Satz, der aus dem Prediger stammen könnte nachhaltig eingeprägt.  

Will der Prediger also eine Ansammlung von Leuten, die wie Trauerklöße sind? Das scheint mit Sicherheit nicht sein Ziel zu sein. Er will Leute, die das Leben lieben, aber es eben nicht oberflächlich zubringen als eine Aneinanderreihung von Events. Er könnte für sein Denken gut den Psalm zitieren:

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,                              auf dass wir klug werden.“               Psalm 90,12

Dieses Denken hat seine Fortsetzung gefunden im memento mori, in der Sterbekunst, die sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass sie nicht den Tod vergötzt, sondern das Leben lehrt. Es gibt keine ars vivendi, ohne die ars moriendi, keine Lebenskunst ohne Sterbenskunst. Vielleicht muss man sogar so weit gehen, dass man sagt: Die Verdrängung des Todes aus dem Bewusstsein führt zu einer Verflachung des Lebens und letztlich zu einer Verachtung des Lebens als guter Gabe Gottes.

 5 Es ist besser, das Schelten des Weisen zu hören als den Gesang der Toren. 6 Denn wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen, so ist das Lachen der Toren; auch das ist eitel.

           Es sind harsche Worte über die Toren. Über ihre Gesänge. Es geht um den Unernst, der sich in vielen lockeren Sprüchen zeigt. Es gibt Menschen, die witzig ohne Ende sind, aber eben auch ohne Tiefgang. Wobei Tiefgang nicht automatisch mit „todernst“ in eins gesetzt werden darf. Ich gestehe mir, dass für mich das Treiben der Comedy-Welt hinter diesen Worten mit aufscheint. Und dass mich manchmal der Gedanke beschleicht: je ernster die Weltlage oder die Lage des Landes ist, umso mehr Comedy wird uns dargeboten – als Opium für das Volk. Hauptsache Lachen. „Wir amüsieren uns zu Tode.“(N. Postman) Alles Windhauch. Das ist das Urteil des Predigers über die ganze Unterhaltungsbranche.

 7 Unrechter Gewinn macht den Weisen zum Toren, und Bestechung verdirbt das Herz.

             Der Prediger ist ein Moralist. einer, der die Dinge beim Namen nennt. Gewinn – jĭtrōn ist nicht grundsätzlich vom Übel, wohl aber unrechter Gewinn. Der Prediger würde nicht zustimmen: pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Für ihn steht es außer Zweifel. Dem Geld aus faulen Geschäften haftet ein übler Geruch an. Und die angeblich nötige, weil von allen zum eigenen Vorteil geübte Korruption korrumpiert das Herz, gleichgültig, ob sie den Kontostand erhöht.

Es ist der scharfe Blick auf den Menschen, der ihn so denken lässt: Unrecht und Korruption sind nichts, was äußerlich bleibt. Nichts, was nur der Situation geschuldet ist. Das scheinbar äußerliche Verhalten der Bestechlichkeit verwandelt das Innere, verdirbt das Herz, lässt es regelrecht erkalten, erstarren, entfremdet es der Wahrheit. Es macht aus Weisen Toren. So redet der Prediger – einer, der gewiss zur Führungsschicht Jerusalems gehört und sich mit den Gepflogenheiten der feinen Gesellschaft auskennt. Er möchte die jungen Leute, die er lehrt, vor dieser Schein-Welt bewahren.

 8 Der Ausgang einer Sache ist besser als ihr Anfang. Ein Geduldiger ist besser als ein Hochmütiger. 9 Sei nicht schnell, dich zu ärgern; denn Ärger ruht im Herzen des Toren.

             Die deutsche Redensart ist ähnlich unterwegs: Hinterher ist man immer klüger. Darum ist auch Geduld angesagt. Wer immer eilig ist, wird sich oft verrennen. Wer meint, alles im Griff zu haben, alles zu verstehen, keinen Rat mehr zu brauchen, weil er seinem Bauchgefühl vertraut, der läuft in die Falle des Hochmuts. Es sind erschreckende Sätze: „Ich traue nicht auf meine Berater, sondern auf mein Bauchgefühl.“ Statt vernünftigen Rat Emotion, GefühlFast jeder wird zustimmen in der Warnung vor dem allzu raschen Ärger.

Insgesamt gilt für diese Passage in meinen Augen: Hier lehrt der Prediger Lebensweisheiten wie aus dem Lehrbuch. „Wer die Wahrheit ergründen will, braucht einen langen Atem.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 113) Es sind wieder Worte, die sich gegen einen leichtfertigen Lebensstil richten, die einer Besonnenheit und Ernsthaftigkeit das Wort reden, die ihre letzte Begründung im Wissen um die Endlichkeit des Lebens hat. „Besser, die letzte Niederlage, den Tod, klar vor Augen haben  – dann steht das Leben in der Wahrheit.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 205)

10 Sprich nicht: Wie kommt’s, dass die früheren Tage besser waren als diese? Denn du fragst das nicht in Weisheit.

             Wie wahr. Meine lebenskluge Mutter pflegte zu sagen: „Das Gute an den früheren Zeiten, die angeblich die besseren Tage waren, ist: Damals waren wir jung.“ Mehr nicht. Ich ahne, dass der Prediger ihr Recht geben wird, wenn sie sich in den Himmeln treffen.

 11 Weisheit ist gut mit einem Erbteil und hilft denen, die die Sonne sehen. 12 Denn wie Geld beschirmt, so beschirmt auch Weisheit; Wissen aber gewinnt Weisheit, und sie gibt Leben dem, der sie hat.

             Es ist verblüffend: der gleiche Mann, der auch die Weisheit als eitel, als Windhauch benannt hat, wenn es um das ganze es Lebens geht, um den Sinn und Reichtum als eine Art Leergut, der soll jetzt sagen: Weisheit ist gut mit einem Erbteil. Übersetzt ins Alltägliche hieße das: Wenn einer Geld hat, kann er sich auch Weisheiten leisten. Und das soll der Prediger sagen?

Es gibt den Vorschlag einer anderen Übersetzung: „Besser ist Weisheit als wenn jemand Erbgut besitzt.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 137) Das klingt ganz anders. Geld macht nicht klug – und schon gar nicht weise. Das leuchtet – mir zumindest – unmittelbar ein.

Aber es gibt auch noch eine andere Möglichkeit. Wie Geld beschirmt, so beschirmt auch Weisheit.  Das wirkt wie blanke Ironie, die allerdings zum bisherigen Argumentationsmuster des Predigers passt. Er glaubt nicht daran, dass das Geld das Leben sichert und er glaubt auch nicht daran, dass die Weisheit am Ende des Lebens und vor dem Ende des Lebens beschirmt. „Wie stirbt doch der Weise samt dem Toren!“(2,16)  Von daher ist diese Gleichsetzung des Beschirmens durch Weisheit und Erbgut zu verstehen: „Die einfache Gleichstellung beider Größen wehrt jeder pathetischen Rühmung der Weisheit. Das eine ist doch in letzter Sicht für den Menschen nicht viel erheblicher als das andere.“ (W. Zimmerli, aaO. s. 207) Sie müssen alle davon – Weise und Toren, Arme und Reiche.

13 Sieh an die Werke Gottes; denn wer kann das gerade machen, was er krümmt? 14 Am guten Tage sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: Diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.

Am Ende wird der große Skeptiker „fromm“. Ist es das? Es ist ein Appell, sich in die Werke Gottes zu fügen, sich der eigenen Begrenztheit bewusst zu werden. Wir finden mit unseren menschlichen Künsten, Plänen, Vorhaben eine unüberwindbare Grenze in seinem Werk. Das ist Weisheit im Sinne des Predigers: Sich abfinden mit dem, wie Gott die Welt geordnet hat. Sich einfinden in den Weg, den er dem Leben zugeordnet hat. Sich arrangieren mit den guten Tagen und sich nicht entmutigen lassen in den bösen Tagen. Beide sind Zeit aus Gottes Händen.  „Dieses Hinnehmen im einzelnen Tag ist das dem Menschen allein Mögliche, weil Gott dem Menschen sein „Nachher“ verschlossen hat.“ (W. Zimmerli, aaO. S. 208) Oder anders gesagt: „Die Zukunft ist sein Land.“(K. P. Hertzsch, 1989, EG 395) Es ist ein Gebet, wie es dem Prediger wohl gefallen könnte.

„Herr! schicke, was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, dass Beides
Aus Deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.“          E. Mörike, 1867

 

Heiliger Gott, es ist nicht so leicht, aus Deinen Händen zu nehmen, was Du schickst – Leben und Sterben, Glück und Leid, Schmerz und Freude. Selbst wenn alles aus Deinen Händen kommt – es ist hart.

Das sollen wir lernen: alltäglich unsere Zeit zu nehmen wie sie ist, die Tage und Jahre, wenn sie uns vergönnt sind, zu gestalten, wie wir es vermögen. Aber nicht so zu tun, als wären wir es, die unserem ganzen Leben perfekt Gelingen schaffen, als würden wir die Ewigkeit erobern, als wären alle Fragen des Lebens beantwortet, wen wir uns unseren Reim darauf gemacht haben.

Diese Demut lehre uns. Amen