Alle gehen den gleichen Weg zum Ende

Prediger 6, 1 – 12

 1 Es ist ein Unglück, das ich sah unter der Sonne, und es liegt schwer auf den Menschen: 2 Da ist einer, dem Gott Reichtum, Güter und Ehre gegeben hat, und es mangelt ihm nichts, was sein Herz begehrt; aber Gott gibt ihm doch nicht Macht, es zu genießen, sondern ein Fremder verzehrt es. Das ist auch eitel und ein schlimmes Leiden.

             Das gibt es: Menschen sind steinreich und dennoch arm dran. Menschen haben alles – Gott hat sie mit Gutem geradezu überschüttet. Mit Reichtum, Gütern und Ehre. Instinktiv denkt man an einen Hiob – angesehen, als ein Mann nach dem Willen und wohlgefallen Gottes geachtet. „Es handelt sich um den Idealfall, den viele Menschen herbeiträumen: Alles haben zu können, was das Herz begehrt.“(C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 99)Und doch ist da ein Aber in diesem Reichtum, ein Stachel im Fleisch. der es ihm unmöglich macht, sein Glück zu genießen. Diese Unmöglichkeit wird nicht in einem Fehlverhalten begründet – sie hat ihren tiefsten Grund darin, dass Gott ihm die Macht dazu verweigert. Das liegt auf ihm wie eine Sperre, stärker gesagt: wie ein Fluch.

 Hier trennt sich der geschilderte Fall von Hiob. Es sind nicht die vielen Unglücksschläge, die die Sippe treffen. Es kommt einer, ein Fremder, der sein Hab und Gut an sich nimmt und es verzehrt. Man muss in den Fremden nichts hinein geheimnissen – er „ist hier einfach der, dem der Besitz ohne eigene Beteiligung und Arbeit zufällt.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 133) Was der eigentlich reich Beschenkte nicht kann – die Gaben Gottes genießen, das vollzieht der Fremde. Warum dieser Fremde zu solchem Genießen befähigt ist, auch berechtigt ist, wird nicht erörtert.

Aber – so leben zu müssen – das ist eitel und ein schlimmes Leiden. Die Weichenstellung am Schluss macht den ganzen Weg zuvor bitter. Vielleicht ist es weit her geholt – aber die Schilderung Jesu vom reichen Mann und armen Lazarus könnte hier angeregt sein, muss der Reiche doch am Ende sehen, dass Lazarus genießt, was er sich erträumt hatte und ihm ist dieser Genuss verwehrt – für immer.

 3 Wenn einer auch hundert Kinder zeugte und hätte ein so langes Leben, dass er sehr alt würde, aber sein Herz sättigte sich nicht mit Gutem und er bliebe ohne Grab, von dem sage ich: Eine Fehlgeburt hat es besser als er. 4 Denn sie kommt ohne Leben, und in Finsternis fährt sie dahin, und ihr Name bleibt von Finsternis bedeckt, 5 auch hat sie die Sonne nicht gesehen noch gekannt; so hat sie mehr Ruhe als jener.

             Es wirkt wie eine weitere Steigerung des Unglücks. Da hat einer hundert Kinder, ein lange Leben  – aber das war es dann auch. „Dennoch ist ein solches Leben nur dann im Sinne Kohelets als Glück zu werten, wenn der Mensch sein Herz am Guten gelabt hat.“ (H.W. Hertzberg, ebda.) Erst recht, wenn er keine Grabstätte erhält. Anonyme Bestattung ist nicht im Sinne des Predigers. Wo das Grab und damit der Name des Begrabenen ins Vergessen gerät, da wird das Leben „vernichtet“. So jemand stirbt nicht alt und lebenssatt. 

Es kommt eine Steigerung: da ist jede Fehlgeburt besser dran. Weil sie weder den Schmerz des Lebens zu tragen hatte noch die unerfüllte Sehnsucht kennen gelernt hat und die Leere eines solchen Endes nicht schmecken muss. Im Volksmund heißt das: Wer weiß, was ihr alles erspart geblieben ist.

 

6 Und ob er auch zweitausend Jahre lebte und hätte nichts Gutes genossen: fährt nicht alles dahin an einen Ort?

             Schließlich: selbst wenn einer zweitausend Jahre lebte – was wäre das für ein Leben, wenn ihm der Genuss verwehrt bliebe. Wenn Gott ihn den Weg zu einer frohen und dankbaren Leben nicht finden ließe. Die bloße Dauer des Lebens ist noch kein wirkliches Glück. Sie kann sogar das Leben schal werden lassen.

Es ist ein leicht schräger Zwischenruf: „Inwiefern ist der Tod erfreulich? Da wäre zunächst Plato zu nennen, der nichts entsetzlicher fand als das unendliche Leben. Denn in einem solchen Leben wäre alles ausnahmslos völlig gleichgültig. Wenn ich einen Menschen jetzt beleidige, wäre s gleichgültig, denn in fünfhundert Jahren würde ich mich gewiss wieder mit ihm versöhnen. Wenn ich einen Menschen jetzt erfreue, wäre es ebenso gleichgültig, denn in tausend Jahren würde ich ihn gewiss wieder betrüben. Alles wäre gleichgültig und belanglos.“ (M. Lütz, Lebenslust, München 2002, S. 147) Der Prediger könnte zustimmen: die bloße Dauer macht noch kein gutes Leben. Dazu braucht es anderes.

7 Alles Mühen des Menschen ist für seinen Mund, aber sein Verlangen bleibt ungestillt. 8 Denn was hat ein Weiser dem Toren voraus? Was hilft’s dem Armen, dass er versteht, unter den Lebenden zu wandeln? 9 Es ist besser, zu gebrauchen, was vor Augen ist, als nach anderem zu verlangen. Das ist auch eitel und Haschen nach Wind.

Es wirkt wie eine erste Zusammenfassung aus den vorangegangenen Beispielen: es geht nicht um arm oder reich, um langes oder kurzes Leben. Der Prediger spitzt zu: „Das Mühen an sich ist eitel, weil nichts dabei herauskommt.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 134) Das Verlangen bleibt ungestillt. Hier steht das Wort næfæsh, das in seiner Grundbedeutung die menschliche Kehle, meint, die Gurgel, durch die wir atmen. Es geht also um ein Grundelement des Lebens in diesem Verlangen. Und davon sagt der Prediger: es gibt keine Mühe, die es stillen kann.

Der Lebenshunger wird nicht so gestillt, dass man alles hat, alles kann, alles erreicht. Dass man sich nichts gönnt und rastlos auf Achse ist. Wenn es um den Lebenshunger geht und die Weise, wie er gestillt werden kann – da ist kein Unterschied zwischen Toren und Weisen, Armen und Reichen.

Es ist keine Antwort, die einen zufrieden stellen kann: besser, zu gebrauchen, was vor Augen ist, als nach anderem zu verlangen. Das klingt wie Ausflucht, wie ausweichen. Weil der Prediger doch weiß: auch darin erfüllt sich das Leben nicht.

Jahrhunderte Später tritt ein anderer Prediger auf. Und er sagt im Gespräch mit einer Frau, deren Lebensdurst er erkennt: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“(Johannes 4, 13-14)  

10 Was da ist, ist längst mit Namen genannt, und bestimmt ist, was ein Mensch sein wird. Darum kann er nicht hadern mit dem, der ihm zu mächtig ist. 11 Denn je mehr Worte, desto mehr Eitelkeit; was hat der Mensch davon?

             Es gehört zu den Grundgedanken des Predigers: es gibt eine Ordnung in allen Dingen, die aus Gott ist. „Wie selbstverständlich geht Kohelet von einer Vorsehung, ja einer Vorherbestimmung alles Lebens durch Gott aus.“(C-D. Stoll, aaO. S. 104) Praktisch festgemacht durch die Namen, mit denen alles genannt ist.  Es gehört zur Auszeichnung des Menschen durch Gott: „Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.“(1. Mose 2, 19-20)  daraus zieht der Prediger Schlussfolgerungen: „So wie der erste Mensch die Tiere mit Namen zu versehen hatte, so ist für jedes Wesen von Gott der Name festgelegt.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 144) Und mit dem Namen auch der Weg des Lebens.

Damit ist für unser Denken die Frage unlösbar verbunden: Was ist dann mit der Freiheit des Menschen, seine Wege zu wählen? Was ist dann noch Verantwortlichkeit, wenn alles zuvor gefügt und bestimmt ist? Das sind unsere Fragen, nicht die des Predigers. Ihn beschäftigt ein ganz anderes Thema – nämlich die Freiheit Gottes. Er buchstabiert hier die Erkenntnis der alleinigen Macht Gottes und der Nichtigkeit des Menschen. Gott ist Gott und keiner kann mit ihm hadern und handeln. Wir sind nicht auf Augenhöhe mit Gott, nicht in der Position, ihm gleichwertig gegenüber zu treten.

Dem Prediger geht es darum, „dass der Mensch lernt, sich in seinen Möglichkeiten und Grenzen vor Gott zu sehen, zu bejahen und zufrieden zu geben.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 104) Das führt, wie das ganze Buch zeigt, keineswegs zu Ergebenheit, auch nicht in Resignation. Das macht ihn auch nicht unkritisch gegenüber den Zeitumständen. Der Prediger ist ein scharfsinniger und weitblickender Zeit-Analytiker! Aber er markiert sehr scharf eben auch die Grenzen des Machbaren. Und weiß, dass es mit vielen Worten nicht getan ist. Man kann sich auch in seiner Beredsamkeit und Wortgewalt einigermaßen eitel sonnen. Was für ein wichtiger Hinweis für alle Mundwerker.

12 Denn wer weiß, was dem Menschen nützlich ist im Leben, in seinen kurzen, eitlen Tagen, die er verbringt wie einen Schatten? Oder wer will dem Menschen sagen, was nach ihm kommen wird unter der Sonne?

Noch einmal sein großes Thema: Zum Menschen gehört die beschränkte Einsichtsfähigkeit. wir haben nicht den Überblick über alles. Wir haben nicht den Durchblick durch alles. Wir vermögen nicht, über den Tag hinaus zu sehen, was werden wird, allen Prognosen und aller Futurologie zum Trotz.  Es ist ein Einspruch, der heute vielleicht wichtiger ist denn je. Wie oft sollen wir uns an Szenarien ausliefern, die die Welt von 2035 oder gar 2050 beschreiben, die Prognosen abgeben, was werden wird. Solche Zukunftsbilder fußen auf statistischen Werten und sie niemals geeignet, das individuelle Leben zu erfassen.  Sie können dem Menschen nicht sagen, was nach ihm kommen wird. Angesagt ist – für den Prediger – Demut, wenn es um Vorhersagen geht – ob es das Wetter, die Finanzwelt oder das individuellen Leben angeht.

 

Heiliger Gott, aus Deinen Händen kommt unsere Lebenszeit. Reich bemessen bei den einen, kurz bei anderen. In Deine Hände werden wir sie zurückgeben, ob es Jahre in Fülle waren oder Jahre, die Mangel erfahren haben. Es ist Deine Gabe.

Gib uns, dass wir unsere Jahre dankbar empfangen, dass wir die Fülle erkennen, die Du gibst und in der Kargheit der Jahre auch Deine Güte glauben.

Gib Du uns die Demut, die Dir leere Hände hinhält. Was Du gibst, genügt. Amen