Geld sättigt nicht

Prediger 5, 9 – 19

 9 Wer Geld liebt, wird vom Geld niemals satt, und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben. Das ist auch eitel. 10 Mehrt sich das Gut, so mehren sich, die es verzehren; und was hat sein Besitzer davon als das Nachsehen?

             Man könnte auf die Idee kommen, Dagobert Duck hat für diese Worte Pate gestanden. Der Enterich, der in seinem Geld badet und immerzu Angst hat vor der Panzerknacker-Bande. Ohne Augenzwinkern: hier wird ein Profil von Reichen gezeichnet, wie es bis heute weltweit und kulturübergreifend gültig ist. „Wer Geld, überhaupt Reichtum liebt, ist daran zu erkennen, dass er nie genug davon kriegen kann.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993. S. 94) Gilt das nur für die Kapitalisten, die Reichen, die Super-Reichen, deren Reichtum wie von selbst wächst, selbst wenn sie sich bemühen, ihr Geld mit beiden Händen zum Fenster heraus zu werfen?

Ich neige der Sicht zu, die sagt, dies ist „die Feststellung eines menschlichen Wesenszuges, der nicht nur ein paar missratenen, allenfalls durch Erziehung zu heilenden Vertretern der Gattung Mensch zu eigen ist, sondern der ohne alle moralische Hochnäsigkeit als Rätsel des Menschen überhaupt konstatiert werden muss.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 192)Es gibt eine Gier, die den Hals nicht voll kriegen kann, unabhängig von sozialem Status und Besitzstand. Das eigentlich Beängstigende: diese Gier wird heute nicht mehr als Todsünde gegeißelt, sondern als Grundzug des Menschen und Treibstoff kapitalistischen Denkens regelrecht gefeiert – zumindest, solange sie regelkonform handelt.

11 Wer arbeitet, dem ist der Schlaf süß, er habe wenig oder viel gegessen; aber die Fülle lässt den Reichen nicht schlafen. 12 Es ist ein böses Übel, das ich sah unter der Sonne: Reichtum, wohl verwahrt, wird zum Schaden dem, der ihn hat. 13 Denn dieser Reichtum geht durch ein böses Geschick verloren.

             Es klingt wie Ironie: wer hart arbeitet, schläft gut. Es ist der süße Schlaf der Erschöpften, der manchmal auch mit hungrigem Magen doch gleichwohl tief und fest schlafen lässt. Dem gegenüber sind die Reichen arm dran – sagt der Prediger. Sie finden keine Ruhe, weil ihr Reichtum sie innerlich nicht ruhen lässt. Immerzu hält die Angst vor Verlusten wach.  Reichtum kann verloren gehen – auch unter der Sonne. Sind hier Enteignungen durch die ptolemäische Willkür im Blick? Es steht nicht da.

Nur das wird vermerkt, wie der Reichtum den Schlaf raubt, keine Gelassenheit aufkommen lässt, wie er zum Übel werden kann: allein schon die Angst vor dem möglichen Verlust stürzt in Trübsal. Vielleicht darf man auch das denken: eine der fatalen Folgen des Reichtums ist, dass er einsam machen kann. Man verkehrt nur noch unter Seinesgleichen, sitzt im goldenen Käfig und begegnet keinem normalen Menschen mehr. Das eigene Haus wird – dank Einbruch-Sicherung zum Hoch-Sicherheits-Trakt. Die Seele leidet, auch wenn der Kontostand wächst und in schwindelerregende Höhen steigt

Und wer einen Sohn gezeugt hat, dem bleibt nichts in der Hand. 14 Wie einer nackt von seiner Mutter Leib gekommen ist, so fährt er wieder dahin, wie er gekommen ist, und nichts behält er von seiner Arbeit, das er mit sich nähme. 15 Das ist ein böses Übel, dass er dahinfährt, wie er gekommen ist. Und was gewinnt er dadurch, dass er in den Wind gearbeitet hat? 16 Sein Leben lang hat er im Finstern gegessen, in großem Grämen und Krankheit und Verdruss.

             „Der Fall wird besonders tragisch, wenn nun der Sohn mit dem Nichts dasteht; so wird der wohlbehütete Reichtum nicht nur dem Besitzer, sondern auch noch der kommenden Generation zum Schaden.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 131)Gedacht ist wohl der Fall, dass der ursprüngliche reiche Vater stirbt und dem Sohn, der sich aufs Erbe verlassen wollte, nichts hinterlässt. Seine ganze Arbeit ist ins Leere gelaufen. Er hat sich nichts gegönnt und dem Sohn nichts hinterlassen.

Darin ist der Reiche dann doch dem Armen gleichgestellt. Was für ein Ertrag für ein Leben, das aus Sorge und Mühe, aus Rechnen und Kalkulieren, aus Zittern und Bangen um  das eigene Geld und das Erarbeiten eines opulenten Erbes bestanden hat. Das von Grämen und Krankheit und Verdruss geprägt worden ist. Am Ende bleibt nur das harte Urteil,  dass er in den Wind gearbeitet hat.

Der Blick des Predigers ist in diesen Worten nicht nur auf die Reichen gerichtet. Das Todesgeschick ist ja allen gleich. Und den Gedanken ans Sterben als den großen Ausgleich aller Unterschiede denkt der Lehrer hier nicht zum ersten Mal. Es kann gut sein, dass hinter dem Dreiklang Grämen und Krankheit und Verdruss die Erinnerung an das Fluchwort nach dem Sündenfall steht: „Mit Mühsal sollst du dich vom Acker nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“(1. Mose 3, 17-19)

17 Siehe, was ich Gutes gesehen habe: dass es fein sei, wenn man isst und trinkt und guten Mutes ist bei allem Mühen, das einer sich macht unter der Sonne sein Leben lang, das Gott ihm gibt; denn das ist sein Teil. 18 Denn wenn Gott einem Menschen Reichtum und Güter gibt und lässt ihn davon essen und trinken und sein Teil nehmen und fröhlich sein bei seinem Mühen, so ist das eine Gottesgabe. 19 Denn er denkt nicht viel an die Kürze seines Lebens, weil Gott sein Herz erfreut.

            Diesen so frustrierenden Gedanken stellt er nun die andere Lebensmöglichkeit entgegen. Ein Leben, das sich genügen lässt. ein Leben in Dankbarkeit und Zufriedenheit. ein Leben, das sich willig auch der Mühsal des Lebens stellt.

´“Wir woll´n uns gerne wagen,                                                                  in unsern Tagen der Ruhe abzusagen,
die´s Tun vergisst.
Wir wolln nach Arbeit fragen,
wo welche ist,
nicht an dem Amt verzagen,
uns fröhlich plagen
und unsre Steine tragen aufs Baugerüst.“                                                                        N. L. Graf Zinzendorf 1736, EG 254

             Mühe ist nicht nur Last. Sie ist auch Glück. Wer Kraft genug hat, sich zu mühen, ist gut dran. Und wenn dann einer auch noch fröhlich sein bei seinem Mühen, dann ist das wahrhaftig eine Gottesgabe. „Ganz stark wird hier das „Genieße, was dir Gott beschieden“ als ein Lebensgrundsatz hingestellt. Auf eine solche Weise ist der Mensch die Sorgen los und braucht sich nicht um Morgen zu kümmern.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 132) Es ist eine Lebenskunst, die darauf beruht, das Heute es Lebens anzunehmen und das morgen in den Händen Gottes zu lassen.

Es ist ja durchaus auffällig, dass der Prediger, der so wenig zu einer frömmelnden Sprache neigt, hier diese Sorglosigkeit darin begründet: weil Gott sein Herz erfreut. Weil Gott seine Personmitte – das Herz – erfüllt. „Die Freude am HERRN ist eure Stärke.“(Nehemia 8,10) Ob der Prediger dieses Wort kennt und auf seine Weise bejaht? Die Freude am Herrn – das ist ja viel mehr als: Gott gibt es – so wie es DAX und Dollar, Reichtum und Armut, Gesundheit und Krankheit gibt.  Die Freude am Herrn, das von Gott erfreute Herz kann sich in ihn bergen, an ihm trösten, in ihm Kraft gewinnen. Es freut sich an ihm.

 

Heiliger Gott, bewahre unsere Herzen davor, dass wir sie ans Geld hängen, dass wir die Sicherheit unseres Lebens darin suchen, viel zu haben, noch mehr zu kriegen. Bewahre unsere Herzen davor, dass uns der Blick auf den Konto-Stand zum Blick darauf wird, welche Qualität unser Leben hat.

Gib Du, dass die Freude an Dir uns trägt, dass sie uns frei macht, andere Freuden zu genießen, jeden Tag neu uns zu mühen, und in aller Mühe zu wissen und zu glauben: Unser Leben ist Dein Geschenk. Amen