Sparsam mit Worten

Prediger 4, 17 – 5,8

 17 Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörst. Das ist besser, als wenn die Toren Opfer bringen; denn sie wissen nichts als Böses zu tun.

             Das ist eine Konsequenz aus allem zuvor Gesagten: Keine Hektik. Kein aufgeregtes Hin und Her. Es ist eine direkte Anrede. Auffällig in einem Buch, das sonst eher von allgemeinem Nachdenken geprägt ist. Wenn einer schon zum Haus Gottes geht, dann nicht mit vorgefertigter Absicht: Ich bringe mein Opfer dar – gut ist`s.  Dann ist alles getan. Sondern es geht um bedachtes Kommen, um „einen Rat zur Vorsicht und Zurückhaltung.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 121) Nicht zuletzt: es geht um Offenheit zu hören. Um ein Hören, dass sich Gottes Wegweisung zum Guten  gefallen lässt. Das legt sich nahe, weil der Satz über die Toren folgt, die nichts wissen als Böses zu tun. Auch, weil es in den Schriften immer wieder die Aufforderung gibt, Gutes zu tun.  Ein Beispiel für viele andere: „Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag.“(Sprüche 3,27)

 1 Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum lass deiner Worte wenig sein. 2 Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume, und wo viel Worte sind, da hört man den Toren.

             Sparsam mit Worten – vor Gott. Nicht, wie man leicht lesen könnte: über Gott. Dann wäre es ja nur eine Warnung an die, die gewissermaßen von Berufs wegen über Gott zu sprechen haben. Es ist ihre Gefahr, dass sie viele Worte über Gott machen, sich aufführten, als wüssten sie alle Geheimnisse Gottes. Aber keiner von uns ist ein Geheimrat im Rat Gottes, der alle seine Gedanken weiß. Noch einmal: Wir, die Tempelleute und die Prof-Christen sind hier so nicht angesprochen. Hier sind vielmehr alle im Blick, die mit irgendeinem Anliegen den Weg zu Gott suchen und sich seiner Hilfe vergewissern möchten.

Es mag sein, Jesus nimmt diese Worte auf:  „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“(Matthäus 6, 7 -8)  Wortflut ist nicht gefragt, wenn es um Gebet geht. „Beten ist kein Geschwätz.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993. S. 90) Wir müssen durch unsere Worte keine Leiter in den Himmel errichten.

            Die Begründung lässt aufhorchen. Die Zurückhaltung im den Worten ist angesagt durch den Abstand zwischen Himmel und Erde. Es ist ein Gebot der Ehrfurcht, diesen Abstand nicht plappernd überspringen zu wollen. Eindrücklich ist das aufgenommen im folgenden Satz: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen, und eben damit Gott die Ehre geben.“ (K. Barth: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922) Weniger ist mehr. Gott hört – auch den stummen Schrei der Seele.

3 Wenn du Gott ein Gelübde tust, so zögere nicht, es zu halten; denn er hat kein Gefallen an den Toren; was du gelobst, das halte. 4 Es ist besser, du gelobst nichts, als dass du nicht hältst, was du gelobst.

             Keine Versprechungen. Was Menschen gegenüber gilt, gilt erst recht Gott gegenüber. Wenn etwas versprochen ist, muss es auch gehalten werden. pacta sunt servanda. Vertrage sind wie Versprechen. Versprechen verpflichten. Sie binden. Darum gilt es vorher zu überlegen: Was verspreche ich? Kann ich es auch einlösen? Halten. Es ist eine bemerkenswerte Freiheit, die sich hier zu Wort meldet: es gibt keine Pflicht zu irgendwelchen Gelübde. Ein bisschen ist es typisch für den Prediger: „Es sind nicht Mahnungen, sondern Warnungen; es geht nicht um ein bestimmtes Tun, sondern um eine bestimmte Haltung.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 122) Das ist das Ziel seiner Worte: Die ihn hören sollen wissen, was sie tun.

Gelübde sind zu halten. Eine persönliche Erinnerung, die weit in meine Vergangenheit zurückführt: Es war vermutlich in der Untertertia, vielleicht auch der Obertertia. Lateinarbeit und wie immer hatte ich nicht gelernt. Mich packe die Angst, dass es schief gehen könnte. Und so sagte ich, ein religiös ziemlich untalentierter Junge im Stillen: „Wenn das gut geht, Gott, werde ich Missionar.“ Es ging gut, aber das Gelübde war schon bei der Rückgabe der Arbeit vergessen.  so ist der junge Mensch. Gott hat sich viel Zeit gelassen, bis er mich dazu gebracht hat, mein Versprechen einzulösen.

 5 Lass nicht zu, dass dein Mund dich in Schuld bringe, und sprich vor dem Boten nicht: Es war ein Versehen. Gott könnte zürnen über deine Worte und verderben das Werk deiner Hände.

Keine Ausreden! Keine übereilten Worte. Es geht erneut darum, dass  die vielen Worte und erst recht die unbedachten Worte gefährlich sind. Gott und den Menschen gegenüber. Man wird so rasch zum Schwätzer und verdirbt damit nicht nur seine Worte, sondern auch das eigene Tun. Ich glaube nicht, dass es nur um ein Hüten der Zunge geht, um Vorsicht im Reden. Es geht um mehr, um Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Darin, dass einer nicht viele Worte macht, aber zu seinem Wort steht, das er gesagt hat, wird er glaubwürdig.

Im Ganzen wirken diese Worte, die zum bedachten Umgang mit den eigenen Worten mahnen wie eine Vorlage für die späteren Sätze, die einer an die junge christliche Gemeinde richtet: „Die Zunge kann kein Mensch zähmen, das aufrührerische Übel, voll tödlichen Gifts. Mit ihr loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind. Aus einem Munde kommt Loben und Fluchen. Das soll nicht so sein, meine Brüder und Schwestern..“(Jakobus 3, 8-10)

6 Wo viel Träume sind, da ist Eitelkeit und viel Gerede; darum fürchte Gott!

             Mir scheint, dieser Satz fällt aus dem Zusammenhang heraus. Er erinnert mich an die Mahnungen, wie sie bei Propheten zu finden sind. „Siehe, ich will an die Propheten, spricht der HERR, die falsche Träume erzählen und verführen mein Volk mit ihren Lügen und losem Geschwätz, obgleich ich sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen habe und sie auch diesem Volk nichts nütze sind, spricht der HERR.“(Jeremia 23,32)Träume an sich sind weder gut noch schlecht. Sie sind einfach Träume. Aber sie können dazu führen, dass einer sich seiner Träume rühmt und daraus irgendwelche geistlichen Ansprüche ableitet. Dem widerspricht der Prediger.

Mich erinnern die Worte auch an einen Satz Bonhoeffers: „Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte. Gott haßt die Träumerei; denn sie macht stolz und anspruchsvoll. Wer sich das Bild einer Gemeinschaft erträumt, der fordert von Gott, von dem Andern und von sich selbst die Erfüllung.“(D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben; München 1970, S. 19)Darum ist es sachgemäß, dass der Prediger den großen Träumen die Gottesfurcht entgegenstellt. Sie verhindert, dass einer aus Träumen Machtinstrumente gewinnt und Machtansprüche ableiten kann.

 7 Siehst du, wie im Lande der Arme Unrecht leidet und Recht und Gerechtigkeit zum Raub geworden sind, dann wundere dich nicht darüber; denn ein Hoher schützt den andern, und noch Höhere sind über beiden. 8 Aber immer ist ein König, der dafür sorgt, dass das Feld bebaut werden kann, ein Gewinn für das Land.

 

Es ist ein harter Übergang. Wie der Schritt von der Warnung vor Gelübden zur Beobachtung der sozialen Ungerechtigkeit kommt, erschließt sich nicht. Die einfachste Lösung: Einschub, späterer Zusatz. Es könnte aber auch sein, hier ist das Geflecht von gegenseitigen Verpflichtungen im Blick. So wie Menschen sich Gott gegenüber verpflichten, so verpflichten sie sich auch einander – und oft genug steht dahinter eine gnadenlose Praxis der wechselseitigen Vorteilsnahme.

Das ist erst einmal ein Satz zum Erschrecken. So geht es in der Welt zu. Die Kleinem, Armen werden klein und arm gehalten. Sie werden ausgenützt. Sie zählen nicht. Und die Großen helfen einander dabei. Als Schüler haben wir das Sprichwort gelernt: cornix cornici numquam confodit ocelos. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Es ist auch kein Trost, dass über jedem Mächtigen immer ein noch Mächtigerer ist. Was hier zur Debatte steht, nennen wir heute Korruption. ein System gegenseitiger Gefälligkeiten und Abhängigkeiten. Durchaus mit Mafia-Strukturen vergleichbar – auch im Heiligen Land.

Diese genaue Beobachtung führt nicht zu dem resignativen Satz: dann muss man halt mit den Wölfen heulen. Mir scheint, der Prediger hält eine verwegene Hoffnung fest: Ein guter König ist ein Gewinn für das Land. Ein König, der für Ordnung sorgt, für Rechtssicherheit, dass die Arbeit getan werden kann. Vielleicht steckt auch das in diesen Worten, angesichts dieser erschreckenden Verfilzung und der Korruption innerhalb der Führungsschichten: „Die einzige Hilfe ist persönlicher Dienst des Königs unter Umgehung der Kaste der Ausbeuter.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 125)

             Es ist trotz dieser Hoffnung gleichwohl ernüchternd, wo der Prediger mit diesen Worten landet: „In der Feststellung, dass sich auch in der idealsten Staatsform die Bedrängnis des Missbrauchs von Gewalt und der Verletzung von Recht nicht vermeiden lässt, ist jeder Vergötzung eines politischen Systems die Absage erteilt und der Staat an seine Stelle in der immer wieder fragwürdigen und begrenzten Welt der Menschen gewiesen.“(W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 191) Ich stimme nur an einer Stelle nicht zu – dass der Missbrauch der Gewalt und die Verletzung des Rechts nicht zu vermeiden ist. Schlimm genug: es gibt sie. Aber beides muss bestritten, bekämpft und eingedämmt werden. Um des Staates und um der Menschen willen

 

Du, mein Gott, gibst uns Dein Wort.  Du gibst uns darin Deine Güte, Deine Treue, Dein Erbarmen. Du achtest uns so wert, dass Du zu uns sprichst.

Gib Du doch, dass wir auch unsere Worte achten. Bedacht mit ihnen umgehen, nicht schnell zur Hand sind mit Urteilen, mit Versprechen, mit Klagen und Anklagen.

Gib Du uns, dass wir gute Worte sagen, die aufrichten, ermutigen, Wege zeigen und Deinen Namen rühmen. Amen