Besser nicht allein

Prediger 4, 1 – 12

 1 Wiederum sah ich alle, die Unrecht leiden unter der Sonne, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster hatten. 2 Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben.

             Der Prediger – ein Zuschauer, kein Akteur. Einer, der hinschaut und nicht wegschaut. Der sieht, was im Gang ist. Was er sieht ist erschreckend. Er sieht den Einsatz von Macht, Kraft – koach – der zum Einsatz von Gewalt wird. Der Menschen zu Opfern macht, ihnen Unrecht zufügt. Es ist bedrängend, wenn einer Menschen zu  Opfer gemacht sieht, die in der Trostlosigkeit vereinsamen. Das ist keiner, der hilft, aufrichtet, tröstet. Es liegt nahe: Hinter solcher Gewalt „stehen die Verhältnisse im ptolemäischen Reich: eine erbarmungslose Ausbeutung nicht nur der unteren Schichten.“ (R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21, Neukirchen 2005, S. 51)

Das alles sieht der Prediger und stellt es fest. Unbeteiligt? Propheten machen aus solchen Beobachtungen Anklagen. Der Prediger dagegen? „Kohelet fällt auf durch die seltsame Schweigsamkeit im Blick auf den Appell zur Hilfe.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 179) Aber an wen sollte er denn auch appellieren? An die Gewalttäter unter der Sonne im fernen Ägypten, in ihren Palästen und Regierungs-Sitzen? An die Rechtsstaatlichkeit? An die Achtung der Menschenwürde? Oder doch an Gott? Wie auch immer: „Der Prediger kann sozialkritisch treffend beschreiben und darin anklagen. Er sagt als öffentlicher Lehrer mehr als er sich in einer Diktatur mit Spitzeln leisten kann. Respekt!“(K. Teschner, Denn du kannst nicht wissen, Neukirchen 2005, S. 31)

Man kann es leicht überlesen: Die Sätze des Prediger sind ein Lobprei., wenn auch einer, der einem regelrecht den Atmen nimmt: Die Toten werden gepriesen. Während sonst in allen Schriften der Hebräischen Bibel die Lebenden und das Leben gepriesen werden. Das ist kein Kokettieren mit dem Tod. Sondern es ist vielmehr eine indirekte Form der Anklage gegen alle, die durch ihr Verhalten das Geschäft des Todes betreiben. So schrecklich ist der Zustand der Gegenwart, dass es besser wäre, gar nicht erst geboren zu sein.  Dass der Tod dem Leben vorzuziehen ist.

Wenn der Prediger wirklich Lehrer des hoffnungsvollen Nachwuchses der Führungsschichten ist, dann ist dieses Benennen von Missständen ohne erkennbare Parteinahme seine stärkste Waffe. Weil er sie so zur eigenen Urteilsbildung herausfordert. Diese jungen, reichen Leute müssen ihre Position finden – und das geht nur, indem man ihnen die eigene verweigert, sie offen hält und so ihr Urteilen fordert.

 3 Und besser daran als beide ist, wer noch nicht geboren ist und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne geschieht.

             Das freilich ist ein Satz zum Erschrecken. Ein Satz, der auch das Fehlen jeglicher Hoffnung auf Änderung der Verhältnisse signalisiert. Da ist weder Hoffnung auf Reform oder allmähliche Wandlung noch Hoffnung auf revolutionäre Befreiung. Darum: „Die Toten sind besser dran als die Lebenden, noch mehr die noch gar nicht Geborenen, weil diese das ganze Elend noch nicht einmal zu Gesicht bekommen haben wie die Verstorbenen.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 82)

Der Satz erinnert an Sätze wie sie Hiob in nachtschwarzer Verzweiflung schreit:  „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag sei Finsternis, und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen! Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich! Jene Nacht – das Dunkel nehme sie hinweg, sie soll sich nicht unter den Tagen des Jahres freuen noch in die Zahl der Monde kommen! Siehe, jene Nacht sei unfruchtbar und kein Jauchzen darin! ..Warum bin ich nicht gestorben im Mutterschoß? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?“ (Hiob 3, 3 – 7.11)

        Noch einmal: Der Lobpreis der Toten wird hier gesteigert, mit den Worten noch bessertob. Besser gar nicht geboren. Das ist stärkster Ausdruck der Anfechtung für den Glaubenden, die ihn erfaßt und durchschüttelt, erschüttert bis in die Tiefen des eigenen Gottvertrauens, wenn er die Maschinerie des Unrechts unaufhaltsam am Werk sieht.

4 Ich sah alles Mühen an und alles geschickte Tun. Da ist nur Neid des einen auf den andern. Das ist auch eitel und Haschen nach Wind. 5 Ein Tor legt die Hände ineinander und verzehrt sein eigenes Fleisch. 6 Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.

             Der Prediger sieht den Ausweg versperrt: ich stürze mich in meine Arbeit. Ich halte meine kleine Welt in Ordnung. Alles andere geht mich nichts an. Wenn man abends müde ins Bett fällt, dann hat sich doch der Tag gelohnt. Dahinter steht ein ganzes Philosophie-Programm: Arbeit als Sinnsuche und Sinngebung. „Nur in seinen Werken kann der Mensch sich selbst bemerken.“(Poesie-Album) Der unbestechliche Lehrer dagegen sagt: Das ist auch nur Haschen nach Wind. Ein Windhauch. Keine Lösung.

     Dann doch lieber eine Hand voll mit Ruhe. Es wirkt ein wenig überheblich: Das sei „eine Lebensregel, die jeder Orientale, ohne „Pessimist“ genannt werden zu müssen, heute noch bejahen müsste. Wie das Sitzen unter Weinstock und Feigenbaum das Ideal des alten Israel ist, so liebt der heutige Orientale seinen kēf nach getaner Arbeit und auch wohl ohne diese!“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 114) Hier gehen seine gepflegten Vorurteile mit dem Exegeten aus den Zeiten des „Schaffe, schaffe Häusle baue“ der 60-er Jahre gewaltig durch.

 7 Wiederum sah ich Eitles unter der Sonne: 8 Da ist einer, der steht allein und hat weder Kind noch Bruder, doch ist seiner Mühe kein Ende, und seine Augen können nicht genug Reichtum sehen. Für wen mühe ich mich denn und gönne mir selber nichts Gutes? Das ist auch eitel und eine böse Mühe.

             Fall für Fall wird behandelt: Was ist mit dem, der Single ist, keine Sippe, keine Nachkommen. „Der allein Lebende, der weder Sohn noch Bruder hat, ist arm dran, auch wenn sein Besitz überreich ist. Er kann vom Reichtum nicht genug bekommen.“ (R. Micheel/F.J. Ortkemper, aaO. S. 58) Er schafft ohne Unterlass nur für sich selbst.  Legt ihm der Prediger Fragen in den Mund, weil er sich ein wenig mit ihm identifizieren kann? Steckt im „Ich“ dieser Fragen das Ich des Predigers mit drin? Hier ist sicher Vorsicht geboten. Nur, was der Prediger deutlich sagt, meint: Die Einsamkeit der Single-Existenz ist eine Bedrohung aller Lebensfreude.

  9 So ist’s ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. 10 Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. 11 Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? 12 Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.

             Dem setzt der Prediger das Leben zu zweit entgegen. Die haben es besser – wieder tob – weil sie ihre Mühe teilen. Weil sie sich gegenseitig als Hilfe haben. Weil sie einander wärmen können. „An die eheliche Gemeinschaft ist kaum gedacht, sondern an Fälle, wo bei der Winterkälte die Decken zur Erwärmung nicht ausreichen.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 115) Vielleicht ist die eheliche Gemeinschaft aber darüber  hinaus dennoch mit ihm Blick – oder darf wenigstens mit bedacht werden. Es geht primär dabei um Geborgenheit, die einer dem anderen zukommen lässt.

Schließlich; Auch im Konfliktfall, im Streit, im Kampf gar ist es gut, jemanden zur Seite zu haben. Verbündete, auf die man sich verlassen kann. Weggefährten die die Gefahren teilen und bestehen helfen. Wer Keinen hat, der zu ihm steht, ist arm dran. Es ist einer der bittersten Sätze der ganzen Bibel, wenn der über 38 Jahre hin Gelähmte von sich selbst sagen muss: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.“(Johannes 5,7) Zurückgeworfen nur auf sich selbst – schrecklich.

 

Es schmerzt, mein Gott, dass das Leben so zerbrechlich ist. Es schmerzt, dass es manchmal so weh tun kann, dass man sich wünschen möchte, alles wäre vorbei. Es schmerzt, dass das Leben in einer großen Einsamkeit zu versinken droht, dass alle Mühe ins Nichts zu laufen scheint.

Ich danke Dir, mein Gott, dass es Miteinander gibt, Weg-Gemeinschaft, die Schutz gewährt und Geborgenheit, in der Vertrauen wachsen kann, in der Liebe geübt werden kann.

Ich danke Dir, dass Du Menschen schenkst, deren Nähe gut tut, deren Aufmerksamkeit ermutigt, die einfach da sind und so Hoffnung am Leben erhalten. Amen