Alles hat seine Zeit

Prediger 3, 1 – 15

 1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

             Eine strenge, geradezu herbe Überschrift. Darauf läuft es hinaus: „Alles hat seine Stunde.“ Da ist kein Raum für Zufall. Wie nahe ist der Prediger mit diesem kurzen Satz bei dem Psalm Davids:  

 „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                 du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                   Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                und siehst alle meine Wege.                                                                      Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                   das du, HERR, nicht alles wüsstest.                                                         Von allen Seiten umgibst du mich                                                        und hältst deine Hand über mir.“                 Psalm 139, 2-5

             Was in den Worten des Psalms das Gefühl einer großen Geborgenheit vermittelt, das wird hier in einer herben Spröde zum Grund der Welt. Alle Zeit ist Zeit aus Gott – unter dem Himmel. Der Prediger neigt nie zu einer frömmelnden Sprache. Wie viel ist da von ihm zu lernen im Hinblick auf das Programm: Religionslos von Gott und seiner Gegenwart zu sprechen.

Manchmal können Übersetzungen in die Irre führen: Alles Vorhaben – das klingt nach Planung, Zeitplan, Termin-Kalender. Nach aktiven Zugriff. Die Einheitsübersetzung macht auf den anderen Klang aufmerksam und hat damit wohl recht: „Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ Von Anfang an stellt der Prediger klar: Wir sind nicht die Herren der Zeit, wir sind aber auch nicht ihre Sklaven.  Es gilt vielmehr, die Zeiten in ihrer Fülle anzunehmen und diesem Fluss des Geschehens zu entsprechen.

„Qohælæt ist es, dem die Frage der Zeit zum selbständigen Thema gerät. Er betont zunächst, dass für alles und jedes Zeit und Stunde gesetzt sind.  Jede Zeit (ʽet) und jede bestimmte Stunde (zemān) meinen nicht leere Kategorien, sondern die je gegebenen Gelegenheiten für ein Ereignis.(H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, München 1974, S. 137)

Bezeichnenderweise übersetzt deshalb die Septuaginta die hebräischen Worte durchgängig nicht mit χρόνος , dem Wort für die verrinnende Zeit, sondern mit καιρς,  dem Wort für den besonderen Augenblick. Den Zeitpunkt, von dem wir im Deutschen sagen, es gelte zu wissen, was die Stunde geschlagen hat. Es gibt für den Prediger keine leere, nur mechanisch verrinnende Zeit. Der anonyme Zeittakt der Uhr ist erst seit dem Mittelalter im Umlauf. Der Prediger kennt nur die gefüllte Zeit. Gefüllt bis zum Überfluss – und manchmal wohl auch Überdruss .  

2 Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. 9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.  

Ein Gedicht, das nach seinem Auftakt in sieben Paaren durchbuchstabiert wird. Diese Paare sind  Gegensatzpaare oder besser: Pole des Lebens. Die Zahl sieben spiegelt die die Schöpfungsordung. Allem ist seine Zeit. Es geht nie um Verweildauer, sondern um den je anders gefüllten Augenblick. Das ganze Leben in seiner Gegensätzlichkeit ist in diesem großartigen Gedicht beschrieben.

Kein Wunder, dass es sein Echo in einem wunderbaren Song gefunden hat. der die Verse des Predigers aufnimmt und ziemlich inhaltsgetreu nachsingt.

 “To everything turn, turn, turn
There is a season turn, turn, turn
And a time to every purpose
Under heaven.       

A time to be born, a time to die. A time to plant, a time to reap
A time to kill, a time to heal. A time to laugh, a time to weep.

Kehr um! Kehr um! Kehr um! (Ein jegliches hat seine Zeit)
Ein jegliches (Kehr um! Kehr um! Kehr um!)
Hat seine Zeit (Kehr um! Kehr um! Kehr um!)
Und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.                       
Text: Pete Seeger, Melodie: The Byrds 1963

       Leben und Tod, Gelingen und Scheitern, Anfang und Ende. Die ganz Breite des Lebens kommt zur Sprache. Die Zeit ist Geschenk und Gott mutet uns im Geschenk der Zeit den Umgang mit diesen Spannungen zu. Diese Spannung als Gabe und Aufgabe wahrzunehmen, „provoziert die Frage, ob wir ein solches Leben in Kontrasten nicht fast verlernt haben….Wird das Leben nicht fad, wenn es auf dem immer gleichen Level dahinplätschert?“ (F.-J. Ortkemper, Kohelet – Ein Querdenker in der Bibel, Stuttgart 1999, S. 23f.)

Das Gedicht hält etwas von der Unverfügbarkeit des Lebens fest. „Eine Musik des Unabänderlichen steckt in diesen Versen.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 104) Neben Worten, die Tätigkeiten andeuten – herzen, lachen, weinen, pflanzen, ausreißen, bauen stehen andere, die nur passiv erfahren werden. Wir werden geboren. Wir sterben.  Es ist eben nicht so, dass wir alles gestalten könnten. Dieses Gedicht in seiner strengen Form setzt dem Glauben an die umfassende Machbarkeit deutliche Grenzen. „Es geht überwiegend um Ereignisse, über die wir Menschen nicht verfügen können, die wir erleiden oder erleben beziehungsweise auf die wir nur reagieren können, die wir weder beeinflussen noch planen können.“ (R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21, Neukirchen 2005, S. 40)So gesehen ist dieses Gedicht eine deutliche Kritik auch innerhalb des Buches – am Experimental-Programm des fiktiven König Salomo, wie es zuvor erst  in 2, 3 – 11 geschildert ist.

Auch das ist ein Kommentar zu diesen Worten: „Die Hauptsache ist, dass man mit Gott Schritt hält und ihm nicht immer schon ein paar Schritte vorauseilt, allerdings auch keinen Schritt hinter ihm zurückbleit. Es ist Übermut, alles auf einmal haben zu wollen, das Glück der Ehe und das Kreuz und das himmlische Jerusalem, in dem nicht Mann und Frau ist. Er tut alles fein zu seiner Zeit.“(D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1951, S. 94)

       Die Worte stellen vor die Wahl. Ich kann so hören: Alles ist festgelegt, unabänderlich, begrenzt. Wir haben keine Wahl. Wir sind hineingestellt in einen Ablauf, der vorgegeben ist. „Man hat die Dinge des Lebens als gegeben hinzunehmen und sich mit ihnen abzufinden.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 105) Vielleicht aber darf ich diese Worte auch anders lesen: Sie stecken eine Rahmen ab, in dem das Leben sich bewegt. Höhen und Tiefen. Glück und Schmerz, Erleiden und Handeln. Und indem sie diesen Rahmen abstecken, verweisen sie auf die einzige Zeit, die wir wirklich gestalten können: auf das Hier und Jetzt, das Heute.

10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. 11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Es ist eine strenge Aufteilung: Zum Menschenleben gehört die Arbeit, die Mühe, auch die Plage. Ganz so, wie es schon im Anfang heißt: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“(1. Mose 3.19) Aber auch das gehört zum Menschenleben: die Ewigkeit im Herzen. Das ist auch deshalb  eine so schöne Formulierung, weil sie nicht stecken bleibt bei dem: Ewigkeit – das gibt es wirklich. ʽōlām ist mehr als der fernste Zeitpunkt im Irgendwann oder Nirgendwann. Die Ewigkeit, die in die Herzen gelegt ist, ist Fluchtpunkt allen Lebens, allen Suchens, allen Handelns und allen Leidens. Sie ist mehr als die Summe aller Augenblicke der Welt. Hinter denn Satz steht die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat, so wie sie auch bei Jesus zum Ausdruck kommt. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.“(Johannes 14,2 – 3)

             Was nicht zum Menschenleben gehört, was Gott sich vorbehalten hat ist, dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Wir werden Gottes Wege nicht bis in die Tiefe verstehen. Nicht ergründen können. Schon gar nicht begründen können. Alle Erfahrungen Gottes sind nur Augenblick; aber sie sind nie Erklärung. „Die höchste Gotteserkenntnis, die wir in diesem Leben von Gott haben können,  besteht darin einzusehen, dass Gott alles übersteigt, was wir von ihm denken.“(Th. von Aquin, zit. nach  (R. Micheel/F.J. Ortkemper, aaO. S. 49)

 Wieder ist der Prediger so nahe bei dem, was aus der Vergangenheit Israels zu ihm herüberklingt: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“(Jesaja 55, 8-9) Das auf jeden Fall können wir vom Prediger lernen – Demut im Hinblick auf unser Erkennen der Wege Gottes. Wir werden sie nicht ergründen. Wann immer wir fragen: Warum? stehen wir vor dieser Schranke unserer Erkenntnismöglichkeiten.

12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. 13 Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Das ist eine erste, lebenspraktische und lebensdienliche Einsicht, die sich ergibt: sich bescheiden mit dem, wie es gerade ist. Sich fügen lernen. Auf dem Westerwald, in den 50-er Jahren nicht gerade das Aufschwungsgebiet des Wirtschaftswunders, habe ich gelernt: sich schicken. Mit dem, was ist, etwas anfangen. Und mit dem, was nicht ist, umgehen, als könnte es noch werden. Die Worte des Predigers sind himmelweit entfernt von Resignation und Fatalismus. Sie lehren, mit dem Leben heute, auch mit seiner Mühe und Plage, als Gabe Gottes umzugehen.

14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.

            Alles hat in Gott Bestand. Alles gewinnt in Gott seine Zeit, weil es den Anhauch der Ewigkeit trägt. Merkwürdig und überraschend präzise benennt der Prediger hier das Ziel aller Darlegungen. „Von dem „alles ist nichtig“, das wie ein Motto die Aussagen Kohelets durchzieht, führt über Kohelet der Weg zur Furcht Gottes. Sie lehrt den Menschen, sich nicht zu überheben und setzt an die Stelle des hybriden Wahns, das Schicksal selbstmächtig beherrschen zu können, die Aufgabe, es in Weisheit zu gestalten. “(O. Kaiser, Einleitung in das AT, Gütersloh 1969, S. 313) Weil ja gilt:

 15 Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

          Wenn man so will, kann man in diesem Satz die moderne Lehre von der Beständigkeit der Materie wiederfinden.  „Bei den Vorgängen, die wir in der Natur beobachten, verwandelt sich Energie lediglich von einer Form in eine andere, wobei jedoch nichts von ihr verloren geht oder neu hinzukommt. Dieses Gesetz erinnert uns sofort an das Erhaltungsgesetz der Materie, das schon früher als richtig erkannt worden war. Auch Materie kann nicht verloren gehen; auch sie kann sich nur umwandeln von einer Form in die andere, wie etwa bei den chemischen Reaktionen.“(H. Haber „Der Stoff der Schöpfung“, DVA Stuttgart, 1971) Es geht nichts verloren im All. Es findet alles seinen Platz zur Wiederverwendung.

Hier freilich ist es kein Satz der naturwissenschaftlichen Welterkenntnis. Es ist auch kein Satz der ewigen Wiederkehr aller Dinge, einer Endlosschleife von Wiederholungen. Hier ist es ein Satz, in  den Gottvertrauen sich einfinden kann: Gott geht und gibt nichts verloren.

 

Heiliger Gott, Du hast uns die Erde gegeben, um auf ihr zu leben. Du gibst uns unsere Lebenszeit, um in ihr Deinen Weg zu gehen. Du stellst uns in die Wechselfälle des Lebens, führst durch Tiefen, lässt uns Höhen erfahren. Du gibst uns Aufgaben und nimmst sie uns aus der Hand, manche noch, bevor wir sie erfüllt haben.

In alle dem suchst Du uns, damit wir Dich suchen, füllst Du unsere Zeit,  damit wir Deine Fülle erfahren. Ich danke Dir für das Geschenk meiner Tage und Jahre, aller Tage und aller Jahre, der schweren und der guten, der dunklen und der hellen Zeiten. Amen