Iss und trink

Prediger 2,  1 – 11.  24 – 26

 1 Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will Wohlleben und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel. 2 Ich sprach zum Lachen: Du bist närrisch!, und zur Freude: Was machst du? 3 Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu laben, doch so, dass mein Herz mich mit Weisheit leitete, und mich an Torheit zu halten, bis ich sähe, was den Menschen zu tun gut wäre, solange sie unter dem Himmel leben.

             Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu genießen. Darum geht der Prediger auf ein neues Lebensexperiment los: Lass es dir gut gehen. Wohlan, ich will Wohlleben und gute Tage haben! Man gönnt sich ja sonst nichts.  Er muss die einzelnen Stationen seiner Lustreise gar nicht ausmalen. Freude und sich Satt-Sehen – das muss es doch geben. Immerhin: die Vernunft soll die Kontrolle behalten, auch wenn er es bis zur Torheit treibt. Also: kein Exzess, keine maßlosen Orgien: „Bei allem Genuss musste er immer gleichsam neben sich stehen und hatte sich zu fragen, was das Ganze soll, ob es wirklich gut sei und glücklich mache.“ (C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 53) 

Er kommt nicht weiter als bis zu der ernüchternden Feststellung: Aber siehe, das war auch eitel. Viel Wind. Mehr nicht. Mag sein, man möchte ihn beneiden um diese Möglichkeit, das Leben auszukosten. Aber das Ergebnis lässt schon zu wünschen übrig und wird so zur Warnung: „Das Schöne und die Freude des Lebens lässt sich nicht aufaddieren, um dann ein großes Plus zu bilden. Die Summe von allem ist und bleibt eine große Null.“(M. Sachs/W. Schmückle, Weisheitsreden des Predigers, Bibel aktuell, Stuttgart 2005, S. 16)

 Daneben bleibt auch die stillschweigende Aufforderung an die Leser*innen, sich selbst ständig zu prüfen, worin sie das Leben suchen, zu fragen: Was tut mir gut? Wie geht es mir gut? „Vielleicht kann tatsächlich erst der Reiche diese Frage stellen. Wer arm ist oder sich arm fühlt, kann immer sagen: Mir geht es nicht gut, weil mir noch dies oder das fehlt! Nur der Reiche kann sagen: Ich habe alles – jetzt fragt sich nur wozu.“(M. Sachs/W. Schmückle, ebda.) Sein Fazit bleibt: auf diesem Weg findet sich das Glück nicht -nur die Leere.

 4 Ich tat große Dinge: Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge, 5 ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume hinein; 6 ich machte mir Teiche, daraus zu bewässern den Wald grünender Bäume. 7 Ich erwarb mir Knechte und Mägde und hatte auch Gesinde, im Hause geboren; ich hatte eine größere Habe an Rindern und Schafen als alle, die vor mir zu Jerusalem waren. 8 Ich sammelte mir auch Silber und Gold und was Könige und Länder besitzen; ich beschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Wonne der Menschen, allerlei Saitenspiel, 9 und war größer als alle, die vor mir zu Jerusalem waren. Auch da blieb meine Weisheit bei mir.

      Das Projekt Salomo wird gestartet. Es liegt sicherlich in der erzählerischen Absicht des Predigers, dass man hinter diesen Worten die Königspraxis des großen Salomo erkennt. Auch wenn es nicht zu verkennen ist, dass die Schilderung so allgemein gehalten ist, dass es jeder Großkönig zur Zeit des Kohelet sein könnte, der hier seine Prachtentfaltung vor Augen stellt. Salomo hat ja nur so gehandelt, wie alle Majestäten – modifiziert bis auf den heutigen Tag.  „Vor unseren Augen entsteht ein wahrhaftes Paradies…Es geht ihm um die Darstellung der verlockenden Möglichkeit, die Welt nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können, sich seine eigene Welt, ein eigenes Paradies schaffen zu können.“(F.-J. Ortkemper, Kohelet – ein Querdenker in der Bibel, Stuttgart 1999, S. 15)

 10 Und alles, was meine Augen wünschten, das gab ich ihnen und verwehrte meinem Herzen keine Freude, sodass es fröhlich war von aller meiner Mühe; und das war mein Teil von aller meiner Mühe. 11 Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne.

 Es ist die geradezu verführerische Möglichkeit des Gestaltens der Welt und Umwelt, die hier angedeutet ist. Nichts ist unmöglich. Und: So schalten und walten zu können, ist eine Lust. Es lohnt sich, sich zu engagieren. Es macht stolz, so das eigene Projekt voran zu bringen. „Eine Grenze seines Glückssuchens wird sichtbar: Es ist rein individualistisch und selbstbezogen: Ich war König, ich vollbrachte Taten, ich baute Häuser, ich pflanzte Weinberge, …“(R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21 Neukirchen 2005, S. 34) Ich, ich, ich – immer nur ich. Es ist das Bild eines selbstbezogenen, ja selbstverliebten Herrschers, der in seinem weißen Haus sitzt und nur sich selbst feiert.

Viel später wird ein junger Theologe Sätze schreiben, die wie ein Widerspruch gegen dieses Denken, das nur die eigene Leistung kennt, zu lesen sind„Im normalen Leben wird es einem gar nicht bewusst, dass der Mensch unendlich mehr empfängt, als er gibt, und dass Dankbarkeit das Leben erst reich macht. Man überschätzt das eigene Wirken und Tun in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man nur durch andere geworden ist.“ (Brief an Karl und Paula Bonhoeffer, 13. September 1943, aus: Widerstand und Ergebung, München 1951, S. 50)

Es ist wie Erwachen aus einem Traum, nach einer unruhigen Nacht: siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne. Das ganze Machtprogramm der Selbstentfaltung – ein Griff ins Leere. Der Versuch, den Wind zu fangen. „try and catch the wind“ (Donovan)

             Ist das resigniert, zynisch gar, mit einem Anhauch von Nihilismus geschrieben? So kann man denken. Aber es gibt ja auch die andere Möglichkeit: es ist eine Warnung an alle, die sich veräußerlichen, die in ihren Projekten des Reichtums, der Weltgestaltung sich selbst ein Denkmal setzen wollen und glauben, dass es das wäre – das wahre Leben.

Einmal mehr ist der Herr Jesus nahe am Prediger: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“(Matthäus 16,26)

Man tut gut daran, sich Kohelet als einen tatkräftigen Menschen vorzustellen, als einen, der gerne lehrt, nachdenkt, der sich mit großer Leidenschaft in die Suche nach der Weisheit regelrecht „stürzt.“ Er ist kein Waschlappen, keiner, der die Zeit totschlägt, weil er nichts Besseres zu tun hat. Umso wichtiger: dieser realistische Mann stellt sich der Realität. Und leidet an ihr.

 24 Ist’s nun nicht besser für den Menschen, dass er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei bei seinem Mühen? Doch dies sah ich auch, dass es von Gottes Hand kommt. 25 Denn wer kann fröhlich essen und genießen, wenn nicht ich? 26 Denn dem Menschen, der ihm gefällt, gibt er Weisheit, Verstand und Freude; aber dem Sünder gibt er Mühe, dass er sammle und häufe und es doch dem gegeben werde, der Gott gefällt. Auch das ist eitel und Haschen nach Wind.

Ist das der Gipfel der Resignation: Essen und Trinken – die Seele guter Dinge sein lassen? Der Prediger kennt sicherlich die alten Schriften: Mitten in der Bedrängnis überliefert der Prophet die Parole: »Kommt her, ich will Wein holen, wir wollen uns vollsaufen, und es soll morgen sein wie heute und noch viel herrlicher!«(Jesaja 56, 12)Und es klingt wie innerliches Aufgeben. Wenn es schon vorbei ist, dann lasse es wenigstens ein Ende mit Glanz und Gloria sein:Aber siehe da, lauter Freude und Wonne, Rindertöten und Schafeschlachten, Fleischessen und Weintrinken: »Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!«“(Jesaja 22, 13) Ist das im Ernst die Botschaft, der es zu folgen gilt: Wenn sowieso alles sinnlos ist, egal, dann lasst uns wenigstens feiern bis zum Abwinken.

Ich vermag den Prediger nicht so zu lesen. Ja, er verweist auf den Augenblick, auf das Jetzt, hier und heute. Ja, er sagt: Gönnt euch, was euch gut tut. Warum kann er das sagen?  Weil alles, wirklich alles aus Gottes Händen kommt. „Kohelet weiß auch seine Welt der Ausweglosigkeit, die in den Lebenshass und die Verzweiflung treibt, merkwürdig sicher als die Welt, die durch Gottes Zuteilung so ist, wie sie ist.“(W. Zimmerli, aaO, S. 165) Der Prediger lernt und lehrt, alles aus den Händen Gottes zu nehmen.

Es ist ein harter Lernweg, von sich selbst zu verstehen: Ich bin nicht der, der alles im Griff hat und im Griff behalten muss. Sondern ich bin einer, der sich in die Hände Gottes bergen darf – mit de Guten und dem Schweren.  In dem anderen großen Buch der Weisheit steht: „Und Hiob starb alt und lebenssatt.“(Hiob 42,17) Es ist ein großes Geschenk, so gehen zu können – und weit entfernt von aller Resignation oder Nihilismus. Das Leben lieben ist auch sich versöhnen mit der eigenen Endlichkeit. So lese ich den Prediger, der alle Optionen des Glücks, der Macht und des Wissens durchgespielt hat. Am Ende bleibt als Lebenshaltung: sich versöhnen mit dem, wie es ist. Was Gott schickt.

Das freilich macht einen Unterschied, ob Weisheit, Verstand und Freude, Ansehen und Macht das Ergebnis des eigenen Schaffens Wollens sind – Jeder ist seines Glückes Schmied – oder ob sie empfangen werden als Gabe. Es ist ein hartes Urteil über „das Geschäft des zwecklosen Sammelns“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 95)und zugleich eine Einladung, sich beschenken zu lassen. Wenn man so will: eine Aufforderung zur Demut und ein harter Widerspruch gegen den Hochmut.

 

Du, heiliger Gott, gibst, was wir zum Leben brauchen: Essen und Trinken, Raum und Zeit. Du lässt Tag und Nacht werden, Sommer und Winter, Frost und Hitze.

Wir aber tun oft so, als müssten wir alles an uns bringen, als wäre dann erst Leben wirklich Leben, wenn wir daraus ein Projekt gemacht haben, wenn wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, alle Optionen durchgespielt. Wir tun so, als könnten wir uns selbst erfinden, als müssten wir uns selbst optimieren.

Gib Du, dass ich leben lerne in dem, was Du mich werden lässt. Amen