Wir haben Gottes Spuren

Prediger 1,1 – 18 

1 Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem.

 Auf den ersten Blick erscheint alles klar: Was in den folgenden zwölf Kapiteln zur Sprache kommen wird, sind Reden des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem. Der hier so eindeutig benannt wird, wird mit Salomo (3. Viertel des 10. Jahrhunderts v. Chr.) in eins gesetzt, dessen Weisheit weit über die Grenzen Israels gerühmt ist. Der König als Prediger – das klingt gut. Wer wünschte sich das nicht: Einen König, der weise ist, einen König, der ein Lehrer des Volkes ist: So  kann man qohælæth auch wiedergeben Volkslehrer. Wer wollte sich solch einen Weisen nicht wünschen, in Zeiten, in denen es den Fürsten und Präsidenten erkennbar an Weisheit mangelt,  die über 250 Zeichen nicht hinauskommen, in denen sie ihren Wählern nach dem Mund reden, sie aber nicht lehren, schon gar nicht Demut, weil es ihnen selbst erkennbar vor allem daran fehlt.

Nur, was so eindeutig erscheint, ist es doch nicht. Der Text als Ganzes legt nahe, dass er nicht aus der Königszeit Israels um 1000 – 900 stammt, dass es sich nicht um Protokolle von Salomo-Reden handelt, sondern dass das Werk weit später entstanden sein muss. „In Verbindung mit zahlreichen sprachlichen Beobachtungen ist eine späte zeitlichen Ansetzung im 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. nicht auszuschließen.“(C.-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 22) Was aber führt dazu, dass hier einer in die Maske des weisen Königs schlüpft, wenn es nicht Anmaßung oder arglistige Täuschung sein soll.  Es liegt nahe, hier einen Einfluss aus Ägypten zu vermuten, erst recht, weil die Entstehungszeit in die Zeit der Ptolemäer weist und ihr Einfluss auf Israel unbestritten ist. Dort gibt es die Tendenz, „Weisheitslehren als Königslehren auszugeben“(O. Kaiser, Einleitung in das AT, Gütersloh 1969, S. 307) Nicht zuletzt, weil es die Sehnsucht vieler ist, dass die Mächtigen auch weise sein möchten und nicht nur mächtig.

 2 Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.

             Es könnte sein, dieser Satz ist eine zweite Überschrift, von fremder Hand. Deutlich gekennzeichnet als Wort, das nicht der Prediger sagt, sondern das ihn zitiert – mit der Quellenangabe: so sprach der Prediger. Der Eindruck soll entstehen: Überlieferung seit uralten Zeiten aufbewahrt.

            Gleich fünfmal das eine, gleiche Wort: hēbēl. Hauch, Windhauch. „Es drückt Vergänglichkeit, Wertlosigkeit, Sinnlosigkeit – Nichtigkeit in jedem Sinne – aus.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 69) Die Luther-Übersetzung versucht diese Nichtigkeit mit dem Wort eitel einzufangen. Die Einheitsübersetzung bleibt nahe am Hebräischen: „Windhauch.“ Die Volxsbibel überträgt: „Was auf der Erde abgeht, ist letztlich ganz egal.“

Es ist wohl so: dieser kurze Satz gibt den Grundton des ganzen nachfolgenden Buches an. Nur: Was ist das für ein Grundton? Wird das Leben für gleichgültig erklärt – ganz egal? Die Welt – ein Riesenrad, das sich dreht, aber nie von der Stelle kommt? Das Leben wie ein Formel-1-Rennen – immer schneller, aber in Wahrheit kommt man keinen Schritt weiter, weil es immer nur im Kreis geht? Nichts als Wiederholungen. So könnten man lesen – aber auch anders. So, dass hier der Schmerz spürbar, der ja alles andere als gleichgültig und stumpf dem Leben gegenüber ist: Leben ist zerbrechlich, flüchtig. Wie ein Windhauch – nicht festzuhalten.

Im Psalm 90, der gewiss nicht unter dem Verdacht steht, das Leben zu missachten, es für sinnlos zu halten, heißt es:

Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn,              wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.                             Unser Leben währet siebzig Jahre,                                                       und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre,                             und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe;   denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.                                      Psalm 90, 9 –

Das also könnte gemeint sein: Dass das Leben vorbeifliegt, dass sich einer fragt, wo seine Jahre nur geblieben sind, weil sie wie ein Hauch verweht sind. „Kohelet ist nicht der Meinung, alles sei sinnlos. Die Windhauch-Aussage betrifft die falschen Zielsetzungen des Menschen, der in einer Glückssuche zu kurz springt, der so tut, als seien relative Dinge absolut.“ (R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21 Neukirchen 2005, S. 25)

Wer das Leben von vornherein für sinnlos hält, muss es nicht so lange, sorgfältig und liebevoll bedenken, wie es der Prediger praktiziert. Ich jedenfalls lese dieses Buch als das Buch eines Menschen, der das Leben liebt, der aber gleichwohl zutiefst skeptisch ist gegenüber allem raschen Erklären und allem allzu genauen Bescheidwissen, wie es richtig ist. Kohelet ist ein Weiser, der ein gehöriges Maß Skepsis gegenüber aller Weisheit hat. Nicht zuletzt, weil seine Weisheit tiefer gegründet ist.

 3 Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? 4 Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen. 5 Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe. 6 Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing. 7 Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder.

             Rechnet sich der Aufwand, den wir treiben? So könnte man salopp formulieren. Der Prediger fragt nach dem Lebensgewinn – jĭtrōn. Ein Wort, das für Handelsgeschäfte gebraucht wird. Für Deals <würde D. Trump sagen>.  Ein Wort, das im Alten Testament nur in diesem Buch des Predigers verwendet wird, da aber gleich 10-mal. Das lässt fragen: kann es sein, dass der Prediger Leute im Blick hat, die gewohnt sind, auf Gewinn zu achten, denen die Frage: Wie rechnet sich das? in Fleisch und Blut übergegangen ist oder übergehen soll? Es gibt die Vorstellung, dass eine der Aufgaben des Predigers war, den hoffnungsvollen Nachwuchs der Eliten in Jerusalem auf das Leben vorzubereiten.

Es geht nicht von Neuigkeit zu Neuigkeit. Leben ist wesentlich Wiederholung. Gleichmaß. Verlässlichkeit. Wieder kann man so oder so lesen: eintönig, immer dasselbe oder aber: Zuverlässig.

 „Jeden Morgen geht die Sonne auf                                                         in der Wälder wundersamer Runde.                                                       Und die schöne, scheue Schöpferstunde                                                   – jeden Morgen nimmt sie ihren Lauf.“                                                                            H. Claudius, Mundorgel

             Es ist doch gut, dass das Meer nicht überläuft. Es ist doch gut, dass der Wind weht, dass die Sonne ihren Weg nimmt. Wie schrecklich wäre es, wenn die Sonne still steht, der Wind einschläft, das Meer überläuft, weil die überlaufenden Flüsse es zum Überlaufen gebracht haben. Manchmal denkt Jesus wie der Prediger: „Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. (Matthäus 6, 27-28) Man könnte hinter den Worten des Predigers doch auch eine ähnliche Einladung lesen: der große Kreislauf ist geregelt in Gottes Hand.

 8 Alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. 9 Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. 10 Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu!« – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. 11 Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.

             „Weder Sprechen noch Sehen noch Hören kommt je zum Ziel: es bleibt immer ein ungesprochener, ungesehener, ungehörter Rest übrig.“ (H.W. Hertzberg, aaO. S. 72)Es bleibt auch immer ein Rest Arbeit ungetan. Ein Rest Leben ungelebt. Es schmerzt: „Die Unersättlichkeit und Unerfüllbarkeit des Verlangens ist die Quelle des unermüdlichen Umherschweifens der Augen. Immer wieder wird der Blick angezogen und fasziniert von den Mächtigkeiten des Seins.“(H.-J. Kraus, Biblisch-theologische Aufsätze, Neukirchen 1972, S. 86) Es ist die nüchterne Feststellung: was wir als neueste Neuigkeit feiern, hat es schon früher gegeben. Die meisten Gedanken sind schon vor uns gedacht worden. Die meisten Erfindungen liegen in der Vergangenheit. Neuland ist eher selten und nur mühsam zu gewinnen.

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Das kann auch eine politische Anspielung sein: die Ptolemäer hatten als ihr Herrschafts-Symbol die Sonne und verkündigten wohl gerne neue Anfänge und Aufbrüche. „So konnte ein zeitgenössischer Leser bei „unter der Sonne“ auch assoziieren „unter der Herrschaft der Ptolemäer.“ (R. Micheel/F.J. Ortkemper, aaO. s. 27)Der Prediger zeigt Skepsis: mit den gern beschworenen Neuaufbrüchen, mit dem „Ruck durch das Land“(R. Herzog) ist es nicht so weit her – das Land gleicht eher der bleiernen Zeit. Alles wie gehabt. Auch darüber macht er sich keine Illusionen: „Wir werden Ihnen immer ein ehrendes Gedächtnis bewahren.“ Das Gedächtnis reicht bis zum Ende der Veranstaltung – zwei Tage später ist Vergessen angesagt.

 12 Ich, der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem 13 und richtete mein Herz darauf, die Weisheit zu suchen und zu erforschen bei allem, was man unter dem Himmel tut. Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen.

                 Mit wenigen Worten legt der Prediger sein „Forschungsprojekt“ vor: Weisheit zu suchen und zu erforschen. Nicht Intelligenz, nicht wie Denken geht. Wie sich das Leben verstehen lässt, gestalten lässt. Der Prediger sucht keine Theorie über das Leben – er sucht Lebenspraxis. Was hat es mit dem Leben auf sich? Wie kann es bewältigt werden? Und – ein wichtiger Hinweis wird gleich mitgeliefert: „Kohelet sieht das Leben im all seiner Rätselhaftigkeit nicht autonom, in sich selbst begründet, sondern er kann es nur als ein von Gott begründetes Leben sehen.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 152) Die Zumutungen des Lebens, die unselige Mühe sind Gottes Zumutungen. Er traut uns zu, dass wir uns ihnen stellen können.  

 14 Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind. 15 Krumm kann nicht gerade werden, noch, was fehlt, gezählt werden. 16 Ich sprach in meinem Herzen: Siehe, ich bin größer geworden und habe mehr Weisheit gesammelt als alle, die vor mir gewesen sind zu Jerusalem, und mein Herz hat viel gelernt und erfahren. 17 Und ich richtete mein Herz darauf, dass ich lernte Weisheit und erkennte Tollheit und Torheit. Ich ward aber gewahr, dass auch dies ein Haschen nach Wind ist. 18 Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden.

             Es ehrt diesen Lehrer: Er macht mit seiner Skepsis auch vor den eigenen Einsichten nicht halt. Es ist ein erstes Resümee des eigenen Programms der Entschlüsselung des Lebens: Ich ward aber gewahr, dass auch dies ein Haschen nach Wind ist. Das es so weit nicht her ist mit unserem Verstehen und Begreifen, das wendet er auch auf die eigenen Einsichten an. Nicht nur auf die der Anderen.

Ja, es gibt dieses Haschen nach Wind, dieses Neuigkeiten hinterherjagen, die dann doch nur Wiederholungen des Gestrigen sind. Es gibt dieses immer gleiche Werden und Vergehen und unser eigenes Leben ist dahinein verwoben. Je mehr eine darüber nachdenkt, umso mehr kann es ihm zusetzen, weil wir ja daran nichts ändern können, . Wir sind hineinverflochten in das Werden und Vergehen und es gibt keine Ausstiegsmöglichkeit. Es ist gut, sich das einzugestehen, weil es dazu helfen kann, demütig zu werden. Das eigene Wollen auf das eigene Maß und Können zu reduzieren. Und: in diesem Lauf der Welt daran festzuhalten: „Und doch ist einer, der dies Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“( R.M. Rilke)

Ob der Prediger Sokrates gekannt hat? „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ οδα οδν εδώς. Das hat bei Sokrates nicht zum Verzicht aufs Denken und fragen geführt – und beim Prediger führt es nicht dazu, seine Suche nach Verstehen, nach Weisheit einzustellen.

 

Heiliger Gott, Du hast der Welt eine Ordnung gegeben, Deine Ordnung, die dem Leben dient. Du hast Tag und Nacht gesetzt, dem Meer seine Grenze, allem Leben seinen Raum.

Du hast in unser Herz das Verlangen gelegt, die Sehnsucht. Danke für alle Neugier, alle Offenheit. Danke auch, dass wir die Geheimnisse der Welt wahren dürfen und sie nicht entschlüsseln müssen.

Danke für die Weisheit, die in Dir ihren Grund hat, die uns beides lehrt, den Schmerz zu tragen, dass unser Wissen und Leben an Grenzen stößt, und die Freude, dass wir in der Welt Deine Spuren entdecken können. Amen