Ein Klagelied – auch für heute

Habakuk 3, 1 – 19

Am Gedenktag für 2003-9-11:

1 Dies ist das Gebet des Propheten Habakuk, nach Art eines Klageliedes:

             Das ist ein ungewöhnlicher Satz. Irgendwie wie von fremder Hand hinzugesetzt. Es wirkt wie die Anmerkung eines späteren Bearbeiters des Buches, wenn das Gebet so als Gebet des Propheten Habakuk vorgestellt wird. „tephillāh ist in der Regel das kultisch formalisierte Gebet.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 83) Nicht das individuelle Gebet eines Einzelnen, der ganz persönlich formuliert.

Das passt zusammen mit dem Eindruck, den das Gebet vermitteln wird: Vieles sind Versatzstücke, wie Zitate aus Psalmen.  Dazu stimmt auch die Singanweisung: nach Art eines Klageliedes und das später mehrfach folgende Sela, dessen Bedeutung bis heute völlig im Dunkeln liegt.  Es kann eine Anweisung für die Musik sein, auch eine Geste mag gemeint sein. Es könnte auch schlicht „Zwischenspiel“ bedeuten. Oder schlicht: Pause.

  2 HERR, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, HERR! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit. Im Zorne denke an Barmherzigkeit!

             Die Worte scheinen auf das „Wie lange“(1,2) zurück zu verweisen. Der Prophet ist des Wartens müde. Habakuk hat doch gehört und gesehen.  Das soll doch nicht bloße Einbildung bleiben. Gott soll endlich tun, was er angekündigt hat. Das Werk, das Habakuk gesehen hat, das er „fürchtet“ – so die andere Übersetzungsmöglichkeit – ist das „Gericht“. „Bei dem Gericht (paʽaleka) handelt es sich nicht um ein allgemeines Werk Gottes, etwa im Sinn der Erschaffung seines Volkes Israel“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 98) Furcht ist unangebracht, wenn Gott sein Heil wirkt.

Aber Furcht ist sehr wohl dann angesagt, wenn der gerechte Zorn Gottes auflodert. Dann soll Gottes Erbarmen seinen Zorn hindern. Ganz nahe sind diese Worte bei Worten aus Hosea: „Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“(Hosea 11, 8-9) Sich vor Gott in Gott bergen – das steckt in diesen Worten.          

 3 Gott kommt von Teman und der Heilige vom Gebirge Paran. Sela. Seine Hoheit bedeckt den Himmel, und seines Ruhmes ist die Erde voll. 4 Sein Glanz ist wie Licht; Strahlen gehen aus von seinen Händen. Darin ist verborgen seine Macht.

             Gott kommt. Von Süden her. Die Ortangaben Teman und Paran weisen in Richtung des Sinai, des Berges der Gottesoffenbarung. Nicht, als ob Gott dort wohnen würde – was „von dorther erscheint, ist der Lichtglanz Gottes über den Höhen.“ Wobei es schon auffällig ist: Im Glanz ist seine Macht verborgen. Während es sonst häufiger heißt: Im Dunkel. Am Sinai, beim Bundeschluss verhüllte, verbarg sich Gott: „Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune. …Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.(2. Mose 19, 16.18) Nach Habakuk verbirgt der Glanz – einleuchtend für jeden, der schon einmal versucht hat, in die Sonne zu schauen. Darum vermag auch ein Habakuk nicht, Gott zu beschreiben. Da versagen uns die Worte.

5 Pest geht vor ihm her, und Seuche folgt, wo er hintritt. 6 Er steht auf und lässt erbeben die Erde; er schaut und lässt erzittern die Völker. Zerschmettert werden die uralten Berge, und bücken müssen sich die uralten Hügel. Das sind von jeher seine Wege.

             Diese Worte lassen kaum Raum für Zweifel: Das Kommen Gottes ist ein Kommen zum Gericht. Pest, Seuche, Erdbeben. Es ist ein kraftvolles, erschreckendes Kommen. Gott ist kein zahnloser Papier-Tiger. Nicht der alte, blutarme Mann, der um unsere Duldung bittet. Er ist da! Und alles, was uns fest und sicher erscheint, wie in Ewigkeit unbeweglich, wird hilflos und klein. Erbebt. Die Gegenwart Gottes ist eine erschütternde Erfahrung, die unsere Welt in ihren Grundfesten trifft. Die Gegenwart Gottes ist nicht harmlos, nett. Sie stellt alles, worauf wir uns verlassen, in Frage.

 7 Ich sehe die Hütten von Kuschan in Not und die Zelte Midians beben. 8 Entbrannte gegen die Ströme, HERR, gegen die Ströme dein Zorn, gegen das Meer dein Grimm, dass du auf deinen Rossen einherfährst, auf deinen siegreichen Wagen? 9 Du ziehst deinen Bogen hervor, legst die Pfeile auf deine Sehne. Sela.

             Es gibt kein Halten. Kuschan und Midian stehe für die Fremdvölker. Das Kommen Gottes ist die Revision gegenüber denen, die sich zu Herren über Israel aufgeschwungen haben. Es sind „Bild-Worte“ aus der uralten Erfahrung des Gottes-Schreckens, der Gottes-Kriege zugunsten Israels, die hier aufgegriffen werden. Mir scheint, der Beter greift angesichts der Not seiner Gegenwart zurück auf die Worte, in denen die Alten die Siege Israels über die Feinde besungen haben.

Du spaltest das Land, dass Ströme fließen, 10 die Berge sehen dich und beben. Platzregen stürzt herab, die Tiefe lässt sich hören, reckt hoch empor ihre Hände, 11 Sonne und Mond stehen still; deine Pfeile fahren mit Glänzen dahin beim Leuchten deines blitzenden Speeres. 12 Du zertrittst das Land im Zorn und zerdrischst die Völker im Grimm. 13 Du ziehst aus, deinem Volk zu helfen, zu helfen deinem Gesalbten.

            Die Welt wird in ihren Grundfesten erschüttert. Wenn wir von der Spaltung des Landes reden, meinen wir die Spaltung der Gesellschaft. Arm und Reich, Unten und Oben, Rechts und Links, Frei und Unfrei. Der Prophet sieht eine andere Spaltung. Es ist eine Art „Chaos-Kampf“, der hier geschildert ist. Dieser Kampf aber hat sein Ziel darin: Du ziehst aus, deinem Volk zu helfen, zu helfen deinem Gesalbten. Gott tobt nicht einfach nur seine Stärke aus, lässt nicht einfach nur ungezügeltem Zorn freien Lauf. Das ist „die Intention der Gotteserscheinung: Nicht das Zerdreschen der feindlichen Völker, sondern die Errettung seines erwählten Volkes.“(L. Perlitt, aaO. S. 91)Gott ist nicht gegen – er ist für – für sein Volk. Nur hier steht dein Volkʽammekā –, einmalig im ganzen Buch. Es ist das Herzensanliegen Gottes zu erretten. Zerstören ist gewissermaßen sein ihm fremdes Handeln.

 Du zerschlägst das Dach vom Hause des Gottlosen und entblößt die Grundfeste bis auf den Fels. Sela. 14 Du durchbohrst mit seinen eigenen Pfeilen das Haupt seiner Krieger. Sie stürmen heran. Ihre Freude ist es, mich zu zerstreuen, als wollten sie den Elenden im Verborgenen fressen. 15 Du trittst nieder seine Rosse im Meer, im Schlamm der Wasserfluten.

             Die ganze Passage ist schwer übersetzbar. Manche Exegeten sagen sogar: eigentlich gar nicht. So lesen wir also Versionen, die man sich regelrecht abgerungen hat. Die Tendenz jedoch scheint trotzdem klar: Die Gewalt richtet sich gegen die Gewalt-Ausübenden. Sie fällt auf sie zurück. Sie werden Opfer ihrer eigenen Waffen – der eigenen Pfeile. Wie ein Bumerang kehren sie zu ihnen zurück. Und ihre Lust am Vernichten wird ihnen selbst zum Weg in den Untergang.  Alles endet im Schlamm. Im Schlamassel.

  16 Weil ich solches höre, bebt mein Leib, meine Lippen zittern von dem Geschrei. Fäulnis fährt in meine Gebeine, und meine Knie beben. Aber ich will harren auf die Zeit der Trübsal, dass sie heraufziehe über das Volk, das uns angreift.

 Habakuk hört das alles, sieht es kommen – und zittert und bebt. Es gibt, wenn die Welt zerbricht, kein unbeteiligtes Zusehen. Wer in Zeiten des Untergangs einfach nur sagen würde: „Geschieht ihnen recht, selbst schuld“, der hätte kein Herz. Der würde die menschliche Pflicht des Mitleidens verweigern – und sich so außerhalb der Menschheit stellen. Es sind starke Bilder: Die Lippen zittern – wie es ist, wenn einer ungehemmt, hemmungslos weinen muss. Seine Knochen fühlen sich an, als würden sie sich auflösen. Die Knie schlottern.

Es ist ja so ambivalent, was der Prophet da heraufziehen sieht: „Habakuk erkennt in der aufbrechenden Weltmacht das Werkzeug Gottes und stellt angesichts ihrer Gewalttaten die Frage nach seiner Gerechtigkeit in der Geschichte.“ (O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloh 1969, S. 184) Ist das zwangsläufig so: Die Werkzeuge Gottes sind immer auch unvollkommen, „blutbefleckt“, zwiespältig? Gibt es keine Freiheitsbewegung ohne Schatten, keine Hilfe ohne Bedrückung, keinen sozialen Fortschritt ohne Verlierer? Gibt es keine „reine Lösung“, auch nicht für das Handeln Gottes? Selbst auf die größte Tat seiner Liebe, die Erlösung am Kreuz fällt der Schatten, dass man es missdeuten kann als die Tat eines blutrünstigen Monstergottes und so übersieht: es ist der Schritt der Liebe, die bis zum Äußersten geht.  

Doch der Prophet ringt um Fassung. Nicht weglaufen, nicht sich verkriechen, sondern ausharren. Warten auf „den Tag der Not“ so statt  auf die Zeit der Trübsal, Die Bedeutung changiert. Gemeint sein kann sowohl der Tag, an dem die Macht der Chaldäer zerbricht. Dann wäre das Kommen des Kyros um 530 im Blick. Gemeint kann aber auch der „Jüngste Tag“ sein, Gottes Gerichts-Tag.  So, denke ich, hat der Seher Johannes solche Worte gelesen: „Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. Und sie schrien mit großer Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“(Offenbarung 6, 9-10) Diese Leseweise hat durch die Zeiten hindurch immer wieder auch ihre Vertreter gefunden.

Es ist nur zu natürlich, am Ende die große Abrechnung zu erwarten. Für die, die einem selbst das Leben schwer gemacht haben. Deren Machtgelüste das eigene Leben eingeengt haben, die es allzu oft in Bedrängnis gestürzt haben. Nur: wer so liest, neigt dazu, die eigenen Anteile an der Gewalt-Ausübung zu übersehen, sie klein zu reden, gering zu achten. Sie gar für notwendig zu erklären. Wer Gericht sagt, muss wissen: er sagt es auch für sich selbst. Es gibt am Jüngsten Tag keine Zuschauer-Tribüne!

17 Denn der Feigenbaum grünt nicht, und es ist kein Gewächs an den Weinstöcken. Der Ertrag des Ölbaums bleibt aus, und die Äcker bringen keine Nahrung; Schafe sind aus den Hürden gerissen, und in den Ställen sind keine Rinder.

             Irgendwie sind diese Worte Fremdkörper im Text-Ganzen. Es scheint, sie sollen sagen: Diese Zeit der Trübsal wird noch einmal zusätzlich verschlimmert, weil der Vegetations-Rhythmus unterbrochen ist. Blüte und – damit auch – Ernte bleiben aus. Hunger macht sich breit. Die Berichte über Miss-Ernten nach den großen Kriegen – 30-jähriger Krieg, siebenjähriger Krieg, erster und zweiter Weltkrieg passen in dieses „Schema“. Heutzutage ist so etwas Teil kriegerischer Strategie: „Verbrannte Erde“ soll die Feinde erbarmungslos in die Knie zwingen. Es geht um die Vernichtung jeder Zukunft.

Mich erschreckt das, weil es mir zeigt: Mit humanem Fortschritt ist es trotz Haager Konvention nicht so weit her. Und eine möglichst weitgehende Schonung der Zivilbevölkerung scheint heute gerade nicht mehr im Interesse der Kriegführenden zu liegen. Im Gegenteil: die Zivilbevölkerung wird zum Kriegsziel, um den Gegner zu treffen. Habakuk hat das alles schon gesehen!

 18 Aber ich will mich freuen des HERRN und fröhlich sein in Gott, meinem Heil. 19 Denn der HERR ist meine Kraft, er hat meine Füße wie Hirschfüße gemacht und führt mich über die Höhen. Vorzusingen, beim Saitenspiel.

          Dennoch. Aber ich will… kein Vielleicht. Kein Hoffentlich. Habakuk legt sich fest: Ich will. Sein Schluss-Satz ist ein zähes Festhalten  – über alle Ängste hinweg. Festhalten an der Freude am HERRN. „Der Vers ist aus dem Psalter genommen.“ (M. Luther, zit. nach Perlitt, aaO. S. 95) Kann es sein, Habakuk leiht sich bewährte Worte, weil ihm die eigenen fehlen? Vielleicht darf man sagen: so stemmt sich der Prophet seinen Ängsten entgegen. So hält er die Hoffnung fest, dass am Ende nicht die rohe Macht der Chaldäer Recht behalten wird. Wieder Luther, der Habakuk konsequent auf die geschichtliche Situation im Blick auf die Babylonier hin ausgelegt hat: „Das sol geschehen, wenn das Babylonische zepter verflucht und zerstöret, wir aber erlöset sind und Christus mit seinem reich komen wird.“ (M. Luther, zit. nach Perlitt, aaO. S. 96) Es ist schon bemerkenswert: Der Reformator liest „Geschichte“ und weitet gleichzeitig aus über alle Geschichte hinaus.

Vielleicht müssen wir das wieder neu verstehen lernen: es geht im Umgang mit biblischen Texten nicht nur darum, ihren historischen Ort zu erfassen, die Zeit, in die hinein sie  ihr Wort gesprochen, ihre Botschaft ausgerichtet haben. Es geht immer auch darum, für die eigene Zeit zu hören, wie die in diesen Worten den Spiegel vorgehalten bekommt. Und es geht darum, den weiten Horizont dieser Worte zu bedenken. Alle, wirklich alle Prophetie weist, wenn sie aus Gottes Sagen schöpft, über die Erfüllungen in der Zeit hinaus hin auf die eine Erfüllung, die noch aussteht, am Ende der Zeiten.

Es ist ein seltsames, auch verstörendes Gebet, dieses Gebet des Habakuk. Es fasst nicht einfach Gegenwart Gottes als den schweigenden Grund der Welt, als das Geheimnis, das uns alle umhüllt. Es richtet sich an das Du Gottes, nicht an die unpersönliche göttliche Macht. „Das Göttliche“ kennt kein Erbarmen, nur Schweigen. Das Göttliche kennt kein Rufen meines Namens, auf das ich antworten könnte: „Hier bin ich“ – hineni. Habakuk aber sucht nicht das Göttliche – er sucht Gott, sein Ohr, sein Herz, selbst noch im Beschreiben der Schrecken seines Kommens.  In diesem Beten ist er einig mit dem Grundzug allen Betens in der Bibel – sie alle suchen das Du Gottes.

 

Herr, Du Heiliger, All-Erbarmer, öffnen Du uns das Ohr, dass wir Deine Stimme hören, Deinen Einspruch gegen die Gewalt, Deinen Einspruch gegen die Resignation, die nichts mehr von Dir erwartet, gegen den Zweifel, der sich in Verzweiflung verliert.

Öffne Du uns die Augen, dass wir sehen, was sich zusammenbraut, aber auch, dass wir auch nicht blind werden für Deine Herrlichkeit, die hinter allem Dunkel schon den neuen Tag ankündigt.

Deine Herrlichkeit, die am Ende aller Gewalt ein Ende machen wird, die ganz recht behalten wird, weil sie Deiner Liebe zum Sieg verhilft.

Lehre mich warten und Ausschau halten, nach Deiner Liebe, Deinem Glanz im Dunkel der Welt. Nach Dir. Amen