Fünfach: Wehe

Habakuk 2, 4 – 20

 4 Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben, der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.

             Einmal mehr kann man über die Weisheit der Kommission rätseln, die die Abschnitte der fortlaufenden Bibellese bestimmt. Gehört dieser Satz nicht doch zur Gottesrede, die ihm vorausgeht? Zur Verheißung, dass das Wort der Weissagung sich erfüllt?

Es ist sprachlich im Hebräischen ein schwieriger Satz. Es könnte sein rāšāʽ der Gottlose fehlt.  das wird mit einer defizitären Verbform umschrieben, die in der Übersetzung wiedergegeben ist mit wer halsstarrig ist. Es läuft auf die Gegenüberstellung hinaus: der eine verwirkt die Ruhe im eigenen Herzen und damit das Leben. Ein Getriebener, hin und her gejagt, ohne je an ein Ziel zu gelangen.

„Ich habe die Menschen gesehen,                                                   und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen,                                                 und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

Sie suchen, was sie nicht finden,                                                           in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden                                             und unbefriedigt zurück.“                                                                                  E.
Fürstin von Reuß 1867, EG Bayern/Thüringen 621

Der andere, der Gerechte wird leben. Durch seinen Glauben. Wörtlich: „durch seine Treue.“ Wobei wichtig ist:  ʼæmȗnāh ist „vor allem die Treue Gottes, die von Geschlecht zu Geschlecht währt, ebenso wie die des Menschen.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 65) Das macht die Gerechtigkeit des Gerechten aus, dass er wartet auf Gott, auf sein Reden, auf sein Wort. „Es geht hier nicht um eine moralische Haltung, sondern um das Warten auf Gott und sein Handeln. … Wer ganz treu an Gott hält, der passt zu Gott, der ist gerecht.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 79) Der Satz ist für Paulus eine Art Schlüsselwort. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«(Römer 1,4) Und Luther ist überzeugt: „Dis ist der text, der auff der Tafel grob und klar geschrieben gewest ist.“(M. Luther, zit nach (L. Perlitt, aaO. S. 66)  

  5 Aber der Reichtum betrügt den stolzen Mann, dass er nicht bleibt. Er sperrt seinen Rachen auf wie das Reich des Todes und ist wie der Tod, der nicht zu sättigen ist: Er rafft an sich alle Völker und sammelt zu sich alle Nationen.

            Ist das immer noch die Fortsetzung der Gottesrede? Also Offenbarung? Oder hat jetzt doch Habakuk das Wort und sagt, was auch die Vernunft und die wache Weltbeobachtung lehren kann: Reichtum ist eine Art Stolperfalle. Sie macht gierig und man erstickt beim Versuch, alles zu schlucken, sich alles einzuverleiben. Wer so ist, so seiner Gier folgt, der wird für andere zur tödlichen Gefahr, ja zum nimmersatten Tod.

Es gibt den Streit unter den Gelehrten. Ist der stolze Manngæbær jāhîr – einer aus einem fremden Volk oder ist ursprünglich ein raffgieriger Judäer gemeint? Aber Israel, Juda ist nicht mehr in der Position einer Stärke, dass es andere Völker und Nationen dominieren kann. Dann wären einmal die Chaldäer angesprochen, die sich die Völker und ihre Länder einverleiben. Das macht vom nachfolgenden Satz her durchaus guten Sinn.

Dagegen ist es mir ein wenig zu einfach, hier auf die allgemein-menschliche Raffgier zu verweisen. „Der Mensch, der seine Sehnsucht nicht auf Gott ausrichtet, giert nach den geschaffenen Gütern dieser Welt, ohne satt zu werden. Der rafft die Völker im großen imperialistisch und im kleinen die Freunde egoistisch an sich wie Früchte…. Es ist der Imperialismus, die Idee, die Gier angesprochen, die Völker oder Menschen für eigene Zwecke einzusetzen.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 84f.) So gelesen wird eine historische Beobachtung zur Aussage über das Wesen der Gier. Wie anders wird heutzutage bei uns die Gier eingeschätzt. Als humane Grundkategorie, als Voraussetzung für Siege: Ihr müsst gierig sein! sagt der Trainer seiner Mannschaft.

 6 Was gilt’s aber? Diese alle werden einen Spruch über ihn machen und ein Lied und ein Sprichwort sagen:

Wir lesen eine Art Überschrift. Was folgt, wird sich in einen Sinnspruch verdichten, zum Spottvers werden. Der, der heute noch Siegeslieder anstimmt, wird selbst zum Inhalt der Spottlieder anderer werden.

 Weh dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut – wie lange wird’s währen? – und häuft viel Pfänder bei sich auf! 7 Wie plötzlich werden aufstehen, die dich beißen, und erwachen, die dich peinigen! Und du musst ihnen zum Raube werden. 8 Denn du hast viele Völker beraubt. So werden dich wieder berauben alle übrigen Völker um des Menschenblutes willen und um des Frevels willen, begangen am Lande und an der Stadt und an allen, die darin wohnen.

             Ein fünf-faches Wehe. Fast wie eine Liturgie. Oder eine Litanei. Es kann gut sein: was hier folgt, ist die Antwort auf das Klagen des Propheten. Die Antwort, die nicht Gott in Worten gibt, sondern die sich in der Geschichte abzeichnet.

Unrecht gut gedeiht nicht. Was einer sich angeeignet hat -durch Gewalt, als Pfand, auf den Wegen das Unrechts – es hat keinen Bestand. ʽabtjit – das ist zusammengezogen ʽab – Kot und tjit – Lohn. „Der unrechtmäßige Reichtum ist ein „Dreckslohn“, der zur Zeit des Gerichtes zur Last wird.“ (G. Maier, aaO. S. 85) Ist auf den ersten Blick nur vom gierigen einzelnen Pfandnehmer die Rede, so wird durch den nachfolgenden Satz das Urteil auf die Chaldäer ausgeweitet. Sie sind, wenn es so weit sein wird, an der Reihe. Das Schicksal, das sie den anderen Völkern bereitet haben, wird auch sie treffen.

 9 Weh dem, der unrechten Gewinn macht zum Unglück seines Hauses, auf dass er sein Nest in der Höhe baue, um dem Unheil zu entrinnen! 10 Aber dein Ratschlag wird zur Schande deines Hauses geraten; denn du hast zu viele Völker zerschlagen und damit gegen dein Leben gesündigt. 11 Denn auch die Steine in der Mauer werden schreien, und die Sparren am Gebälk werden ihnen antworten.

Der zweite Wehe-Ruf folgt dem gleichen Muster. Der Angriff zielt auf den, der Häuser an sich bringt, sich in schwindelnder Höhe sicher wähnt. Aber er wird sogleich wieder zum Bild für das, was auf die Chaldäer wartet. Die Steine in ihren Mauern werden schreien und die Dachsparren ihrer Häuser antworten. Du hast zu viele Völker zerschlagen und damit gegen dein Leben gesündigt. Sie ziehen sich durch ihr Verhalten das Gericht auf sich selbst. Ihre blutige Siegesgeschichte schlägt um in blutigen Untergang.

Muss man hier das Ende der babylonischen Herrschaft schon hören, wie sie durch den Perser Kyros herbeigeführt wird? Ein Propheten-Wort, das weit über die treffende Zeitanalyse in die Zukunft weist? Die Kommentare schweigen sich aus. Dabei legt es sich doch nahe, so zu denken: Das Unrecht der Gewalt fällt irgendwann auf die Gewalttäter zurück – o es einzelne oder Völker sind.

12 Weh dem, der die Stadt mit Blut baut und richtet die Stadt auf mit Unrecht! 13 Wird’s nicht so vom HERRN Zebaoth geschehen: Woran die Völker sich abgearbeitet haben, muss mit Feuer verbrennen, und wofür die Leute sich müde gemacht haben, das muss verloren sein? – 14 Denn die Erde wird voll werden von Erkenntnis der Ehre des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt.

Das dritte Weh dem ist auf den ersten Blick allgemein gehalten. Es geht nicht gegen Bauunternehmen, aber es geht gegen das Unrecht, auf das sich Macht und Einfluss bauen. Ganze Städte, Imperien kann man auf Unrecht errichten. Dafür werden Menschen ausgebeutet, die sich abarbeiten an dem, wovon sie nichts haben. Denen ihr Lohn vorenthalten wird. Das alles aber wird zunichtewerden. Ein Raub der Flammen, der Zerstörungswut, die sich gegen die Ausbeuter richtet.

 15 Weh dem, der seinen Nächsten trinken lässt und seinen Grimm beimischt und ihn trunken macht, dass er seine Blöße sehe! 16 Du hast dich gesättigt mit Schande und nicht mit Ehre. So trinke du nun auch, dass du taumelst! Denn an dich wird der Kelch in der Rechten des HERRN kommen und Schande über deine Ehre. 17 Denn der Frevel, den du am Libanon begangen, wird über dich kommen, und die vernichteten Tiere werden dich schrecken um des Menschenblutes willen und um des Frevels willen, begangen am Lande und an der Stadt und an allen, die darin wohnen.

Ob das mitschwingt: „Da Noah von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt. Als nun Ham, Kanaans Vater, seines Vaters Blöße sah, sagte er’s seinen beiden Brüdern draußen. Da nahmen Sem und Jafet ein Kleid und legten es auf ihrer beider Schultern und gingen rückwärts hinzu und deckten ihres Vaters Blöße zu; und ihr Angesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Blöße nicht sähen. Als nun Noah erwachte von seinem Rausch und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn angetan hatte, sprach er: Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte.“(1. Mose 9, 21-25)  Es gibt Dinge, die sich nicht gehören. sich über einen Betrunkenen lustig machen. Ihn bloß stellen. Ihm die Würde nehmen.

Wieder sagt das Wehe-Wort: Dieses Verhalten fällt zurück auf den/die Täter. Es geht nicht an, dass die Täter in der Geschichte davon kommen und die Opfer mit ihrem Leid alleine bleiben. Die Gerichte Gottes nehmen beide ernst: die Opfer und die Täter. Sie geben beiden ihre Würde zurück. Denen, die sie genommen bekommen haben, den Opfer und denen, die sie sich selbst genommen haben als Täter.

 18 Was hilft ein Bild? Sein Meister hat’s gebildet. Was hilft ein gegossenes Bild, ein falscher Lehrer? Sein Meister verlässt sich auf sein Werk, obgleich er stumme Götzen macht. 19 Weh dem, der zum Holz spricht: »Wach auf!«, und zum stummen Steine: »Steh auf!« Wie sollte ein Götze lehren können? Siehe, er ist mit Gold und Silber überzogen, und kein Odem ist in ihm.

          Jetzt wird das „Weh dem“ eingerahmt in einen Vorsprung und das nachfolgende Wort, das den Weh-Ruf erläutert. „Eine schwer verdauliche Ansammlung von Versatzstücken aus dem Wortfeld der Götzenpolemik.“(L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 78)

Es ist Kritik am Götterbild, wie sie wiederholt und geradezu spöttisch bei Jesaja begegnet. Das führt zu Fragen, ob denn diese Worte hier einen guten Sitz im Leben haben. Sollte Habakuk die Götterwelt der Chaldäer schon vorab attackieren? Oder ist das eben späterer Nachtrag?

Mir scheint, dass diese Worte auch so verstanden werden können: Juda sieht sich ständig Völkern gegenüber und unterlegen, die Götterbilder verehren. Juda leidet unter seiner Bildlosigkeit, unter dem Verbot, sich ein sichtbares Bild Gottes zu machen. So gelesen, sind diese Worte eben nicht nur Angriff nach außen, sie sind auch Mahnung nach innen. Mahnung, nicht der Logik zu folgen: Hätten wir Götterbilder, ginge es uns besser.

Götzen sind Nichtse. Nichtskönner. Stumm. „Ein Götze ist nicht eine Einbildung – dieser radikale Atheismus ist dem Alten Testament fremd – sondern eine unfähige Macht unter Gott.“(G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 198, S. 92) Wer so auf stumme Götzen vertraut, ist töricht. Er vertraut auf Handwerkerkunst, die nichts hervorbringt als Handwerkerkunst.

Es liegt im Denken der Zeit damals, Kritik an solchen Götterbildern zu üben:  Von Xenophanes (* um 570 in Kolophon, V um 470 in Süditalien) weiß man: „Über die Göttervorstellungen der Griechen spottete er: „Homer und Hesiod haben die Götter mit allem befrachtet, was bei Menschen übelgenommen wird und getadelt wird: stehlen und ehebrechen und einander betrügen.” Er konstatierte, dass diese Götter nur eine äußerliche Nachbildung von Menschen waren: „Die Afrikaner behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker meinen, sie seien blauäugig und blond.” Und: „Die Menschen nehmen an, die Götter seien geboren, sie trügen Kleider, hätten Stimme und Körper – wie sie selbst.” Berühmt ist folgender Gedanke des Xenophanes: „Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur von Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen.” (www.gottwein.de)

20 Aber der HERR ist in seinem heiligen Tempel. Es sei stille vor ihm alle Welt!

Das ist der Gegensatz: Hier Götzen aus Silber und Gold, hölzern, ohne Atem, von Menschen gemacht, nach Menschenmaß. Dort dagegen Gott, der HERR in seinem heiligen Tempel. Das ist der Ort, von dem aus die ganze Welt ihr Leben empfängt. Der Ort, an dem man das Werk der eigenen Hände aus den Händen geben kann. Der Ort, wo nicht mehr Handeln, sondern Empfangen angesagt ist. „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.“ (Jesaja 30,15) Stillsein ist so die Passivität, die Gott den Weg bereitet.

 

„Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten                                   und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige                                        und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder;    kommt, ergebt euch wieder.     G.
Tersteegen 1729 , EG 165

 

Du heiliger Gott, lehre uns Schweigen, stillsein, warten auf Dein Wort. Lehre uns Ausschau zu halten, die Zeichen der Zeit zu sehen. Lehre uns die Skepsis, die sich nicht blenden lässt vom Erfolg, die nicht alle Mittel für heilig hält, wenn sie nur zum Ziel führen, die eigenen Wünsche zu erfüllen.

Lehre uns die Skepsis, die nicht den lauten Parolen nachlaufen lässt, die uns dazu hilft, uns dem Mitmachen zu verweigern, der Anbetung der eigenen Produkte, der Vergötterung des eigenen Ichs.

Lehre uns die Demut, die sich an Dir genügen lässt, die sich im Stillsein vor Dir sammelt, die es glaubt, dass alles Leben nur in Dir seine Quelle hat und nur in Dir sein Ziel. Amen