Warten lernen – Ausschauen üben

Habakuk 1, 12 – 2, 3

 12 Aber du, HERR, bist du nicht mein Gott, mein Heiliger, von Ewigkeit her?

             Es ist ein Wort gegen die eigene Angst, die nach dem Propheten greift. nicht die Mächte, nur Gott ist von Ewigkeit her. Daran erinnert er sich. Nur Gott ist ewig: die Mächte sind es nicht. Und auch daran erinnert sich der Prophet, indem er es zum HERRN sagt: Ich gehöre zu Gott. „Der Heilige Israels“ heißt es öfters bei Jesaja: Unser Erlöser ist der Heilige Israels – HERR Zebaoth ist sein Name.“(Jesaja 47, 4) Schon früher die gleiche Formel – 1,4, 5,19, 10,24, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. „Mein heiliger Gott ist von daher ein verständliches, aber kein geläufig gewordenes Prädikat.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 57) Die Wendung hier ist dem gegenüber noch eine Idee inniger:  Mein Heiliger sagt der Prophet und wird so sehr persönlich. Das kann keine allgemeine Anrede werden. Das geht nur von innen heraus und individuell.

  Lass uns nicht sterben; sondern lass sie uns, o HERR, nur eine Strafe sein, und lass sie, o unser Fels, uns nur züchtigen.

             Habakuk sieht, was auf das Volk zukommt. Er sieht die Militärmaschine im Anmarsch und ahnt den Untergang. Darum bittet er Gott um Begrenzung. Nur eine Strafe, aber nicht Vernichtung. Nur für kurze Zeit die, die uns züchtigen. Aber nicht die, die uns für immer in den Staub treten. In dieser Bitte zeigt sich unausgesprochen: Habakuk glaubt nicht mehr an eine Wende im Geschehen. Er glaubt nicht an eine wundersame Bewahrung Israels und Jerusalems. Er sieht das unausweichliche Eintreffen der Gerichte, ähnlich, wie es auch bei anderen Propheten ist.  Er ruft nicht mehr zur Umkehr Israels, weil er ahnt: zu spät.

 13 Deine Augen sind zu rein, als dass du Böses ansehen könntest, und dem Jammer kannst du nicht zusehen!

             Das aber macht ihm zu schaffen: „Seine Not ist das Schweigen Gottes zu dem Unrecht in dieser Welt.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 72)Es kann doch nicht sein, dass Gott gewissermaßen unbeteiligt zusieht, dem Bösen nicht in den Arm fällt, den Jammer nicht an sich heran lässt. Die Worte greifen in ihrer unbestimmten Allgemeinheit zurück auf die Beschreibung des Chaos in den Anfangszeilen des Buches. Es ist eben nicht nur die Gefahr von außen, die der Prophet sieht, es ist auch die innere Not und Zerrissenheit des Volkes, die ihn fragen und klagen lässt. So Gott zu fragen heißt festzuhalten an dem Vertrauen: er wird nicht weiter nur zusehen. Er wird sich bewegen lassen zu helfen, einzugreifen.

Die Frage des Habakuk ist nicht Anklage gegen Gott. Sie ist vielmehr Klage. Klage, um ihn zu bewegen, so wie er sich doch auch früher durch das Klagen seines Volkes hat bewegen lassen. „Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien aus ihrer Knechtschaft stieg auf zu Gott. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte an seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“(2. Mose 2, 23 – 25)Das Gott so ist, hat sich seinem Volk tief eingeprägt. es scheint, dass wir das neu lernen müssen – nicht vor der Welt zu jammern, wohl aber vor Gott zu klagen, damit er nicht schweigt.

Warum siehst du dann aber den Treulosen zu und schweigst, wenn der Gottlose den verschlingt, der gerechter ist als er?

Es ist ein rätselhafter Satz. Da stellt sich der Treulose gegen den Gottlosen – und jener ist schlimmer als dieser. Eine mögliche Deutung: „Die Chaldäer sind die „Treulosen“, weil sie gegen die Assyrer revoltieren und von ihnen abfallen. Auch rauben sie an Schätzen, was sie nur kriegen können.“ (G. Maier, aaO. S. 73) War es schon schlimm, Assur Tribut zahlen zu müssen, unter den Chaldäern wird es noch härter kommen.

 14 Du lässt es den Menschen gehen wie den Fischen im Meer, wie dem Gewürm, das keinen Herrn hat. 15 Sie ziehen’s alles mit der Angel heraus und fangen’s mit ihrem Netze und sammeln’s mit ihrem Garn. Darüber freuen sie sich und sind fröhlich. 16 Darum opfern sie ihrem Netze und räuchern ihrem Garn, weil durch diese ihr Anteil so fett und ihre Speise so üppig geworden ist. 17 Sollen sie darum ihr Netz immerdar ausleeren und Völker umbringen ohne Erbarmen?

Das ist das schlimmere Szenario: Menschen wie Fische. Aus dem Meer geholt. Aus ihrem Lebensumfeld herausgezogen. sie hängen an der Angel fest, zappelnd und müssen elend sterben. Wer sind die Fischfänger? Es könnte sein, dass es um innerisraelische Gewalt geht, die die Mächtigen an den Schwachen üben. Sie führen sich auf wie die Schlächter, die ihre Ware für den Markt vorbereiten.

Es kann jedoch auch sein: Der Prophet „zeigt auf, wie menschenverachtend die Chaldäer im Gericht vorgehen. Sie behandeln Menschen wie Fische, als ob keiner über sie herrsche, d. h. keiner sie in Schutz nähme.“ (G. Maier, ebda.)Sie toben sich skrupellos aus. Sie haben ihren Spaß daran, Völker zu unterwerfen, zu knechten, auszubeuten. Bis hin zum Genozid gehen sie, weil ihre Macht keine Grenze kennt.  

 1 Auf meiner Warte will ich stehen und mich auf meinen Turm stellen und Ausschau halten und sehen, was er mir sagen und antworten werde auf das, was ich ihm vorgehalten habe.

Jetzt ist genug gesagt. Der Prophet hält sich gewissermaßen einen Augenblick lang erschrocken den Mund zu. Abwarten will er. Ausschau halten. Es ist ja so: der Prophet hat gerufen, geklagt. Er hat Schreckensbilder kommen gesehen. Jetzt steht er auf der Warte, dem Ausschauplatz –  mišmært. Zu tun bleibt ihm nichts. Zu sagen auch nichts. Der Prophet ist in die Rolle des aller Handlungsmöglichkeiten beraubten Beobachters gedrängt. Er ist auf die Antwort Gottes angewiesen. Ganz so wie die Beter des Psalms.

„Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.                                                    Herr, höre meine Stimme!                                                                            Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!         Meine Seele wartet auf den Herrn                                                     mehr als die Wächter auf den Morgen.“           Psalm 130, 1 – 2. 6

             Wenn Gott schweigen wird, hat Habakuk nichts mehr zu sagen. Wie das Warten des Propheten vorzustellen ist, wird nicht gesagt. „Wir erfahren weder hier noch sonst wo, wie sich ein Prophet auf den Offenbarungsempfang vorbereitet hat. Das  zu wissen ist nicht nötig. Es gibt offensichtlich keine Methode.“ (G. Maier, aaO. S. 80) Damit wird nicht nur unsere Neugier in ihre Schranken verwiesen. sondern damit ist auch eine Absage an alle Techniken verbunden, die behaupten, den Zugang zur Gegenwart Gottes sichern zu können. Uns bleibt nur warten.

 2 Der HERR aber antwortete mir und sprach: Schreib auf, was du schaust, deutlich auf eine Tafel, dass es lesen könne, wer vorüberläuft! 3 Die Weissagung wird ja noch erfüllt werden zu ihrer Zeit und wird endlich frei an den Tag kommen und nicht trügen. Wenn sie sich auch hinzieht, so harre ihrer; sie wird gewiss kommen und nicht ausbleiben.

             Das Warten geht nicht ins Leere. Der Himmel hüllt sich nicht weiter in Schweigen. Gott spricht. Und gibt Habakuk einen Schreib-Befehl. Schreib auf, was du schaust. Er wird ein Gesicht, eine Schauung – āzôn – sehen. Ganz so sicher bin ich nicht: „Dass es sich beim Geschauten um Worte handelt, geht aus dem Befehl zum Aufschreiben zwingend hervor.“ (L. Perlitt, aaO. S. 63) Auch Bilder können aufgeschrieben werden. Der Schreibbefehl zielt vor allem darauf, dass die Schau auf Dauer bewahrt wird, über den Augenblick hinaus. Auch gegen alle Zweifel und alle Angst, die sich ausbreiten. Öffentlich, zugänglich soll alles sein. Kein Geheim-Papier. Heute würde man sagen: Ein Plakat. Oder: Nachricht an alle – im Internet.

Was Habakuk sehen, aufschreiben, ansagen wird, erfüllt sich nicht sofort. Es mag sein, die Zeit vergeht, es zieht sich hin. Es mag sein, für Habakuk klingt das erst einmal als Vertröstung. Das Wort vom St. Nimmerleinstag ist keine Erfindung der ungeduldigen Jetzt-Zeit. Schon die alten Zeiten kannten es, dass Warten müssen eine Form von Anfechtung werden kann. Das weiß der HERR und bekräftigt deshalb: Aber es kommt ganz gewiss. So folgt dem Warten, auf das die Antwort Gottes ergeht, erneut Warten. Diesmal darauf, dass die Weissagung sich erfüllt zu ihrer Zeit. 

Es ist nicht so häufig, dass in der Bibel Schreib-Befehle erteilt werden. Wenn es aber doch geschieht, geht es um ein besonderes Gewicht dessen, was aufgeschrieben werden soll. gleich zwei Stellen aus der Offenbarung berühren sich mit dieser Passage: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.“(Offenbarung 1,11) Und am Ende des Buches: „Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die Worte der Weissagung in diesem Buch; denn die Zeit ist nahe!“(Offenbarung 22, 10) Aufbewahren und veröffentlichen. Die Worte Gottes, die Erfahrungen Gottes sind nicht für den Privatgebrauch und den Augenblick bestimmt, so gewiss sie persönlich und im Augenblick gegeben sein können.

 

Herr, Du heiliger Gott, Du lehrst uns warten. Warten auf Dein Wort, warten auf die Zeit, in der sich Deine Verheißung erfüllt. Lehrst uns warten – dadurch, dass Du schweigst. Du nimmst uns den schnellen Zugriff. Du gibst uns Zeit, nach Dir zu rufen, vor Dir zu klagen, Dir unsere Angst und Ratlosigkeit hinzuhalten.

Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen. Dein Schweigen zwingt uns, das raschen Handeln zu lassen, uns Dir zu lassen, uns hinzuhalten, bis unsere Ohren und Herzen geöffnet sind, unsere Hände geleert, unsere Füße zum Stehen gekommen, damit Du antworten kannst. Endlich. Zu guter Letzt. Amen