Chaos zum Schreien

Habakuk 1,  1 – 11

1 Dies ist die Last, die der Prophet Habakuk geschaut hat.

             Ein knapper Satz als eine Überschrift über das ganze Buch des Propheten. Was folgen wird ist eine Last, ein Ausspruch. So kann man das hebräische maśśāʼ auch übersetzen. Ganz unbefangen nennt die Überschrift Habakuk Prophet nābîʼ. Es scheint nicht das Bedenken zu geben, das wir aus anderen Propheten-Büchern kennen, dass es viele gibt, die sich Prophet nennen, aber nur ihrem Broterwerb nachgehen.

Es kann Leser*innen verblüffen: „Habakuk hat den Spruch nicht gehört, sondern geschaut.“ (L. Perlitt, Habakuk, ATD 25,1. Göttingen 2004, S. 44) nur, ganz so verblüffend muss das nicht sein, sagt dieser Satz doch nur, dass Habakuk nicht nur mit seinem Hören, sondern auch mit seinem Sehen in Anspruch genommen wird. es mag Ausdruck dafür sein, dass der Prophet ganz, mit allen Sinnen in Anspruch genommen ist.    

             „Vom Menschen Habakuk erfahren wir nicht außer seinem eher komischen Namen und dem Titel Prophet.“(L. Perlitt, aaO. S. 41) Der Name lässt zwei Deutungen zu: „Er kann ein assyrischer Vorname sein, der die Heilpflanze Basilikum meint.“ (G. Maier, Habakuk, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 59) Luther deutet anders: „Habakuk heißt auf Deutsch ein Herzer, oder der sich mit einem anderen herzet und in die Arme nimmt. Er tut auch also mit seiner Weissagung, dass er sein Volk herzet und in die Arme nimmt, das ist, er tröstet sie und hält sie aufrecht.“(M. Luther, Vorreden zur Bibel, Hrsg. H. Bornkamm, Hamburg 967, S. 114)

 2 HERR, wie lange soll ich schreien, und du willst nicht hören? Wie lange soll ich zu dir rufen: »Frevel!«, und du willst nicht helfen? 3 Warum lässt du mich Bosheit sehen und siehst dem Jammer zu? Raub und Frevel sind vor mir; es geht Gewalt vor Recht. 4 Darum ist das Gesetz ohnmächtig, und die rechte Sache kann nie gewinnen; denn der Gottlose übervorteilt den Gerechten; darum ergehen verkehrte Urteile.

             Dieses Herzen, Trösten, in die Arme nehmen, das Luther im Namen hört, beginnt mit einem Aufschrei: Wie lange? ʽad-ʼānāh – ein Aufschrei, wie er sich oftmals in den Psalmen findet:

„HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen?                    Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?                                     Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele                                          und mich ängsten in meinem Herzen täglich?                                 Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?“                                              Psalm 13, 2 – 3

       Gefolgt von dem anderen Aufschrei: Warum? Warum lässt Gott geschehen, was geschieht, schlimmer: sieht anscheinend unbeteiligt dem zu, was im Gange ist. Das ist ja die letzte, äußerste Bedrängnis, dass einer über dem, was geschieht, ihm und anderen widerfährt, irre wird an Gott. Ihn nicht mehr glauben kann als den, der doch eingreifen wird, dem Recht zum Sieg verhelfen.

Die Situation ist furchtbar, wie die sich regelrecht überstürzenden Worte zeigen: Bosheitchamas, Jammer ʼāwæn, Raub, Unheil – ʽāmāl, Frevel, Streit – rîb, Gewaltmādôn. Ohne dass Einzelheiten benannt werden, entsteht das Bild eines verstörenden Chaos. Es geht drunter und drüber. Es gibt kein Recht mehr. Das Gesetz – torah – steht nur noch auf dem Papier. Da ist keine Ordnungsmacht, die sie noch durchsetzen könnte.

Der Gerechte ist ohnmächtig der Gewalt des Gottlosen ausgeliefert. Ganz ähnlich wie in Psalm 1 werden sich hier die beiden Typen gegenübergestellt: der eine, der auf Recht und Gerechtigkeit setzt – der eine ein Gerechter, addîq – und der andere, rāšāʽ – der Gottlose, der nur die eigene Macht kennt und keinen Respekt vor dem Lebensrecht des anderen. eine Gegenüberstellung, die Langzeitwirkungen hat bis in das Neue Testament hinein: „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.“(Lukas 18,10) Der eine ein Frommer, der andere ein Sünder. so sieht es die Welt gerne – schwarz-weiß.

Weil dieser Aufschrei ganz ohne Zeit- und Ortsangaben ist, gelingt es nicht, von ihm den historischen Ort genau einzuordnen. So können Menschen zu allen Zeiten aufschreien. auch nicht nur Propheten. Es ist der Schrei der Bedrängten in den Favelas, in den Slums, in den Trümmern der syrischen Städte. Der Schrei so mancher, die sich den Fäusten und Gewaltakten ihrer Peiniger nicht entziehen können. Der stumme Schrei, oft überhört.

Es gehört zum Wesen wahrer Prophetie, so zu schreien für die, die nicht selbst schreien können, deren Schreien ungehört verhallt. „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“(Sprüche 31,8) Unsere Fürbitt-Gebete im Gottesdienst sind so ein Versuch, diesen Schrei aufzunehmen. Manche NGO-Aktion von Green Peace, Amnesty usw. ist auch so ein Versuch. Denen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden.

Es ist aber nicht so, dass dieses Chaos der Welt das wäre, was Habakuk allein zu schaffen macht. Er leidet nicht nur daran, dass die Welt schlecht ist. Noch mehr setzt ihm zu, dass Gott nichts tut. Dass Gott dem Geschehen nicht in den Arm fällt. Dass Gott den Dingen ihren Lauf lässt. Er greift nicht ein. Er hört nicht. Er hilft nicht. Er lässt zu, dass das Unrecht seine unverschämten Triumphe feiert.

 5 Schaut hin unter die Völker, seht und verwundert euch! Denn ich will etwas tun zu euren Zeiten, was ihr nicht glauben werdet, wenn man davon sagen wird.

             Es ist, als würde der Prophet die Blickrichtung wenden. Er schreit nicht mehr zu Gott. Er richtet sich an seine Hörer*innen. Mit einer Schreckensbotschaft: Es wird noch schlimmer kommen.  Was er ansagen wird, was geschehen wird, das ist so unglaublich, dass es keiner wahrhaben will. Er muss ansagen, was noch in keiner Weise im Blick ist, auch nicht bei denen, die schon gewohnt sind, weiter zu den denken.

Es spricht manches dafür, diese Worte historisch in eine Zeit einzuordnen , in der die assyrische Machtposition noch nicht erschüttert ist, von den Chaldäern unter Nebukadnezar noch nicht die Rede ist, also vor 612 v. Chr.. Niemand kann sich vorstellen, dass diese Weltordnung – Assur hat das Sagen, allen Versuchen Ägyptens zum Trott ins Wanken geraten könnte. So wie sich heute noch niemand vorstellen kann, dass die USA nicht mehr Weltmacht Nr. 1 sind, dass sie abgelöst werden könnten. Von China?

 6 Denn siehe, ich will die Chaldäer erwecken, ein grimmiges und schnelles Volk, das hinziehen wird, so weit die Erde ist, um Wohnstätten einzunehmen, die ihm nicht gehören. 7 Grausam und schrecklich ist es; es gebietet und zwingt, wie es will. 8 Seine Rosse sind schneller als die Panther und bissiger als die Wölfe der Steppe. Seine Reiter sprengen herbei. Seine Reiter kommen von ferne. Sie fliegen, wie die Adler eilen zum Fraß. 9 Sie kommen allesamt, um Schaden zu tun; ihre Gesichter schauen nach vorn. Sie raffen Gefangene zusammen wie Sand. 10 Sie spotten der Könige und verlachen die Fürsten. Alle Festungen sind ihnen ein Scherz; sie schütten Erde auf und erobern sie. 11 Alsdann brausen sie dahin wie ein Sturm und jagen weiter; so machen sie ihre Kraft zu ihrem Gott.

             Es ist ein einziger Sturmlauf, der hier geschildert wird. Die treibende Kraft hinter diesem Sturmlauf der Chaldäer ist Gott selbst: ich will die Chaldäer erwecken. Sie sind nicht aufzuhalten. eine erschreckend präzise Schilderung der Militärmacht, die damals in wenigen Jahren die Welt des alten Orients verändert. Assur vergeht, Ägypten verliert und wird eine Regionalmacht, Babylon wird die neue Macht. Sie selbst glauben, weil sie so stark sind. Es ist der Anfang vom Ende ihrer Macht, der hier schon anklingt: so machen sie ihre Kraft zu ihrem Gott. Sie kennen nur noch ihr Recht und übersehen: Recht muss immer aus dem Recht Gottes schöpfen. Sie glauben an ihre Macht.

 Wann immer ein Volk das anfängt zu glauben, an die eigene Macht und Größe, an die Selbstbeauftragung zur Herrschaft über alle Welt, untergräbt es den Boden, auf dem es dahinstürmt, verfehlt es seinen Auftrag. „Sie sind, so gewaltig sie erscheinen, nur Wind, vergänglich, nichtig.“(G. Maier, aaO. S. 67) Ein Sturm – aber ohne innere Kraft und ohne Bestand. So sieht der Prophet sogar die Weltmacht, die im Aufstieg begriffen ist. Das könnte uns frei machen von den Ängsten über die neuen Konstellationen in der Welt, die sich abzeichnen. Sie sind alle – ohne Gott – nur ein Windhauch, wie stürmisch sie sich auch immer gebärden

 

Heiliger Gott, wann rufen wir nach Dir? Nur wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, nur wenn wir nicht mehr weiter wissen, nur wenn die Angst uns packt?

Oder rufen wir auch nach Dir, wenn es uns gut geht, wenn wir glücklich sind, wenn uns das Leben gelingen will.

Du hörst unser Rufen, das aus der Not und auch das Rufen, das wir manchmal vergessen. Amen