Sehnsucht bewahren

Zefanja 2, 1 – 7

1 Sammelt euch und kommt her, du Volk, das keine Scham kennt, 2 ehe denn das Urteil ergeht – wie Spreu verfliegt der Tag –, ehe denn des HERRN grimmiger Zorn über euch kommt, ehe der Tag des Zorns des HERRN über euch kommt!

             Wer ist das Volk, das keine Scham kennt? Sind das Worte an alle, die Menschheit? Oder sind es Worte an Jerusalem, die über die Ankündigung des Gerichtstages hinaus zurückgreifen? „Die Anrede gôj „Nation“ kann sich nicht auf die Völker, sondern im Anschluss an Kap 1. nur auf Juda oder eine Gruppe der Judäer beziehen.“(L. Perlitt, Zephanja, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 118) Dann würde Juda wie die Heiden, die sonst als die gojim bezeichnet werden, angesehen. Es hätte den Vorzug der Erwählung verspielt. Weil es keine Scham kennt. Weil sie schamlos geworden sind – worin immer sich das auch zeigen mag.

Ein zweites Problem: „Niksap beschreibt die Sehnsucht, das Heimweh. Ältere Ausleger übersetzen „Scham“ nach der arab. Grundbedeutung „farblos sein, blass werden.“ (G. Maier, Zephanija, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 121) Ist das gleichgültig, ob Scham oder Sehnsucht? Aber es macht doch einen Unterschied, ob ein Volk keine Scham mehr kennt oder ob es keine Sehnsucht mehr vorantreibt, herausfordert? Ein Volk, das keine Sehnsucht mehr hat, hat sich arrangiert mit der Gegenwart, nimmt alles als gleich gültig und damit gleichgültig hin.

            Kann man es einem Volk zum Vorwurf machen, dass es keine Sehnsucht mehr hat, dass es keine Perspektive mehr sieht, nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen und zu leiden lohnt? Die Sattheit, die sich genügen lässt am alltäglichen Genuss, die das eigene kleine Glück mit dem Anschein des Rechtes gegen alle anderen verteidigen will, die nicht bereit ist, den eigenen Überfluss zu teilen – die kann man Einzelnen und vielleicht auch einem Volk zum Vorwurf machen. Erst recht, wenn diese Sattheit ungerechte Verhältnisse zementiert. Aber man muss dabei vorsichtig sein: Wer so auf andere zeigt, muss sich schon die Frage gefallen lassen: und wie steht es mit Dir? Wie hältst du es mit dem Teilen, der Solidarität? Das ist die kritische Frage auch heute, in unseren aufgeregten Zeiten.

Die Worte des Zefanja wirken wie der Aufruf zu einem Prozess: Seid bereit, euch eurer Verantwortung zu stellen. Noch ist es Zeit. Noch ist der Tag des Zorns des HERRN nicht angebrochen.  Aber er steht schon vor der Tür. Ein ähnliches Denken: Noch ist es Zeit begegnet auch in den Worten Jesu, wie sie die Bergpredigt überliefert: „Vertrage dich mit deinem Widersacher sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, auf dass dich der Widersacher nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest.“(Matthäus 5,25) Es ist, solange das Urteil noch nicht gesprochen ist,  noch Raum zur Umkehr, es ist noch nicht zu spät. Vielleicht. ʼûlaj.

3 Suchet den HERRN, all ihr Elenden im Lande, die ihr seine Rechte haltet! Suchet Gerechtigkeit, suchet Demut! Vielleicht könnt ihr euch bergen am Tage des Zorns des HERRN!

             Darum schließt sich an diesen Ausruf die Aufforderung schlüssig an. Suchet den HERRN! Suchet Gerechtigkeit, suchet Demut! Es ist ein Wort an die Elenden im Lande. An die, die nicht am großen Rad mitgedreht haben, sondern die eher unter die Räder gekommen sind. Sind das die „Frommen“? Mir scheint auf jeden Fall, es ist eine Anrede an Juda, nicht an die Völker. „Die ʽanwȇʼārae sind die Demütigen im Lande.“(L. Perlitt, Zephanja, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 119) Eine Aufforderung zur Rückkehr zu den Basics – dem Recht mišpā, das die ganze göttliche Lebensordnung meint, der Gerechtigkeit und der Demutʽanāwāh. Sie sollen suchen, was Israels Grundbestimmung ist. Auf dieser Spur bleiben.

Die Frage, ob man den Demütigen das wirklich sagen muss, dass sie auf der Spur der Demut, des Rechts, der Gerechtigkeit bleiben, ist in meinen Augen falsch gestellt. Das ist nie eine überflüssige Aufforderung – weil es in aller Frömmigkeit die Gefahr gibt, dass sie in einer selbstgefälligen Routine erstarrt. Und nur noch sich selbst sucht, nicht aber Gott und seinen Weg.   

4 Denn Gaza wird verlassen und Aschkelon verwüstet werden. Aschdod soll am Mittag vertrieben und Ekron ausgewurzelt werden. 5 Weh denen, die zum Meer hin wohnen, dem Volk der Kreter! Des HERRN Wort wird über euch kommen, du Kanaan, der Philister Land; ich will dich umbringen, dass niemand mehr da wohnen soll. 6 Dann sollen zum Meer hin Hirtenfelder und Schafhürden sein.

             Die Blickrichtung wechselt. Vielleicht muss man auch nur sagen: der Blickwinkel weitet sich, Die Propheten Israels betrachten Israel nie wie eine Insel, weitab vom Umland.  Gaza, Aschkelon, Aschdod, Ekron sind Philisterstädte, die Israel nicht bei der Landnahme erobern konnte. Der Küstenstreifen am Mittelmeer, mit dem es immer wieder Konflikte gab – daran hat sich bis heute ja nichts geändert. Heute ist das eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt – damals sagt der Prophet an: Entvölkerung, die das Land und die Leute treffen werden. Darum auch Wehe. Übrigbleiben wird ein Land, das nur noch als Viehweide dienen kann. Raum für Hirtenfelder und Schafhürden.

Es ist ein Gerichtswort über früher fruchtbares, reiches Land. Menschenleer, verwüstet, trostlos. Was auffällt: in diesen Worten ist keine Häme, sondern eher Mitleid zu hören. Das ist deshalb wichtig, weil es sonst wie ein Triumph derer klingen könnte, die vom Untergang der Städte profitieren werden.

7 Und das Land am Meer soll den Übriggebliebenen vom Hause Juda zuteilwerden, dass sie darauf weiden. Am Abend sollen sie sich in den Häusern von Aschkelon lagern. Denn der HERR, ihr Gott, wird sie wiederum heimsuchen und ihr Geschick wenden.

             Das wird die Folge sein: Das von Menschen entleerte Land wird neu bevölkert – von den Übriggebliebenen vom Hause Juda. Es ist ein Kontrastwort: „Juda erscheint als der Nutznießer der philistäischen Katastrophe.(L. Perlitt, aaO. S. 125) Mag sein, es ist nur Land für Schafe und anderes Kleinvieh, Dennoch ist es Land, das Juda zuteilwird – in einer Art neuer Landgabe. Denn das ist die eigentliche Pointe: Nicht Juda nimmt dieses Land ein – der HERR, ihr Gott gibt es ihnen.

Man kann und darf diese Worte wohl nicht lesen, ohne die gegenwärtige politische Situation mit im Blick zu haben. Es gibt den Konflikt über alle Zeiten hinweg: Wem gehört dieses Land? nicht nur der Küstenstreifen, genannt Gaza. sondern das ganze Land. Und es gibt bis heute den Anspruch von beiden Seiten. Palästinenser sehen sich als die Nachfahren der Philister, die vor Israel in Kanaan gelebt haben. Israel dagegen sieht das Land als die Gabe Gottes, eingenommen, weil er es ihnen gegeben hat. Die ganze Bitterkeit dieses Konfliktes hängt auch daran, dass er so uralt ist. Wie ein Verhängnis aus Ur-Zeiten.

 

Niemand, mein Gott, hat das Recht, sich einfach zu nehmen, was ihm gefällt. Es gibt auch keinen Anspruch darauf, dass unser Leben gelingt, immer in ruhigen Bahnen verläuft, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen.

Wir sind auf Empfangen angewiesen. Wir sind nicht die, die das eigene Glück erzwingen können.Was wir können, ist wenig und doch viel: In allen Wechselfällen des Lebens Dich suchen, das Vertrauen zu Dir einüben, die Demut lernen, die den eigenen Weg annehmen kann. Uns freuen an guten Zeiten und tapfer sein, wenn der Wind gegen uns steht.

Dazu gib Du uns Vertrauen genug. Amen

Ein Gedanke zu „Sehnsucht bewahren“

  1. Nun bin ich auch hier am Ferienhäuschen am Bodensee wieder im Netz. (In Hotels ist das viel einfacher) und ich möchte noch herzlich danken für die vielen guten Gedanken und Anregungen zu den Johannes Briefen. Hatten diese Texte in unserem Hauskreis besprochen, und ich wähnte mich fast als „Spezialist“!! Hauskreis ist aber einfachstes Laienniveau!! Umso wertvoller Ihre ganzen Ergänzungen und Erklärungen!!! Herzl. Dank!!!

Kommentare sind geschlossen.