Gericht – ist das fair?

Zefanja 1, 1 – 9

1 Dies ist das Wort des HERRN, das geschah zu Zefanja, dem Sohn Kuschis, des Sohnes Gedaljas, des Sohnes Amarjas, des Sohnes Hiskias, zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda.

 

Mit den ersten Worten ist klargestellt, worum es geht, um das Wort des HERRN. „Propheten sind Boten, die verkündigen, was sie selber empfangen haben: Jahwes Wort.“ (L. Perlitt, Zephanja, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 100) Erst danach folgt eine sorgfältige zeitliche und biographische Einordnung. Zefania wird vorgestellt, ungewöhnlich genug mit einer Reihe von gleich vier Ahnen. Die Ahnenreihe geht bis auf einen Hiskia zurück.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass damit König Hiskia (725 – 697) gemeint sein könnte. Hätte der Sammler der Worte des Zefania als der Redakteur des Buches, eine königliche Herkunft nicht deutlicher hervorgehoben? Ein mögliches Motiv: „Die auffällige Tatsache, dass 1.1 die Genealogie des Propheten durch vier Generationen von einem Kuschi („Äthiope“) bis zu einem Hiskia verfolgt. hat ihren Grund entweder in dem Wunsch, die königliche Herkunft Zephanjas zu dokumentieren oder in der Absicht, einen durch den Namen des Vaters provozierten Zweifel an seiner judäischen Herkunft zu beschwichtigen.“(O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloh 1969, S. 178f.) Vor allem dieses letztgenannte Motiv erscheint einleuchtend.

Genauer bestimmt wird die Zeit dieser Worte: Zur Zeit Josias. Damit geht es um die Jahre zwischen  639 und 609 v. Chr. Es ist die Zeit, in der Josia seine Reformen durchgeführt hat. Es könnte sein, ist aber nicht sicher: „Gottes Botschaft durch Zefania war der Wegereiter für die josianische Reform. Er schärfte das Gewissen für Gottes willen im kultischen und ethischen Bereich.“ (G. Maier, Zephanija, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 109)   

 2 Ich will alles vom Erdboden wegraffen, spricht der HERR. 3 Ich will Mensch und Vieh, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer wegraffen; ich will zu Fall bringen die Gottlosen, ja, ich will die Menschen ausrotten vom Erdboden, spricht der HERR.

             Was für eine Eröffnung des Buches: Gericht – über den ganzen Erdkreis. Eine zweite Sintflut. Dreimal wegraffen҆asoph. Die so gedrängte Wiederholung des Wortes ist ein Zeichen der Unausweichlichkeit. Alles –  Mensch und Vieh,  die Vögel des Himmels und die Fische im Meer. Es wirkt wie eine nachgeschobene Erklärung: diese Sintflut trifft keine Unschuldigen, sondern die Gottlosenrāšāšʽ.

In dieser Erklärung lese ich Erschrecken und Ratlosigkeit: Ist das wirklich ein Ziel, das Gott haben kann: eine menschenleere Erde? Widerspricht eine zweite Sintflut nicht dem Treueschwur Gottes – trotz der Wesensart der Menschen? „Gott sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. … Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.“(1. Mose 8, 21-22; 9, 13-15)

Was für eine Zumutung für den Propheten und für die späteren Sammler seiner Worte: Gott zieht eine Revision seiner Treue in Betracht.

  4 Ich will meine Hand ausstrecken gegen Juda und gegen alle, die in Jerusalem wohnen, und will ausrotten von dieser Stätte, was vom Baal noch übrig ist, dazu den Namen der Pfaffen und Priester 5 und die auf den Dächern anbeten des Himmels Heer, die den HERRN anbeten und bei ihm schwören und zugleich bei Milkom 6 und die vom HERRN abfallen und die nach dem HERRN nichts fragen und ihn nicht achten.

Es wirkt, als würde aus einem großen Bild jetzt ein winziger Ausschnitt gewählt. „Der Blick wird vom großen Welttheater weg und hin auf das kleine Juda gelenkt.“. (L. Perlitt, aaO. S. 104) Es ist ja oft so: die großen Schrecknisse werden noch einmal anders hautnah, wenn sie auf konkrete Gestalten bezogen sind. Wenn sie konkret werden in Namen.

Jetzt also:  Gegen  Juda und Jerusalem. Mit einer Begründung, wie sie in der Zeit liegt: sie beten die falschen Götter an. Die Aufzählung spiegelt „die Aufräumarbeiten“ der Reform des Josia. Er hat dem Baals-Kult ein Ende zu machen gesucht, er hat die Anbetung der Himmelsheere unterbunden, er hat das Hin und Her zwischen Jahwe und Milkom beendet. Milkom ist wohl der Name eines Gottes der Ammoniter. Schon Salomo wird beschuldigt: So diente Salomo der Astarte, der Göttin der Sidonier, und dem Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter.“(1. Könige 11,5)  

Leser*innen heute tun gut daran, sich mit raschen Urteilen zurück zu halten. Es ist das übliche Spiel – bis heute: da wird nicht nur Zuflucht bei Gott gesucht, sondern auch Zuflucht bei Götzen. Neben das Gottvertrauen tritt das Vertrauen auf die Märkte. Neben das Hoffen auf Gott tritt das Klopfen auf Holz, tritt die Beschwörung: Toi, toi, toi. Für den Propheten ist kein Zweifel: dieses Wanken, dieses Doppelspiel, „Hinken auf beiden Seiten“ (1. Könige 18,25) ist in Wahrheit Abfallen von Gott. Wer mit Gott so umgeht, macht ihn den Götzen gleich und damit zum Götzen.     

 7 Seid stille vor Gott dem HERRN, denn des HERRN Tag ist nahe; denn der HERR hat ein Schlachtopfer zubereitet und seine Gäste dazu geheiligt. 8 Und am Tage des Schlachtopfers des HERRN will ich heimsuchen die Oberen und die Söhne des Königs und alle, die ein fremdländisches Gewand tragen.

             Das ist ein Ruf wie aus der Liturgie, der das Kommen Gottes ansagt: Seid stille vor Gott dem HERRN. Das ist zugleich ein Wort, wie es Leser*innen vielleicht schon aus der Verkündigung Jesajas im Ohr haben:  So spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.“(Jesaja 30,15) Hier werden die Worte zur Ansage des Gerichtstages –   Des HERRN Tag. 

 Es ist ernüchternd, feststellen zu müssen: „Weder Text noch Kontext beantworten die Frage: Wer ist das Schlachtopfer und  wer sind die Geladenen?“ (L. Perlitt, aaO. S. 107) So bleibt nur das weite Feld der Spekulation. Ist Israel, Juda, Jerusalem das Opfer? Lädt Gott Fremdvölker zum Opferfest?

 9 Auch will ich zur selben Zeit die heimsuchen, die über die Schwelle springen, die ihres Herrn Haus füllen mit Rauben und Trügen.

             Im Wort von den Schwellenhüpfern klingt der Vorwurf an, der schon zuvor erhoben wurde: Das sind die, die von Jahwe zu Milkom, von Milkom zu Jahwe wechseln, hüpfen. Je nach Gusto, Lust und Laune. Konkret wird das Ganze durch die Feststellung: es sind Leute, die mit Rauben und Trügen unterwegs sind. Ob zu eigenen Gunsten oder für ihren Herrn – den König – das spielt letztlich keine Rolle. Die Führungsschicht, die Oberschicht der Beamten in Jerusalem ist eine, die „vergessen hat, was ihr gegeben war, verraten, was ihr geboten war. Wer fremden Herrn nachläuft, läuft de facto von Jahwe weg.“ 

 Das kann man wohl nur nachdenklich und betroffen lesen. Kann es sein, dass es bei uns auch so ist, dass wir vergessen, was wir empfangen haben, dass wir die Wege verlassen, die uns geboten sind? Dass wir aller Welt nachlaufen und ihr das Zeugnis schuldig bleiben, dass wir uns an den dreieinigen Gott halten. Es steht zwar noch im Gesangbuch, aber es gehört nicht mehr zum bevorzugten Liedgut, das in unseren Kirchen gesungen wird.

Wach auf, wach auf, du deutsches Land! Du hast genug geschlafen,
bedenk, was Gott an dich gewandt, wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt und dir vertraut sein höchstes Pfand, drum magst du wohl aufwachen!

Erst recht meiden wir die Strophe, die es nicht mehr ins Gesangbuch geschafft hat, weil sie allzu kritisch ist.

 All Ständ’ sind jetzt so gar verderbt. Will niemand sich erkennen
mit gutem Schein, doch so gefärbt, tun all sich Christen nennen.
Und wird der göttlich Name teu’r zur Sünd’ gebraucht so ungeheu’r, Deutschland wird sich abrennen.                                                J. Walter 1561, EG 145

Mir scheint, diese Worte beschwören Gefahren, die über die Zeiten hinweg drohen.

 

Heiliger Gott, bei uns ist viel Furcht unterwegs. Furcht vor Armut und Krankheit. Furcht vor unsicheren Zeiten in der Weltpolitik. Furcht , die sich tief in die Herzen frisst.

Du dagegen bist nicht mehr der, den wir fürchten über alle Dinge. Ob wir Dich deshalb auch nicht mehr lieben über alle Dinge?

Wir glauben nicht mehr so richtig daran, dass Du die Welt richten könntest, dass Du das Unrecht auf uns zurückfallen lassen könntest, dass Du Deinem Zorn über Gleichgültigkeit, Anmaßung und Selbstgerechtigkeit freien Lauf lassen könntest.

Lehre Du uns neu die wache Wahrnehmung, dass diese Welt Deinem Gericht entgegen geht und dass wir keine andere Zuflucht haben als dich allein. Amen