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  1. Johannes 1 – 13

Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder, die ich lieb habe in der Wahrheit, und nicht allein ich, sondern auch alle, die die Wahrheit erkannt haben, 2 um der Wahrheit willen, die in uns bleibt und bei uns sein wird in Ewigkeit: 3 Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, sei mit uns in Wahrheit und in Liebe!

             Diesmal fängt der Älteste seinen Brief an, wie man in der Antike Briefe anfängt. Er stellt sich vor. Er muss seinen Namen nicht nennen. Es reicht, dass er sich als πρεσβτερος, der Älteste vorstellt. Aus anderen Quellen legt sich der Schluss nahe: Der Presbyter Johannes aus Ephesus hat hier das Wort. Er nennt seine Adressatin, wenn auch nicht mit Ort oder Namen. Die auserwählte Herrin ist eine Anrede, die der Angeredeten Ehre zuerkennt.

„Ehrwählte Herrin ist eine Umschreibung für Kirche bzw. Gemeinde.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S. 205) Aus der Wendung spricht die Ehrfurcht vor der Gemeinde. Ein Brief, ein Gespräch auf Augenhöhe. Wie anders klingt das gegenüber heute, wo Gemeinde so oft als eng, defizitär, milieu-verengt beschrieben wird und sich so beschimpft fühlt. Engagierte Menschen, die darin nur abwertende Urteile hören können.

Wir wissen nicht, welche Gemeinde so angesprochen wird. Aber es ist deutlich: Der Schreiber schätzt die Gemeinde und ihr Glieder. Sie sind auserwählt. Auch für sie gilt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ (Johannes 15,16)  Wer so von Jesus auserwählt ist, dem kommt auch Ehre von den Leuten Jesu zu.

Sie sind geliebt. Von dem Ältesten und allen, die die Wahrheit erkannt haben. Diese Liebe hat ihren Grund in der Wahrheit, die sie miteinander teilen. Die sie verbindet. In der sie bleiben. Das ist eines der Lieblingsworte des Johannes. Geht es ihm doch – darauf weist auch die griechische Form des Wortes μνουσαν hin – immer wieder um die doppelte Wirkung des Bleibens: In der Zeit bei der Gemeinde und in Ewigkeit in der Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.

Dann folgt er dem antiken Briefformular mit seinem volltönenden Segenswort. Gnade, Barmherzigkeit, Friede – mehr geht nicht.  Das ist der Lebensraum, in den er die Gemeinde stellt und in dem sich ihr Leben entfalten kann. „Die Gemeinschaft der Glaubenden darf gewiss sein, dass ihr Gnade, Erbarmen, Friede als Inbegriff aller Heilsgaben Gottes auf Dauer geschenkt sind.“ (H-J. Klauck, Der Zweite und Dritte Johannesbrief, EKK XXIII/2; Neukirchen 1992, S. 41) Diese guten Gaben kommen von Gott und von Jesus Christus. Und in der Formel wird präzisiert: Gott ist der Vater und Jesus Christus der Sohn des Vaters. In einer Welt, in der viele Götter verehrt werden, wird so klargestellt, wer hinter  dem Segen steht.

Und noch einmal: Unter diesem Segen schließt sich der Älteste mit der Gemeinde, an die er schreibt, zusammen.  Sie sind verbunden in der Wahrheit und der Liebe. Beide Worte sind als Inhalte schon dem 1. Johannesbrief überaus wichtig.

 4 Ich bin sehr erfreut, dass ich unter deinen Kindern solche gefunden habe, die in der Wahrheit leben, nach dem Gebot, das wir vom Vater empfangen haben.

             Auch wenn das in antiken Briefen oft am Anfang steht. Nichts spricht dagegen, dass es hier wirkliche Freude ausgesagt wird über den Glaubensstand der Gemeinde. Gerade auch auf dem Hintergrund, dass es Abwanderung gegeben hat, Menschen die Gemeinde verlassen haben, gewinnt dieser Satz Bedeutung. Es gibt Christen, die in der Wahrheit leben, die ihren Weg nach dem Gebot, ντολ, suchen. Nach der Weisung Jesu. Wie so häufig in den Johannes-Briefen, wird hier einmal mehr auf das Wort Jesu aus dem Johannes-Evangelium zurück verwiesen: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,34)

 5 Und nun bitte ich dich, Herrin – ich schreibe dir kein neues Gebot, sondern das, was wir gehabt haben von Anfang an -, dass wir uns untereinander lieben.

Die stärkste Form der Ermahnung und Ermutigung ist die Bitte, nicht ein Befehl.  Bitten nimmt den anderen in seiner Freiheit und Verantwortung ernst. Darum erinnert Johannes die Gemeinde – die Herrin – bittend an das Gebot, das am Anfang der Gemeinde steht. „Es geht darum, das Gebot als bekanntes und praktiziertes immer neu zur Grundlagen christlichen Lebens zu machen.“ (H.-J. Klauck, aaO. S. 50)

Wenn man will, werden mit diesen Worten Fußwaschung und das neue Gebot zur Geburtsstunde der Gemeinde gemacht. Ein Gedanke, der mir durchaus gefallen kann. Werden doch so die Gemeinschaft mit Jesus – in der Fußwaschung gewinnen seinen Jünger Teil an ihm (Johannes 13,8) – und die Liebe untereinander zu Basiselementen der Christengemeinde. Selbstkritisch wird dann zu fragen sein: Steht unser Kirche-Sein noch auf dieser Basis? Sind wir noch so „Gemeinde des Herrn?“(J. Hendriks, Gemeinde als Herberge, Gütersloh 1999)  ?

6 Und das ist die Liebe, dass wir leben nach seinen Geboten; das ist das Gebot, wie ihr’s gehört habt von Anfang an, dass ihr darin lebt.

Auch diese Aussage ist nicht neu. Sie steht in ähnlicher Weise schon im 1. Johannesbrief. Die Liebe zeigt sich im Leben nach den Geboten. Im Tun dessen, was Jesus entspricht. Man könnte fast sagen: Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es verdrießt Johannes nicht, seinen Gemeinden immer wieder dasselbe zu schreiben.

Er greift gerne auf den Anfang zurück. Ist es doch so, dass mit dem Anfang der gute Grund gelegt ist, auf den die Gemeinde ihr Leben bauen kann. Vielleicht klingt hier sogar noch der Anfang des Johannes-Evangelium nach: „Im Anfang war das Wort.“ (Johannes 1.1) Soviel höre ich: Johannes liebt diesen Anfang. Ἀρχῆ. Und es ist doch eine Illusion – trotz aller Fortschritte im Glauben – dass wir jemals etwas anderes würden als Leute, die auf den Anfang angewiesen bleiben, den Gott mit ihnen gemacht hat. Und immer wieder macht.

All Morgen ist ganz frisch und neu                                                        des Herren Gnad und große Treu;                                                           sie hat kein End den langen Tag,                                                         drauf jeder sich verlassen mag.         J. Zwick 1545, EG 440

             In diesem immer neuen Anfangen Gottes liegt zugleich die Verheißung des guten Endes, der Vollendung.

7 Denn viele Verführer sind in die Welt ausgegangen, die nicht bekennen, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Antichrist.

             Die Gemeinde lebt nicht im luftleeren Raum. Es gibt andere Stimme, die andere Botschaften verbreiten. Die zwar vom Christus reden, aber ihn nicht in dem Mensch gewordenen Jesus sehen, sondern in einem geistig-überirdischen Himmelswesen. Dass „das Wort Fleisch wurde“(Johannes 1,14) ist ein Zentralbekenntnis der Christenheit. Wir glauben…

an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.                                          EG-EKHN 805

             Wer dieses Bekenntnis zu dem Mensch Gewordenen nicht teilt, anders von Christus redet, der ist für Johannes ein Verführer und der Antichrist. So hart zu urteilen will uns in unserer religionsmüden Zeit zu hart erscheinen. Erst recht, wenn wir bedenken, dass es auch ein Wort gegen Menschen in der Gemeinde sein könnte.

 8 Seht euch vor, dass ihr nicht verliert, was wir erarbeitet haben, sondern vollen Lohn empfangt.

             Es ist nicht einfach nur Härte, die Johannes so urteilen lässt. Es ist vor allem die Sorge, die ihn so schreiben lässt. Wer an dieser Stelle – dem Christus-Bekenntnis – nicht wachsam ist, klar, einfältig und eindeutig, steht in Gefahr. „Das Heil der Leser selbst steht auf dem Spiel.“ (H. Balz, aaO. S. 208) Sie vertun, was ihnen doch versprochen, verheißen ist, den vollen Lohn. „Die Erfüllung ihrer Gottesgemeinschaft im wahren, unvergänglichen Leben vor Gott.“ (H. Balz,ebda.)

Das Neue Testament redet sehr viel unbefangener vom Lohn des Glaubens, als es uns in einer Theologie gelingen will, die die Abwehr des Lohngedankens für eine wesentliche Errungenschaft der Reformation hält. „Da fing Petrus an und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?“ (Matthäus 19,27) Diese Frage wird von Jesus nicht für unzulässig erklärt, für kleingläubig, sondern er beantwortet sie durchaus positiv: „Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels. Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“ Matthäus 19,28-29) Aber Hochrechnen im Sinn von Kapital-Ertrag lässt sich das nicht. Darin haben alle Warnungen vor dem Lohngedanken durchaus ihr Recht.

9 Wer darüber hinausgeht und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat Gott nicht; wer in dieser Lehre bleibt, der hat den Vater und den Sohn.

             Es ist das einfache, einfältige Evangelium, das genügt. Es braucht nicht mehr. Nicht Speziallehren. Nicht Himmelsweisheiten und Himmelsreisen, nicht Sonder-Offenbarungen. Die überlieferte Christus-Lehre reicht.  Und in dieser Lehre bleiben ist gleichbedeutend mit Gott haben, den Vater und den Sohn. „Die Wirklichkeit Gottes ist nicht identisch mit der Lehre, aber sie ist nur in der Gestalt der rechten Christuslehre bei den Glaubenden.“ (H. Balz, ebda.) Es geht dabei nicht um rechtgläubige Theologie. Es geht um den Halt im Leben und im Sterben, den der verliert, der nach Luftgespinsten greift.

 10 Wenn jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht, so nehmt ihn nicht ins Haus und grüßt ihn auch nicht. 11 Denn wer ihn grüßt, der hat teil an seinen bösen Werken.

     Das ist hart: Sich gar nicht erst einlassen auf Begegnungen, auf Gespräche. Die Tür nicht aufmachen. Kommunikation verweigern. Schon das Grüßen unterlassen. Denn im Gruß geschieht ja Heilsmitteilung. Schalom – Friede sei mit Dir. Aber die Irrlehrer, so Johannes, haben keinen Frieden und bringen keinen Frieden. Und der Frieden, der ihnen zugesprochen wird, geht ins Leere. „Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen. Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden.“ (Matthäus 10, 12-13) Johannes geht darüber noch hinaus.

Das ist wohl nur von daher zu verstehen, dass die Situation der Gemeinde hoch gefährdet ist durch die Irrlehrer. „Die Bedrohung der Gemeinde scheint sich gegenüber dem 1. Johannes-Brief verschärft zu haben.“ (H. Balz, aaO. S. 210) Das erklärt anfangsweise dieses schroffe `Halt’ gegenüber jeder Kommunikation. Befriedigend aber ist das dennoch nicht. Wo kein Gespräch mehr ist, wird der Andere, die Andere, als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Verträgt sich das wirklich mit dem Evangelium und seiner Hoffnung auf die Rettung der Gottlosen?

Für uns heute jedenfalls ist dieser Gesprächs-Abbruch kein beispielgebendes Modell. Wir müssen im Gespräch bleiben mit einer Umwelt, die anders unterwegs ist, die manchmal ein wenig spöttisch über diese Ewiggestrigen Christen lächelt, die auch einmal aggressiv reagieren kann, wenn jemand vom Glauben her eindeutig Stellung bezieht, bis in die gesellschaftliche Wirklichkeit hinein.

12 Ich hätte euch viel zu schreiben, aber ich wollte es nicht mit Brief und Tinte tun, sondern ich hoffe, zu euch zu kommen und mündlich mit euch zu reden, damit unsre Freude vollkommen sei.

Genug geschrieben. Viel lieber möchte Johannes von Angesicht zu Angesicht mit seinen Brüdern und Schwestern reden. Die Gemeinde sehen. Damit unsre Freude vollkommen sei. Kein kirchenleitender Pflichtbesuch. Einander sehen, miteinander reden, singen, weinen, lachen, beten, das Wort tauschen führt zur vollkommenen Freude. Schon im 1. Johannes-Brief steht diese Hoffnung „damit unsre Freude vollkommen sei“ (1. Johannes 1,4) wörtlich da. Vielleicht kann man sagen: Es lohnt sich, einander zu sehen. Der Glaube wird gestärkt. Die Liebe wird vertieft. Freude bricht sich Bahn. Was für eine wunderbare Begründung für  geschwisterlichen Besuchsdienst.  Und ein Versprechen hin auf die Freude ohne Ende. Jesus: „Ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ (Johannes 16,22)

 13 Es grüßen dich die Kinder deiner Schwester, der Auserwählten.

Der gerade noch so streng das Grüßen der Irrlehrer untersagt hat, der grüßt nun, von Gemeinde zu Gemeinde. Und wünscht mit diesem Gruß Heil und Frieden und Segen. Im Wissen: Wir gehören zusammen – auserwählt durch die Gnade Gottes.

 

Heiliger Gott, Du hüllst uns ein in Gnade, Barmherzigkeit, Frieden. Du fängst alle Tage neu mit uns an. Du willst, dass wir auch alle Tag neu miteinander anfangen, Liebe üben, auch wenn wir darin Anfänger bleiben, dass wir uns von Deinem Gebot leiten lassen, auch wenn es uns Schritte abverlangt, die uns schwer fallen wollen.

Stärke Du uns in der Liebe, im Gehen auf Deiner Spur. Amen