Allein durch den Glauben

Galater 3, 1 – 14

1 O ihr unverständigen Galater!

       Paulus macht sich Luft. Muss sich Luft machen. Weil es ihm sonst die Luft nimmt. Allein daran ist schon zu merken, wie nahe ihm die Angelegenheit geht. Er ist betroffen, auch deshalb, weil ihm an seinen Brief-Empfänger liegt. Sie sind ihm wert – und deshalb ist er so aufgeregt und betroffen. Auch und gerade, weil sie  unverständig sind. νητος – da klingt unvernünftig, töricht mit. „Verpeilt“ übersetzt die Volxbibel. Es ist keine Schmeichelei, aber auch keine Drohung. Ich höre hier eher tiefe Sorge.

 Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? 2 Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?

             Er erinnert sie: Euch war doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte. Das ist der Anfang ihres Glaubens. Wie kann es sein, dass sie ihn aus den Augen verloren haben?  Bezaubert lese ich nicht als den Hinweis, dass Paulus mit finsteren Mächten und magischen Praktiken rechnet. Aber: „Menschliches Überreden allein kann solche Verwirrung nicht angerichtet haben.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 61) Sie sind wie bezaubert, berauscht vielleicht, und müssen schleunigst wieder nüchtern werden, erwachen.

Es ist eine große Verlockung, etwas tun zu können für das eigene Heil – bis heute. Übungen auf sich zu nehmen, praktisch zu werden, um so einen Weg gehen zu können, der das Heil garantiert. Das ist ja wohl die Verlockung: Wenn ihr das Gesetz haltet, zusätzlich zum Glauben an Jesus, dann…

Dem stellt Paulus seine Frage entgegen: Sie „müsste schon, wenn sie verständig und ehrlich beantwortet würde, alles entscheiden: Woher der Geist?“ (A. Oepke, , Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979, S. 100) Die Antwort ist klar: Durch die Predigt des Gekreuzigten, durch die Predigt des Evangeliums. „Allein durch den Glauben“ weiterlesen

Klärungen. Klären sie wirklich?

Galater 2, 11 – 21

11 Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. 12 Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. 13 Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.

             Scheint mit dem Apostelkonvent alles geklärt, so ergeben sich doch auch in der Folgezeit neue Konflikte. Paulus war zurückgekehrt nach Antiochia – und Petrus kam dorthin. Warum, wird nicht erklärt. Ein Kontroll-Besuch? Ein Missionsbesuch ist schwer vorstellbar, war doch die Gemeinde in Antiochia überwiegend heidenchristlich geprägt und Petrus sah seinen Auftrag in der Verkündigung den Juden gegenüber.

Mir fällt auf: Wenn es um die Vereinbarung in Jerusalem geht, redet Paulus von Petrus. Hier, in Antiochia sagt er Kephas. Steckt dahinter, dass er in „seiner“ Gemeinde  Augenhöhe beansprucht und keinen Führungsanspruch des Petrus akzeptieren will – und deshalb auch den Namen Petrus vermeidet? Jedenfalls schreibt Paulus sofort davon, wie er Auge in Auge frontal mit Kephas zusammenstößt – weil es Grund zur Klage gegen ihn gibt.

             Die Ursache des Zusammenstoßes wird nachfolgend erklärt. Anfänglich fügt Petrus sich in die Gemeinde in Antiochia ein. Es gibt kein Problem, auch nicht mit dem Essen an einem Tisch – Juden-Christen und Heiden-Christen sind im gemeinsamen Mahl beieinander, nicht einmalig, sondern wiederholt. Das hatte Petrus ja gelernt als Lektion Gottes:  „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“(Apostelgeschichte 10,34-35) Und in dieser Erkenntnis war er bei den Heiden um den Hauptmann Cornelius geblieben. Sicherlich nicht fastend. Aus dieser Erfahrung heraus geht er in Antiochia auf die Geschwister zu, auch in seinem Verhalten. „Klärungen. Klären sie wirklich?“ weiterlesen

Alte Kompromisse

Galater 2, 1 – 10

 1 Danach, vierzehn Jahre später, zog ich abermals hinauf nach Jerusalem mit Barnabas und nahm auch Titus mit mir. 2 Ich zog aber hinauf aufgrund einer Offenbarung und besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden, besonders aber mit denen, die das Ansehen hatten, damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre. 3 Aber selbst Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen.

Eine lange Phase verstreicht – 14 Jahre. Das sind wohl die Jahre seiner ersten Missionstätigkeit, von Antiochia aus. Es ist nicht ganz klar, „spricht er von der Zeit seit seiner Berufung oder zählt er die Jahre seit dem ersten Besuch bei Petrus in Jerusalem?(W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 46) Wie auch immer,  jetzt kommt Paulus wieder nach Jerusalem, nicht allein, zusammen mit Barnabas. Mit ihm war Paulus ja in Antiochien ausgesandt worden – auf Geheiß des Heiligen Geistes. „Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen.“ (Apostelgeschichte 13,2-3)

Mit Barnabas zieht er nun aufgrund einer Offenbarung nach Jerusalem. κατ ποκλυψιν·.  Man wird zu verstehen haben: Gott selbst übernimmt die Wegweisung nach Jerusalem. wir heutigen Leser*innen wüssten gerne: Wie? Was ist das für eine Offenbarung? ein Engel-Wort? Ein Traum? Ein Gesicht? Oder doch eine Wegweisung durch das brüderliche Gespräch? Paulus lässt unser Fragen nach dem Wie dieser offenbarung unbeantwortet. Ihm reicht der Hinweis auf das Dass. Für alle damaligen Leser*innen des Briefes ist damit klar: Kein selbst gewählter Weg. Wie es ja auch nicht die Art des Paulus ist, sich seine Wege selbst zu wählen Es ist der Weg Gottes.

Das Erzählprogramm der Apostelgeschichte des Lukas  – die Weg der jungen Christenheit ist eine Führungsgeschichte durch den Geist- wird von Paulus in das eine Wort ποκλυψις komprimiert. In der Sache sind sich Lukas und Paulus einig: Es ist Gottes Weg, den der Apostel geht.

Ausdrücklich dagegen sagt Paulus. Ich nahm auch Titus mit mir. Dieser Begleiter ist von Paulus ausgewählt. Ganz ohne Offenbarung, ohne göttlichen Vorschlag, einfach, weil er ihn dabei haben will? Wo und wann Titus zum Weggefährten des Paulus geworden ist, muss offen bleiben.  „Wir wissen weder seine Heimat noch seine Vorgeschichte. War er aus Antiochien? Hatte ihn Paulus auf seinen Missionswegen in Cilizien oder Syrien gewonnen?“ (H. Brandenburg, Der Brief des Paulus an die Galater, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S. 41)

Es wird, so viel ist deutlich, um die Anerkennung der Heidenmission gegangen sein, um die Zustimmung zu dem Weg, den Paulus mit Barnabas angefangen hat. Und natürlich geht es nicht nur um Reiserouten. Anerkannt werden muss vor allem die Verkündigung. Der Ruf zum Glauben an Jesus ohne Vorbedingungen, ohne die Voraussetzung, dass jemand Jude werden muss oder jüdisch – durch Beschneidung und Gesetzestreue. Dazu müssen sie in Jerusalem ein Ja finden – bei Petrus und Jakobus, der Herrenbruder, und die Anderen, die das Ansehen hatten, den Säulen der Gemeinde.     „Alte Kompromisse“ weiterlesen

Leben unter Auftrag

Galater 1, 11 – 24

 11 Denn ich tue euch kund, Brüder und Schwestern, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. 12 Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.

             Jetzt erst Brüder und Schwestern. Nicht nur die bei Paulus sind das, sondern auch die, an die er schreibt. Es wirkt ein bisschen, als habe der Apostel erst nach seinen Ssrengen, harten, schnellen Sätzen gemerkt: ich habe ganz vergessen, eine Brücke zu meinen Leuten zu suchen. immerhin also: „Er schließt sich dadurch mit den Christen in Galatien zusammen. Sie sind alle Angehörige der Familie Gottes.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 31)

 Daran ändern auch die Spannungen nichts, die von der ersten Zeile an zu spüren sind.

             Es geht nicht nur um die Widerstandskraft oder den Widerspruchsgeist des Paulus. Es geht auch darum, dass das Evangelium nicht einfach Menschenmachwerk ist. Es ist ja nicht von Menschen erdacht und erfunden. Es ist anderer Art und anderer Herkunft. Es kommt aus einer Offenbarung Jesu Christi. Das kann doppelt gehört werden: Christus hat sich dem Paulus offenbart – dann geht es um die Begegnung mit dem Auferstandenen und damit wäre auf sein Damaskus-Erlebnis angespielt. Oder: Der Inhalt dessen, was Paulus predigt, geht auf eine Offenbarung zurück. Dann hat er seine Lehre „aus dem Mund Christi“ empfangen. Das Wort Offenbarung, ποκαλψις (Apokalypsis) könnte für beides stehen. Christus ist Urheber und Inhalt des Evangeliums – und beides ist er durch diese Offenbarung. „Leben unter Auftrag“ weiterlesen

Klare Kante

Galater 1, 6 – 10

 6 Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, 7 obwohl es doch kein andres gibt. Es gibt nur  einige, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.

             Es kommt sofort und hart, was sein Anliegen ist. Was ist los? Warum wendet ihr euch ab? Von mir, der ich euch das Evangelium gebracht habe. Von dem Evangelium, das ich euch gesagt habe? Das scheint sich abzuzeichnen, dass sie sich abwenden – die Seiten wechseln. Paulus schreit im Präsens –  nicht in der Vergangenheitsform – kleines Hoffnungszeichen: „Der Abfall ist noch nicht vollzogen, Aber nach dem, was er weiß, ist der Prozess, der dazu führten kann, schon im Gange.“ (W. Klaiber, Der Galaterbrief, Neukirchen 2013, S. 24)

Der Apostel besteht darauf: Es gibt kein anderes Evangelium! Es gibt nur dieses eine Evangelium von Jesus Christus,  der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette. Wer mehr will, wer anderes will, der verlässt das Evangelium. „Paulus kämpft gegen eine verhängnisvolle Erweiterung  der Verkündigung, die er in ihrer Wirkung als Aufhebung des Evangeliums sieht. Es geht um die Versuchung, das Werk Christi, auf das der Glaube sich verlassen darf, in irgendeiner Weise ergänzen, abrunden, absichern zu wollen.“ (K. Haacker, Aus der Freiheit leben, Bibelauslegung für die Praxis 23, Stuttgart 1982, S. 11) 

Aber da sind andere, die anderes sagen – und nach dem Urteil des Paulus  – die Galater verwirren und das Evangelium Christi verkehren.  Mit seinen Worten euch so bald abwenden lasst stellt Paulus fest: „Die Abwendung der Gemeinde vom paulinischen Evangelium ist kein aus ihr selbst geborener Entschluss, sondern Fremdeinwirkung.“(J. Becker, Der Brief an die Galater, in: NTD 8; Göttingen 1976; S. 11) Es sind Fremde, die sie verwirren und das Evangelium Christi verkehren. Das sind in der Substanz harte Vorwürfe. Aber wenn es um den Kern des Glaubens geht, hilft nicht Weichspülen und Schönreden, sondern nur Klarheit. Es gibt, davon ist Paulus überzeugt, Situationen, in denen Konsens nicht mehr möglich ist, sondern nur das klare Nein.  „Klare Kante“ weiterlesen

Meine Hoffnung und meine Freude…

Galater 1, 1 – 5

1 Paulus, Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten, 2 und alle Brüder und Schwestern, die bei mir sind, an die Gemeinden in Galatien:

             Ein Briefanfang, wie er im Buch steht. Paulus stellt sich selbst vor. Dabei wehrt er sofort ab – verweist weder auf seine leibliche Herkunft noch auf seine Ausbildung. Er stellt sich vor in seiner Berufung. Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater. Es hilft zum Verstehen: „Seit den Anfängen der christlichen Überlieferung wird der Begriff Apostel als geprägte Bezeichnung einer bestimmten Gruppe verwendet. In den Absenderangaben der Paulusbriefe ist der Titel Apostel in einem ganz spezifischen sinn gebraucht. Er wird hier auf den Kreis der zwölf Jünger Jesu, der zwölf Apostel, dann auf Jakobus, den Bruder des Herrn auf Barnabas und eben auf Paulus selbst bezogen.“ (H.J. Eckstein/K. Offermann, Wissen, was zählt, Texte zur Bibel 30, Neukirchen 2014, S. 23)

 Überspitzt gesagt, signalisiert Paulus schon so: Es ist gleich, wer an Menschen hinter ihm steht. Er weiß: Hinter mir steht der Herrgott. Und auch das ist ihm wichtig: Dieser Gott, der Vater, von dem er sich gerufen weiß, der ist der, der Jesus auferweckt hat von den Toten. Das ist ja der Impuls schlechthin der Paulus-Mission. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat ihn auf den Weg gebracht, auf dem er jetzt auch ist.

Durch Jesus, den Auferstandenen, ist Paulus, was er ist: Apostel, πστολος. Gesandter Gottes. Er betont also in der Absender-Vorstellung seine von Jesus empfangene Autorität. Das mag schon ein früher Hinweis darauf sein, dass diese Autorität auf dem Spiel steht. Für einen Brief an  Gemeinden, die er kennt, wohl selbst gegründet hat,  ist das ein gewichtiger Anfang. Ob man darin gleich „unerhörte Schärfe“ (A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979), S. 44) hören muss, weiß ich nicht.  „Meine Hoffnung und meine Freude…“ weiterlesen

Unsere Tage sind gezählt.

Prediger 12, 1 – 14

 1 Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«; 2 ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen,

             Das ist der Satz, an dem alles, was folgen wird hängt. Denk an deinen Schöpfer. Es ist im Buch des Predigers ein einmaliger Satz. Es ist zugleich Erinnerung: Du hast dich nicht selbst geschaffen und Mahnung: Schiebe nichts auf die lange Bank, weil du meinst, es ist noch viel Zeit. So sieht es der Prediger und sagt es seinen jungen Leuten: Es ist nie zu früh, über das Leben als Geschenk grundsätzlich nachzudenken. An seinen Schöpfer zu denken, schließt ein, sich selbst als Geschöpf sehen zu lernen und drin zu wissen: ich bin begrenzt.

Nur Kindermund? Auf die Frage der Lehrerin: „Wenn Gott der Schöpfer ist, was sind dann wir“? kommt die Antwort: „Erschöpfte.“ 

 Denn es kommen ja andere Zeiten. Das Leben findet nicht nur auf der Sonnenseite statt. Es kommen Tage, die man nicht mag, die man sich gerne ersparen würde. Böse Tage. Es ist eine Weisheit unserer Tage: „Altwerden ist nichts für Feiglinge.“ (J. Fuchsberger) Weil es uns nicht erspart bleiben wird, die Schattenseiten kennen zu lernen. sie auszukosten, weil es kein Ausweichen gibt.

Es kann sein, dass hinter der angesagten Finsternis von Sonne, Licht, Mond und Sternen die Vorstellung vom Weltuntergang steht. Damit rechneten früheren Zeiten, dass es mit der Erde schnell vorbei sein könnte. Das Besonderen an den Worten hier: „Dieser Weltuntergang wird in das persönliche Leben jedes einzelnen Menschen hineingezogen.“(R. Micheel/F.J. Ortkemper, Jetzt leben, Texte zur Bibel 21, Neukirchen 2005, S. 70)Wenn ein Mensch stirbt, so stirbt mit ihm eine ganze Welt.  So wert achtet der Prediger das einzelne vergängliche Leben, das nur ein Windhauch ist. „Unsere Tage sind gezählt.“ weiterlesen

Heute leben

Prediger 11, 1 – 10

 1 Lass dein Brot über das Wasser fahren; denn du wirst es finden nach langer Zeit. 2 Teile aus unter sieben und unter acht; denn du weißt nicht, was für Unglück auf Erden kommen wird.

Einem Bild folgt das nächste Bild. „Die Mahnungen Kohelets sind unter lauter Bildern verhüllt.“(W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 240) Das ist ihr Vorzug: Bilder laden ein, sich selbst ein Urteil zu finden. Sie öffnen Denkräume und lassen Fragen zu. Sie sind nicht immer schon fertig und abgeschlossen wie Begriffe und Definitionen. Zielt die Mahnung Lass dein Brot über das Wasser fahren auf vernünftigen landwirtschaftliches Verhalten – säen in Feuchtgebiete? Die Samen anscheinend preisgeben, damit später Ernte daraus wird. Oder geht es um Handelsfragen? Darum, dass Schiffe, die weithin geschickt werden später mit reicher Fracht zurückkehren.

Auch das könnte gemeint sein – und frühere Ausleger, zumal auch jüdische, haben „die Mahnung gerne als moralische Weisung zu unbekümmerter Wohltätigkeit verstanden.“(W. Zimmerli, ebda.) Damit könnte man eine Traditionslinie sehen – über einen Propheten wie Jesaja hin zu dem Lehrer der jungen Leute in Jerusalem. „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.“(Jesaja 58,7-8)Was wäre das für eine schöne Wegweisung an junge Leute, die nach oben wollen. Wenn du wirklich hoch hinaus willst, lerne Erbarmen zu üben. „Heute leben“ weiterlesen

Demut lernen

Prediger 7, 1 – 14

 1 Ein guter Ruf ist besser als gute Salbe und der Tag des Todes besser als der Tag der Geburt. 2 Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als in ein Haus, wo man feiert; denn da zeigt sich das Ende aller Menschen, und der Lebende nehme es zu Herzen! 3 Trauern ist besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert. 4 Das Herz der Weisen ist dort, wo man trauert, aber das Herz der Toren dort, wo man sich freut.

             Es gibt einen formalen Zusammenhang zwischen den einzelnen Sätzen: Es ist besser – das macht aus den Versen „eine Aufreihung von sechs tob-Sprüchen.“ (W. Zimmerli, Das Buch des Predigers Salomo, ATD 16, Göttingen 1967, S. 201)Es ist ein Denken in Komparativen, ein Denken, das Lebens-Situationen einander gegenüber stellt.

Wer wollte es ernsthaft bestreiten: Ein guter Ruf ist mehr und wertvoller als eine gute Kosmetik. Höher einzuschätzen als die schönen Duftmarken, die heutzutage auch von Männer genützt werden. Hinter dem Satz steht ein Wortspiel: Ruf, Name – šēm  und Öl – šěměn – klingen im Hebräischen eng aneinander. So mancher legt mehr Wert darauf, dass er gut riecht als darauf, dass er einen guten Ruf hat. Wer so denkt, ist in des Predigers Augen töricht und ziemlich oberflächlich, ein Mensch ohne Tiefgang.

Nach diesem lockeren Auftakt wird es ernst. Der Tag des Todes ist gegenüber dem Tag der Geburt der bessere Tag. Das Trauerhaus ist der bessere Aufenthaltsort. Und Trauern ist besser als Lachen. Solche Gedanken bringen den Prediger in Verruf – er sei ein Miesmacher, ein Verächter des Lebens, ein Nihilist mit einer morbiden Lebenseinstellung.  Aber damit wird man ihm nicht gerecht.

Einmal mehr mag es helfen zu verstehen: Der Prediger bereitet junge Leute, die alles haben, auf das Leben vor. Salopp gesprochen sagt er: Das Leben ist kein Ponyhof und es ist gefährlich ür die eigene Seele, wenn eine Party die andere jagt. Seriös formuliert: „Ein Gang ins Trauerhaus ist eine Konfrontation mit dem Ernst des Lebens und darum für die Lebenden das Richtige.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 146) Mir unvergesslich ist die Aussage eines jungen Mannes im Oktober 1971 in Marburg, der zur Begleitung von Schülerinnen und Schülern beauftragt wurde: „Ich will sie lehren, wie Sterben geht, damit sie leben lernen.“ Die Zuhörer*innen damals waren geschockt. Mir hat sich dieser Satz, der aus dem Prediger stammen könnte nachhaltig eingeprägt.   „Demut lernen“ weiterlesen

Alle gehen den gleichen Weg zum Ende

Prediger 6, 1 – 12

 1 Es ist ein Unglück, das ich sah unter der Sonne, und es liegt schwer auf den Menschen: 2 Da ist einer, dem Gott Reichtum, Güter und Ehre gegeben hat, und es mangelt ihm nichts, was sein Herz begehrt; aber Gott gibt ihm doch nicht Macht, es zu genießen, sondern ein Fremder verzehrt es. Das ist auch eitel und ein schlimmes Leiden.

             Das gibt es: Menschen sind steinreich und dennoch arm dran. Menschen haben alles – Gott hat sie mit Gutem geradezu überschüttet. Mit Reichtum, Gütern und Ehre. Instinktiv denkt man an einen Hiob – angesehen, als ein Mann nach dem Willen und wohlgefallen Gottes geachtet. „Es handelt sich um den Idealfall, den viele Menschen herbeiträumen: Alles haben zu können, was das Herz begehrt.“(C-D. Stoll, Der Prediger, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1993, S. 99)Und doch ist da ein Aber in diesem Reichtum, ein Stachel im Fleisch. der es ihm unmöglich macht, sein Glück zu genießen. Diese Unmöglichkeit wird nicht in einem Fehlverhalten begründet – sie hat ihren tiefsten Grund darin, dass Gott ihm die Macht dazu verweigert. Das liegt auf ihm wie eine Sperre, stärker gesagt: wie ein Fluch.

 Hier trennt sich der geschilderte Fall von Hiob. Es sind nicht die vielen Unglücksschläge, die die Sippe treffen. Es kommt einer, ein Fremder, der sein Hab und Gut an sich nimmt und es verzehrt. Man muss in den Fremden nichts hinein geheimnissen – er „ist hier einfach der, dem der Besitz ohne eigene Beteiligung und Arbeit zufällt.“ (H.W. Hertzberg, Der Prediger, KAT XVII, 4 – 5, Gütersloh 1963, S. 133) Was der eigentlich reich Beschenkte nicht kann – die Gaben Gottes genießen, das vollzieht der Fremde. Warum dieser Fremde zu solchem Genießen befähigt ist, auch berechtigt ist, wird nicht erörtert.

Aber – so leben zu müssen – das ist eitel und ein schlimmes Leiden. Die Weichenstellung am Schluss macht den ganzen Weg zuvor bitter. Vielleicht ist es weit her geholt – aber die Schilderung Jesu vom reichen Mann und armen Lazarus könnte hier angeregt sein, muss der Reiche doch am Ende sehen, dass Lazarus genießt, was er sich erträumt hatte und ihm ist dieser Genuss verwehrt – für immer. „Alle gehen den gleichen Weg zum Ende“ weiterlesen