Am Ende: Staunen

  1. Johannes 5, 13 – 21

13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

             Es liegt nahe, diese Worte mit dem Schluss des Johannes-Evangeliums in Beziehung zu setzen. „Diese (Zeichen) aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ (Johannes 20,31) An die Stelle des Passiv sind geschrieben“ tritt hier: ich habe euch geschrieben.“ Geht es dem Evangelium um Wecken des Glaubens, so geht es dem Briefschreiber um die Vergewisserung im Glauben. Vergewisserung fußt dabei auch auf dem Wissen. Gleich sechsmal wird das Wort wissenοδαμεν verwendet. Eine fast schon liturgisch wirkende Wiederholung.

Man darf es nicht leichtfertig überspringen. Glaube braucht auch ein gewisses Maß an Wissen  „Fides quae creditur, der Glaube, der geglaubt wird, beschreibt Glaubensinhalte und kann und muss gelernt werden. Das Lernen bezieht sich vor allem auf die notitia, also die Glaubenskenntnis.“(B. Hofmann, Erwachsen glauben in: Erwachsen glauben. Missionarische Bildungsangebote als Kernaufgabe der Gemeinde. Dokumentation. Hannover 2008; S. 20) Das alles ist nötig, damit der Glaube nicht an die Gefühle ausgeliefert wird. Alles Wissen des Glaubens bereitet der Vergewisserung den Weg.

14 Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. 15 Und wenn wir wissen, dass er uns hört, worum wir auch bitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben.

Diese Vergewisserung erzeugt Zuversicht. Freimut. Um Gott zu bitten. Bitten ist ein großes Thema für den ganzen Brief. Es ist ein Zeichen lebendigen Glaubens, die eigene Lebens-Situation, die Lage der Gemeinde und die Schwestern und Brüder vor Gott zu bringen. Das Vertrauen zu Gott äußert sich im Gebet. „Vor Gott haben sie volle Zuversicht, dass er ihre Gebete erhört.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 197, S. 201) In der Gewissheit, dass Beten nicht vergeblich ist, nicht nur Selbst-Gespräch, sondern dass er uns hört und dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben. Man könnte auch sagen: Beten ist der Ernstfall des Glaubens. Wer aufhört zu beten, hört auch auf zu glauben, mit dem Handeln Gottes in die Welt hinein und ins eigene Leben hinein zu rechnen.

             Es ist dieses uns Heutigen unendlich groß erscheinende Zutrauen, das sich auf das Wort Jesu beruft: „Bittet, so wird euch gegeben.“(Matthäus 7,7) Und die Wendung  nach seinem Willen ist von diesem Wort her auch nicht als Einschränkung zu lesen, nach dem Motto: Wenn es ihm entspricht, sondern es ist vielmehr die Bekräftigung: Wir tun ja im Beten das, was seinem Willen entspricht. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“ (Psalm 50,15) liegt ganz auf dieser Linie.

Es gehört wohl zur Ehrlichkeit, die der Glaube auch braucht: beim Lesen dieser Sätze stellt sich die Frage ein: Nimmt Johannes hier nicht den Mund zu voll? Verspricht er etwas, was mit der Realität des Betens doch im Widerspruch geraten kann. Es gibt so viele Beter*innen, die  zu sagen wissen, unter Schmerzen der Seele: ich bete für XY seit Jahren und es ist, als würde alles ungehört verhallen. Ich bete um Bewahrung, aber ich sehe nur Zerbrechen. Das Erlangen des Erbetenen lässt oft (zu) lange auf sich warten und manchmal fällt es ganz aus. Mir jedenfalls wollen diese Sätze des Johannes für mich als zu groß erscheinen, ich komme irgendwie nicht nach. Und rette mich dann mit einem Zitat eines großen Beters: „Gott erfüllt gewiss alle seine Verheißungen, aber nicht alle unsere Wünsche.“ (D. Bonhoeffer)

 Das aber bleibt auch fest bestehen: Um überhaupt zu erfahren, was Gebet vermag – und auch nicht vermag – muss man es riskieren, wieder und wieder zu beten. Nur wer betet, wird erfahren, ob etwas und was geschieht. Wer vorher schon die Flinte ins Korn wirft, erfährt auch nichts.

16 Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tode, so mag er bitten und Gott wird ihm das Leben geben – denen, die nicht sündigen zum Tode. Es gibt aber eine Sünde zum Tode; bei der sage ich nicht, dass jemand bitten soll. 17 Jede Ungerechtigkeit ist Sünde; aber es gibt Sünde nicht zum Tode.

       Das ist das andere große Thema, das den Brief beschäftigt, die Frage nach der Sünde und den Sündern. Sie wird hier verknüpft mit der Fürbitte. Wir alle, so weiß der Schreiber, sind auf diese Fürbitte angewiesen. Denn das ist die Wirklichkeit. Wir sehen einander sündigen, Brüder und Schwestern. Vom griechischen Wortsinn μαρτα her: wir sehen einander auf Irrwegen, drauf und dran, das Ziel zu verfehlen. Und „immer droht der Sünder des Lebens verlustig zu gehen.“ (H.-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991, S. 327) Um diese Gefahr weiß die Fürbitte und ihr tritt entgegen, wer für die Sünder betet. Damit treten die Beter an die Seite Jesu, des Fürsprechers im Himmel, der uns dort vertritt. (Römer 8,34) 

   Aber es gibt für die Fürbitte eine Grenze: die Sünde zum Tode. Jede Sünde beschädigt das Leben. Das leibliche und das geistliche Leben. Aber hier geht es sicher um die Sünde, die vom ewigen Leben ausschließt, von Gott für immer fern hält. Es ist gut, dass nicht festgelegt, definiert wird: Das ist Sünde zum TodUnzucht, Blutgenuss und der Abfall vom Glauben. Der Abfall vom Glauben, meist gleichgesetzt mit dem Verlassen der eigenen Gruppe, wird zur Todsünde. So wird in anderen Gruppen um die christliche Gemeinde herum, in Qumran, bei den Essenern, und anderen Texten die Sünde zum Tod „definiert.“ In der Nähe zu solchem Denken ist auch der Hebräerbrief, wenn er eine zweite Buße, eine Rückkehr der Abgefallen ausschließt.

Johannes lässt bewusst offen, was inhaltlich die Sünde zum Tode ist. Weil er in erster Linie Seelsorger ist? Weil er im Alter sanfter ist als junge Heißsporne? Jedenfalls: Bevor seine Leute sich an dieser Stelle sorgend selbst zerfleischen, stellt er klar: Jede Ungerechtigkeit ist Sünde; aber es gibt Sünde nicht zum Tode. Wir kommen aus dieser Wirklichkeit der Sünde nicht heraus. Aber wir müssen auch nicht angstvoll jedes Mal fragen: Ist jetzt der Rückweg zu? Wir glauben doch an das Erbarmen Gottes, das kein Ende findet und bis zum Äußersten geht.

18 Wir wissen, dass, wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht, sondern wer von Gott geboren ist, den bewahrt er und der Böse tastet ihn nicht an.

             Als wäre die Verwirrung nicht schon groß genug: Wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht. Das hoffen wir nicht nur, das wissen wir – sagt Johannes. Als ob er nicht auch schon ganz andere Sätze über die Wirklichkeit der Sünden auch im Leben der Christen gesagt hätte. Aber hier geht es ihm wieder einmal um Zusagen, die die verzagten Herzen stärken. Die hat er vor Augen, die ein ängstliches, verzagtes Gewissen haben, die es sich nicht leicht machen mit ihren Fehltritten.

Auch das wird man sagen dürfen: Johannes müht sich sichtlich ab, einen Ausgleich zu finden zwischen seiner Glaubensüberzeugung: Christen haben die Sünde hinter sich, sie sind frei und nicht mehr Knechte der Sünde. Aber da ist die – manchmal belastende – Realität, die er auch nicht leugnen kann: Auch Christen tun einander Unrecht, verletzen sich, verrennen sich, geraten ins Straucheln. Sie sündigen. Damit muss Johannes fertig werden – für sich selbst und für seine Leser*innen. Hier tastet er nach Lösungswegen, so wie wir oft danach tasten, unsere Realitätserfahrung mit unserem  Glaubensweg irgendwie in eins zu bri

Darum gleich zweimal: Wer von Gott geboren ist. Das ist der Stand, in dem seine Leser*innen sind. Gottes Kinder. Darauf dürfen sie sich verlassen. Das gilt. Und darum können sie gewiss sein: Die Sünde zum Tod werden sie nicht begehen. Davor bewahrt Gott. Und sorgt so dafür, „dass der böse Feind keine Macht an ihnen“(M. Luther) hat. Wie sorgfältig hat Luther wohl diesen Brief gelesen, wenn er sich so zum Beten anleiten lässt.

 19 Wir wissen, dass wir von Gott sind, und die ganze Welt liegt im Argen.

 Das ist jetzt der Gegensatz: Wir – die Welt. Ein Gegensatz, auf den heutige Christen sich nicht so gerne einlassen. Aus Angst, Schwarz-weiß zu malen. Aus Angst vor dem Vorwurf der Überheblichkeit. Vielleicht darf man solche Sätze nur dann sagen und schreiben, wenn man 1. in einer bedrängten und 2. einer machtlosen Situation ist. Als Wort von oben, aus dem sicheren Hafen, mit A 14 oder gutem Ruhestands-Gehalt, ist solches Urteil über die Welt im Argen unerträglich.

Wer aber selbst unter den Missständen leidet, bedrängt ist, die Justiz übergriffig erlebt, Ausgrenzung erfährt, seine soziale Sicherheit und sein Leben um des Glaubens willen riskiert, der darf womöglich solche Sätze schreiben. Aus dem Mund bundesrepublikanischer Pfarrerinnen und Pfarrer klingen sie larmoyant und bestenfalls moralisch.

 20 Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns den Sinn dafür gegeben hat, dass wir den Wahrhaftigen erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben.

             Dreimal der Wahrhaftige. ληθινς. Der, auf den Du Dein Leben bauen kannst. Der, in dem keine Lüge (2,18) ist, keine Finsternis (1,5) Keine Finsternis kann ihm standhalten.  Keine Furcht seine Liebe verdunkeln. Und wir, die Glaubenden, haben sein Bild vor Augen in seinem Sohn Jesus Christus. Der Anfang des Briefes wird hier eingeholt, wieder hervorgeholt: „Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“(1,4) Wir sind in dem Wahrhaftigen.  Es folgt ein weiter Spitzensatz des Johannes. Dieser ist der wahrhaftige Gott. So zieht Johannes konsequent die Folgerungen aus seinem ganzen Brief. „Weil Christus das Leben ist, kann er nun auch selbst wirklicher Gott genannt werden.“(Ha. Balz, aaO. S. 204) Er ist der Lebensraum der Christen. Und dieser Raum erstreckt sich bis in die Ewigkeit Gottes.

 21 Kinder, hütet euch vor den Abgöttern!

      Bleibt als Letztes die Warnung. Sie kann wohl auch deshalb so knapp ausfallen, weil vorher das positive Bekenntnis so deutlich geworden ist. Wir sind in dem Wahrhaftigen. Unser Herz ist davon erfüllt. Er selbst hat uns den Sinn, man könnte auch sagen: den Verstand, die Einsicht, die Urteilsfähigkeit  – das alles steckt im Wort δινοια – dafür gegeben, die Augen dafür geöffnet, dass wir ihn erkennen. Wie sollten wir da noch anderen Göttern nachlaufen, anderen Götterbildern Glauben schenken. Der Glaube verdankt sich nicht der Vernunft. Aber er muss durchaus nicht unvernünftig sein und „die lebendige Quelle verlassen“ (Jeremia 2,13) um sich an einer Zisterne, die nur abgestandenes, altes Brackwasser hat, den Magen und das Leben zu verderben.     

 

Heiliger Gott, nie werde ich  begreifen, dass Du nicht ohne uns sein willst, dass Du Dich sehnst nach uns, dass uns nichts und niemand den Weg versperren darf, der uns zu Dir nach Hause führt .

Nie werde ich begreifen, dass ich gute Worte einlegen darf bei Dir für andere. Und Du hörst mich, wie Du Deinen Sohn Jesus Christus hörst. Nie werde ich es begreifen, dass Du mir das Herz abgewonnen hast. Aber auch wenn ich all das nie begreifen, ich darf leben mit Dir, in Dir. Dir sei Lob und Ehre und Anbetung. Amen