Das Zeugnis des Vaters

  1. Johannes 5, 6 – 12

6 Dieser ist’s, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut; und der Geist ist’s, der das bezeugt, denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Denn drei sind, die das bezeugen: 8 der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein.

             Lange ist die Liebe das Thema des Briefes – die Liebe Gottes, die Liebe zu Gott und die Liebe der Christen zueinander.  In diesen Worten jetzt rückt Jesus Christus in die Mitte, die personalisierte Liebe. Es geht darum, ihn zu sehen. Die erste Aussage: Er ist gekommen durch Wasser und Blut. Wasser mag Hinweis auf die Taufe Jesu sein, Blut ist der Hinweis auf das Kreuz. In beidem geht es darum, dass Jesus wahrer Mensch ist, kein Geistwesen. Und zugleich, dass er der Gottessohn ist, von Ewigkeit her. „Allein Jesus, der getauft und gekreuzigt worden ist, ist der Gottessohn.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, s. 197 )

Wenn der Geist das bezeugt, so kann das nur auf das Zeugnis gegenüber den Glaubenden bezogen sein. Er erweckt in den Glaubenden die Gewissheit, dass sie in diesem Gekommenen das Leben haben, dass er der Gesandte Gottes ist, der den Weg zu Gott für sie frei macht.

Die Zusammenfügung von der Geist und das Wasser und das Blut könnte – so sehe ich das –  eine Erinnerung an ihre eigene Taufe sein. „Bei der Taufe wird ihnen der Geist ins Herz gesenkt“. (H-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991 S. 295) Und er „aktualisiert“, sozusagen im Herzen der Glaubenden, das Zeugnis von Wasser und Blut.  Bestätigt die Tragfähigkeit. Zeigt, dass das die Wahrheit ist, mit der man leben und auf die hin man sterben kann.

Im Hintergrund steht wohl die alttestamentliche Anforderung an das Zeugnis. „Es soll kein einzelner Zeuge gegen jemand auftreten wegen irgendeiner Missetat oder Sünde, was für eine Sünde es auch sei, die man tun kann, sondern durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll eine Sache gültig sein.“(5. Mose 19,15) Das gemeinsame Zeugnis von Jesus macht die „Sache gültig.“ Darauf könnt ihr bauen.

9 Wenn wir der Menschen Zeugnis annehmen, so ist Gottes Zeugnis doch größer; denn das ist Gottes Zeugnis, dass er Zeugnis gegeben hat von seinem Sohn.

Noch einen Schritt weiter geht Johannes. Dieses Zeugnis von Wasser, Blut und Geist ist in Wahrheit Gottes Zeugnis. Es ist gewiss wahr: es sind Menschen, die von Jesus reden, die ihn als den Sohn Gottes bezeugen. Aber aus diesem Zeugnis der Menschen wird das Zeugnis, das größer ist, weil es das Zeugnis des Größeren ist. Des Einen, aus dem alles Leben kommt. Und hat er nicht Zeugnis für den Sohn abgelegt?

Die Frage ist: Was ist das für ein Zeugnis Gottes, das über Wasser und Blut und Geist hinaus geht?  Im Johannes-Evangelium finde ich ein Wort Jesu, das hierher passt: „Der Vater, der mich gesandt hat, hat von mir Zeugnis gegeben.“ (Johannes 5,37) Und was ist der Inhalt? Mir drängt sich der Gedanke an die Auferweckung Jesu von den Toten auf. In ihr stellt sich Gott zu dem, der von den Menschen verworfen worden ist. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«?“ zitiert Jesus selbst (Matthäus 21,42) Gibt es ein größeres Zeugnis?

10 Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat dieses Zeugnis in sich.

      Das ist jetzt wieder typisch. Johannes eben. Und darin auch entwaffend. Das ist kein Argument, mit dem man Außenstehende überzeugen könnte. Aber wer glaubt, zur Gemeinde gehört, der sagt: Ja, so ist es. Tief in meinem Herzen trage ich die Gewissheit, dass das alles stimmt. Wahr ist. Belastbar.

In älteren Übersetzungen steht: Der hat dieses Zeugnis in ihm. Das ist vom Griechischen her möglich. Das würde dann heißen: Er wird in dem, was er glaubt, von Christus her bestätigt. Einmal mehr landet Johannes so nahe bei Paulus: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8,16)  

  Wer Gott nicht glaubt, der macht ihn zum Lügner; denn er glaubt nicht dem Zeugnis, das Gott gegeben hat von seinem Sohn.

Es ist Gott selbst, der zum Zeugen für den Sohn geworden ist. Es ist nicht abwegig, die Brücke zum Evangelium zu schlagen, zur Auferweckung des Lazarus: „Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.“(Johannes  11, 41-42) Dass Lazarus aus dem Grab kommt, ist Gottes Zeugnis füür den Sohn!

Sofort folgt eine weitere Feststellung, die sich wohl auf Menschen bezieht, die nicht (mehr) zur Gemeinde gehören, die sich von ihr getrennt haben. Wer Gott nicht glaubt, der macht ihn zum Lügner. Logisch wäre ja in der Folge des vorherigen Satzes gewesen: „Wer nicht an den Sohn Gottes glaubt, macht Gott zum Lügner.“ In der Sache aber ist wohl genau das gemeint. Wo das Zeugnis, das Gott von seinem Sohn gibt – man darf wohl ergänzen: durch den Mund menschlicher Zeugen – abgelehnt wird, da wird nicht nur das Menschenwort verworfen, sondern eben das Zeugnis Gottes im Menschenwort.

Wieder findet sich ein Wort Jesu, andernorts überliefert, das ähnlich argumentiert. „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“(Lukas 10,16) Kein Wort zur Unterstützung christlicher Selbstbehauptung und Machtansprüche. Wohl aber ein Wort, das dem Wort-Zeugnis der Christen eine eigene Würde gibt.

 11 Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.

         Eine Zusammenfassung. Die zurück weist auf den Anfang und auf den Grund des ganzen Briefes. Es geht um das ewige Leben. Das ist die Gabe Gottes in seinem Sohn. An uns.

An den/die Schreiber und die Leser*innen. Uns – das ist die Gemeinde Jesu Christi zu allen Zeiten. Mit Jesus ist das Leben erschienen (1,2) und wer zu ihm gehört, in ihm seinen Lebensgrund hat, der hat das Leben. Da steht das griechische Allerweltswort ἔχει. „Er hat“  – so wie jemand irgendeine Sache hat. Das also gibt es: Man kann das Leben haben. In der Hingabe an den Sohn. Mehr Heilszusage in der Gegenwart gibt es nicht. Was bleibt, ist dankbares Empfangen.

“Wenn ich nur dich habe,                                                                             so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“          Psalm 73, 25

Auf den ersten Blick, vordergründig gelesen wirkt der ganze Abschnitt wie die Aneinanderreihung von Sätzen, die zu glauben sind. So als würde Johannes sagen: Wer das von Jesus und Gott sagt und denkt, der ist auf dem richtigen Weg. Glaubenssätze als Türöffner zum Himmel. In Wahrheit aber liegt es anderes: wo wir eher appellativ sagen würde: `Du darfst an Jesus glauben, du darfst dich ihm anvertrauen, er ist dir gut´, da beschreibt Johannes das Werk Gottes. Sein Zeugnis. Er verweist auf den Weg Gottes mit Jesus, angedeutet in Wasser und Blut. Gott bestätigt Jesus als den Sohn in der Auferstehung und bestätigt so auch den Weg Jesu zur Erhöhung am Kreuz als den Weg seiner Liebe.  Dieses Beschreiben hat nur ein Ziel – im Glauben zu vergewissern. das ist letztlich ja auch das Ziel aller von uns so leicht  geschmähten Dogmatik. Sie will dem Glauben dienen. Seiner Vergewisserung.

Heiliger Gott, öffne uns die Augen, dass wir das Zeugnis erkennen, das Du in diese Welt gegeben hast in Deinem Sohn – das Zeugnis Deiner Liebe.

So wie Du ihn geliebt hast auf dem Weg seines Lebens durch Tod und Auferstehung hindurch, so liebst Du uns  auf dem Weg unseres Lebens durch den Tod hindurch zur Auferstehung von den Toten.

Ich danke Dir für dieses Zeugnis, für Deine Liebe. Amen