Nicht schwer

  1. Johannes 5, 1 – 5

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.

             So fängt Johannes gern einmal seine Sätze an. „Wer recht tut, der …“ (2,29), „Wer liebt, der…(4,7)  und hier:  Wer glaubt, der … Und jedes Mal endet der Satz: …der ist von Gott geboren. Es ist die Zusammenschau, die Johannes seiner Gemeinde einprägen will. Glauben und Gerechtigkeit tun und Liebe üben – das alles hat eine gemeinsame Wurzel: Das Sein in Gott. Und er bezeugt dieses Sein in Gott als „Geburt“, also als neue Existenz.

Das Bild von der Geburt knüpft wieder einmal am Evangelium an. „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3) Statt von neuem kann man auch lesen: von oben. Und ist damit ziemlich nahe an der Formulierung hier: der ist von Gott geboren.

            Und wieder bindet Johannes zusammen: Wer so Gott liebt, der wird auch die lieben, die wie er von Gott geboren sind. Seine Brüder und Schwestern. Wer zum Glauben kommt, gehört nicht nur als Kind zu Gott, er gehört auch zu den anderen Glaubenden. Johannes kennt so wenig wie alle anderen Schriften des NT die Solo-Existenz als Christ. Als eine Art Beiklang darf man vielleicht auch mithören: Wer Gott liebt, liebt auch Jesus als den eingeborenen Sohn (4,9) Aber das ist nicht die Hauptrichtung. Die wird ja sofort im folgenden Satz weiter markiert.

2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.

             Ich lese diese Worte als eine Einladung, einmal auf  sich selbst zu schauen: Ihr seht, dass ihr die Kinder Gottes liebt und ihr seht, dass ihr Gott liebt und an seinen Geboten hängt. Darin seht ihr euch als Kinder Gottes, als glaubende und liebende Menschen. Und könnt darüber gewiss werden. Getrost. Ruhig. Gelassen. Solche Vergewisserung des eigenen Glaubens dürfen wir suchen – nicht als Dauersuch-Bewegung, aber ab und an, bevor es zu Krisen kommt.    

  3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

             In diesem Leben in den Geboten verwirklicht sich die Liebe zu Gott. Das ist die Grundthese des Johannes: Wer sich von den Wegweisungen Gottes bestimmen lässt, der wird entdecken, wie sie in die Freude führen, der wird entdecken, wie wohltuend es ist, dem Gebot Gottes zu gehorchen. Gottes Gebote sind nicht schwer. Sie öffnen den Weg zum Leben.

Das sind Sätze, die vielen unter uns nicht wirklich schmecken wollen. Glauben wir doch, von Paulus gelernt zu haben, dass die Gebote kein Weg zum Leben sind. Ein autobiographischer Beitrag: Einer der wirklichen schlimmen Sätze, die ich über andere Autofahrer sage, natürlich nur so halblaut vor mich hin und im eigenen Auto, heißt: Der hat einen gesetzestreuen Fahrstil.

Es ist vielmehr so: Die Freude der Juden an der Tora, die sie im Fest Simchat Tora am letzten Tag des Laubhüttenfestes feiern, können wir kaum nachvollziehen. Aber wir dürfen dazu lernen: Johannes knüpft mit seiner Freude an den Weisungen Gottes an die Schriften Israels an, nicht zuletzt an den Grund-Tenor des 5. Buches Mose. Das ist auch ein deutlicher Hinweis auf das Selbstverständnis auch der johanneischen Gemeinde: sie schöpft aus der Geschichte Gottes mit Israel. Und sie versteht den Glauben an den eingeborenen Sohn gewiss nicht als neue Religion, die an die Stelle des alten Glaubens tritt.

Umso mehr fordert Johannes mich heraus, neu zu lernen: Die Gebote – hier steht wieder einmal ντολα und eben nicht νμος, das Wort, das Paulus für das Gesetz verwendet –  sind eine Wohltat, eine Freundlichkeit Gottes. Und sie sind uns gegeben, damit sie dem Leben dienen. Sie sind eben nicht nur der Zuchtmeister auf Christus (Galater 3,24) hin, an denen wir scheitern. Sie sind auch Wegweisung für das Leben. Wie sonst sollte denn auch Jesus sagen können: „Ein neues Gebot gebe ich euch..“ (Johannes 13,34)

            Und: Die Gebote sind nicht schwer. Das heißt aber nicht um Umkehrschluss: sie sind leicht und das Handeln im Gehorsam gegen das Gebot fällt uns in den Schoß. Es ist wahr und wird heute für jede*n in der eigenen Lebens-Praxis vielfach bestätigt: Es ist schön, es bereichert das Leben, Gutes zu tun. Denen, mit denen man täglich zusammen ist. Denen, für die man sich sorgt. Denen, mit denen man verbunden ist. Es tut der eigenen Seele gut, Gutes zu tun. Tausendfach belegt durch die eigene Erfahrung – und inzwischen sogar durch wissenschaftliche Studien.

4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg,  der die Welt überwunden hat. 5 Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?

    Bevor wir hier Kampfansagen lesen: Möglicherweise erklärt sich dies ja genau aus den vorangegangenen Sätzen? Und braucht dann nicht den Ausblick auf ein Kampfgeschehen am Ende der Welt? Auf das Szenario eines apokalyptischen Endkampfes. Dass die Gebote nicht schwer sind, das zu glauben, kostet gleichwohl innere Überwindung. Widerstand gegen erlernte Auflehnungs-Muster. Gegen den Chor derer, die Gehorsam mit Unterwürfigkeit gleichsetzen. Dass es gut ist, sich den Wegweisungen Gottes anzuvertrauen, auch das kostet Überwindung. Vielleicht geht es ja in diesem überwinden der Welt gar nicht zuerst um ein Überwinden irgendwelcher gottfeindlichen Mächte in der Umwelt, sondern um das Überwinden im eigenen Herzen.

„Der härteste Boden für das Evangelium ist immer das eigene Herz.“ Dieser Satz eines erfahrenen Seelsorgers begleitet mich schon lange. Und hilft mir zu verstehen, was überwinden sein könnte: Ein Sieg über die Einsprüche des eigenen Herzens. Sie zum Schweigen zu bringen durch das Hören auf die leise Stimme Gottes. Dem Glauben im eigenen Herzen, im eigenen Leben, im Reden und Tun Raum geben und darin all die Gegenstimmen, die es auch gibt, zum Schweigen zu bringen.

Auch das ist wohl Überwinden der Welt. Nicht aus den Kraftquellen der Welt schöpfen, wie sie die Gesellschaft anpreist: Ehrgeiz, Erfolgshunger, Gier auf mehr. Sich davon frei machen und alternativ leben. Ja. Aber auch das kann Überwinden der Welt sein: sich verabschieden von dem Versuch alle Dinge zu regeln. Alles auf den guten Weg zu bringen, so wie ich ihn sehe. Die Welt in mir, das ist wohl auch der Versuch und die Versuchung, so zu tun, als könnte ich, mit freundlicher Unterstützung durch Gottes Geist, fast alles retten und zurecht bringen, was schief läuft.

Von diesen Gedanken her ist es nur ein kleiner Schritt bis zu der Überlegung, o wir mit unserem Gutes Wollen und gutmeinen nicht Gott allzu oft im Weg stehen. Auf den Punkt gebracht:  „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind. Und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihn fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“(D. Bonhoeffer, Nach zehn Jahren. An der Wende zum Jahr 1943)

Diese Worte rufen Worte Jesu aus den Abschiedsreden in Erinnerung: „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16,33) An ihm ist es ja zu sehen, wie er im eigenen Leben die Stimmen zum Schweigen bringt, die ihm den Weg Gottes ausreden wollen. An ihm ist es zu sehen, wie er den eigenen Ängsten Einhalt gebietet und den Weg des Vaters gewinnt als den Weg, den er geht. Auf dem er sich als der Sohn Gottes in Wahrheit erweist. Und im Glauben an ihn gewinnt der Christ, die Christin, Anteil an seinem Sieg, der die Welt überwunden hat. An diesem Sieg im eigenen Herzen:

“Ja, Vater, ja, von Herzensgrund,                                                             leg auf, ich will Dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund,                                                mein Wirken ist dein Sagen.”
O Wunderlieb, o Liebesmacht!                                                                 Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,
Gott seinen Sohn abringen.
O Liebe, Liebe, Du bist stark:                                                                      Du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen.”                     P Gerhardt 1647, EG 83

Solche Zustimmung im eigenen Leben fällt nicht in den Schoß. Sie wird hart erkämpft. Sie ist ein Sieg, der immer wieder neu errungen werden will.

 

Herr Jesus, so oft sehe ich die Hindernisse außen, die es zu überwinden gilt. Widerstände, Missstände, Ungerechtigkeiten.

Aber die Widerstände im eigenen Herzen, die Widersprüche der eigenen Seele nehme ich kaum wahr, will ich auch manchmal nicht wahrhaben.

Gib Du mir, dass ich beim Überwinden bei mir selbst anfange, mich nicht beruhige mit dem Satz: So bin ich halt.

Stärke Du mich zu überwinden, was mich hindert, Deine Wege zu gehen, Deinen Willen zu tun. Amen