Prüfen und Beurteilen

  1. Johannes 4, 1 – 6

1 Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.

             Gleich siebenmal steht in den Versen 1 – 6 das Wort Geist, πνεμα, im Singular und Plural. Es geht um eine Grundklärung, um die Frage, woran sich die Geister unterscheiden lassen. Die Fähigkeit zu dieser Unterscheidung ist, so weiß es Paulus, selbst eine Gabe des Geistes (1. Korinther 12,10), die der Gemeinde in einzelnen ihrer Glieder gegeben ist.

Johannes fordert seine Leserinnen und Leser dazu auf, diese Gabe anzuwenden. Prüft die Geister.  Es ist eine so weitreichende „Ermächtigung“. Uneingelöst allerdings bis heute. Die Worte sind ja nicht an irgendwelche Amtsträger gerichtet, sondern an die normalen Christ*innen. Es ist das Amt und die Würde der gemeinde, Verkündigung zu prüfen. Von Anfang an. Diese Beauftragung der Gemeinde ist in pfarrerzentrierten Kirchen verloren gegangen, auch nicht eingefordert worden, auch nicht gefördert worden von selbstgefälligen Theologen, Klerikern, Geistlichen. Vorzugsweise männlichen Geschlechts. Dass das durch die Frauenordination und Frauen im geistlichen Amt nachhaltig besser geworden wäre, vermag ich noch nicht zu erkennen.

Solche kritische Prüfung der Geister ist deshalb nötig, weil es nicht nur den Geist Gottes gibt, sondern auch andere  Geister. Das zeigt sich an den falschen Propheten, im Griechischen steht da wörtlich Pseudeopropheten. Lügenpropheten. Es steht alles, das ewige Leben, die Existenz vor Gott  auf dem Spiel mit der Frage: Welchen Geistern kann man, darf man glauben? Das macht schon deutlich: Glauben ist hier nicht einfach nur eine Haltung des Vertrauens, sondern mit einem konkreten Inhalt verbunden. Es ist nicht Sache der biblischen Autoren, Vertrauensseligkeit zu fordern.  Sie fordern auch nüchterne Prüfung.

2 Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; 3 und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt.

             In diesem Brief, der so auf das Tun der Liebe als zentrales Merkmal der Christen abhebt, wird nun ein inhaltliches Bekenntnis als das Kriterium des Erkennens des Geistes Gottes benannt:  Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen. Wer das sagt, dessen Geist ist von Gott erfüllt. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14) Das ist der Schlüsselsatz des Evangeliums. „Der rechte Glaube bekennt Jesus Christus als im Fleisch gekommen, so dass er als Gottes Sohn und als Mensch von Fleisch und Blut auch die Sühnung für die Sünden der Welt schaffen konnte.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S. 189 ) Es ist eine der wenigen Stellen, wo der Glaube nicht nur Haltung ist, sondern Inhalt, Zustimmung zu Sätzen des Bekenntniases.

Das ist das, was die johanneische Gemeinde gelernt hat. Was sie in ihren Gottesdienst miteinander bekennt – hier steht ein liturgisches Schlüsselwort: μολογεν. So singt und sagt die Gemeinde. Aus diesem Bekennen lebt sie auch im Alltag. Darum gilt: Dieses „Bekenntnis kann als Richtschnur dienen, weil es der Gemeinde vorausliegt.“ (H.-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991 S. 232) Es spricht ja nur den Weg Gottes nach.

Und wer dies leugnet, der leugnet damit den Weg Gottes. Und erweist sich so als einer, aus dem Geist des Antichristen spricht. Wer aber den Weg Gottes leugnet, der ist nicht von Gott.

 4 Kinder, ihr seid von Gott und habt jene überwunden; denn der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist.

             Der Gedanke wird weitergeführt: Ihr seid von Gott. Ihr seid in eurem Bekennen so mit ihm verbunden, dass ihr in einem neuen Sein seid, nicht mehr aus den Kräften der Welt, sondern von oben (Johannes 3, 31), aus Gott.  Ihr habt Anteil an seinem, Jesu Sein und an seinem Überwinden. Im Wort Jesu „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16,31) wird das gleiche Wort verwendet, das hier von den Christen sagt: νενικκατε. Ihr habt überwunden. Sie gehören zu Christus, der größer ist als die Welt. So dient auch diese Erinnerung daran, den Christen Mut zu machen.  Die Rede vom Anti-Christen ist kein Angst-Geschrei und sie will nicht das angstvolle Starren auf die Mächte des Bösen. Die Christ*innen stehen doch auf der Seite des Siegers.

5 Sie sind von der Welt; darum reden sie, wie die Welt redet, und die Welt hört sie.

             Wieder haben wir Stück johanneischer Grundlehre über den Menschen vor uns. Menschen können immer nur aus ihrem Sein heraus reden und handeln. Wenn sie „von der Erde“ (Johannes 3, 31 sind, von der Welt, dann können sie auch nur sagen, was diesem Sein entspricht. Und finden so auch ihr Echo. Fast könnte man sagen: Es ist ein Selbstgespräch, das die Welt mit sich führt. Sie sagen ja nur, was jedermann sagen kann.

Mich erinnert das an Erkenntnisse, wie sie Werner Heisenberg , großer deutscher Physiker und als solcher auch Philosoph, einmal ausgesagt hat: Der forschende Mensch steht am Ende immer sich selbst gegenüber. Sein Fragen und Finden ist immer nur in dem Rahmen möglich, der er selbst ist. Über das Menschenmaß hinaus können wir nichts entdecken. Damit ist alles Erkenntnis der Transzendenz eine Grenze gezogen – wir können von uns aus diese Grenze nicht überschreiten.

Die Welt hört auf sie. Das ist in den Augen des Johannes ein vernichtendes Urteil. Diese Lügenpropheten „werfen ja auch die Substanz der christlichen Botschaft über Bord und muten den Hörern nichts mehr zu.“(H-J. Klauck, aaO. S.240)

           Was für eine beunruhigende und zugleich notwendige Anfrage steckt in diesen Worten an eine Kirche, die den Erfolg zum Maßstab ihres Redens macht! Hier wird nicht Luthers Predigt-Ratschlag kritisiert: „dem Volk aufs Maul schauen.“ Aber kritisiert wird, wenn die Verkündigung den Leuten nach dem Mund redet, wenn die christliche Heilsbotschaft verschwiegen, verschleiert, angepasst wird. Wenn die Kirche nur noch sagt, was sich die Welt auch selbst sagen kann. Wenn das Evangelium von der Rechtfertigung der Sünder allein aus Gnaden nicht mehr gesagt, bekannt wird, weil Menschen angeblich nicht mehr hören wollen, dass sie Sünder sind und dass sie sich nicht selbst gut machen können, sich nicht selbst Gott recht machen können.

6 Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.

             Jetzt darf man wohl ein „aber“ mithören. Wir aber sind von Gott. Mag sein, die Verkündigung der Gemeinde, für die Johannes steht, findet nicht den Zulauf wie die Worte der Gegner.  Aber sie findet Gehör – bei denen, die von Gott sind. „Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause! Und wenn dort ein Kind des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden.“ (Lukas 10,5-6)

Hier werden wohl Erfahrungen aus der Missionsarbeit der Gemeinde angedeutet und gedeutet. Im Hören auf die Botschaft der Jünger zeigt sich, wer von Gott ist, ein Kind des Friedens in der Sprache des Lukas. Die Lebensentscheidung von Menschen für oder gegen den Glauben wird sichtbar.  Eine Lebensentscheidung, die, so will mir scheinen, nur sichtbar  macht, was schon von Ewigkeit her gewollt ist.

Die Gefahr solcher Sätze liegt auf der Hand: Sie können zu einer Selbstabschließung der Gemeinde führen. Erst recht, wenn die Art, wie die Gemeinde von ihrem Glauben spricht, im Sprachgebrauch auswandert aus der Umwelt. Man verständigt sich mit einem Insider-Code. Das fördert die Entstehung einer geschlossenen Gruppe – wir drinnen, die da draußen. Von dieser Gefahr ist, so die Überzeugung vieler Ausleger, auch die johanneische Gemeinde nicht ganz weit entfernt.  Aber es gibt in den Schriften des Johannes auch ein deutliches Anknüpfen an das Denken und Fühlen der Umwelt, so dass er versucht, Brücken zu bauen zu denen, die noch draußen sind. Sind sie doch Teil der Welt, für die Gott seinen Sohn gegeben hat.

Mit der eigenen Sprache Brücken bauen. Auf Verständlichkeit achten. Gleichzeitig aber auch darauf achten, dass die Verständlichkeit nicht zu Lasten der Eindeutigkeit geht, so dass die Grenzen zwischen dem Glauben der Gemeinde und dem religiösen Denken der Umwelt verschwimmen. Um diese Grenzen zu hüten, greift Johannes auf das Bekenntnis der Gemeinde zurück.

Es klingt wie ein abschließender Satz für den ganzen Gedankengang. Daran erkennen wir… Die Prüfung der Geister erreicht ihr Ziel. Es wird sichtbar, welcher Geist am Werk ist. Wo Gotteserkenntnis ist, ist der Geist der Wahrheit am Werk. Wo die Botschaft kein Echo findet, behält der Geist des Irrtums die Oberhand. Oder mit anderen Worten des Johannes: „Die Finsternis verblendet die Augen.“(2, 11) Beides aber ist kein Grund zu christlicher Überheblichkeit. Ist doch das Hören-können und das Wort aufnehmen nichts als Gnade.

 

Herr Jesus, Prüfen und Beurteilen, Unterscheiden – das wird so leicht zur Versuchung, sich für etwas Besseres zu halten.

Gib Du in unser Prüfen und Beurteilen die Demut, die sich unter den Anderen stellt; die Liebe, die alles zum Guten kehren will; den langen Atem, der an dem Anderen festhält und immer damit rechnet: Du wirst auch sie zurecht bringen. Amen