Nicht nur Mundwerk

  1. Johannes 3, 11 – 18

 11 Denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang an, dass wir uns untereinander lieben sollen, 12 nicht wie Kain, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder umbrachte. Und warum brachte er ihn um? Weil seine Werke böse waren und die seines Bruders gerecht.

             So ähnlich hat es Johannes schon einmal gesagt, aber von sich selbst und seinen Brüdern: „Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen. (1,5) Was die Leserinnen und Leser lesen und hören, das ist keine selbst erdachte Botschaft des Johannes. Sie geht zurück auf das, was er und andere gehört haben. Wir sollen uns untereinander lieben. Wieder stehen Jesus-Worte aus dem Evangelium „Pate“: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,35)

             Sozusagen als abschreckendes Gegenbeispiel für die verweigerte Bruderliebe wird Kain angeführt. Aber seine Tat wird sehr grundsätzlich gewertet. „Kains Werke waren böse, und dies schon…vor dem Brudermord. Sein und Tun greifen ineinander.“ (H-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991. S. 205) Uns ist das fremd – und der biblische Text gibt in dieser Schärfe das Urteil über Kain auch nicht her. Erst recht nicht, wenn man weiter liest und die Fürsorge Gottes für Kain zur Kenntnis nimmt: „Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ (1. Mose 4,15-16) 

Diese Sicht des Johannes auf Kain ist freilich ein gutes Beispiel dafür, dass Autoren des Neuen Testamentes nicht im luftleeren Raum schreiben. Es gibt im jüdischen Umfeld eine Sicht auf Kain, die aus außerbiblischen Quellen genährt ist, die Johannes wohl kennt und der er nahe stehen mag: „“Zuerst entstand der Ehebruch, danach der Mord. Und er (Kain) wurde aus dem Ehebruch gezeugt, denn er war der Sohn der Schlange. Deshalb wurde er Menschentöter wie auch sein Vater und er tötete seinen Bruder.“ (EVPhil 42 zitiert nach H.-J. Klauck, aaO. S. 206) Eine Menge Voraussetzungen, die uns fremd sind: Eva begeht Ehebruch mit der Schlange. Kain ist der Sohn der Schlange! Darum stammt er vom Bösen ab. Da halte ich es lieber mit dem Schweigen des Erzählers aus 1. Mose 4! Und dem schier Unerklärbaren, Rätselhaften, dass Brüder einander so hassen können.

 13 Wundert euch nicht, meine Brüder, wenn euch die Welt hasst.

             Wird die Geschichte von Kain und Abel indirekt weiter ausgewertet: Die Christen sind der gerechte Abel, die Welt ist der bösartige Kain? Das könnte den Hass erklären. Näher legt mir das Wort Jesu: „Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.“ (Johannes 15, 18-19)  Es ist mit dem Hass der Welt, überspitzt gesagt, ein Stück Normalität im Schwange und zugleich die Schicksalsgemeinschaft mit Jesus. Die Gemeinde erfährt, was er erfahren hat.

14 Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod.

Nicht der Hass, die Liebe ist das Kennzeichen der Christen. Wir lieben die Brüder. Und an dieser Liebe erkennen die Christen, dass sie eine neue Existenz führen, auf einem neuen Lebensgrund stehen.  Sie sind in das Leben, ζω, gekommen, in die Lebendigkeit aus Gott. Da steht eben nicht nur βίος, das Wort für Leben, das wir aus der Biologie kennen.

Man könnte sagen: Hier bekommt die Gemeinde Maßstäbe in die Hand, um sich selbst zu prüfen: Sind wir noch Gemeinde des Herrn? „Hassen heißt Tod, Lieben heißt Leben….Der Hass, das Nicht-Lieben, ist die schärfste Verfehlung gegen das Leben selbst.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973 S. 185) Und Gott will, dessen ist sich Johannes für uns gewiss, dass wir leben. In Zeiten wie den unseren lernen wir, dass solche scheinbar nur theologischen Sätze in Wahrheit auch eine eminent politische Botschaft beinhalten. Es gilt, aus der Verantwortung als Christ, scharfe Trennungslinien gegen alle Hass-Reden zu ziehen. Um des Glaubens willen.

15 Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger, und ihr wisst, dass kein Totschläger das ewige Leben bleibend in sich hat.

             Immer noch beschäftigt Kain den Schreiber. Er ist sozusagen der Prototyp dessen, der sich gegen das Leben stellt, der sich mit seinem Hass den Weg zum ewigen Leben verbaut, selbst verschließt. Es geht im Brudermord nicht nur βίος verloren, sondern eben auch ζωή, nicht nur zeitliche Existenz, sondern das ewige Leben.

 16 Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.

             Jetzt setzt Johannes einen neuen Akzent. Er stellt dem mörderischen Bruderhass die Hingabe gegenüber, in der Jesus sein Leben für uns gelassen hat. Hier taucht ein drittes griechisches Wort für Leben auf:  ψυχ. Das kennen wir aus unserem deutschen „Psyche“. Man könnte also auch übersetzen: „der seine Seele für uns eingesetzt hat“. Dann wäre mit dem Satz eben nicht nur das Ende Jesu gemeint, das Sterben am Kreuz, sondern sein ganzer Weg, auf dem er sich um Menschen müht, sie auf sich nimmt, sie sich „an die Nieren gehen“ (Matthäus 9,36) lässt

Das ist das Beispiel, dem die Christen nachfolgen sollen, das Vorbild, das sie nachahmen sollen. Der Grund, aus dem sie leben. Die Kraft für die eigene Liebe. Seine Seele für andere einsetzen. Sie auf das Herz nehmen. Sie das „eigene Herz finden lassen“ (Jesaja 58,10). Es ist nicht einfach: Macht es wie Jesus. Sondern: Lebt aus dieser Hingabe.

Nur, dass das griechische Wort mehr meint und umfasst als unser deutsches Wort, das sich auf „seelische Zustände“ zu beschränken scheint. Es geht auch hier um das ganze Leben. Jesus gibt sich ganz, nicht nur seine Seele. Und auch wir sollen uns für die Geschwister ganz geben – nicht nur ein Teil von uns. „Lebenshingabe wäre auch für die christliche Liebe höchstes Ziel. Sie kann, wo es die Situation erzwingt,  buchstäblich das Leben kosten.“ (H.-J. Klauck, aaO. S. 212)

 17 Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?

   Man muss es nicht gleich auf die Spitze treiben. Und nicht alle sind zu Märtyrern geboren oder als Märtyrer berufen. Darum der Hinweis: Bruderliebe fängt konkret an, in kleinen Schritten. Teilen, was ich habe. Mitteilen aus dem, was ich habe. Helfen, wo ich Not sehe. Nicht wegschauen, sondern hinsehen. Die Liebe Gottes ist eine Liebe, die sieht. Dafür gibt es unzählige Belege in der Schrift. Wunderbar auf den Punkt gebracht in der Geschichte von Hagar: „Aber der Engel des HERRN fand Hagar bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur… Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“ (1. Mose 16, 7 + 13)

Der Ausdruck: schließt sein Herz vor ihm zu bringt mich auf eine Idee. Könnte es sein, dass der Prophet Jesaja hier Wegweiser für Johannes war? „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! …. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken.“ (Jesaja 58, 7.9b- 11)

Diese Gedanken haben auch ihr Echo gefunden im Kirchenlied, das in seinen Gedanken stark aus dem Johannesbrief schöpft.

 Wer dieser Erden Güter hat,                                                                     und sieht die Brüder leiden,
Und macht den Hungrigen nicht satt,                                                   lässt Nackende nicht kleiden;
Der ist ein Feind der ersten Pflicht,                                                           und hat die Liebe Gottes nicht. 
            Chr. F. Gellert 1757, EG 412

Eine wichtige Anmerkung: Johannes sieht für die Liebe, die sich dem anderen zuwendet, einen konkreten Ort: die Gemeinde der Christ*innen. Da sind die Brüder und Schwestern, deren Not nach Teilen verlangt. Sie zu übersehen heißt die Liebe Gottes zu versäumen. Johannes fordert kein Programm,. um das soziale Elend im ganzen römischen Reich zu lindern oder gar zu beheben. Wir dagegen lesen solch einen Satz leicht als eine Aufforderung, die weltweite not zu bekämpfen und zu überwinden. Diese Leseweise ruft bei mir Ohnmachtsgefühle und auch Versagensängste hervor. Ich kann nicht die ganze Welt retten, nicht einmal die um mich herum. Ich kann nur versuchen zu helfen, soweit meine Kräfte reichen. 

18 Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.

             Das ist es ja, was Gott von uns will – nicht nur schöne Worte. Die auch. Aber aus den schönen Worten sollen schöne Taten werden. Lieben in der Tat und lieben mit der Wahrheit. Lieben, so dass das Leben auf tragfähigen Grund gestellt ist. Der bleibt. Das ist ja die Wahrheit, um die es in den Johannes-Schriften immer geht: Tragfähiger Grund.

Es ist die bange Frage im Rückblick auf mein Leben, ob ich nicht zu oft die Tat und die Wahrheit durch schöne Worte ersetzt habe. Aus dieser Frage werde ich nicht entlassen.

 

Herr Jesus, Du hast geliebt in Tat und Wahrheit, in der Hingabe bis zum Äußersten. Alle Deine Worte hast Du im Tun ausgelegt, all Dein Tun in Deinen Worten.

Wir bleiben dahinter zurück. Schönen Worten folgt Trägheit, unterlassen Hilfe, Wegsehen. Und manche Taten bleiben einfach stumm, werden nicht sichtbar in ihrer Herkunft aus Deiner Liebe

Gib Du, dass unser Leben und Reden sich gegenseitig auslegt, ein wenig mehr, als es alltäglich gelingt. Amen