Bleiben

  1. Johannes 2, 18 – 29

18 Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind nun schon viele Antichristen gekommen; daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist. 19 Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, dass sie nicht alle von uns sind.

             Es wirkt so, als würde der Ton wechseln. Dringlicher werden. Zeitansage. Letzte Stunde. Fünf vor Zwölf. Und dann weist Johannes auf die Zeichen der Zeit hin. Auf das kommende Zeichen: der Antichrist kommt. Und auf die Zeitzeichen jetzt: Es sind nun schon viele Antichristen gekommen. Das ist ein harsches Urteil über die, die sich von der Gemeinde getrennt haben. Sie sind Anti-Christen. ντχριστοι Sie haben nie wirklich zu uns gehört. Sie waren „Schein-Christen“. Täuschungen. Gleichgültig, ob sie sich selbst getäuscht haben oder enttäuscht gegangen sind.

Hinter dem Wort Anti-Christus – ντχριστος – steht die Vorstellung eines Gegenspielers gegen den Christus. Eines, der ihn nachahmt, nachäfft. Der sich aufspielt, als wäre er ein Heilsringen und in Wahrheit ins Verderben stürzt. Es ist eine Vorstellung, die die junge Christengemeinde mit ihrem Umfeld teilt, aus dem sie stammt. Sie hat ihre Wurzeln in der „frühjüdischen Apokalyptik. Man rechnete damit, dass der Widerspruch der Mächte dieser Welt gegen Gott und seinen Heilbringer sich auf seinem Höhepunkt in einer mächtigen, gotteslästerlichen Person konzentrieren würde, die schließlich vom Messias selbst ezwungen würde.“ Also schon Macht und Kampf, aber nicht gleichwertig und nicht mit offenem Ausgang. Ist es zu weit gegriffen: die heutige Tendenz, alle Probleme der Welt zu personalisieren – Merkel muss weg, Trump, wahlweise Putin, Erdogan ist der Böse. ich erinnere mich an ein Gespräch in Steffisburg/Schweiz in den 70-er Jahren, wo mit ein sehr frommer Mann ernsthaft und überzeugt sagte: „Der Anti-Christ – das ist Franz-Josef Strauß.“ es ist immer einfacher, eine Person zur Zielscheibe zu haben als eine Struktur, die dem Unrecht dient, entlarven und verändern zu müssen. Bei Personen kann man schreien: Weg. Weg. Bei Struktur-Veränderungen braucht es langwierige und manchmal auch langweilige Arbeit.    

Das kann Johannes offensichtlich nicht denken: Dass einer den Vater in Wahrheit im Sohn erkannt hat und sich dennoch abwendet. Wer geht, war nie wirklich einer von uns. Die Wahrheit war nicht in ihm. Aber noch in diesen Sätzen höre ich Schmerz über die, die gegangen sind. Auch und gerade in dem harten Urteil. Da ist nichts von Gleichgültigkeit: Sollen sie doch gehen. Jeder wird nach seiner Fasson selig. Selbst in diesen harten Urteilen meldet sich mehr Interesse an denen, die gegangen sind als in unserer gleichgültigen Feststellung der Austrittszahlen, die scheinbar keinen in den institutionellen Kirchen erschüttern.

20 Doch ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und habt alle das Wissen. 21 Ich habe euch nicht geschrieben, als wüsstet ihr die Wahrheit nicht, sondern ihr wisst sie und wisst, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt.

             Aber ihr, ihr steht fest. Ihr bleibt. Ihr habt ja doch Christi Geist – das meint Salbung. χρσμα. In der orthodoxen Kirche wird dem Täufling das Salböl – Chrismon auf die Zunge gelegt. Zeichen dafür, dass er sich den Glauben nicht selbst geben kann. Dass er immer empfangenes Geschenk ist. Das steht auch üer dem nachfolgenden Satz: Und ihr wisst alles – so kann man wörtlich übersetzen: alles, was zum Heil hilft, am Heiland festhalten hilft. Und dass das Wort tragfähig ist, klar, ohne Dunkel, belastbar. Lebenstauglich für die Ewigkeit. Dieses Wissen haben sie sich nicht selbst gegeben. Es ist Geschenk, Gabe des Geistes.

22 Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. 23 Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater.

            Das ist der Streitpunkt. Das ist das, was er den Anti-Christen vorhält, vorwirft, was sie von der Gemeinde scheidet. Sie leugnen, dass Jesus der Christus ist. Der Sohn. Und mit dem Sohn leugnen sie den Vater. Es gibt für Johannes – im Evangelium und in den Briefen – keine Erkenntnis des Vaters an dem Sohn vorbei. Nur durch Jesus wissen wir, wer der Vater ist. „Wer mich sieht, sieht den Vater.“(Johannes 14,9) Es ist das Zentralbekenntnis der Gemeinde, an dem sich die Geister scheiden. Am irdischen Jesus wird der himmlische Christus erkannt und der irdische Jesus ist das Bild des unsichtbaren, unbegreiflichen Vaters. Das zusammenzuhalten – der Irdische und der Himmlische, der Gekreuzigten und der Erhöhte sind eins – sind Herausforderungen an Glauben und Denken bis zu uns heute.

24 Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben. 25 Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben.

             Und wieder, wie im Gegenzug, wie um sich nicht zu lange bei den Irrlehrern und Irrlehren aufzuhalten, die Bekräftigung: μενετε. Bleibt. Bleiben. Bleiben im Wort, das euch gesagt worden ist. Und durch das Bleiben im Wort bleiben im Sohn und dem Vater. Dieses Bleiben schließt die Ewigkeit auf. Das ewige Leben. Es ist eines der Lieblingsworte des Johannes. Sein Schlüsselwort des Glaubens. Glauben ist Bleiben.

            Die Bibel redet ja nicht so gerne von der Ewigkeit. Das ist so abstrakt. Johannes spricht vom ewigen Leben. Leben im Angesicht des Auferstandenen, im Angesicht des Vaters. Coram deo. In seiner unverstellten Gegenwart. Der Verzicht auf die Bilder, die das ewige Leben ausmalen, muss kein Nachteil sein.  Wir könnten ja sowieso nur mit irdischen Farben malen, völlig unangemessen für das, was sein wird.

 26 Dies habe ich euch geschrieben von denen, die euch verführen. 27 Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand lehrt; sondern wie euch seine Salbung alles lehrt, so ist’s wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in ihm.

             Ein starker Satz: Ihr habt nicht nötig, dass euch jemand lehrt. Es ist ja der „Geist, der in alle Wahrheit leitet.“ (Johannes 16,13) Und der Leitung dieses Geistes dürfen sie sich anvertrauen. Weil er Jesus zum Thema hat.

Dieser starke Satz des Johannes ist  zugleich etwas wie ein Erfüllungssatz der Prophetie: „Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31, 34) Von diesem Propheten-Wort her erschließt sich auch, warum Johannes so sehr mit der Sündenvergebung beschäftigt ist. Sie ist die Voraussetzung für das Erkennen Gottes. Sie macht auch die gegenseitige Belehrung über das Wesen Gottes überflüssig. Denn es wird ja erkannt in der Erfahrung: mir ist vergebe.

 28 Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er offenbart wird, Zuversicht haben und nicht zuschanden werden vor ihm, wenn er kommt. 29 Wenn ihr wisst, dass er gerecht ist, so erkennt ihr auch, dass, wer recht tut, der ist von ihm geboren.

Nicht mehr Lehre, sondern Ermutigung. Das erklärt vielleicht auch ein wenig die Sprache dieses Briefes. Er setzt ja einfach nur und argumentiert nicht, bildet keine langen, logischen Gedankenreihen. Er setzt Sätze wie Ausrufezeichen.

Es ist eine Öffnung auf die Zukunft Gottes hin. Wenn er kommt, dann braucht es Zuversicht. Παρρησα. Dann ist „aufsehen und erheben der Häupter“(Lukas 21,28) angesagt. Damit man das kann, gilt nur eines:  bleibt in ihm. Keine christlichen Heldenstücke. Einfach bleiben.

Und: dass einer, eine, bei ihm bleibt, in ihm bleibt, an ihm bleibt, zeigt sich in seinem Tun. Ob einer von oben geboren ist, zeigt sich nicht am Heiligenschein, an Nimbus, der Gloriole. Sondern im Tun. Im recht Tun. Im Tun der Gerechtigkeit.

Sing, bet’ und geh auf Gottes Wegen,                                           verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,                                              so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht                                                            auf Gott setzt, den verlässt er nicht.      G.
Neumark 1657 EG 369

 

Heiliger Gott. Stärke meinen Glauben. Mache mich fest in Dir. Präge mir Dein Wort ein. Gib mir den Mut für Dich einzustehen durch mein Reden und mein Tun.

Bewahre mich davor, über andere zu urteilen, sie abzuschreiben, ihren Glauben in Frage zu stellen. Gib mir ein weites Herz.

Richte meinen Blick aus auf das kommende Reich, Dir entgegen, damit ich in meinem Tun schon bruchstückweise vorwegnehme, was ich glaube:  Deine Gerechtigkeit. Deine Liebe. Dein Erbarmen. Amen