Das neue Gebot

  1. Johannes 2, 7 – 11

7 Meine Lieben, ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt.

             Die erneute Anrede, diesmal Geliebte, γαπητο, unterstreicht die Bedeutung der nachfolgenden Worte. Spielt Johannes hier mit dem Wissen der Gemeinde? Das Wort vom neuen Gebot ist ein Grundwort der Gemeinde.  Es erinnert an Jesus: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. “(Johannes 13, 34) Dieses Gebot ist in der Gemeinde des Johannes gelehrt, eingeschärft worden als der Grundkonsens. „Die Vermittlung des Liebesgebotes gehört zu den grundlegenden Dingen, die in der Taufkatechese (=Taufunterweisung) der johanneischen Gemeinde nicht fehlen durften.“ (H,-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991, S. 121) In der Liebe zueinander zeigt sich in Wahrheit der Glauben.Auch das könnte mitschwingen – letzte Worte, wie sie Matthäus von Jesus an die jünger überliefert: „lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“(Matthäus 28,20) Es ist ein Hörfehler, hier nur Imperative zu hören: tut dies, tut das. Sondern es geht um die Einweisung in eine Praxis, die sich am Leben Jesu orientiert – Sein Leben und Vorleben ist sein Gebot, ἐντολὴ. Gebot, Weisung – sein Erbarmen, seine Treue, sein Vergeben, sein Festhalten an denen, die im Leben scheitern. Sein Gebot ist das Leben in seine Hingabe, die ihn zum Diener aller werden lässt.

Es ist ein Wort, das sie gelernt haben und insofern ein altes Gebot. Es mag sein, dass mit diesem Hinweis auf das alte Gebot, das vertraute Wort, andere Stimmen abgewehrt werden, die mit neuen Parolen die Gemeinde irritieren. Vielleicht gab es Leute, die eine neue Heilslehre vertreten haben, die das Hören auf das alte Gebotswort als unzulänglich bezeichnet haben, weil sie mehr wollten, mehr an Erkenntnis. Γνσις. Wirklich fassbar aber sind diese Stimmen für mich nicht.

 8 Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, das wahr ist in ihm und in euch; denn die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.

             Neu ist das vertraute Gebot deshalb, weil es das Lebensgesetz der hereinbrechenden Gottesherrschaft aussagt. In Jesus sind die Christen auf eine neue Basis gestellt, eine Wirklichkeit, die ein Vorschein der Ewigkeit ist. Es ist nicht so, dass vor Jesus nie die Liebe gefordert worden wäre. Es ist vielmehr ausgesprochen eindrücklich, wie in der Hebräischen Bibel immer wieder dieses Verhalten in die Mitte gerückt wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR. (3. Mose 19,18) Mehr noch und für heutige Leser*innen unglaublich herausfordernd:  Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“(3. Mose 19, 33-34) So „unerfreulich konkret“ kann dieses alte Buch ins Heute hinein reden. So gesehen ist der entsetzte Aufschrei des Herrn Gauland: „Sie lieben die Fremden!“(27. 5. 18 in Berlin – Kundgebung der AfD) eine wundervolle Bestätigung: die Politik, die die Fremden bei uns leben lässt, ist eine auf der richtigen Spur.

Es fällt im Griechischen auf, dass Johannes für neu das Wort καινός verwendet und nicht νέος. „καινός steht in einem reichen Bezugsfeld endzeitlicher Heilserwartung und Heilsgewissheit.“ (H.-J. Klauck, aaO. S. 122) Das Licht des kommenden Tages vertreibt schon die Finsternis. So kann man nur reden, wenn man glaubt, was Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12) Hinter all den Worten des Briefes, die scheinbar nur auf Verhalten abzielen, steht als Begründung der Glaube an Jesus.

Weil er das Licht ist, verliert die Finsternis an Boden. Der Versuch, ihn auszulöschen durch den Tod  ist gescheitert in seiner Auferstehung. Gott hat an ihm festgehalten. Hat ihn, diesen Einen bestätigt als das Licht der Welt, durch den Tod hindurch. Und nun gilt und  glaubt die Christenheit: So wie eine einzige kleine Kerze einen riesigen Raum mit ihrem Schein erhellen kann, so ist Jesus. „Seither weicht die Finsternis dem Licht, denn das Gebot des Lichtbringers wirkt neues Leben.“ (H. Balz, aaO. S. 171)

Es sind Worte wie diese, die sich in den Worten eines großen deutschen Autors wiederspiegeln: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen Welt vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: Krüppel und Kranke, Alte und Schwache; und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. (H. BÖLL, Eine Welt ohne Christus, in: Kh.Deschner, Was halten Sie vom Christentum? München 1957, s. 22) Es kann einigermaßen heiter stimmen, dieses Zitat ausgerechnet im Buch eines der großen Kirchen- und Glaubenskritiker zu finden.

 9 Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. 10 Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall.

Sofort aber bindet Johannes alle Überlegungen wieder an das praktische Verhalten. Man kann nicht im Licht sein und den Bruder hassen. Den Nächsten. Dabei geht es nicht, wie wir das leicht hören, um Affekte und Emotionen. „Schon Gleichgültigkeit, Überheblichkeit und Geringschätzung gegenüber dem vermeintlich zurückgebliebenen Durchschnittsgläubigen würden genügen, um den Verfasser auf Seiten der Gegner „Bruderhaß“ diagnostizieren zu lassen.“ (H..-J. Klauck, aaO. S. 125) Was für ein Licht wirft diese Aussage auf so gedankenlose Bezeichnungen wie U-Boot-Christen, Kartei-Leichen, etc.

Durch ihn kommt niemand zu Fall. Darin zeigt sich die Liebe. Wer liebt, wird  dem anderen nicht zum σκνδαλον, zum Anstoß. Eine Warnung Jesu wird mit diesen Worten aufgenommen: „Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. Weh der Welt der Verführungen wegen! Es müssen ja Verführungen kommen; doch weh dem Menschen, der zum Abfall verführt!“ (Matthäus 18,6-7) Das gleiche Wort  σκνδαλον wird in diesen Worten gebraucht. Und deutlich ist an allen Stellen: es geht um das Verhalten innerhalb der Gemeinde, nicht um Verhalten von Leuten, die mit dem Glauben nichts zu tun haben.

11 Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.

             Vielleicht ist das die größte Gefahr, dass jemand sagt: Ich hasse doch niemanden. Das ist nicht mein Problem. Die Anderen sind mir einfach nur egal. Gleichgültig. Was gehen sie mich an? Oder, in biblischer Sprache: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (1. Mose 4,9) Es ist wichtig: sowohl Liebe als auch Hass sind im Denken des Neuen Testamentes nicht zuerst Gefühlsworte, sondern Tätigkeitsworte. Wer liebt, hilft dem anderen, stellt ihn/sie auf die Füße. Wer hasst, lässt ihn/sie liegen und stellt ihm/ihr zusätzlich auch noch ein Bein.

 Es ist ein hartes Urteil: Wer sich so für nicht zuständig erklärt für die Mitchristen, Brüder und Schwestern, der ist verblendet. Sagt Johannes. Er ist in der Finsternis und weiß nicht, wie es um ihn steht.

So jemand spricht: Ich liebe Gott!                                                          Und hasst doch seine Brüder,
Der treibt mit Gottes Wahrheit Spott,                                                  und reißt sie ganz darnieder.
Gott ist die Lieb, und will, dass ich                                                        den Nächsten liebe, gleich als mich.             
                                               Chr. F. Gellert    1757, EG 412

             So diese Worte zu lesen, macht betroffen. Es sind unangenehme Fragen, die sich von diesen Worten her an uns heute stellen: Wie wenig trifft uns der Exodus der Vielen, die sich von der Gemeinde abwenden? Wie wenig trifft es uns, dass sich im Gottesdienst am Sonntag nur ein kleines Häuflein zusammen findet? Wie wenig trifft es uns, dass die Frage nach einem Leben in der Spur Christi, nach einem Handeln in der Ausrichtung am Gebot, an den zehn Geboten, aber auch an seinem neuen Gebot nur noch die Sache einiger religiöser Exoten zu sein scheint?  Haben wir als Volkskirchen uns damit nicht längst abgefunden und machen sogar eine „Tugend“ daraus, indem wir distanziert und wertneutral von unterschiedlichem Mitgliederverhalten sprechen? Wandeln wir in der Finsternis und merken es nicht, weil wir verblendet sind? Mich plagen diese Fragen.

 

Herr Jesus, Ich hasse niemanden. Ich wünsche niemand Unglück, keinen dahin wo der Pfeffer wächst. Ich wünsche keinen zum Teufel.

Aber es gibt viele, die mir gleichgültig sind, nicht nur die weit weg, von denen ich nur durch die Tagesschau weiß. Es gibt auch viele, die mir nahe sind und doch nehme ich nicht Anteil an ihrem Leben, nicht im Glück und nicht im Leid.

Herr, rühre mein Herz an, dass ich mitleide, dass ich fürsorglich werde, Anteil nehme am Glück, tue was Not wendet. Öffne mir die Augen für die Brüder und Schwestern. Amen

2 Gedanken zu „Das neue Gebot“

  1. “Es ist wichtig: sowohl Liebe als auch Hass sind im Denken des Neuen Testamentes nicht zuerst Gefühlsworte, sondern Tätigkeitsworte. Wer liebt, hilft dem anderen, stellt in auf die Füße. Wer hasst, lässt ihn liegen und stellt ihm zusätzlich auch noch ein Bein”.

    Das ist ein wichtiger Hinweis, den ich mir merken will. Zuoft und zuviel wird im christlichen Raum Liebe und Hass, lieben und hassen rein emotional verstanden.

  2. Katholiken und Lutheraner zahlen Selbstvorstellung, Fremdgotter- und Bilderverbot als gemeinsames erstes Gebot. Damit lassen sie das Bilderverbot allenfalls fur den eigenen Gott gelten; vielfach wurde es als fur Christen ungultig vernachlassigt. Um die Zehnzahl zu bewahren, unterteilen sie das Verbot des Begehrens in zwei Verbote. Die Katholiken nennen wie Dtn 5 die Frau zuerst und fur sich

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