Es geht um alle

  1. Johannes 2, 1 – 6

1 Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.

             Es ist ein Zeichen der innigen Verbundenheit. Τεκνα μου – meine Kinder. Das ist kein amtlicher Brief. Das ist ein Brief aus Zuneigung. Seelsorge. Johannes bleibt seinem Stil treu. Er folgt in seinem Schreiben keiner streng logischen Linie, sondern hält sich an Stichworte. Und bleibt dann bei ihnen. Jetzt bei dem Stichwort. Sündigen. Gibt es für seine Worte ein konkretes Gegenüber? Leute, die mit dem Thema eher lax umgegangen sind? Die gesagt haben: Christen können gar nicht mehr sündigen?

Dem widerspricht Johannes und sagt: Wer so denkt, macht Gott zum Lügner (1,10). Aber zugleich hält er daran fest, die Gemeinde aufzufordern, aus dem Vertrauen auf Jesus zu leben, damit ihr nicht sündigt. Es gibt für Christen keinen Zwang mehr zur Sünde, zum getrennten Leben von Gott. Aber es gibt noch die einzelne Handlung, die Gott nicht entspricht.

Und dafür, für diese Fehltritte, dieses Versäumen des richtigen Tuns, gibt es den einen   Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Παρκλητος, Paraklet steht da. Das Wort, das Jesus verwendet: „Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“(Johannes 16,7)Anders dagegen hier. „In 1.Joh ist Jesus der Paraklet und er wirkt im Himmel. Die Abschiedsreden des Evangeliums setzen den Parakleten mit dem Geist gleich und er entfaltet seine Tätigkeit auf der Erde.“ (H.-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991, S. 104) Der irdische Tröster und der himmlische Fürsprecher sind einig in ihrem „Für-sein“: Sie sind Fürsprecher, sie geben Rückenwind. 

Es ist bemerkenswert: Diese Sicht auf den Fürsprecher beim Vater, im Himmel, teilen andere Lehrer der jungen Christenheit: „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Römer 8, 34) „Daher kann Jesus auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt für immer und bittet für sie.“(Hebräer 7, 25) Das ist das Werk, das der auferstandene Jesus bis zu uns hat – so öffnet sich die Zeit aus der ersten Christenheit auf uns heute.

 2 Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.

             Wieder kommt es mir vor, als würde das Johannes-Evangelium zwar nicht zitiert, aber als Grundlage verwendet: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Johannes 3, 16-17) Ein Blick, der nur heilsegoistisch die eigene kleine Gruppe sieht, die Vergebung der Sünden nur für sich selbst – das reicht dem Schreiber nicht. Gottes Versöhnung – λασμς – ist größer und will mehr. Gottes Heilshandeln will die Welt. Gottes Versöhnung ist auf die Welt ausgerichtet und soll als Ruf zur Versöhnung an die Welt ausgerichtet werden. „Ausnahmslos jedem, der uns begegnet, dürfen wir es sagen, dass die Versöhnung auch für ihn gilt.“(W. de Boor, Die Briefe des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1974,  S. 44) Anders gesagt: Gott will alle. Wer das nicht sieht, denkt zu klein von Gott und seinem Heilswillen.

3 Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. 4 Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. 5 Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind.

             „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.“ (Johannes 14,15) Es gibt ein sicheres Kennzeichen für die Christen. Sie halten sich an das Wort, an das Gebot des Jesus Christus. ἐντολὰς steht da und nicht νóμοι – wohl auch deshalb, weil der Briefschreiber am Evangelium anknüpft: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13, 34) Auch da ἐντολὴ καινὴ – ein neues Gebot.

Es ist gewiss kein Zufall, sondern innere Notwendigkeit, dass die junge Christen-Gemeinde nach dem Zeugnis der Evangelien ihre Ethik so entwickelt, dass sie nach Worten Jesu sucht. Sich daran hält, was er über Ehe und Ehescheidung sagt, über den Umgang mit dem Geld, über Vergeben und den Umgang mit der Macht. Es klingt bedauernd, wenn Paulus sich eingestehen muss: „Über die Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn; ich sage aber meine Meinung als einer, der durch die Barmherzigkeit des Herrn Vertrauen verdient.“ (1. Korinther 7,25) Kurz: Christen orientieren ihr Handeln an der Weisung Jesu, an seinem neuen Gebot.

Johannes will hinführen zu einem wahrhaftigen Leben: einem Leben aus der Liebe Gottes. Einem Leben aus dem Vertrauen auf das Wort. Zu einem Leben, das in allem, im Tun und Erleiden, bei ihm bleiben will. Wer so lebt, der hat Gott erkannt. (2,3) 

             Das ist in meinen Augen einigermaßen aufregend: Erkennen Gottes   γινσκομεν τι γνκαμεν ατ: Wir merken, dass wir ihn kennen (2,3) – wird ganz streng an das Leben in der Spur des irdischen Jesus gebunden. Keine Himmelsreisen, keine esoterische Tiefenschau oder mystische Initiation, keine private Offenbarung: „Es geht nicht um ein höheres Wissen von Gott, sondern um eine lebendige und aktive Beziehung zwischen Gott und Mensch.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S. 170) Dieser Beziehung entspringt der Gehorsam gegen das Wort, das Gebot. Johannes nimmt seinen Gegnern ihr Stichwort weg und bindet die Suche nach der Gotteserkenntnis an das leben, wie Jesus gelebt hat. An das Nachahmen Christi. In seiner Spur bleiben.

6 Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.

Dazu hat ja Jesus seine Jünger aufgerufen – und mit den Jüngern seine Gemeinde: Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Johannes 15,4-5) Bleiben in Jesus findet seine Gestalt im Tun, im Leben in seiner Spur. Und im Vertrauen auf ihn.

Das schließt den Verzicht auf die eigenen, selbstgefundenen originellen Wege ein. Nur darum geht es: Sich hartnäckig an Jeus orientieren. Sein Handeln zur Prägung unseres Handelns werden zu lassen. Festhalten am Vertrauen, dass er auch im Scheitern neue Anfänge gibt. Festhalten an dem Glauben, dass jedes Sterben der erste Schritt zur Auferstehung ist. Auch das kleine Sterben auf den Wegen des Lebens.

Eine wichtige Anmerkung finde ich: „Das Halten der Gebote ist kein rein äußerliches Kriterium für die Gotteserkenntnis… es darf ebenso wenig zur Bedingung der Gotteserkenntnis emporstilisiert werden. Vielmehr ergibt sich die Praxis des Liebesgebotes im christlichen Leben als ebenso selbstverständliche wie notwendige Folge aus der geschenkten Erkenntnis Gottes. Das erste ist also das Erkennen Gottes, das zweite das Halten der Gebote, nicht als Leistung, sondern als spontane Antwort der Liebe, und das dritte das Erkennen von 3a (Daran merken wir, dass wir ihn kennen) als Selbstvergewisserung des eigenen Glaubensstandes.“ (H.-J. Klauck, aaO. S. 115)

Das gefällt mir gut. Einzig daran frage ich herum, ob die Praxis des Liebesgebotes in unserer Alltagspraxis tatsächlich so selbstverständliche Folge aus der geschenkten Erkenntnis Gottes ist. Darunter leiden wir doch, dass unser Tun so häufig hinter unserem Erkennen und unserem Bekennen zurück bleibt.

 

Herr Jesus, lehre Du mich, auf mein Leben zu achten, dass ich handle, wie Du es willst. Lehre Du mich, Deinen Willen zu suchen, Deiner Liebe Raum zu geben in meinen Gedanken, meinen Worten, meinem Tun.

Lehre mich leben aus Deiner Liebe. Amen