Ein Weg zur Freiheit: Bekennen

  1. Johannes 1, 5 – 10

5 Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.

Das ist der Ausgangspunkt für das Nachdenken des Johannes, nicht selbst erdacht, sondern gehört. Die Botschaft γγελα – in diesem Wort stecken die Engel mit drin. Eine Botschaft mit überirdischem Ursprung. Er sagt weiter, was er empfangen hat. So wie Paulus: „Ich habe euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.“ (1. Korinther 15,3) Es ist das Wesen christlicher Verkündigung, dass sie weitersagt aus dem Hören heraus.  Von ihm, von Jesus hat Johannes seine Botschaft.

Der Inhalt: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. „Wo Licht ist, ist kein Schatten, geschweige denn irgendwelche Finsternis.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, s. 166) Es gibt allerdings kein Wort Jesu in den Evangelien, mit dem wir diesen Satz über Gott als ein Wort Jesu untermauern könnten. Aber  es gibt im Psalm dieses Wort der Anbetung:

„Lobe den HERRN, meine Seele!                                                               HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich;                                                      du bist schön und prächtig geschmückt.                                                  Licht ist dein Kleid, das du anhast.“            Psalm 104, 1-2

             Und Gott wird „Licht Israels“( Jesaja 10,17) genannt.

Jesus sagt von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Johannes 8,12) So ist es wohl eine sachgerechte Zusammenfassung des Bildes vom Vater, das Jesus vermittelt und das Johannes hier an seine Gemeinde weitergibt. „Der Weg führt von der Selbstvorstellung des Gesandten Gottes als Licht für die Welt zur Prädikation des sendenden Gottes als Licht. Das heißt aber zugleich, dass man zu diesen Verständnis Gottes nicht anders gelangt als über Jesus Christus.“(H-J. Klauck, aaO. S. 85)

Zugleich ist es wohl auch ein Satz, der anderen Stimmen widerspricht, die Gott als den Unbegreiflichen, den Rätselhaften mit der Finsternis in Verbindung bringen wollen.

6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.

             Johannes sagt unbequeme Wahrheiten. Aber er sagt sie nicht aus einer Position der Besserwisserei heraus. Er sagt sie nicht von unten nach oben – er sagt sie in der Solidarität dessen, der den Weg des Glaubens mit seinen Brüdern und Schwestern in der Gemeinde geht.

Das können wir merken an der Art, wie er spricht: „Wenn wir sagen”- „Wer sagt”, so fängt er seine Sätze an.  Darin nimmt er Sätze, Behauptungen auf, die im Umlauf sind, in den Gemeinde unterwegs.

Die Gemeinschaft mit Gott verpflichtet. Zu einem Leben, das dieser Gemeinschaft entspricht. Es verträgt sich nicht mit Gott, in der Finsternis zu wandeln. Es verträgt sich nicht mit Gott, ein licht-scheuer Geselle zu sein, ein Dunkelmann. Jemand, der vertuscht, beschönigt, verschleiert, abstreitet. „Im Dunkeln ist gut munkeln.“ Das ist eine erste Verstehensmöglichkeit des Wortes Finsternis.

Ich übertrage in die Gegenwart: Gott ist nicht für mich und mein Beistand, wenn ich meinen Nachbarn betrüge. Gott ist auch nicht mit mir, wenn ich meinen Ehegatten betrüge. Gott ist nicht meine Rückendeckung, wenn ich faule Dinger drehe, ob in der Schule oder im Betrieb. Gott ist nicht meine Sicherheitsgarantie, wenn ich mich mit 3 Promille ins Auto setze. Gott ist nicht mein freundlicher Helfer, wenn ich auf Lug und Trug setze.

Das ist allgemein-christliches Denken: „Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“ (1. Thessalonicher 5, 5-8)

Eine zweite Variante, um die Rede von der Finsternis zu verstehen: Ob es in der Gemeinde Menschen gegeben hat, die das als Ausdruck ihres Glaubens gesagt haben: wir wandeln in der Finsternis.  Die die Welt als Finsternis begreifen und denen der Satz regelmäßig auf der Zunge liegt: „Es ist alles ganz schlimm“ – und als Steigerung dann noch: „Es ist alles ja noch viel schlimmer als ich dachte.“ (H.J. Eckstein, Zur Wiederentdeckung der Hoffnung, Holzgerlingen 2008, s. 16) Wir, die wir mit Christus unterwegs sind, sind in einer lichtlosen, finsteren Zeit unterwegs. Es ist offenkundig: solche Sätze akzeptiert unser Brief-Schreiber nicht, glaubt er doch an Christus, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“(Johannes 8,12) Wer also von einer Welt ohne Licht reden wollte, damals – und auch heute – der widerspricht damit dem Anspruch Jesu.

Darum der harte Widerstand:  Wenn wir in der Finsternis wandeln – dann lässt Gott uns da alleine laufen. Das heißt doch: Wer sich nicht an Christus als dem Licht orientieren will, der verfällt der Finsternis, die er sieht und glaubt. Wer über den Schrecken der Welt, die es gibt, Christus aus den Augen verliert, der wird sich allein gelassen glauben und entsprechend handeln. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Das biblische Beispiel für dieses blinde Starren auf die Schrecken: „ Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“(Matthäus 14, 27 – 31)

Wenn wir leben, als ob es Gott nicht gäbe – etsi deus non daretur – ohne uns nach Gottes Willen zu richten, ohne uns an ihm zu orientieren, ohne uns an ihn zu halten und uns halten zu lassen, dann lässt er es zu, dass wir uns in unseren eigenen Wegen verrennen. Später wird Johannes konkretisierend zu spitzen: Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.

  7 Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.

            Es ist, als wolle Johannes vermeiden, in  eine negative Denkspirale zu geraten. Darum betont er es noch einmal ausdrücklich: Das Leben im Licht stellt in die Gemeinschaft untereinander.. Und es gibt einen festen Grund für diese Gemeinschaft: Die Hingabe des Sohnes. Nach der Fußwaschung, in der er seine Jünger mit sich verbindet, sagt er: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. ( Johannes 13, 10) Darauf darf sich die Gemeinde verlassen.

8 Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.

Wieder wehrt Johannes ein Missverständnis ab. Wir sind rein, weil er uns rein macht, aber wir sind nicht die sündlosen Leute. Es gibt die Wirklichkeit der Sünde auch im Leben von Christen. Wer das abstreiten wollte, würde die Wahrheit, hier: die Wirklichkeit verdrehen.

Die Wahrheit: Wir bleiben mit unserem Tun hinter dem zurück, was Gott uns als Licht und Leben zugedacht hat. Es ist schon so, wie es Luther einmal auf den Punkt gebracht hat: Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir um Christi willen dies täglich beweinte Zurückbleiben vergebe, so ist’s aus mit mir. Ich muss verzweifeln.“ ( M. Luther)

9 Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.

Das ist die Erfahrung der Jünger: Jesus hat sich zu der Ehebrecherin gestellt. Er hat sich Petrus, der sich von ihm abgesondert hat – „Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sprach: Ich bin’s nicht.“(Johannes 18,17) neu zugewendet, ihm einen neuen Anfang geschenkt.

Daraus soll die Gemeinde lernen: Wer vor ihm seine Schuld eingesteht, zu dem stellt er sich. Wichtig: Es geht nicht um das einsame mit sich selbst ins Gericht Gehen, im stillen Kämmerlein. „Bekennen“ μολογει̃v, ist ein öffentlicher Akt. „Das Bekenntnis der Sünden (man beachte den Plural) geschieht öffentlich vor dem Forum der Gemeinde. Nur so wird das zerstörte Gemeinschaftsverhältnis wieder hergestellt.“ (H.-J. Klauck, aaO. S. 95) Das aber verlangt auch von der Gemeinde, dass sie lernt zu tun, wozu sie beauftragt ist: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen.“(Johannes 20,23) Und dann eben auch entsprechend mit denen umzugehen, die sich so ihrer Vergebung anvertraut haben durch ihr öffentliches Eingestehen: So bin ich. Das habe ich getan.

Mir will das wie ein Kontrast-Programm zur gnadenlosen Aufklärungs- und Anklagementalität unserer  heutigen Mediengesellschaft erscheinen. Wer heute angeklagt ist, öffentlich-rechtlich, auf facebook, twitter, instagram, darf nicht auf Vergebung hoffen. Das Internet vergisst nicht. Die Medien vergeben nicht.

Eine biographische Anmerkung: Diesen Satz des Johannes hat mich vor fünfzig Jahren ein Seelsorger auswendig lernen lassen, damit ich es mir einpräge als Evangelium: Es gibt neue Anfänge. Es mag alles gegen mich sprechen, die Umstände, die Umgebung, mein eigenes Herz – wenn ich mich ihm hinhalte, wie ich bin, spricht er für mich. Spricht er mich gerecht. Weil es gilt: er ist treu und gerecht. πιστς στιν κα δκαιος. Alle unsere Gerechtigkeit kommt von ihm, dem einen Gerechten.

 10 Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

Wenn das alles wahr ist, muss ich mich nicht mehr selbst entschuldigen. Muss ich mich nicht selbst für sündlos und Jesu Kreuz für überflüssig erklären. „Gott sagt in der Hingabe seines Sohnes: So schwer ist deine Sünde. Wir sagen: Nein, das ist nicht wahr; Der Sohn Gottes musste nicht für uns bluten und sterben, so schlimm und verzweifelt steht es nicht mit mir.“ (W. de Boor, aaO. S. 42) Hier geht es um nicht weniger als um die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu. Das ist wohl die Behauptung der Gegner des Johannes: Gott hätte sich diesen blutigen Weg auch ersparen können. Wir brauchen das Kreuz nicht. Wir wollen es auch nicht. Erschreckend: Genau diese Debatte führen wir heute auf vielen Ebenen.

 

Herr Jesus, es fällt schwer, vor dem Scherbenhaufen guten Willens zu sagen: So bin ich. Es fällt schwer – mir jedenfalls – mir einzugestehen: Ich bin nicht so gut, wie ich es gerne wäre. Es fällt schwer zu sagen: Gott sei mir Sünder gnädig.

Aber es verschweigen, das Bekenntnis verweigern, lässt allein bleiben mit den Anklagen, denen im eigenen Herzen und denen, die mich vor Dir verklagen.

Hilf Du mir zu diesem Bekennen, damit ich nicht allein bleibe mit meinen Schulden, sondern Dein Freisprechen erfahre. Amen