Spuren

  1. Johannes 1, 1 – 4

 1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -, 3 was wir gesehen und gehört haben,

             Was für ein Anfang! Ein einziger Satz, als ob sich die Worte nur so drängen würden. Es sprudelt geradezu heraus aus dem Verfasser. Er nimmt sich keine Zeit, einen Gruß zu schreiben, sich als Verfasser vorzustellen. „Er kommt sofort zur Sache.“(W. de Boor, Die Briefe des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1974, S. 24) Alles ist konzentriert auf das, was zu sagen ist.

Es ist ja eine Eigenart vieler biblischer Schriften: Verfasser verschwinden völlig hinter dem, was sie zu sagen haben. Nicht um sie als Person und Persönlichkeit, um ihre Botschaft geht es. So wenig sich der Verfasser des Johannes-Evangeliums mit seinem Namen kenntlich macht, so wenig der Verfasser der Briefe. Es spielt keine Rolle, ob er „Johannes“ heißt. Dafür mag es gute Gründe geben, aus Hinweisen der Kirchenväter wie Irenäus von Lyon (um 180 n. Chr.) Aber man kann auch – wieder mit guten Gründen – von einer „johanneischen Schule“ (H-J. Klauck, Der Erste Johannesbrief, EKK XXIII/1; Neukirchen 1991, S. 45) als den Verfassern der Johannes-Briefe reden. Christen, die durch seine Art von Jesus zu reden, ihn zu bezeugen, tief beeinflusst sind.

Sei es so oder so. Was aber beim Lesen sofort auffällt, ist die Nähe zum Johannes-Evangelium. Sprachlich. Gedanklich. Theologisch. 

Wir haben gehört. Mehr noch: Wir haben gesehen, wir haben betrachtet. Wir haben betastet. Berührt. Ein Augenzeuge. Einer, der mit allen Sinnen wahrgenommen hat. Nein, nicht nur Einer. Wir. Er schließt sich zusammen mit anderen, auch wenn er sie nicht mit Namen nennt. Er ist nicht allein mit seinem Hören, Sehen, Betrachten, Tasten. Sein Schreiben kommt aus einer Art „Schreibwerkstatt“: „Alle drei Johannesriefe stammen aus der johanneischen Gemeinde und sind somit stark von der Verkündigung und Sprache des Johannes-Evangeliums geprägt.“(H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973, S .153) Einer Schreibwerkstatt, die aber in Wahrheit eine Weg-, Glaubens- und Lebensgemeinschaft.

Es ist nicht von ungefähr, dass dieser Anfang an den Anfang des Johannes-Evangeliums  erinnert. „Im Anfang war das Wort…. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.…. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit…(Johannes 1,1; 1,4; 1,14)

Was er schreiben wird, ist kein Gedanken-Produkt, es ist erfahrungsgesättigt, erfahren mit allen Sinnen. Daum auch eine Einladung zu eigenen Erfahrungen mit allen. Erfahrungen, die ihn erfüllen. Und nicht nur ihn.

Von wem ist die Rede?  Das „was“ könnte in die Irre führen. Es geht nicht um eine Sache. Auch nicht, wenn es heißt: das Leben ist erschienen Es geht um eine Person. Um Jesus, den Christus, den Sohn Gottes. Von ihm ist Johannes berührt, ergriffen. An ihn glaubt er. In ihm hat er das Leben. Es geht um Erfahrungen, die tief in das Leben hineinwirken, es verändern, auf neuen Grund stellen. Neue Realitäten schaffen. Deshalb noch einmal was wir gesehen und gehört haben.

Es ist so tiefgehend, unergründlich und für das Denken – auch und gerade für heutiges Denken – eine unglaubliche Herausforderung. Wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist. Ewiges Leben im hier und Jetzt, sichtbar geworden in diesem Menschen Jesus, den die Christen als den Christus Gottes bekennen. In unsere irdische, zerbrechliche Welt, in unser Dasein tritt in Jesus ewiges Leben, fließt seitdem ein Strom der Ewigkeit, der alle trägt, die an ihn glauben, sich ihm anvertrauen.

“Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell hinein,
daß uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine.
Sel’ge Ewigkeit.”          
Marie Schmalenbach (1835 – 1924(

 Das ewige Leben wird – so lässt sich die Passage lesen, nicht erst von der Zukunft erhoffen. Man muss nicht erst sterben, um in die Ewigkeit einzugehen. Sondern die Ewigkeit und das ewige Leben sind für die Glaubenden schon hier angebrochen, wenn auch noch nicht am Ziel. Johannes bezeugt seinen Leser*innen „den Beginn des ewigen Lebens im Hier und Jetzt des Glaubens an Christus.“(H. J. Eckstein, Gesund im Glauben, Holzgerlingen 2011, S. 43)   

das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

        Die eigenen Erfahrungen geben sie weiter, als Botschaft, um so mit denen, die lesen und hören, in Gemeinschaft zu kommen. Für wir verkündigen steht hier παγγλλομεν. Wir sind Botschafter – darf ich auslegen: Botschafter Gottes? Engel. „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein.“ (R.O. Wiemer) 

Es entsteht durch das Weitergeben und Weitersagen Gemeinschaft, die Anschluss an die Gemeinschaft des Himmels hat – des Vaters mit dem Sohn, der Christen mit Jesus. Eine Gemeinschaft, die in den Himmel reicht – oder anders: aus dem Himmel auf die Erde. „In κοινωνα steckt auch der Gedanke an eine Gemeinschaft, die zwischen Menschen entsteht, aber nicht in ihrem eigenen Entschluss, sondern in einer gemeinsamen Vorgabe gründet.“ (H.-J. Klauck, aaO. S. 70) Das erinnert an die Worte Jesu aus den Hohenpriesterlichen Gebet: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein.“ (Johannes 17,22)

  4 Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.

Die Erfahrung dieser Gemeinschaft erfüllt mit Freude. Mit vollkommener Freude, so wie sie Jesus seinen Jüngern zugesagt hat: „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“ (Johannes 15,11)  Es ist das Ziel Jesu, das hier als das Ziel der Gemeinschaft der Christen untereinander formuliert wird: vollkommene  Freude. „Freude ist in der johanneischen Sprache ein Inbegriff des Heils.“ (H. Balz, aaO. s. 164) πεπληρωμνη. In Fülle. Das zielt auf die Gegenwart, die Zeit hier und jetzt. Nicht auf die Freude am Ende allerZeiten.

Umso auffälliger, dass der Absender als das Ziel seines Schreiben die eigene Freude herausstellt. Nicht nur die der Adressaten. Es gibt in der griechischen Textüberlieferung beide Varianten – unsere Freude – Eure Freude. Das sind nur zwei Buchstaben – statt ἡμῶν:  ὑμίν. Es geht um ihn selbst! Seine Freude wird erst dann vollkommen sein, wenn sie geteilte Freude ist – mit denen, die sich durch sein Schreiben auf dem Weg des Glaubens, dem Weg der Freude stärken lassen. Sich allein zu freuen ist biblisch nicht gut vorstellbar.

Ein Blick in die Gegenwart: die Freude des Predigers ist doch erst dann erfüllt, wenn die Gemeinde durch seine Worte gestärkt wird. Es reicht nicht, sich sagen zu können: Du hast alles gesagt – und es ist richtig so. Das ziel ist erst dann im Blick, wenn die Gemeinde antwortet: Ja, Amen. Und wenn sie ihre Antwort lebt – Montag, Dienstag, Mittwoch.

Beweise für die Wahrheit dieser Worte? Ich habe keine. Ich habe nur das Wort dieses Zeugen und der anderen Zeugen, die gesehen und gehört haben, die Wege mit Jesus geteilt, ihn berührt haben, von ihm berührt worden sind, miteinander gelacht, geweint, gegessen und geschlafen haben, irgendwo in Galiläa und Judäa, die es weitergegeben haben, bis zu uns heute: Darin, auf dem Weg mit ihm berührt uns die Ewigkeit. Nicht als flüchtiger Augenblick, als Windhauch. So, dass unser ganzes Leben in allen Brüchen, Niederlagen, Tränen und allem Glück und Lachen von nun an ewiges Leben in sich trägt.

Herr Jesus, Du hast Spuren hinterlassen. Du hast Menschen berührt. Sie haben Dich betastet. Du hast Menschen angesehen. Sie haben Dich gesehen. Du hast Menschen mit Deinen Worten ins Herz gesprochen. Sie haben Dich gehört.

Und ich lese Dein Wort, sehe in mir Dein Bild, spüre Deine Liebe. Du hast in meinem Leben Spuren hinterlassen. Darüber kann ich nur staunen. Jubeln. Dich loben und preisen. Amen