Strenges Verhör

Johannes  9, 24 – 34

24 Da riefen sie noch einmal den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.

Ein neuer Anlauf zur Klärung der Sachverhalte. Diesmal wieder mit dem, der blind gewesen war, und einer eindringlichen Aufforderung an ihn: Gib Gott die Ehre! Fast eine Art Vereidigung: „So wahr mir Gott helfe.“ Darum soll es gehen, dass die Herrlichkeit Gottes – dafür steht ja das Wort δόξα – aufleuchtet. Als ob sie nicht schon in seiner Heilung aufgeleuchtet hätte. Weil in ihr die Werke Gottes offenbar geworden sind.

Auch wenn sie ihn neu befragen – ihr Urteil steht schon fest. Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Gemeint ist damit, dass sie ihm das sagen: „Wenn wir, die wir es doch wissen müssen, mit unserem Urteil fertig sind, dann muss ein solch junger „Laie“ sich doch beugen.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, S. 298) Sie erwarten, dass er ihre Kompetenz als Fachleute anerkennt und sie höher achte t als seine Erfahrung. Sie werden also, was immer sie hören, nicht neu hören. Das gibt es nicht nur hier, dass Menschen fragen, fragen, fragen und doch längst nicht mehr offen sind, neu zu hören. Die eigenen Urteile zu revidieren. Sich zu öffnen. Für Antworten, die ihnen nicht passen. Für neue Einsichten.

25 Er antwortete: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.

Das ist mutig: Das Urteil der „Behörde“ in Fragen zu stellen. Ob ihr Recht habt, steht noch dahin. Sagt er doch mit seiner Frage. „Am Sabbat Teig geknetet“: das ist für euch ein eindeutiger Tatbestand. Für mich ist hier nichts eindeutig.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991 S. 160) Und so zieht er sich zurück auf das, was Fakt ist. Dass er blind war und jetzt sehen kann. Wie man das beurteilen soll, mag auf einem anderen Blatt stehen. Aber Fakt ist dieser Wechsel in seiner Lebens-Situation. 

 26 Da fragten sie ihn: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch schon gesagt und ihr habt’s nicht gehört! Was wollt ihr’s abermals hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden?

Sie aber, die Pharisäer, die Juden, geben noch nicht auf. Sie wollen ihn zu einer Stellungnahme bringen. Er soll noch einmal sagen, was geschehen ist, wie der Vorgang war. Welche Technik steckt hinter dem Geschehen? Kann es sein, dass es auf irgendwelche „magischen Praktiken“ hinauslaufen soll? Immerhin gibt es ja diesen überlieferten Vorwurf: „Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämon.“(Matthäus 12,24)

             So könnte hier nicht nur der Versuch vorliegen, den Geheilten in Widersprüche zu verwickeln und ihn dadurch als zeugen unglaubwürdig zu machen.  „Als könnte – etwa durch einen Selbstwiderspruch des Verhörten – doch noch etwas für Jesus entscheidend Belastendes herausgebracht werden.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 255) Wenigstens wollen sie ihn dazu bringen, dass er sich positioniert – contra Jesus oder eben pro Jesus. Darum nötigen sie ihn, noch einmal zu erzählen. Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er es gemacht? Ihre Anklage hängt ja auch an dem „Wie“, an der Zubereitung des Heil-Breis.

Er aber  lässt sie regelrecht auflaufen. Warum denn noch einmal? Könnt ihr es nicht oft genug hören? Und schließlich, völlig ironisch: Wollt ihr auch seine Jünger werden? Das ist doch völlig sinnlos, wieder und wieder das Gleiche zu fragen und zu hören, wenn man nicht die Konsequenz ziehen will – und das wäre doch: Das Wunder anerkennen und den Wundertäter und sein Jünger werden.

 28 Da schmähten sie ihn und sprachen: Du bist sein Jünger; wir aber sind Moses Jünger. 29 Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht.

Das ist den Verhörenden endgültig zu viel. Sie schmähen ihn: Du bist sein Jünger. Einer von den Jesus-Leuten. Einer, der in diesem Nazarener den Christus sieht. Sie schmähen ihn – „das heißt im Sinne des Evangelisten, der V. 22 hinzugefügt hatte, sie stoßen ihn aus der Synagoge.“(R. Bultmann, aaO. S. 255) λοιδορέων„schelten, schimpfen, lästern, schmähen, tadeln.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, s. 476) Es ist ein deutlich sich Distanzieren; mit so einem wollen wir nichts mehr zu tun haben. auch wenn es keinen formalen Ausschluss-Beschluss gegeben haben sollte.

Dabei berufen sie sich auf Mose, dessen Jünger sie sind. Denn mit dem hat Gott geredet – eine Erinnerung an die Begegnungen Gottes mit Mose auf dem Horeb und im Bundeszelt. (2. Mose 24; 2. Mose 33) Vom Reden Gottes mit Jesus ist ihnen nichts bekannt. Und damit ist auch nicht klar, woher er kommt, wer hinter ihm steht, wer ihn gesandt hat. Die Aussage Woher aber dieser ist, wissen wir nicht. kann sich ja nicht auf die Herkunft Jesus im biologischen Sinn beziehen – das weiß man ja: „Ist dieser nicht Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen?“ (6,42) Es geht um seine Autorität. Um ihr Eingeständnis: Wir wissen nicht, wer hinter ihm steht.

Es ist ein Schein-Wissen, das die Pharisäer haben. Sie glauben, dass sie Durchblick haben und sind in Wahrheit blind. „Im Besitz ihrer Tradition, aus der sie ihre Sicherheit gewinnen, sind sie blind für die ihnen begegnende Offenbarung.“ (R. Bultmann, aaO. S. 256) Was für eine Tragik: Religiosität, Frömmigkeit kann blind machen für Gottes Gegenwart. Das gilt nicht nur damals für die Pharisäer. Das gilt genauso heute – und die Fachleute in Sachen Religion sind vor solcher Blindheit nicht qua Amt sicher!

 30 Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: Das ist verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher er ist, und er hat meine Augen aufgetan. 31 Wir wissen, dass Gott die Sünder nicht erhört; sondern den, der gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den erhört er. 32 Von Anbeginn der Welt an hat man nicht gehört, dass jemand einem Blindgeborenen die Augen aufgetan habe. 33 Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun.

        So reagiert der Verhörte: Erstaunlich. Ihr seid unwissend, ich aber kann sehen. Ihr wisst nichts, woher er ist – ich aber habe eine Erfahrung: Er hat meine Augen aufgetan. Aus dieser Erfahrung heraus zieht er jetzt seine theologischen Schlüsse. Gott erhört keine Sünder. Aber die, die ihn fürchten. Die, die seinen Willen tun. Er könnte jetzt Psalmen in Hülle und Fülle zitieren. Wenn er sie denn parat hätte.

„Siehe, des HERRN Auge achtet auf alle,                                         die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.       Psalm 33,18

oder:                                                                                                           Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,                                            so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.                         Psalm 103,13

oder:                                                                                                       Wenn die Gerechten schreien,                                                                so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.                                                 Psalm 34, 18

Als eines der letzten Worte in den Büchern der Propheten: „Aber die Gottesfürchtigen trösten sich untereinander: Der HERR merkt und hört es, und es wird vor ihm ein Gedenkbuch geschrieben für die, welche den HERRN fürchten und an seinen Namen gedenken.“ (Maleachi 3,16)

Für den Blindgewesenen ist der Sachverhalt klar. Dass er jetzt sehen kann, ist die Folge eines neuen Handelns aus der Kraft der Schöpfung. So kann nur einer handeln, der von Gott ist. Wenn man so will: Er hat verstanden, dass Jesus „die Werke Gottes wirkt.“(6, 28) „Der Gottgesandte ist gottesfürchtig und tut den Willen des ihn Sendenden.“ (S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975, S. 145)  Und ist durch sein Tun von Gott legitimiert.

 34 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns? Und sie stießen ihn hinaus.

Das Verhör wird abrupt abgebrochen. Mit einem Urteil über die Urteilsfähigkeit des Blindgeborenen. Aus der Frage der Jünger am Anfang des Kapitels – wer hat gesündigt (9,2) – ist bei den Juden ein endgültiges Urteil geworden. Er ist in Sünden geboren. Wie soll so einer von Gott wissen? Mehr als die Juden? Dahinter steht die Überzeugung: Die Sünde macht blind für die Erkenntnis Gottes. Sie verstellt nicht nur den Zugang zu Gott. Sie hindert auch, ihn zu „begreifen“.

Das lässt sich ablesen aus den Worten im Jeremia-Buch: „Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,34) Das ist die große Hoffnung: Wo keine Sünde mehr ist, sie ihre Macht verloren hat, braucht es kein Belehren mehr.

Das Ende vom Lied: Mit so einem wollen sie sich nicht mehr abgeben, haben sie nichts mehr zu schaffen. Er ist erledigt. In Sünden geboren. Ein hoffnungsloser Fall. Die Konsequenz: Ausstoßung. Platzverweis. Sie stießen ihn hinaus. ξβαλον. Das kann günstigenfalls heißen: Er wird aus dem Verhör-Raum weggebracht. Oder extremer: Er wird aus der Synagoge und der Synagogen-Gemeinschaft entfernt. Exkommuniziert.

Wieder wird man sagen dürfen: In diesem knappen Satz spiegelt sich die Erfahrung der Gemeinde des Johannes um das Jahr 90. Sie hören aus der Zeit Jesu erzählt, was sie selbst erleben. Dass es zum harten Bruch kommt, weil sie dem Urteil der Juden über Jesus widersprechen. Weil sie sich auf die eigene Erfahrung mit ihm berufen. Weil sie die Schrift anders lesen als es die Juden tun – auf Jesus hin, in dem sie den sehen, der „die Werke Gottes wirkt.“ 

 

Herr Jesus, danach sehne ich mich, dass die Zeit der Belehrungen einmal vorbei sein wird, der Streit, wie Erfahrungen mit Dir zu verstehen sind, einmal überholt sein wird. Die Frage danach, ob der Glaube nicht nur schöne Einbildung ist, erledigt sein wird.

Weil wir Dich sehen, Deine Herrlichkeit uns umhüllt, Deine Wahrheit sich vor uns entfaltet als Wirklichkeit, in der wir leben. Danach sehne ich mich. Halte Du meine Sehnsucht wach. Amen