Ausweichen oder Standhalten

Johannes 9, 13 – 23

13 Da führten sie ihn, der vorher blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Brei machte und seine Augen öffnete.

Die Szene verändert sich. Es sind nicht mehr die Nachbarn, die sich wundern. Sondern aus der Geschichte wird ein Vorgang. Er wird aktenkundig gemacht. „Der Sehendgewordene gerät in das Kreuzfeuer der blinden Welt, die nun fertig zu werden sucht mit dem, was nicht in ihre Maßstäbe passt.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 115)Man führt den Geheilten zu den Pharisäern. Sie erscheinen wie eine Behörde, die sich jetzt weiter kümmern wird, wie das Geschehen zu beurteilen ist. Wie nachgetragen wirkt die Bemerkung, dass sich alles am Sabbat abspielte. Die Frage ist erlaubt: Findet das, was jetzt erzählt wird, auch an diesem Sabbat statt?

 15 Da fragten ihn auch die Pharisäer, wie er sehend geworden wäre. Er aber sprach zu ihnen: Einen Brei legte er mir auf die Augen, und ich wusch mich und bin nun sehend. 16 Da sprachen einige der Pharisäer: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Und es entstand Zwietracht unter ihnen.

Da bleibt kein Raum mehr für die Freude, dass einem Menschen das Augenlicht geschenkt worden ist. Nicht die Heilung ist mehr Gegenstand der Diskussion, sondern nur noch ihre Umstände, nur noch ihr Zeitpunkt am Sabbat. Das stellt alles in ein neues Licht. Für die Pharisäer liegt ein Verstoß gegen das Gesetz vor. Den Brei zu machen ist Arbeit. Damit liegt für die einen der Fall klar: Der Heiler kann nicht von Gott sein. Wer von Gott ist, hält den Sabbat. Andere halten dagegen: So ein Wunder kann doch keiner tun, der nicht Gott auf seiner Seite hat, nicht auf der Seite Gottes steht. Es kommt zur Spaltung, zur Zwietracht, zum Schisma – so im Griechischen: σχσμα.

An den Zeichen Jesus entsteht – so ist wohl zu lesen – nicht wie von selbst Glauben. Sie können auch Unglauben hervorbringen. Sie weisen auf ihn hin, aber sie erklären ihn nicht automatisch. Es ist auch die Erfahrung der Gemeinde, die sich hier widerspiegelt. Sie erzählt von Wundern Jesu, aber das führt nicht unbedingt zum Glauben.

17 Da sprachen sie wieder zu dem Blinden: Was sagst du von ihm, dass er deine Augen aufgetan hat? Er aber sprach: Er ist ein Prophet.

            Um in der ganzen Frage weiter zu kommen, wird noch einmal der Blindgewesene befragt. Diesmal nicht zu seiner Heilung, sondern darüber, wie er den sieht, der ihm die Augen aufgetan hat. Er sagt, was er sagen kann: Er ist ein Prophet. Einer, der von Gott her Macht hat. So hat ja auch die Samaritanerin Jesus gesehen: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.“ (4,19) „Wir merken, wie in der Vorstellung von einem „Propheten“ gar nicht die Vorschau der Zukunft der beherrschende Zug war, sondern die Bevollmächtigung von Gott.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, S. 296)  Ein erster Schritt auf dem Weg der Erkenntnis Jesu. Aber nicht der Letzte. Gewiss auch nicht die Antwort, die sich die Pharisäer erwartet haben, die sie gerne hören.

18 Nun glaubten die Juden nicht von ihm, dass er blind gewesen und sehend geworden war, bis sie die Eltern dessen riefen, der sehend geworden war, 19 und sie fragten sie und sprachen: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wieso ist er nun sehend?

Am liebsten würde man das Geschehen als Fake News enttarnen. Darum wird das Verhör erweitert. Die Eltern werden einbezogen. Offensichtlich, um die Tatsache der Heilung in Frage zu stellen. Vielleicht war er gar nicht blind? Die Heilung nur ein Schwindel? Wenn aber die Blindheit von Anfang an vorlag – wie erklären die Eltern das Unerklärliche? Werden sie damit haftbar gemacht?

 20 Seine Eltern antworteten ihnen und sprachen: Wir wissen, dass dieser unser Sohn ist und dass er blind geboren ist. 21 Aber wieso er nun sehend ist, wissen wir nicht, und wer ihm seine Augen aufgetan hat, wissen wir auch nicht. Fragt ihn, er ist alt genug; lasst ihn für sich selbst reden.

Die Eltern aber können nicht anders. Sie bestätigen den Tatbestand: Unser Sohn. Er ist blind zu Welt gekommen und nun sehend. Wie es dazu gekommen ist, wissen sie nicht. Wer ihn geheilt hat, wissen sie auch nicht. Sie waren nicht dabei. Auskunft geben kann nur der Sohn selbst. Sie bleiben sind gute zeugen. Sie sagen nur, was sie wissen können. Mehr nicht.  Und so verweisen sie die Verhörenden zurück an den Sohn. Es kann gut sein, dass diese Rückverweisung der Versuch ist, sich aus der ganzen Angelegenheit heraus zu halten. Die Fragerei, das ausgefragt Werden hat die Freude an der Heilung des Sohnes jedenfalls gründlich verdrängt. Da ist nur noch Angst, Rückzug, sich Wegducken.

22 Das sagten seine Eltern, denn sie fürchteten sich vor den Juden. Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekenne, der solle aus der Synagoge ausgestoßen werden. 23 Darum sprachen seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst.

Es folgt der Kommentar des Evangelisten – aus der Zeit heraus, in der das Evangelium geschrieben ist. Für die Leser*innen des Evangeliums. Es ist Furcht, die sie so reden lässt. Furcht vor dem Ausschluss aus der Synagoge. Das Wort ποσυνγωγος begegnet im neuen Testament nur im Johannes-Evangelium – hier und in 12,42 – „Doch auch von den Oberen glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht, um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden.“ – und in 16,2: „Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen.“

 Es ist sicherlich richtig zu vermuten: Johannes datiert Erfahrungen seiner Zeit in die Zeit Jesu zurück. „Um 90 ist durch Rabbi Gamaliel II. in das tägliche Gebet des Juden, das Achtzehnbittengebet, die Verfluchung der „Ketzer“ – gemeint sind die Christen – eingefügt worden. Die Synagoge stieß die Christen aus.“(G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991) S. 159) Das ist also eine Erfahrung, die seine Leser*innen kennen. Die ihnen zu schaffen macht, weil sie so sozial gebrandmarkt werden. Und deshalb verstehen sie auch, wenn die Eltern sich selbst zu schützen versuchen, indem sie auf Abstand gehen und an den Sohn verweisen.

Wieder wird sichtbar, wie Johannes zu seinen Leser*innen spricht, wenn er Jesus-Geschichte erzählt. Er sagt ihnen deutlich: Das ist das Risiko des Christseins. Das nimmt man auf sich, wenn man sich zu Jesus bekennt. Dieser Versuchung, sich selbst durch Leugnen, durch Distanzierung von der Gemeinde zu schützen vor dem Druck, der von der Synagogen-Gemeinde ausgeht, sollen die Christen standhalten lernen. Das Verhalten der Eltern kann kein Vorbild für das eigene Verhalten sein.

Es ist ein hartes Urteil: „Die Eltern werden als entscheidungsvermeidende Versager dargestellt.“(J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 85) Ob das wirklich die Tendenz der Darstellung des Johannes trifft, erscheint mir fraglich. Wenn es so wäre, ist noch zu fragen, ob wir uns so ein Urteil zu eigen machen dürfen. Wir riskieren in unserem Land nichts außer eine spöttischen Lächeln, wenn wir uns zu Christus bekennen. Wenn wir seine Taten bezeugen. Wir geraten nicht wirklich unter gefährlichen Druck

Andererseits ist es schon zu bedenken: Wie oft hat sich das in der Geschichte der Christenheit wiederholt, dass Christen sich selbst in Sicherheit bringen wollen dadurch, dass sie auf Abstand gehen – von anderen Christen, vom Bekenntnis, vom Gottesdienst? Es urteilt sich leicht aus dem sicheren Hafen der Religionsfreiheit und des Schutzes durch das Gesetz.

 

Mein Herr, wir werden zur Rede gestellt über unseren Glauben, unser Vertrauen auf Dich. Nicht jeden Tag, aber doch hin und wieder.

Schweigen wir? Weichen wir aus? Verweisen auf Fachleute, auf Menschen mit mehr Erfahrungen, als wir sie haben?

Oder stehen wir für den Glauben ein, mit dem wenigen, was wir wissen, was uns Halt gibt?

Stärke Du uns den Mut. Amen