Die falsche Frage

Johannes 9, 1 – 12

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

Jesus geht weiter. In Jerusalem. Durch den Tempelbezirk? Unbeeindruckt von all den Debatten und Angriffen. παργων. Er sieht im Vorbeigehen. Er sieht nicht nur seinen Weg, nicht nur auf seinem Weg. Er sieht nicht weg. Er sieht, was um ihn herum ist. Hier einen Menschen, der blind geboren war. Ausgeschlossen aus der Umwelt. Abgeschlossen vom Licht. Eingeschlossen in das Dunkel. Von Anfang an.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

       Seine Jünger sehen den Blinden auch. Und fragen. Stellen eine Erörterung an – ganz Kinder ihrer Zeit. Meister, wer hat gesündigt? Es gibt nicht so viele Möglichkeiten. Entweder er oder die Eltern. Denn das ist ihnen klar: Von selbst kommt so etwas nicht. Darin sind sie Kinder ihrer Zeit, Zeitgenossen der ganzen Antike. Jede Wirkung hat eine Ursache. Jedes Ergehen kommt aus einem vorherigen Tun. So ist die Welt geordnet.

Diese Auffassung ist weit davon entfernt, Gott als Akteur hinter jedem Unheil zu verstehen. Aber der Lebenszusammenhang, der sich hier auswirkt, ist von Gott gesetzt. Es gibt keine neutralen Gesetzmäßigkeiten im Denken der alten Welt – ob bei Juden oder Heiden. In den Gesetzmäßigkeiten der Welt ist Gottes Willen am Werk.

Wir wehren uns gegen so ein Denken. Heftig. Bis in die Sprache des Kommentars. “Die Jünger sind  hier noch der schärferen, wenn auch absurden Auffassung, dass die Kinder für die Sünden der Eltern bestraft werden. In jeder Krankheit erscheint die strafende und vergeltende Gerechtigkeit Gottes, das ist die Konsequenz jeder Gesetzes-Frömmigkeit.” (S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975, S. 141)  Man kann den Zorn des Exegeten in den Worten spüren.

Nur: Ist uns das alles so fremd? Ich sehe im Fernsehen einen Bericht über Säuglinge, die drogensüchtig auf die Welt kommen. Ihr Zucken, ihr Beschädigt-sein wird beschrieben. Ihre gefährdete Existenz vorgeführt. So etwas habe ich selbst in der harten Wirklichkeit Berlins gesehen. Die Stimme im Film lässt keinen Zweifel: Diese Kinder bezahlen für den Drogen-Konsum der Mutter.

Wir mögen das nicht: “Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern.” (2. Mose 20,5) Wir mögen es nicht, darauf gestoßen zu werden, dass unser Verhalten den Weg derer nach uns beeinträchtigt – und dass das Sünde genannt wird. Verfehlung des Weges Gottes. Aber was ist es sonst?

Ich beobachte auch, dass der Verzicht auf das Wort Sünde  keineswegs zu einem Verzicht auf die Suche nach den Schuldigen führt. Da sind wir stark in unserer Zeit: Wer hat seine Pflicht versäumt? Wer hat sich falsch verhalten? Wer hat sich schuldig gemacht? Die Rede von der Sünde ist ersetzt worden durch die Schuldsprüche für Fehlverhalten. Statt auf der Anklagebank Gottes landen wir auf der Anklagebank der Menschen. Und dort ist es mit der Gnade, die vor Recht geht, meistens nicht so weit her.

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Jesus reagiert – wie so oft anders. Weder – noch. „Er lehnt die Spekulation +über eine Verursachung seines Leides durch irgendwelche Sünden ab.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 83) Es geht hier nicht um Schuld, um Sünde, von wem auch immer. Hinter den Worten kann man einen „Ausdruck des Unmutes über solch zuschauerisches Vergeltungsdenken“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 156) wahrnehmen. Keine Debatte über diesen Menschen, keine Theorie-Bildung an diesem Fall.

Angesagt ist das Wirken der Werke Gottes. Es sind die gleichen Worte, die Jesus schon einmal verwendet, in den Gesprächen nach dem Brotwunder. Ἐργάζεσθαι,  τὰ ἔργα τοῦ θεοῦ. Wir erinnern uns: Das Werk Gottes ist, dass wir an Jesus glauben.(6,29) Darum wird es auch hier gehen.

Dabei ist dieser Blinde keinesfalls Demonstrations-Objekt  für die Möglichkeiten Gottes. Das würde ihn seiner Würde berauben. Vielmehr: An ihm muss und wird sich zeigen, offenbar werden, wie es mit dem Willen Gottes steht, der Leben will. Er ist nicht da, damit etwas an ihm vorgeführt werden kann. Sondern weil er da ist, muss sich an ihm zeigen, ob es wahr ist, dass Gott Leben in Fülle will. An ihm muss sich das Wirken Gottes als heilsam bewahrheiten. „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (14,19)  wird Jesus sagen.

Darum wird es gehen. Jetzt. Am Tag. „Dass man nur am Tag arbeiten kann, solange es hell ist, nicht im Dunkel der Nacht, ist jedermann einsichtig.“(U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1998, S. 157)Zumindest damals, in Zeiten, in denen es keine Werkshallen gab mit Nachtschicht, keine Straßenbeleuchtung, die allerorts die Nacht zum Tag werden lässt.  Wir wissen: Es ist immer Zeit für das Tun des Alltags – aufstehen, essen, trinken, arbeiten, schlafen, lachen, weinen.

Aber es ist nicht immer Zeit für das Tun der Werke Gottes. Für die Werke dessen, der Jesus gesandt hat. Da will die Zeit ergriffen sein. Heute. Am Tag. Auch Jesus verfügt nicht über diese Zeit. Er muss auf seine Stunde warten, sie erfassen, ergreifen, wenn sie da ist. Wenn er sie erfasst, dann ist Tag, der Anbruch des hellen Morgens der Schöpfung. Und in seinem Tun leuchtet dann das Licht der Welt auf. Wird er, Jesus, erkennbar.

Auf denn die Nacht wird kommen, auf mit dem jüngsten Tag!
Wirket am frühen Morgen, eh’s zu spät sein mag!
Wirket im Licht der Sonnen, fanget beizeiten an!
Auf, denn die Nacht wird kommen, da man nicht mehr kann.
                                               Annie Louisa Coghill (1836 – 1907))

Das Bild von der Nacht, in der keiner wirken kann und vom Tag, den es zu ergreifen gilt, hat sein Echo gefunden in Weisungen der Briefe an die Christen. „Kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.“ (Epheser 5,16) Ein wenig verändert: „Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus.“(Kolosser 4,5) Immer geht es um das Ergreifen der Zeit Gottes. „Es gilt, die uns gegebene Zeit auszunützen, die Chance des Augenblicks wahrzunehmen. Das Mögliche soll nicht bloß bedacht oder kalkuliert, es will ergriffen und praktiziert sein.“(G. Voigt, aaO.; S. 157) Heute.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. 7 Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Es ist die Heilkunst seiner Zeit, die Jesus hier praktiziert. Kein Befehlswort. Kein Allmachtswort. Statt dessen Speichel und Erde. Ein bisschen unappetitlich. Dem Speichel wird damals Heilkraft zugeschrieben. Bis heute glauben Mütter daran, wenn sie oft genug mit einem bespuckten Finger Wunden ihrer Kinder behandeln.

„Der Blinde selbst spielt eine ganz passive Rolle.“ (U. Wilkens, ebda.) Er wird unbefragt behandelt Mit Brei beschmiert schickt Jesus ihn zum See. Der Gesandte sendet. Der, der weiß, dass die Mitte seiner Existenz dies ist, dass er vom Vater gesandt ist, der sendet jetzt den Blinden zum Teich Siloah. Diesen Teich-Namen deutet der Evangelist – laut-malerisch inspiriert: „gesandt“. Jesus verlangt dem Blindgeborenen Gehorsam ab. Und der gehorcht und geht, tastet sich durch zu dem Teich, wäscht sich und sieht. Kommt sehend zurück.

Wieder einmal folgt Johannes seiner Tendenz, Wunder herunter zu spielen. Das zeigt sich am Verzicht auf ein Heilungswort. Auch im Verzicht auf eine Wertung: Dein Glaube hat dir geholfen. Der Blindgeborene kann sehen. Erstmals in seinem Leben. Das reicht doch als Wunder voll und ganz. „Es gibt eine Heilquelle, die die natürliche Blindheit herunterwäscht als wäre sie nichts anderes als eine dicke Kruste Erdenstaub über den Augen.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 114)

 8 Die Nachbarn nun und die, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sprachen: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9 Einige sprachen: Er ist’s; andere: Nein, aber er ist ihm ähnlich. Er selbst aber sprach: Ich bin’s.

Es bleibt nicht verborgen, dass er wieder da ist. Ist er dorthin zurückgekehrt, wo er immer war, wo die Nachbarn ihn sehen. Verwandelt, verändert. So sehr, dass manche es nicht glauben können: Ist er das wirklich? Der Mann, der dasaß und bettelte? Er löst Gespräche auf, Skepsis, Irritationen. Und klärt dann auf: Ich bin es. Wirklich ich. Der blind war.

Was wir gerne wüssten, wird wieder einmal nicht erzählt. Nichts von dem, was es für ihn bedeutet hat, auf einmal sehen zu können. Die Frage aller Reporter: Wie fühlen Sie sich jetzt? wird nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet.  Ob er jetzt ein Anderer geworden ist oder in seiner Psyche immer noch der Bettler geblieben ist, angewiesen auf andere, wird sich zeigen müssen. Erzählt wird hier noch nichts von einer tief gehenden Wandlung und Veränderung seines Lebens.

10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen aufgetan worden? 11 Er antwortete: Der Mensch, der Jesus heißt, machte einen Brei und strich ihn auf meine Augen und sprach: Geh zum Teich Siloah und wasche dich! Ich ging hin und wusch mich und wurde sehend.

            Weil die Nachbarn nachfragen, bietet sich die Gelegenheit, den Vorgang noch einmal zu erzählen. Nüchtern. Handfest. Ganz ohne Jubelschreie. Ohne das übliche: “Alle entsetzten sich und priesen  Gott und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.” (Markus 2,12) Der Chor-Schluss fällt aus. Übrig bleibt einer, der sieht. Und befragt wird.

12 Da fragten sie ihn: Wo ist er? Er antwortete: Ich weiß es nicht.

Erstaunlich genug: Er weiß immerhin, wer ihn geheilt hat. Das unterscheidet ihn von dem Mann am Teich Bethesda. Der wusste nicht einmal den Namen seines Heilers. Dieser Blind-Geborene, Blind-Gewesene, weiß: Der Mensch, der Jesus heißt, . Die Frage muss offen bleiben: Woher das weiß er, wer ihn behandelt hat. Jesus hat sich doch nicht vorgestellt: Gestatten, Jesus. Er hat ihn nur „behandelt und zum Teich geschickt. Aber wo er zu finden ist, das weiß er nicht. Noch nicht.

 

Jesus, Du siehst Menschen, nimmst sie wahr, handelst, hilfst, heilst. Du öffnest einem die Augen, der noch nie das Licht der Welt gesehen hat. im Dunkel gelebt hat von Anfang an. Da ist keine Hoffnung, die ihn bitten lässt. Aber Du öffnest ihm die Augen. Es ist gut, dass Du helfen kannst, heilen, auch wenn da noch gar kein Glauben ist. Amen