Stimmengewirr

Johannes 7, 40 – 52

40 Einige nun aus dem Volk, die diese Worte hörten, sprachen: Dieser ist wahrhaftig der Prophet. 41 Andere sprachen: Er ist der Christus. Wieder andere sprachen: Soll der Christus aus Galiläa kommen? 42 Sagt nicht die Schrift: Aus dem Geschlecht Davids und aus dem Ort Bethlehem, wo David war, soll der Christus kommen? 43 So entstand seinetwegen Zwietracht im Volk.

Wieder geht das Gerede unter dem Volk los. Die Diskussion, wie das denn nun mit diesem Jesus ist. Was dahinter steckt. Ob es nur schöne Worte sind. Oder doch Wahrheit, von Gott her beglaubigt. Und wieder sagen die einen so und die anderen anders. So wissen es auch die anderen Evangelien. Es gehen viele Meinungen über Jesus um.

Auch diese Vielfalt spiegelt noch wieder: „Der Eindruck seiner Worte ist groß.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, s. 248)Wahrhaftig der Prophet. Sagen die einen und halten ihn für den wiedergekehrten Mose. Das konnte man in Israel denken: „Mose redidivus“. Hatte es doch Mose selbst angekündigt:  “Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.” (5. Mose 18,15) Ein wichtiger Satz, auch für die christliche Gemeinde.

Andere gehen noch einen Schritt weiter. Er ist der Christus, der Messias. Und ernten Widerspruch. Der Christus aus Galiläa? Das geht doch gar nicht. Er muss doch aus dem Geschlecht Davids und aus dem Ort Bethlehem kommen. Das alles passt doch nicht zu diesem Galiläer Jesus. Und wissen wieder Bescheid. Zumindest, was die Genealogie angeht.

Johannes widerspricht nicht. Korrigiert auch ihr Wissen nicht durch Hinweise auf das Davidshaus. Auch nicht durch den Rückgriff auf Matthäus und Lukas oder Paulus, der Jesus ausdrücklich bezeichnet als  „den Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch”(Römer 1,3). Man kann fragen: Weiß er es nicht? Oder interessiert es ihn nicht, weil er sowieso ganz anders denkt: Für Jesus gilt ja in seiner Sicht: “Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” (1,14) Da braucht es keinen Stammbaum, keine Genealogie, keinen Geburtsort Bethlehem. Überspitzt: Bei Johannes könnte die Weihnachtsgeschichte des Lukas ausfallen.

Das Ende vom Lied: Zwietracht. Uneinigkeit. Streit. „Es bleibt bei einer allgemeinen Erregung, bei einem Hin und Her der Meinungen.“ (W. de Boor, aaO. s. 249)Fehlt nur noch, dass einer sagt: Gut, dass wir darüber geredet haben.

44 Es wollten aber einige ihn ergreifen; aber niemand legte Hand an ihn. 45 Die Knechte kamen zu den Hohenpriestern und Pharisäern; und die fragten sie: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? 46 Die Knechte antworteten: Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser.

Manche geben sich nicht mit dem folgenlosen Gemurmel zufrieden. Sie wollen zupacken, ihn ergreifen. Sind das einmal mehr die Knechte (7,32), die ja dazu geschickt worden waren und die immer noch vor Ort sind? Jetzt werden sie wieder sichtbar, wenn auch mit leeren Händen. Sie kehren zu ihren Auftraggebern zurück, aber sie haben Jesus nicht festgenommen. Und sehen sich sofort Fragen ausgesetzt: Was ist so schwierig an dieser Verhaftung? Warum bringt ihr den nicht hierher? Muss man als Unterton hören: Seid ihr unfähig, eine simple Festnahme durchzuführen? Wo bleibt die Professionalität?

Ihre Antwort ist umwerfend: Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser. So schön. So vollmächtig. So überwältigend. Einzigartig. Es gibt bis heute Menschen, die für die ästhetische Schönheit der Bergpredigt schwärmen, auch wenn sie nicht im Traum daran denken, ihr Folge zu leisten oder gar: An den Bergprediger zu glauben. Es gibt bis heute Menschen, die den Menschen Jesus für einzigartig halten. Aber das ist es dann auch schon. Und irgendwie sind wir doch alle einzig, einzigartig, eigentümlich. ιδιότης (=Idiotes) heißt das auf Griechisch. Schön.

47 Da antworteten ihnen die Pharisäer: Habt ihr euch auch verführen lassen? 48 Glaubt denn einer von den Oberen oder Pharisäern an ihn? 49 Nur das Volk tut’s, das nichts vom Gesetz weiß; verflucht ist es.

            Man hört förmlich die Verstimmung in der Reaktion der Pharisäer. Seid ihr ihm auf dem Leim gegangen? So wie der gemeine Pöbel? Von uns, den Oberen, den theologisch gebildeten, versierten und interessierten Pharisäern glaubt keiner. Das müsste euch doch eigentlich als Warnung genügen. Wie kommt ihr nur dazu, euch eine eigene Meinung einzubilden in dieser Angelegenheit? Es ist der simple Versuch, mit der eigenen Autorität das selbstständige Denken und Fühlen der Knechte abzuwürgen.

Wie viel Unsicherheit wird aber auch darin spürbar. Denn die Knechte haben sich ja gar nicht wirklich positioniert. Einen Eindruck haben sie wieder gegeben. Aber bei Leibe keine Stellungnahme abgegeben.

Und wie viel Arroganz. Nur „der unwissende Pöbel, der am-ha-arez der rabbinischen Literatur“ (S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975, S. 122)glaubt an ihn. Nur die Gesetzes-Unkundigen und damit Gesetz-losen Leute aus Galiläa und anderswo. Das klingt so, wie heute, wenn die Gebildeten Leute vom Prekariat reden, von der Bildungsferne, von Hartz IV mit ihren super-großen Flachbildschirmen und den Auftritten im Trash-TV.  Pöbel eben.

Verflucht ist es. Dieses Pack. Hier steht im Griechischen nicht νθεμα „anathema“(Galater 1,8), sondern πρατο. Es ist kein religiöser Fluch. Sondern es ist die sachliche, aber zugleich hoch-emotionale Feststellung: Da ist kein Wissen um Gott und um das Leben. „Nur diese verfluchten Leute, die sowieso nichts taugen, laufen ihm hinterher. Alles Leute, die keinen blassen Schimmer von den alten Büchern haben.“(Volxbibel, S. 1078). Keine Perspektive. Nur der Augenblick zählt. Nur die Sensation. Sie sind nicht  urteilsfähig. Schon gar nicht in Sachen des rechten Glaubens.

50 Spricht zu ihnen Nikodemus, der vormals zu ihm gekommen war und der einer von ihnen war: 51 Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut? 52 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Bist du auch ein Galiläer? Forsche und sieh: Aus Galiläa steht kein Prophet auf.

In dieses Stimmen- und Meinungs-Gewirr meldet sich Nikodemus zu Wort. Und wir Leser werden erinnert: Er war früher schon bei Jesus, Bei Nacht. Jetzt kommt er aus der Deckung. Er „führt elementare prozessrechtliche Gründe der Tora gegen das Vorgehen seiner Kollegen ins Feld.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1998, S. 137) Er fordert Rechtlichkeit ein. Ein ordentliches Verfahren. Die Einhaltung des Rechtswegs. Will er die Emotionen herunterholen? Für Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgen?

Das gelingt ihm nicht. Vielmehr zieht er sich durch seinen Einwurf, der ja noch keine inhaltliche Stellungnahme ist, den Zorn der anderen zu. Bist du auch ein Galiläer? Das ist keine Frage nach der Herkunft, sondern eine Herabwürdigung: Auch so ein ungebildeter Hinterwäldler? Einer von denen ohne Urteilsvermögen? Es ist aber auch die Unterstellung einer Position als Sympathisant. „Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer.“ (Lukas 22,59) Es ist gefährlich, ein Galiläer genannt zu werden, an die Seite dieses Galiläers gerückt zu werden.

Ein Zeugnis für Unwissenheit ist es außerdem. Darum: Nachhilfestunden werden dem Nikodemus anempfohlen. Lies die Bibel – du wirst sehen: Aus Galiläa steht kein Prophet auf.  Es ist nicht umsonst das Galiläa der Heiden. (Jeremia 8,23) „Damit ist der Anspruch Jesu für sie erledigt.“(J. Schneider, aaO. S. 172) Weiteres Nachdenken und Nachforschen erübrigt sich.

 

Herr Jesus, im Gewirr der vielen Stimmen, der Meinungen, der Urteile – lass mich den Mut gewinnen und behalten zu sagen, wer Du mir bist: mein Herr und Heiland, der mich hält, an den ich mich halte, der mich kennt und den ich bekennen möchte. Amen