Wasser des Lebens

Johannes 7, 25 – 39

25 Da sprachen einige aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie zu töten suchen? 26 Und siehe, er redet frei und offen und sie sagen ihm nichts. Sollten unsere Oberen nun wahrhaftig erkannt haben, dass er der Christus ist?

Das große Rätselraten im Volk über Jesus geht weiter. Diesmal verblüffend. Das Volk weiß anscheinend doch irgendwie von Plänen, doch wohl von den führenden Menschen in Jerusalem, die bis dahin nicht erwähnt worden sind: Ist das nicht der, den sie zu töten suchen? Irgendwie ist es ihnen doch zu Ohren gekommen, wie heftig der Streit um Jesus auch bei den Entscheidungsträgern tobt. Wenn das aber so ist – wieso kann er hier stehen, ungefährdet, unbedrängt? Ohne dass er zur Rede gestellt wird. Siehe, er redet frei und offen und sie sagen ihm nichts. Das klingt fast, als würde einige aus Jerusalem eine öffentliche Disputation der Oberen mit Jesus erwarten.

Kaum vorstellbar erscheint es diesen Stimmen, dass hinter dem Schweigen der führenden Leute, des hohen Rates eine Einsicht steht, dass die Oberen wahrhaftig erkannt haben, dass er der Christus ist. Wenn sie es aber erkannt hätten, würden sie ihn ja wohl auch anerkennen müssen?

27 Doch wir wissen, woher dieser ist; wenn aber der Christus kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist.

Aber dann, immer noch sind die Sprechenden wohl einige aus Jerusalem, wie um alles Spekulieren zu entkräften: Er kann das ja gar nicht sein. Wir wissen ja, woher er kommt – aus Nazareth. Von dem gilt ja immer noch, geradezu sprichwörtlich: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ (1,46) Der Christus aber würde kommen, ohne dass man weiß, woher. Das ist feststehende Überzeugung im Volk. Gelehrt wohl auch in den Synagogen. „Auch hier geht es Johannes um seine zentrale Aussage: die Welt meint, ihr Wissen über den Gottessohn zu haben, aber sie weiß im Grunde nichts.“(S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975. S. 118) So wiegen sie sich, Bescheid wissend, in falscher Sicherheit.

 28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. 29 Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.

Genau das greift Jesus, „der in ihr Gerede hinein mit dem lauten Rufton der Offenbarungsrede das Wort ergreift,“(U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1998 S. 131) an: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Es ist ja wahr, sie kennen seine Herkunft aus Nazareth. Sie können sich erkundigen über die ersten Jahrzehnte seines Lebens. Auskünfte einholen. Aber damit wissen sie: Nichts. Man könnte den Satz auch als ironische Frage Jesu lesen, der griechische Wortlaut ermöglicht das: Mich kennt ihr? Wisst, woher ich bin? Ihr habt also den Durchblick? Und wieder ist die Antwort: Ihr wisst: Nichts. Hinter Jesus steht der, der ihn gesandt hat, nicht nur ein Wahrhaftiger, sondern der Wahrhaftige. Aber ihn kennen sie nicht.

Damit wiederholt Jesus, was er schon zuvor gesagt hat, was doch jeden Juden bis aufs Blut reizen muss: Ihr glaubt zu wissen, dass Gott euch erwählt hat, dass ihr das Volk Gottes seid. Aber ihr wisst nichts und ihr kennt Gott, den Wahrhaftigen, ληθινς, nicht. Erneuert seinen so grundlegenden Angriff: „Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen; denn ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat.“ (5,37-38) Mehr Provokation geht nicht. Das muss Jesus doch wissen. Das wissen auch die Leser des Johannes-Evangeliums in ihrer Zeit.

In dem ganzen Abschnitt wird mit den Worten „kennen“ und „wissen“ gespielt.  Die Bescheid zu wissen glauben, ihn zu kennen glauben, weil sie seine Herkunft wissen, die wissen und kennen in Wahrheit nichts.  Er aber weiß, wer der Wahrhaftige ist. γ οδα ατν Ich kenne ihn. Warum? Er hat mich gesandt. Jesus macht seine Gottesgewissheit hier nicht argumentierend an seiner Herkunft von oben fest, nicht an der Präexistenz  – das alles bleibt gültig, aber hier im Hintergrund -, sondern an seinem  Gesandt-Sein. An seiner Aufgabe. „Nur als der Gesandte tritt er mit seinem Anspruch vor die Hörer, und nur wer ihn als den Gesandten anerkennt, erkennt, wer er ist und woher er kommt.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957,  S. 225)

Es gibt also kein Erkennen Jesu ohne sein Anerkennen. Das ist die Crux unzähliger Filme und Dokumentationen, die alle unter der Überschrift laufen: Wer Jesus wirklich war.  Sie wissen in Wirklichkeit: Nichts. Weil sie in der Distanz der Objektivität bleiben. Um ihn wirklich zu erkennen, muss man sich aber an ihn hingeben, an ihn binden.

 30 Da suchten sie ihn zu ergreifen; aber niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

         Die Reaktion lässt nicht auf sich warten. Sie suchten ihn zu ergreifen. Dass es nicht zum Zugriff kommt, im Tempel von Jerusalem, liegt, so lese ich zwischen den Zeilen, an der göttlichen Regie. Es ist noch nicht so weit. Die Zeit ist noch nicht reif. „Sein Schicksal ist nicht durch menschliches Wollen, sondern durch göttliches Walten bestimmt.“ (R. Bultmann, aaO. S. 228) Darum greifen die Hände irgendwelcher Häscher, wenn sie denn überhaupt zugreifen wollen, ins Leere.

 31 Aber viele aus dem Volk glaubten an ihn und sprachen: Wenn der Christus kommen wird, wird er etwa mehr Zeichen tun, als dieser getan hat?

          „Die Worte  Jesu verstärken die Meinungsdifferenz unter den Zuhörern.“(U. Wilkens, ebda.) Und doch gibt es auch die anderen Stimmen, Die aus dem Volk, die an ihn glauben. Überzeugt? Auf jeden Fall fasziniert: Mehr Zeichen – und gemeint ist hier ja wohl die Qualität der Zeichen und nicht die Quantität, mit der Johannes ohnehin sparsam umgeht im Vergleich zu den anderen Evangelisten – mehr Zeichen gehen doch auch bei dem Christus nicht. Mein Verdacht: das ist nicht der Glauben, den das Johannes-Evangelium wecken will. Allenfalls ein Anfangs-Schritt.

32 Und es kam den Pharisäern zu Ohren, dass im Volk solches Gemurmel über ihn war. Da sandten die Hohenpriester und Pharisäer Knechte aus, die ihn ergreifen sollten.

Was da im Volk so umgeht an Meinungen, Fragen, bleibt nicht verborgen. Es kommt den Pharisäern zu Ohren. Diese Formulierung wirkt fast so, als seien die Pharisäer hier wie eine Institution verstanden. Das trifft ein bisschen die Wirklichkeit nach dem Jahr 70. Da sind sie die organisierte Gruppierung des Judentums. Aber zur Zeit Jesu sind sie nur eine unter vielen Gruppen. Zusammen, in Abstimmung  mit den Hohenpriestern senden die Pharisäer Truppen, um Jesus zu ergreifen. Dem Spuk ein Ende zu machen.

33 Da sprach Jesus zu ihnen: Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch, und dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. 34 Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen.

Zu ihnen – das könnten die Knechte sein. Logischer aber sind die Hohenpriester und Pharisäer die eigentlichen Adressaten der Worte Jesu. Ihnen kündigt Jesus ihr vergebliches Suchen an, ihren vergeblichen Zugriff. Ihnen kündigt er sein Gehen an zu dem, der ihn gesandt hat. „Zum ersten Mal spricht er öffentlich von seiner bevorstehenden Rückkehr zum Vater.“ (U. Wilkens, aaO. s. 132) Bis dahin ist es nicht mehr lange. Eine kleine Zeit – eine Wendung, die noch oft im Johannesevangelium auftauchen wird. Auch im Gespräch mit den Jüngern.

Das sind keine leicht dahin gesprochenen Sätze. Jesus sieht die Knechte, die ihn ergreifen sollen. Er weiß, was im Hintergrund und in Hinterzimmern verhandelt wird. “Jesus weiß, wie gefährdet er ist.” (G. Voigt, aaO. S. 129) In den anderen Evangelien zeigen die Leidensansagen Jesu dieses Wissen Jesu.

35 Da sprachen die Juden untereinander: Wo will dieser hingehen, dass wir ihn nicht finden könnten? Will er zu denen gehen, die in der Zerstreuung unter den Griechen wohnen, und die Griechen lehren? 36 Was ist das für ein Wort, dass er sagt: Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, da könnt ihr nicht hinkommen?

Einmal mehr werden Jesu Worte gründlich missverstanden. Von den Juden. Es bleibt unklar – sind damit die normalen Leute gemeint, die Knechte, die ihn ergreifen sollen oder die Pharisäer und Hohenpriester. Sie fragen: Kündigt er seine Auswanderung an? Will er in der Diaspora Gefolgschaft suchen? Will er womöglich den Heiden seine Botschaft sagen? Unter der Hand wird der Weg des Evangeliums hier angedeutet – in die Diaspora und hin zu den Heiden.

Es ist vielleicht spöttisch gemeint, was die Juden da untereinander sagen: Seht, er bereitet seine Flucht vor. Aber was sie für Flucht-Möglichkeit halten, weiß Johannes, ist in der Tat der Weg des Evangeliums geworden. Es ist keine jüdische Winkelangelegenheit geblieben, es ist hinausgegangen in die jüdische Diaspora und zu den Völkern. Bis an die Enden der Erde. Wer hätte das damals in Jerusalem im Tempel gedacht?

37 Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Ein deutlicher Sprung in der Erzählung. Es ist nicht deutlich, wie der Zeitablauf ist. Sollte etwa der Zugriff der Knechte am letzten Tag des Festes, auf seinem Höhepunkt erfolgen?  Das passt nicht zu der Strategie, die andere Evangelisten von den Hohenpriestern kennen: „Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.“ (Markus 14,2)

            Was geschieht da am Laubhüttenfest? „Unter lauten Freudenbekundungen wird die Zeremonie gefeiert, Wasser aus der Gihon-Quelle zum Tempel zu tragen und als Gussopfer auf den Altar zu gießen, und man betet um Gottes Segen, damit der Segen zur rechten Zeit komme.“ (O. Dyma, Wasser Fackeln und Trompeten, Der Wallfahrtsbetrieb in Jerusalem, in : Welt und Umwelt der Bibel, 3/2014) –  „Das Wort Jesu knüpft wohl an die Wasserspende an, die am letzten Tag des Festes besonders feierlich war.“ (J. Schneider, aaO. S. 169) Das also ist der Festinhalt des letzten Tages: Eine Wasserspende.

            An diesem Höhepunkt des Festes tritt Jesus auf. Mit seiner Botschaft: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. „Ein Ruf in die Welt hinein, ein Ruf, nicht vom Menschengeist eigegeben, ein Ruf aus der Sphäre, die uns unzugänglich ist, wenn nicht einer kommt, der uns herzuholt.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 101)Das Angebot des Heils. Es sind Worte, die neben dem Heilandsruf stehen könnten: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11, 28-30) 

Jesus – Wasser des Lebens. Und wer an ihn glaubt, ist angeschlossen an diese nie versiegende Quelle. Und wird anderen selbst zur Quelle! Im gedanklichen Hintergrund vermute ich die Bilder von dem Strom des lebendigen Wassers, der aus der Tempelquelle fließt. „Und er führte mich wieder zu der Tür des Tempels. Und siehe, da floss ein Wasser heraus unter der Schwelle des Tempels.Und an dem Strom werden an seinem Ufer auf beiden Seiten allerlei fruchtbare Bäume wachsen; und ihre Blätter werden nicht verwelken und mit ihren Früchten hat es kein Ende. Sie werden alle Monate neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Arznei. (Hesekiel 47, 1 +12) Leben, ansteckendes Leben.

Und natürlich spielen Jesu Worte am Jakobsbrunnen mit hinein: „Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (4,14) 

„Jesu Einladung lässt völlige Freiheit und bedrängt niemand. „Wenn jemand dürstet“, sagt Jesus. Diese Einladung ist von schrankenloser Weite. Jeder kann dieser „Jemand“ sein. Keine besonderen Voraussetzungen, keine Werte und Leistungen irgendwelcher Art werden von ihm verlangt. Jeder darf kommen, wie er ist.“ (W. De Boor, aaO, S. 246) So weit macht Jesu die Tür auf. Und doch wird nur kommen, wer hört. Und wird nur der erfahren, der hört und kommt, dass diese Einladung Leben birgt, Heil.

Im Tempel das Angebot des Heils – Jesus selbst. Es ist kein Zweifel: Er in Person ist das Heil. Nicht nur eine Lehre, die er lehrt. Nicht nur eine Tat, die er tut. Er in Person. Und wer durch den Glauben zu ihm gehört, sich an ihn bindet, der gewinnt das Heil.

Man wird wohl auch sagen müssen: Mit diesem Wort Jesu ist das Ende des Laubhüttenfestes für die Gemeinde Jesu besiegelt. Wenn er das Wasser des Lebens ist und gibt, wenn der, der an ihn glaubt, zur Quelle wird, dann ist damit dem Kult dieses Festes ein Ende gesetzt. Es ist überholt. Durch die Ausgießung des Geistes. Auch wenn die im Johannes-Evangelium erst viel später erzählt wird – und exklusiv auf den Kreis der Jünger beschränkt erscheint. „Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ (20,22-23)

39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

            Das ist eine der Stellen, wo der Evangelist zu seinem eigenen Kommentator wird. Er erläutert aus der Jetzt-Zeit heraus, was er erzählt. Und deutet. Wasser und Geist gehören zusammen. „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“ (Jesaja 44,3) Weil der Geist noch nicht da ist, Jesus noch nicht verherrlicht ist, kann Jesus noch nicht Klartext reden. Bezieht er sich zurück auf die alttestamentlichen Verheißungen. Die Gemeinde aber, die das liest, die kann wissen: Im Wort vom Wasser verspricht Jesus den Geist. Der uns heute leitet. Erfüllt.

 

Gott, wir sehnen uns nach Leben, das nicht in Gewohnheiten erstarrt, nicht in Bitterkeit erstickt, nicht in Fraglosigkeit verstummt, nicht in Anpassung vertrocknet. Wir sehnen uns nach Leben, das einer frischen Quelle gleicht, an der wir mit anderen den Durst stillen können,

Gott, wir sehnen uns nach Menschen, die mit uns fragen, mit uns klagen, mit uns leiden, mit uns kämpfen, mit uns warten, mit uns lachen, mit uns tanzen.

Gott, wir brauchen Deinen Geist, damit wir die Sehnsucht bewahren und Hoffnung uns leiten kann, damit wir der Erde treu bleiben und uns dem Himmel öffnen.

Gott, stille Du den Durst nach Leben, nach Hoffnung, nach Menschen, nach Dir. Gib Du uns die Fülle, die Jesus versprochen hat. Amen

Herr Jesus

schenke es mir

dass ich nicht nur Bescheid weiß über Dich

nicht glaube

schon zu wissen

wer Du bist

 

Gib mir offene Augen

Dich zu sehen

auf den Wegen meines Lebens

in denen

die auf mich warten

meine Hilfe nötig haben

ein gutes Wort von mir brauchen

meine Zeit beanspruchen

 

Begegne mir immer neu

damit ich Dir immer neu nahe komme

nachkomme. Amen