Mehr als eine Erkenntnis-Theorie

Johannes 7, 14 – 24

14 Aber mitten im Fest ging Jesus hinauf in den Tempel und lehrte.

Jetzt, mitten im Fest, ist es mit den Heimlichkeiten vorbei. Jesus lehrtim Tempel.  Da, wo die Gottesgegenwart gefeiert wird, wo sich Menschen Orientierung für ihr Leben versprechen, da lehrt er. Das Wort „lehren“ – διδσκωist Fachausdruck für die verantwortliche Auslegung des Gesetzes, der Schrift. Lehren wird von „Verkündigen“ unterschieden.“(W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, S. 233) Die durchaus berechtigte Neugier der heutigen Leser*innen über die Inhalte des Lehrens Jesu wird nicht befriedigt. Aber die großen Reden aus Kapitel 3, 4, 6 können durchaus als Hinweise auf die Inhalte gelten.

 15 Und die Juden verwunderten sich und sprachen: Wie kann dieser die Schrift verstehen, wenn er es doch nicht gelernt hat?

An seinem Lehren, doch wohl nach Form und Inhalt, entsteht Irritation bei den Juden. Er steht in keiner Lehrtradition – wie kann er da lehren? Er kann keinerlei Ausbildung vorweisen. Woher soll da Durchblick kommen, Gotteserfahrung, Glaubenstiefe? Fragen, wie sie bis heute gestellt werden, wenn einer sich zu theologischen Sach-Verhalten äußert, ohne Studium, ohne den Ausweis: Der und die sind meine theologischen Lehrer. Da habe ich meine Examina abgelegt. Hinter mir steht die Autorität von XY oder doch wenigsten ein Auftrag der Kirche. Mit solchem Fragen findet sich manch einer verblüfft und verblüffend in der Nähe der fragenden Juden wieder.

Der Einwand hat sein Recht. Theologie ist kein Luxus. Die Schrift als Niederschlag und Zeugnis der Offenbarung Gottes soll sachkundig ausgelegt werden….. Wo man weiß, dass Gott sich in einem ganz bestimmten Geschehen zu erkennen gegeben hat, da muss man das Wer/Wo/Wann/Wie/Was zu erfassen und zu verstehen suchen, und dazu bedarf es solider methodischer und sachlicher Kenntnisse.” (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991 S. 122f.)Wer wollte das ernsthaft bestreiten? Und doch: Jesus ist nicht der Schüler von Rabbi Akiba oder Rabbi Hillel oder sonst einem Rabbi. Er hat die Schrift anders gelernt.

16 Jesus antwortete ihnen und sprach: Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er inne werden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede. 18 Wer von sich selbst aus redet, der sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.

Während die Autorität eines rabbinischen Lehrers daran bemessen wird, dass er „im Namen“ von Lehrern spricht, deren Lehrautorität bereits allgemein anerkannt ist, beruft sich Jesus nicht auf menschliche Lehrer, sondern direkt auf Gott, der ihn als seinen Sohn gesandt hat.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1998, S. 126) Das ist der – vollmundige – Anspruch Jesu: Ich lehre die Lehre des Vaters. Dessen, der mich gesandt hat. Nicht meine eigenen Gedanken. Auch nicht die eines anderen menschlichen Lehrers. Sondern meine Lehre entspringt dem Willen des Vaters.

Es ist sein Schlüsselsatz über der Frage, ob er denn die Wahrheit sagt. Meinetwegen ist es auch ein erkenntnis-theoretischer Schlüsselsatz: Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede.

        Im Gehorsam gegen den Willen des Vaters machen wir im Handeln die Erfahrung, dass das Wort Jesu Lehre ist. Eine, die Gott entspricht, die aus Gott ist. Wahrhaftig, tragfähig – so das griechische ληθς, das hier vom alttestamentlichen Verständnis  der Wahrheit, ҅æmunah,  als verlässlichen Lebensgrund bestimmt wird. „Aus kritischer Distanz gesehen, zuschauerisch, entscheidungslos betrachtet, bleibt Jesu Botschaft stumm und bleibt Jesu Anspruch unbegreiflich.“(G. Voigt, aaO. S. 123) Im Tun seines Wortes findet man also heraus, ob es trägt. Anders nicht. Und nur im Leben aus Glauben erfahre ich, ob der Glauben trägt.

Also: Vergeben – und erfahren, dass Vergeben die Lebenswelt verändert. Schuld bekennen – und erfahren, wie Entlastet-werden sich anfühlt. Einem anderen auf die Beine helfen – und erfahren, wie ich selbst dabei stabilisiert werde. Mich Gott anvertrauen, seinem Wort, das mir Jesus sagt – und erfahren, wie ich gewiss werde über die Liebe des Vaters.

Es geht Jesus nicht um sich selbst und dass er gut dasteht, anerkannt als Lehrer Israels, geachtet und gesucht von Schülern. Es geht ihm darum, dass der Vater geehrt wird und dass Menschen im Glauben an ihn das Leben finden. Selbst wenn Jesus vom Glauben  redet, der sich an ihn bindet, geht es ihm nicht um sich als Person, sondern darum, Menschen zum Vertrauen auf den Vater zu bringen. Er ist das Ziel. Das ist Jesu Gerechtigkeit. Darin ist er wahrhaftig.

 19 Hat euch nicht Mose das Gesetz gegeben? Und niemand unter euch tut das Gesetz.

Damit legt Jesus sogleich den Finger auf die Wunde. Ihr habt Mose. Das Gesetz. Aber wer tut es? Wer erfüllt es, dem Buchstaben nach und dem Geist nach? Keiner. Es ist das ernüchternde Urteil ja auch des Psalmbeters: „Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (Psalm 14,1-3). Jesus hat dieses harte Urteil also nicht erfunden. Aber er hält es offensichtlich für berechtigt.

 Warum sucht ihr mich zu töten? 20 Das Volk antwortete: Du bist besessen; wer sucht dich zu töten?

Man fragt sich in der Tat ein wenig verwundert. Woher kommt dieser Vorwurf, jetzt, in dieser Gesprächs-Situation? Was soll die Frage Jesu hier? Auf diesem Fest? Es steht doch keiner da mit Steinen in der Hand oder mit dem Dolch unter dem Gewand. Nicht einmal nach der Tempelreinigung, die Johannes ganz am Anfang seines Evangeliums erzählt, wird ein Todesbeschluss gegen Jesus notiert. Nach der Heilung am Sabbat heißt es nur: “Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.”(5,16) Aber im Hintergrund wird es rumort haben. “Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.” (5,18)

Es gibt eher konspirative Treffen, vermutlich der Oberen, mit Verabredungen, Jesus zu beseitigen. Das geschieht aber nicht vor dem Publikum des Volkes. Deshalb ist die Frage des Volkes schon zu verstehen. Nicht aber ihre Begründung: Du bist besessen. Verrückt. Vielleicht auch: Du leidest unter Verfolgungswahn.

Wieder ist wohl gut, sich klarzumachen, wen dieses Evangelium zum Adressaten hat: Christen, die bedrängt werden. Die sich ausgegrenzt erleben. Die durch ihren Glauben ihre sozialen Bindungen verloren haben. Da braucht es keine Steckbriefe und keine amtlichen Erklärungen, um zu spüren: Ich lebe im Gegenwind. Diese Christen sehen ihr Geschick in der Nähe dessen, was Jesus erlebt, erfahren sich von feindseligen Leuten umgeben. Verfolgt. Bedroht. Ein Trost, merkwürdig in unseren Ohren, unserer Sicherheit: Es geht ihm, wie es ihnen geht, ihnen, wie es ihm ergangen ist.

21 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ein einziges Werk habe ich getan und es wundert euch alle. 22 Mose hat euch doch die Beschneidung gegeben – nicht dass sie von Mose kommt, sondern von den Vätern -, und ihr beschneidet den Menschen auch am Sabbat. 23 Wenn nun ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz des Mose gebrochen werde, was zürnt ihr dann mir, weil ich am Sabbat den ganzen Menschen gesund gemacht habe? 24 Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht.

Das eine Werk ist die Heilung am Teich Bethesda. An dem mühen sie sich ab,  buchstabieren sie herum – so muss man wundern wohl deuten. Jesus argumentiert wie die Schultheologen, die bei den Rabbinern gelernt haben. Mit dem Schluss-Verfahren a minori ad majus. Wenn schon das Kleinere erlaubt ist, wie viel mehr dann das Größere: Das Kleinere ist in den Augen Jesu die Einhaltung des 8. Tages. Die Pflicht zur Beschneidung.  „bricht“ den Sabbat.

Die Schlussfolgerung Jesu: „Wenn die Beschneidung der Vorhaut am Schabbat sogar geboten ist, um wie viel mehr muss dann die Heilung eines ganzen Menschen, wie er sie diesem Kranken gegeben hat, am Schabbat legitim sein“ (U. Wilkens, ebda.) Größer als das Gebot  ist Helfen, Heilen, Zurechtbringen. Die Nähe zur Argumentation Jesu bei einer anderen Sabbatheilung ist unüberhörbar: „Er sprach zu ihnen: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten? Sie aber schwiegen still.“(Markus 3, 4)

Was Jesus einfordert, ist ein sehr vernünftiger, nüchterner Umgang mit dem Gesetz. Es gibt Situationen, in denen die Frage zu beantworten ist: Welches Gebot hat Vorrang? Es genügt nicht zu sagen: Gebot ist Gebot. Sie, die um ihn herum stehen könnten es wissen: Auch im Rahmen jüdischer Gespräche über das Gebot gibt es die Frage nach dem höchsten Gebot, gibt es die Vorstellung einer Vorrangigkeit von Geboten. Oft genug entscheidet sich solche Vorrangigkeit aus der Situation heraus.

Es gibt auch heute den Konflikt zwischen Rechtsgütern. Was geht vor, die körperliche und seelischen Unversehrtheit einer Mutter oder das Kind in ihrem Leib? Was geht vor, die Gültigkeit der Ehe, bis dass der Tod euch scheidet oder der aufrechte Gang dessen, der/die in der Ehe erlebt, wie er/sie unterworfen werden soll und sich unterwerfen soll? Was geht vor – Kindeswohl oder Elternanspruch? Wir reden nicht mehr von der absoluten Gültigkeit der Gebote. Wir reden nur noch vom Gesetz und erfahren zugleich: es ist nicht ausgemacht und oft genug moralisch nicht eindeutig, was Vorrang hat.

Der letzte Satz heißt einfach nur: Bleibt fair mit dem, wie ihr urteilt. Macht euch das Recht nicht zurecht. Seht „nicht nur die augenscheinliche Übertretung des Sabbatgebotes“. (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, s. 238) Fragt nach den inneren Gründen –  bei Jesus und bei euch selbst.

 

Jesus, im Tun erkennen wir die Wahrheit Deiner Worte. Wenn wir uns von ihnen leiten lassen, uns herausfordern lassen, sie zu Herzen nehmen. Wenn unsere Füße Deine Wege gehen, unsere Hände Deinem Willen zur Verfügung stellen, wir unser Herz von Deiner Liebe leiten lassen.

Im Tun des Gerechten werden wir entdecken: Dein Wort legt uns den Willen des Vater aus und wir erkennen Dich, wie Du bist, Sohn des Höchsten. Amen