Abwarten können

Johannes 7, 1 – 13

1 Danach zog Jesus umher in Galiläa; denn er wollte nicht in Judäa umherziehen, weil ihm die Juden nach dem Leben trachteten.

Jesus ist nicht selbstmörderisch unterwegs. Er sucht nicht die Konfrontation um jeden Preis. Weil er weiß, dass ihm die Juden nach dem Leben trachten, meidet er Judäa. Er hält sich lieber in Galiläa auf. Auch wenn ihm da viele Jünger davon gelaufen sind.  Er wandert umher – ein wenig ziellos? περιπατέω -„umhergehen, wandeln, leben.“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Hand- u. Schulwörterbuch, München 1957,  S. 597) Man könnte also auch sagen: er gewinnt ein wenig Lebenszeit. Das passt zu ihm, der will, dass Leben nicht auf Sparflamme gelebt wird, sondern Fülle erfährt.

2 Es war aber nahe das Laubhüttenfest der Juden. 3 Da sprachen seine Brüder zu ihm: Mach dich auf von hier und geh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Werke sehen, die du tust. 4 Niemand tut etwas im Verborgenen und will doch öffentlich etwas gelten. Willst du das, so offenbare dich vor der Welt. 5 Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn.

Ein guter Zeitpunkt für einen, der auf Öffentlichkeits-Arbeit bedacht ist: Ein großes Fest. Das Laubhüttenfest ist so ein großes Fest, wo alle Welt nach Jerusalem kommt. Es ist nicht ohne Vernunft, was seine Brüder ihm sagen: Du musst dich in der Öffentlichkeit zeigen. Dein Publikum suchen. „Die Welt soll sehen, wer er ist und was er kann.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1998, S. 128) Sie haben darin ja recht, nach der Logik der Welt: Es ist nicht logisch, sich zu verstecken, wenn man Menschen gewinnen will für die eigene Idee. So sehen sie das ja mit Jesus: Er hat eine Idee, für die er einstehen muss. Öffentlich. Und was er tut, seine Werke, wäre doch gute Propaganda. Es würde auch seinen Jüngern den Rücken stärken, sie ermutigen, wenn er sich so zeigt.

Seine Brüder – das können die anderen Kinder der Maria sein. Wobei ja zumindest im Markus-Evangelium gewusst wird, dass es auch Schwestern in der Familie gibt. „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns?“ (Markus 6,3) Und im gleichen Evangelium wird kolportiert, dass die Familie ihn festhalten will, wegsperren wohl, mit dem Urteil: „Er ist von Sinnen.“ (Markus 3,21) Dieses Wissen aus den anderen Quellen mag hinter dem Satz stehen: Seine Brüder glaubten nicht an ihn. Also ignoriert auch das eher späte Johannes-Evangelium diese problematische Familienbeziehung nicht?

            Es könnte aber auch sein, dass von seinen Brüdern so die Rede ist, wie es ein kirchlicher Sprachgebrauch ja auch kennt. Dann sind es nicht die leiblichen Brüder – und Schwestern – die nicht an ihn glauben, sondern dann sind es seine Leute, Jüngerinnen und Jünger, die mit ihrem Glauben an ihm scheitern. Ihn nicht verstehen. Mit seinem Weg nicht zurechtkommen. An seinem Geheimnis Schiffbruch erleiden. Dieser Sprachgebrauch für „Brüder“  – Brüder als Wort für die Jünger – taucht im Johannes-Evangelium nur zweimal auf –  im Auftrag Jesu an Maria Magdalena am Grab:  „Geh aber hin zu meinen Brüdern“ (20, 17)  und im Gespräch der Jünger über ein Wort, wieder des Auferstandenen: „Da kam unter den Brüdern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht.“ (21,23) Dieser Befund lässt mich denken: Seine Brüder meint in diesem Zusammenhang hier tatsächlich seine leiblichen Brüder.

Es ist das theologische Urteil des Johannes: Seine Brüder glaubten nicht an ihn. Der Satz meint: Sie verstehen nicht, worum es Jesus wirklich geht, wer er in Wahrheit ist. Sie sehen ihn nur als den etwas ausgefallenen Wundertäter und unkonventionellen Lehrer. Wenn aber mehr dran ist, dann muss er es doch zeigen, demonstrieren! „Die Brüder – im engeren oder weiteren Sinne – wollen Jesus dazu herausfordern, dass er das Geheimnis seiner Person und Sendung durchbricht und sich „vor der Welt offenbart.“ Sie haben nicht begriffen, dass die Doxa (=göttliche Herrlichkeit) des Fleischgewordenen dem natürlichen Erkennen nicht offenliegt.“. (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 102) Sie wollen ihn nicht versuchen. Sie verstehen ihn einfach nicht.

Es ist wichtig sich einzugestehen: Mit unserem Glauben an Jesus ist das so eine Sache. Es geht ja nicht nur um Zustimmung zu Sätzen über ihn, um ein Akzeptieren von Lehrsätzen und von theologischen Aussagen. Es geht um die Hingabe der Existenz an ihn, um Vertrauensschritte, in denen wir uns ihm lassen, ihm anvertrauen, Und diese Hingabe der Existenz ist immer auch gefährdet. Da gibt es die Rückzieher. Den Rückfall in die Idee, ich müsste alles allein bewältigen, das Leben im Alleingang meistern, ich müsste mich selbst und am besten auch noch die Welt gleich mit alleine retten. So gesehen steckt im Glauben immer auch der Unglaube mit drin. Das meint ja der Satz eines verzweifelten Vaters: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“(Markus 9,24) Mir scheint, es gibt keine andere Geschichte des Glaubens.

 6 Da spricht Jesus zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht da, eure Zeit ist allewege. 7 Die Welt kann euch nicht hassen. Mich aber hasst sie, denn ich bezeuge von ihr, dass ihre Werke böse sind. 8 Geht ihr hinauf zum Fest! Ich will nicht hinaufgehen zu diesem Fest, denn meine Zeit ist noch nicht erfüllt. 9 Das sagte er und blieb in Galiläa.

Die Antwort Jesu  ist so, wie es noch mehrfach ist: Er wartet ab. Auf seine Stunde. Seine Zeit. Ὁ καιρὸς. Das kennzeichnet den Weg Jesu: Er wartet immer auf die Zeit, die der Vater ihm gibt, die der Vater ihm setzt.  Jesus lässt sich nicht von irgendwelchen Forderungen der Umwelt treiben. Von der Ungeduld, die mit ein Wesenszug der Welt ist. Es ist nicht immer Zeit zum Handeln. Sondern nur dann, wenn die Zeit erfüllt (Lukas 9,51) ist. Wenn er weiß, dass seine Stunde gekommen (13,1) ist. Und Jesus weiß schon, was seine Brüder nicht wissen können – wie das sein wird, wenn seine Zeit sich erfüllt. Er erhöht wird.

Es ist nur wie eine Nebenbemerkung: Es ist nicht immer Zeit zum Handeln. Das ist in unseren aufgeregten Zeiten eine fremde Botschaft. Es ist harte Kritik, wenn es heißt: Seit zwei Monaten im Amt und nichts ist passiert. Es ist ein schwerer Vorwurf, der heutzutage doppelt schwer wiegt: Da sitzt jemand die Probleme aus. Da ist jemand zögerlich. Da wartet jemand ab – auf der Suche nach Lösungen. Weil sich die Probleme nicht so einfach lösen lassen. Weil man erst verstehen muss, bevor man handelt. „Eine gute Theorie ist das Praktischste, was es gibt.“ G. R. Kirchhoff (1824 – 1887) So ein Satz ist gut fürs Poesiealbum, aber er wird nicht geliebt in den Tagesgeschäften. Da ist Handeln angesagt. Schnell. Subito.

Jesus also: Jetzt noch nicht. Seine Zeit ist noch nicht erfüllt. Es muss zuvor noch einiges geschehen, bis die Fülle da ist, die Zeit voll ist. In dem griechischen Wort, das hier gebraucht wird, steckt die Fülle mit drin. Πλέρομα. Diese Fülle, die Jesus ja den Seinen zugedacht hat: Leben in Fülle. Vollkommene Freude. Dabei ist es so, dass Jesus keine Illusionen hat. Er weiß: Wenn er nach Jerusalem geht, wird er dort nicht auf Gegenliebe stoßen, sondern auf Hass. Weil er nicht sagt, was gefällig ist, sondern die Wahrheit zur Sprache bringt. Die Wahrheit, dass die Welt und ihre Werke böse sind.

Das ist kein moralisches Urteil. Auch kein moralischer Hochmut. Es ist das Bestehen der Welt darauf, dass sie ist, wie sie ist. “Böse sind ja die Werke der Welt nicht erst als unmoralische Taten, sondern als das weltliche Handeln schlechthin.” (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 221) Die Welt ist sich selbst genug. Sie braucht keinen Gott und keinen Offenbarer Gottes. Das ist – in den Augen des Johannes-Evangeliums ihre Bosheit.

Die Toren sprechen in ihrem Herzen: »Es ist kein Gott.«             Sie taugen nichts; ihr Freveln ist ein Gräuel;                                   da ist keiner, der Gutes tut.                                                                  Gott schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,                     dass er sehe,                                                                                               ob jemand klug sei und nach Gott frage.                                        Aber sie sind alle abgefallen und allesamt verdorben;                da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht “einer.”                                                   Psalm 53, 2-4

Dieses Urteil Jesu über die Welt hat sich schon angekündigt in den Worten des Prologs zum Evangelium: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1, 10-11) Und im Gespräch mit Nikodemus heißt es: „Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“(3, 19)

Es sind also streng theologische Sätze, die nichts mit der Kriminalstatistik zu tun haben, nichts mit dem moralisch mehr oder weniger beklagenswerten Zustand der Welt. Das Johannes-Evangelium gräbt eine Schippe tiefer als es uns die Zeitanalyse zeigt und die Zeitkritiker sagen.

10 Als aber seine Brüder hinaufgegangen waren zum Fest, da ging auch er hinauf, nicht öffentlich, sondern heimlich. 11 Da suchten ihn die Juden auf dem Fest und fragten: Wo ist er?

Nachdem er so die Aufforderung seiner Brüder abgewehrt hat, geht er doch hinauf nach Jerusalem. Aber nicht so, dass es jedermann sieht. Heimlich. Inkognito. Wenn auch nicht mit falschem Bart. Aber in dem Wissen: Wer ich in Wahrheit bin, ist in Jerusalem verborgen. Aber nicht nur in Jerusalem. Sondern überall, wo es nicht der Wille des Vaters ist, dass es offenbar wird. Man kann überlegen, ob das nur ein Ausweichen vor einer gemeinsamen Pilgerwanderung mit den Brüdern ist. Oder ist dieser Alleingang nach Jerusalem der erste Schritt auf dem Weg zur Erhöhung, den er ja auch alleine wird gehen müssen?

12 Und es war ein großes Gemurmel über ihn im Volk. Einige sprachen: Er ist gut; andere aber sprachen: Nein, sondern er verführt das Volk. 13 Niemand aber redete offen über ihn aus Furcht vor den Juden.

Johannes hält fest: Jesus ist Stadtgespräch. Es gibt so viele Meinungen über ihn, wie es Leute gibt. Pro und Contra. Jeder hat so sein Bild. Die einen sind ihm freundlich gesonnen, die anderen halten ihn für einen Verführer. An Meinungen über Jesus ist bis heute kein Mangel. Es ergibt sich ein diffuses Bild, Stimmengewirr. „Alles bleibt vorläufig ein Gerede, das nicht öffentlich Kontur gewinnt.“(U. Wilkens, aaO. S. 129) Das Stimmengewirr ändern nichts am Leben der Beteiligten. Darauf aber käme es, so Johannes an – sich zu einer Stellungnahme zu  Jesus durchzuringen, die das eigene Leben ändert.

Nur so viel stellt Johannes doch fest – und trifft damit wohl wieder einmal die Situation seiner Gemeinde, für die er sein Evangelium schreibt. Es ist riskant, über Jesus zu reden. Es gibt einen Druck der jüdischen Meinungsmacher, der einen lieber den Mund halten lässt. Das ist nicht Antijudaismus des Johannes. Es ist die Situation seiner Gemeinde, in den Jahren zwischen den jüdischen Aufständen im Jahr 70 und später unter Bar Kochba (132-135). Da wird von starken jüdischen Gruppen massiv Druck ausgeübt. Auf die junge Christenheit. Sie leidet „unter dem Druck einer feindselige Umwelt“. (H.-J. Klauck, der Erste Johannes-Brief, EKK XXIII/1, Neukirchen 1991; S. 27)) Sie soll sich einreihen in die jüdische Gemeinde, gegen die Römer.

 

Jesus, Du gehst Deinen Weg wie Du es willst. Wann Du es willst, einzig bestimmt durch das Hören auf den Vater, das Ergreifen Deiner Stunde.

Ich sehe das und staune über Deine Unabhängigkeit, Deine Freiheit vom Urteil der Menschen, Deine Klarheit im Wissen um Deinen Weg.

Ich bitte Dich: Schenke Du uns Anteil an Deiner Klarheit. Lass uns abhängig werden vom Willen des Vaters, so wie Du es bist – und in solcher Abhängigkeit frei. Amen