Wollt ihr auch weggehen?

Johannes 6, 60 – 71

60 Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?

Jesus hat mit den Galiläern gesprochen. Aber seine Jünger haben es auch gehört. Und erschrecken, sind betroffen. Eine harte Rede sagen sie. Eine Provokation für jeden Juden. Auch für die, die zu Jesus gehören. Mit ihm auf dem Weg sind. Sie erinnern mit ihrer Reaktion daran, dass hier nicht einfach nur ein paar steile Worte gesagt sind. Das Selbstverständnis Israels ist getroffen. Und sie sind getroffen, die doch auch Juden sind. Wie ist das mit dem eigenen Glauben, der sich auf die Väter gründet? In ihnen die Vorbilder für den eigenen Weg sieht?

Unerträglich auch für die, die ihn mögen. Weil sie ahnen: Hier ist die Rede von einem Weg, der in den Schmerz führt. Einem Weg, der Entsagung verlangt. Mein Leben, gegeben für das Leben der Welt. (6,51) Es ist die gleiche Irritation, die Petrus sagen lässt: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht.“ ( Matthäus 16,22) 

„Der Streit im Jüngerkreis entzündet sich ausgerechnet am Abendmahl, dem Mahl der Einheit. im direkten Anschluss an die Ausführungen zum Abendmahl kommt es zum Eklat.“ (R. Micheel / Th. Popp, Fenster zum Himmel, Texte zur Bibel 24, Neukirchen, S. 34) So zu sagen bedeutet, in den Worten Jesu zuvor zumindest deutliche Bezüge zum Abendmahl mitzuhören. In einem Evangelium, das angeblich nichts von diesem Sakrament weiß.

Ich denke allerdings, dass die Gemeinde, die das Johannes-Evangelium liest, hier sofort den Bezug zum Abendmahl herstellt. Dann liegt die Schlussfolgerung nahe: hier spiegelt sich die Geschichte einer Gemeinde, „in der die Eucharistie zum entscheidenden Streitpunkt geworden sein dürfte.“ (R. Micheel / Th. Popp, ebda.) Wie das inhaltlich zu deuten ist, wissen wir nicht. Aber es ist wohl der Auftakt zu Streitereien um das Herrenmahl, die sich durch die Geschichte der Kirche bis heute durchziehen. Dieser Streit gehört zum Schmerz der Christenheit.

 61 Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das?

Jetzt fällt wieder das Wort, das schon vorher gebraucht worden ist. Murren. Jesus merkt es, sieht bei sich selbst, wie seine Jünger murren. Sie geraten – durch seine Worte! – in die gleiche Haltung sind, wie Israel auf der Wüstenwanderung. Unzufrieden, nicht einverstanden mit dem Weg seines Gottes. Und er bringt es zur Sprache. Σκανδαλίζει es ärgert euch, es gibt euch Anstoß. Es ist das gleiche Wort, das Jesus den Jüngern des Täufers sagt: „Selig ist, wer sich nicht ärgert an mir.“ (Matthäus 11,6) Es steht mehr auf dem Spiel als eine leichte, augenblickliche Verstimmung. Es geht um die Frage, ob einer, eine, Abstand nimmt von Jesus. Oder eben bleibt. Bei ihm.

 62 Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? 63 Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. 64 Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht.

Das ist verkürzte Rede. Eine Rede, die die vorherigen Anstöße überspringt. Es wirkt so, als würde Jesus sagen: Wenn ihr schon das nicht versteht, was ich sage, wie sollt und wollt ihr dann damit zurecht kommen, was geschehen wird? Mit dem Auffahren des Menschensohn. Und zuvor noch: Er wird erhöht werden – ans Kreuz. Erst danach kommt ja das Auffahren dahin, wo er zuvor war. In den synoptischen Evangelien stehen an dieser Stelle die Leidensansagen. „Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“ (Matthäus 16,21) Es gibt kein Reden vom Auferstehen, vom Weg in den Himmel ohne das Reden vom Weg in das Leiden.  Wenn ihr mit den Worte nicht einverstanden seid, wie viel weniger werden ihr mit diesem Weg in die Tiefe einverstanden sein, weil ihr nur das Ende seht und nicht das Ziel hinter dem Ende.

Verstehen aber, wirklich sehen werden sie es nur durch den Geist. Mit den Augen der Glaubenden. Die Skeptiker sehen nichts. Die, die sich nur dem Kreis der Erde verbunden und verpflichtet wissen, die Fleisch sind, von der Erde (3,31), die bleiben blind. Und auch seine Worte sind mehr als Worte. Sind aber nur zu begreifen da, wo es eine „Wellenlänge“ dafür gibt, ein Verstehen, das der Geist wirkt.

Es ist  das Denken, das sich  durch das Johannes-Evangelium hinzieht. Glauben versteht sich nicht von Natur aus. Wir sind von Natur aus blind und unfähig, Gottes Wirklichkeit zu erfassen. Der Gott, von dem wir von uns aus reden, ist ein Bild unser Selbst, ein Spiegelbild der Welt. Der Vater Jesu Christi wird nur so erkannt, dass er sich selbst zu erkennen gibt – durch den Sohn. „Offenbarung“ nennt man das. Und die Reden Jesu sind Reden des Offenbarers  – so R. Bultmann in seinem großen Johannes-Kommentar wieder und wieder.

Der Zugang: Glauben, sich ohne jede Sicherung diesen Worten anvertrauen. Wer Beweise will, und seien es Beweise durch die eigene Erfahrung, bleibt leer. Dem Wort Jesu trauen. Anders geht es nicht. Aber dieses Trauen ist Geschenk. Gabe Gottes. Werk Gottes (6,29), das er an uns tut.

 Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. 65 Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.

Wieder einmal ist die Rede davon, dass Jesus weiß. Von Anfang an. Es ist das Wissen dessen, dem alles vom Vater anvertraut, gegeben ist. Der den Weg des Vaters weiß (13,1) und kennt und geht. Nicht Psychologie – Herzenskenntnis aus dem Gottvertrauen., aus der Liebe. „Glaube ist nicht eine Sache von Fleisch und Blut, nicht unterliegt einfachhin menschlicher Entscheidung und geht darin auf, sondern er ist Gottes wunderbarer Gabe zu verdanken.“(U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1998, S. 110) Und noch einmal: Dass einer Jesus glauben kann, zu ihm kommen, mit ihm leben, bei ihm bleiben (15,4) das geht nur, wenn es ihm, ihr vom Vater gegeben wird. Das freilich dürfen wir glauben: Es ist der Wille des Vaters, dass ihm keiner verloren geht.

66 Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.

            Es kommt zum Bruch. Es ist nur Johannes, der davon erzählt, dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem viele aussteigen aus der Bewegung der Menge in Galiläa. Der Zulauf zu Jesus bricht in sich zusammen.  Mehr noch: Viele seiner Jünger wenden sich ab. πολλο [κ] τν μαθητν ατο  wörtlich: Viele aus seinen Jüngern. Suchen wieder andere Wege. Gehen ihren eigenen Weg. Aber mit keiner Silbe wird angedeutet: Sie waren gar keine richtigen Jünger. Sie waren nie wirklich dabei. So zu denken, bleibt anderen johanneischen Schriften vorbehalten – späteren als das Evangelium: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, dass sie nicht alle von uns sind.“  (1. Johannes 2, 19)

Ich denke, dass sich darin auch die Erfahrung der Gemeinde spiegelt, für die Johannes das Evangelium schreibt. Auch da sind viele gegangen. Weil es gefährlich geworden ist. Weil sie ratlos wurden über dem, was sie gehört und erfahren haben. Weil sie nicht zurecht gekommen sind mit dem Glauben an Jesus. Trotz Essen und Trinken.

Mir ist es wichtig: es kommt nicht so zur Scheidung unter den Jüngern, dass Jesus welche wegschickt. Dass er die Qualifikationshürden für Jüngerschaft hochsetzt und manche daran scheitern lässt.  Es sind die Jünger die gehen. Nicht einverstanden sind mit seinen Worten und darum sich auch von ihm distanzieren. Es bleibt dabei: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“(6,37) Jesus schickt keinen weg, stößt keinen zurück, sagt zu keinem: Du genügst mir nicht. es sind Jünger, die sich abwenden. Es ist eine Selbstabschließung, keine Ausstoßung.

 67 Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen?

Für mich ist das ein Schlüsselwort des Evangeliums. Es sind wenige, einige nur, die noch da sind. So viel ist deutlich: Jesus steht vor den Zusammenbruch seiner Massenbewegung, selbst wenn er sie nie mit Absicht gesucht und gewollt hat. Übrig sind womöglich nur noch die Zwölf.  Sie  nun fragt Jesus. Aber nicht: Ihr bleibt doch bei mir? Sondern er fragt: Wollt ihr auch weggehen? Räumt mit dieser Frage ein, dass sie weggehen könnten. Gibt sie frei. Klammert nicht. Seinen engsten Jüngerkreis, die er berufen hat, Namen für Namen, die er wollte (Markus 3,13), stellt er hier in die Freiheit – zu gehen oder zu bleiben.

Es kommt unglaublich viel darauf an, wie ich diese Frage höre. Ob ich Angst in ihr höre oder Gelassenheit. Freiheit oder Zwang. “Geh du nicht auch noch weg von hier” heißt ein Lied, das Gerhard Schöne gesungen hat in der Zeit um 1989, in der DDR-Bürger scharenweise über Ungarn und anderswo den Weg in den Westen gesucht haben.

Es war ein Lernweg für den jungen Pfarrer: Ich kann keinen festhalten von meinen Konfirmanden. Ich kann keinen festhalten aus dem Jugendkreis. Je mehr ich versuche zu halten, festzuhalten, umso größer wird die Sehnsucht nach der Freiheit werden. Es verträgt sich nicht mit dem Glauben, mit dem Vertrauen, mit der Freiheit, die es braucht, wenn ich anfange zu klammern, zu betteln, den Weg zu blockieren. „Zum Glauben muss man niemand drängen. Glaube kann nur in Freiheit leben.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, S. 222)

Wer Glauben will, der aus der Liebe lebt, muss mit Jesus fragen: Wollt ihr auch weggehen?

68 Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; 69 und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Ich “sehe”, wie Simon Petrus da steht – ein Kerl, ein gestandener Mann, die Hände hebt, um sich sieht und sagt: Wohin denn? “Was bliebe uns, wenn wir nicht mit dir gingen? Wie sähe die Alternative aus, und was hätten wir damit ausgeschlagen?” (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 100) Bleiben, weil die Alternativen zu schwach sind – so könnte man es fast deuten. Und manchmal höre ich das auch: Wenn ich etwas Besseres finde, bin ich weg.

So aber redet Petrus nicht. Sein Bleiben ist nicht begründet im Mangel an guten Alternativen. Sein Bleiben – und er spricht hier für die anderen Jünger mit – ist begründet im Wort Jesu:  Du hast Worte des ewigen Lebens. Ich übersetze in mein Denken: Worte aus der Ewigkeit, die die Sehnsucht nach der Ewigkeit wecken. Worte, die uns  ahnen lassen, dass unser Leben angelegt ist auf die Vollendung im Vaterhaus, die uns glauben lassen, dass wir geliebt sind mit einer niemals ans Ende kommenden Liebe.

Und dann fügt Petrus, wie zur Klarstellung, hinzu: Es sind aber nicht nur die Worte. Du bist es. Du bist der eine, wahre Grund, um zu bleiben. Nicht eine Lehre – Du. Immer nur Du. Und “bedient” sich dabei dessen, was er doch nie gelernt hat: Du bist der Heilige Gottes. „Das Du steht betont voran und klingt wie ein Echo auf das ICH BIN Jesu.“(U. Wilkens, ebda.) Das sagt sonst keiner. Bei Markus und Lukas sind es Dämonen, die so sprechen: “Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!” (Markus 1,24;  Lukas 4,34) Hier aber wird es zum Bekenntnis des Petrus – jenseits aller Hoheitstitel, die sonst gebraucht werden und  aller dogmatischer Formeln, die die junge Christenheit entwickelt. Vielleicht ist gerade das ein Zeichen für die Ursprünglichkeit dieses Bekenntnisses.

Bei dem Propheten Jesaja begegnet häufig für Gott die Wendung “der Heilige Israels“. (Jesaja 5, 19; 12,6; 30,12 und mehr) Daran erinnert – mich zumindest – dieses “der Heilige Gottes.” Es ist eine Parallelität, die mir kein Zufall zu sein scheint. Ist doch Jesus als der Heilige Gottes gleichzeitig der Heilige Israels, der, in dem sich alles Warten Israels erfüllen wird.

 70 Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel. 71 Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet ihn hernach und war einer der Zwölf.

Das ist hart: Unter den Erwählten, den Zwölf, ist einer, „der erwählt ist und doch auf der anderen Seite.“ (G. Voigt, aaO. S. 102) In diesem einer von euch ist ein Teufel höre ich nicht eine Seins-Festlegung. Auch Judas ist nicht der Teufel. Aber er spielt eine teuflische Rolle, ein teuflisches Spiel. Und muss doch damit letztlich dem Heilswillen Gottes dienen. Hier, in Galiläa gehört er zu denen, die bleiben. Weil sie erkannt haben: Du hast Worte des ewigen Lebens.

Ja, auch für Judas spricht Petrus mit seinem Bekenntnis. Und nochmals ja – diesen Judas hat Jesus nicht weggeschickt. Er hat nie versucht, ihn loszuwerden. Gerade darum ist noch in dieser so knappen Notiz, die Verunsicherung zu spüren, die das Geschehen des Verrates, der Auslieferung durch einen aus dem Jünger-Kreis in der Gemeinde bewirkt hat. Es ist so, dass man sich nicht darüber beruhigen kann: Einer musste es ja sein. Es ist Schmerz, der bis zu uns heute reicht. Über Judas zu reden und nicht die unmöglichen Möglichkeiten des eigenen Verrates zu sehen, der eigenen Abwendung, des eigenen Nicht-Verstehens dieser Liebe – das geht nicht.

 

Mein Herr und Gott, Du hältst keinen fest, kKeinen zurück, der weg will. Du klammerst Dich nicht fest an uns. Du gibst den Weg frei.

So bist Du, weil Du willst, dass wir bleiben bei Dir  – weil wir Dich erkannt haben, in Dir die Liebe, die uns liebt bis zum Äußersten, den Sohn, der sich gibt für uns.

Von Dir lerne ich: Es ist gerade die große Liebe, die selbstlos ist, die loslassen kann, loslassen muss. Ich danke Dir für das Geschenk der Freiheit, das mir den Glauben so groß macht und darin – in dieser Freiheit – Dich umso lieber. Amen